Angela Wegscheider | Rezension |

Diskurse um Normierung und Optimierung

Rezension zur Ausstellung „Wert des Lebens. Der Umgang mit den Unbrauchbaren“ im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim, Österreich

In Schloss Hartheim in Alkoven (20 Kilometer von Linz entfernt) befand sich von 1940 bis 1944 eine NS-Euthanasieanstalt, in der bis zu 30.000 Menschen ermordet wurden. Sie waren zum einen PatientInnen aus psychiatrischen Anstalten und BewohnerInnen von Behinderteneinrichtungen und Fürsorgeheimen, zum anderen Häftlinge aus den Konzentrationslagern Mauthausen, Gusen, Ravensbrück und Dachau sowie ZwangsarbeiterInnen. 2003, rund sechzig Jahre danach, eröffnete auf Betreiben des Vereins Schloss Hartheim die Gedenkstätte für die Opfer der NS-Euthanasie inklusive einer Ausstellung zum „Wert des Lebens“. Nach 16 Jahren entschied man sich 2019, die Ausstellung vorübergehend zu schließen, um sie zu überarbeiten. Brigitte Kepplinger und Florian Schwanninger übernahmen die inhaltliche Neukonzeption, sodass die Ausstellung Ende Mai 2021 wiedereröffnet werden konnte.

Abbildung Außenansicht Schloss Hartheim
Im Schloss Hartheim sind heute ein Lern- und Gedenkort und eine Dokumentationsstelle untergebracht, © Schloss Hartheim.

Mit rund 630 m² verteilt sich die Ausstellung auf 14 Räume, gegliedert in sieben Themenfelder, anhand deren sie die BesucherInnen provokant und vielschichtig mit historischen und aktuellen Fragen aus den Themengebieten Behinderung, Sozialpolitik, Ethik, Medizin und Biotechnologie konfrontiert. Im streitbar formulierten Untertitel „Umgang mit den Unbrauchbaren“ spiegelt sich der thematisch rote Faden wider. Im Zuge der Neukonzeption gestaltete der Verein auch die Homepage barrierefrei, entwickelte eine Ausstellungs-App sowie eine Rundgangsbroschüre in leichter Sprache, drehte Videos in Gebärdensprache und erweiterte die Ausstellung um Audiofiles und Fremdsprachen. Zusätzlich zum bestehenden Vermittlungsangebot gibt es nun auch einen geführten Rundgang in leichter Sprache.

Aufklärung und Industrialisierung

Die Chronologie der Ausstellung beginnt in der Epoche der Aufklärung. Während im christlichen Weltbild, das in seiner göttlichen Ordnung keine ‚Unbrauchbaren‘ kennt, jedem Menschen, auch dem ärmsten, eine bestimmte Rolle zugedacht ist, beruht der aufklärerische Zugang zu Natur und Gesellschaft auf wissenschaftlichen Analysen. Die Ausstellung zeigt, dass sich der damit einhergehende menschliche Wille zur Gestaltung im Streben nach Messbarkeit, Normierung und Optimierung – der Natur, der menschlichen Gesellschaft und des Menschen selbst – äußerte. Als Norm galt der weiße europäische Mann, der die Welt aktiv gemäß seinen Vorstellungen verändert.

Am Übergang zur Industriegesellschaft, die den nächsten thematischen Bereich der Ausstellung bildet, verengten sich die Prinzipien der Aufklärung auf die instrumentelle Vernunft der Industrie: Man definierte Brauchbarkeit und Wert des Individuums anhand der Anforderungen der industriellen Arbeitswelt. Krankheit oder Unfall sowie Alter sorgten dafür, dass Einzelne nicht mehr beschäftigt wurden. Um die Versorgung und Betreuung dieser ‚Unbrauchbaren‘ sollte sich im besten Fall die Familie kümmern. Vor allem in den Städten aber waren die familiären Strukturen einem starken soziokulturellen Wandel unterworfen, weshalb die Familie nicht mehr in allen Fällen die Versorgung übernehmen konnte.

Für ‚Unbrauchbare‘, also Menschen, die der Norm nicht entsprechen wollten oder konnten, schuf die Gemeinschaft bereits in der Aufklärung erste besondere Betreuungs- und Verwahrungssysteme, meist in christlicher Trägerschaft. Im Zuge der Industrialisierung galten schließlich auch Personen, die im ökonomischen Sinn nichts (mehr) beitragen konnten, als ‚unbrauchbar‘. Zugleich entstanden damals soziale Sicherungssysteme – zumindest für Menschen im Produktionsprozess –, um die Risiken der Berufsunfähigkeit abzufedern: Sie wurden in der Regel von der Heimatgemeinde rudimentär versorgt, was die geografische Herkunft einer Person zu einem wichtigen Kriterium machte. Die institutionelle Versorgung war – und ist bis heute – ständig begleitet von der Diskussion um Berechtigung und Höhe der Unterstützung.

Biologisierung des Sozialen und nationalsozialistische Biopolitik

Einen wichtigen Platz in der Ausstellung nehmen Eugenik und NS-Rassenhygiene ein. Die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausbildende Eugenik wollte, anknüpfend an die Darwin’schen Theorien, die Probleme der sich industrialisierenden Gesellschaft mit den ‚Unbrauchbaren‘ lösen. Die Unterschichten, die sogenannte Vermischung durch Migrationsbewegungen und die gesundheitlichen Folgen der Industrialisierung wurden als Probleme betrachtet, die man mittels biologistischer Maßnahmen in Angriff zu nehmen gedachte. Die Fortpflanzung von intellektuell und körperlich ‚hervorragenden‘ Individuen wollte man fördern, die von ‚minderwertigen‘ unterbinden. Die Ideen erlangten in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts große Popularität, nicht nur in Deutschland, sondern auch in den skandinavischen Ländern, in England, Frankreich und den USA. Vor allem nach dem Ersten Weltkrieg verschärfte sich der Diskurs. Außerdem debattierte man zunehmend über Sterbehilfe beziehungsweise Tötung von ‚unwertem Leben‘.

Die NSDAP setzte seit ihrem Machtantritt im Jahr 1933 eugenische und rassistische Positionen immer weiter in die Praxis um. Den Beginn machte ein Gesetz zur zwangsweisen Sterilisation von „Trägern minderwertigen Erbguts“. Die Ermordung psychisch kranker beziehungsweise behinderter Menschen ab 1939 bedeutete eine qualitative Radikalisierung der NS-Biopolitik. Die nationalsozialistischen Euthanasieaktionen betonten ihre ökonomische Komponente, wie die in der Ausstellung sehr eindrücklich präsentierten Auszüge aus der „Hartheimer Statistik“ zeigen. Sie präsentiert sich geradezu als ökonomische Erfolgsbilanz des NS-Euthanasieapparats.

Kontinuitäten und Brüche nach dem Nationalsozialismus

Die Ausstellung verdeutlicht in weiterer Folge, dass die eugenischen Ideen nicht mit den Nazis verschwanden. Zwar waren sie in Deutschland und Österreich nach 1945 nicht mehr gesellschaftsfähig, im angelsächsischen Raum allerdings gehörten biologistische und eugenische Positionen nach wie vor zum Mainstream der entsprechenden Wissenschaften. Sie trieben unter anderem die Entwicklung der Biomedizin/Gentechnik voran, zum Beispiel die Forschungen zur Bevölkerungspolitik und Entdeckung der DNA (1953). Im Bereich der Betreuung von Menschen mit Behinderungen knüpfte man dort an, wo das NS-Regime seinen radikalen Schnitt gesetzt hatte: Die Prämissen waren nach 1945 wieder die gleichen wie vor 1938 – „warm, satt, sauber“. Die Situation bei der Versorgung von Kriegsinvaliden wies hingegen große Unterschiede zur Zwischenkriegszeit auf. Ihnen ging es ökonomisch und sozial besser, es gab Programme, um Kriegsinvalide ins Arbeitsleben zu (re-)integrieren und ihnen ein selbständiges Leben zu ermöglichen.

Abbildung Raum Behindertenbewegung Ausstellung Wert des Lebens
Von Reform– und Behindertenbewegungen gingen wichtige Impulse aus, © Gerald Lohninger.

Die Ausstellung thematisiert außerdem die Reformbewegung in der Psychiatrie und die Selbstbestimmt-Leben Bewegung von Menschen mit Behinderungen – dies ist zum einen ein neuer Bereich in der Ausstellung, zum anderen einmalig in der Museumslandschaft. In Österreich und Deutschland gingen von den Reformbewegungen auch wichtige Impulse für die Aufarbeitung der NS-Euthanasie aus. In der Arbeit mit behinderten Menschen und in der Psychiatrie gaben sie auch Anstöße für die Entwicklung neuer Angebote sozialer Dienstleistungen und Assistenzformen sowie für die Veränderung der gesellschaftlichen Prämissen – von der Integration zur Inklusion oder der Beschluss der UN-Behindertenrechtskonvention 2006.

Aktuelle Themen und Tendenzen

Der letzte große Themenbereich der Ausstellung widmet sich neuen Entwicklungen in der Biomedizin, der Datenverarbeitung und der Arbeitswelt sowie der immer größer werdenden Bedeutung der Sozialen Medien. Die Verheißung der Aufklärung – Der Mensch als Schöpfer seiner selbst – scheint sich endlich zu erfüllen. Eine generelle ‚Verhinderung der Unbrauchbaren‘ ist prinzipiell möglich: Mit pränataler Diagnostik, Prä-Implantationsdiagnostik, Leihmutterschaft etc. kann man die Fortpflanzung beziehungsweise den Nachwuchs schon heute planen. Ständige biometrische Überwachung (z.B. durch Wearables) soll optimale Gesundheit gewährleisten und Krankheiten, vor allem auch genetisch bedingte, können durch den Einsatz neuer Methoden verhindert beziehungsweise geheilt werden. Ebenso lässt sich mithilfe verschiedener Techniken die Angst vor dem Alter beziehungsweise vor dem Prozess des Alterns bekämpfen – bis hin zur Überwindung des Todes durch die Verheißungen des Transhumanismus.

Besonders der letzte Teil der Ausstellung wirft Fragen auf: Wie gehen wir mit älteren Menschen um, die Hilfe und Unterstützung brauchen? Welchen Umgang mit Tod entwickelt eine Gesellschaft, in der (unter der Prämisse der Selbstbestimmung) die Sterbehilfe beziehungsweise der Suizid vor oder nach Eintreten eines schweren Leidens zusehends zur Option oder gar zur Norm wird? Zentral ist hierbei der Hinweis auf die Paradigmen der Freiwilligkeit und Selbstverantwortung. Nicht mehr der Staat verordnet oder erzwingt das entsprechende Verhalten, sondern die Individuen selbst wetteifern um Gesundheit und Selbstoptimierung. Die Ausstellung illustriert dieses Phänomen, indem sie Da Vincis perfekten Menschen abbildet, verbessert mit verschiedenen medizinisch-technischen Geräten wie Prothesen oder Hörgeräten.

Abbildung Darstellung Der verbesserte Mensch Ausstellung Wert des Lebens
Da Vincis Darstellung des vitruvianischen Menschen, optimiert, © Gerald Lohninger.

Ein Besuch der Ausstellung „Wert des Lebens“ ist zu empfehlen, denn sie ist lehrreich, interessant und stellt eine gute Ergänzung zur Gedenkstätte für die Opfer der NS-Euthanasie dar. Ihr starker Gegenwartsbezug sowie die differenzierte Diskussion der Themen sind im positiven Sinn überraschend. Wer die alte Ausstellung kannte, dem kommen ein Großteil der Themen der neukonzipierten Ausstellung bekannt vor: Aufklärung und Industrialisierung, die Entstehung von sozialen Sicherungssystemen und Sondereinrichtungen, das weltweite Aufkommen eugenischer Ideen. Allerdings beschäftigt sich die Neuauflage fokussierter und zugleich vielschichtiger mit ihren Gegenständen. Neu hinzugekommen sind außerdem die Themen Psychiatriereform, Behindertenbewegung, Versprechungen einer ‚Verhinderung der Unbrauchbaren‘ durch neue technische Möglichkeiten, Fortpflanzungsmedizin, Transhumanismus und das Thema Alter. Die BesucherInnen bekommen in der neuen Ausstellung auf verschiedenen Ebenen und leicht zugänglich vermittelt, dass es sich um Themen handelt, die alle Menschen betreffen und die von allen diskutiert und gestaltet werden können – und müssen. Obwohl die Themenvielfalt in den Räumen, in denen es um die aktuellen Entwicklungen geht, immens ist, schafft es die Ausstellung dennoch gut, Ambivalenzen, Chancen und Risiken darzulegen sowie zum Nachdenken und zu Diskussionen anzuregen.

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Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Care Gesundheit / Medizin Körper Sozialpolitik

Angela Wegscheider

Angela Wegscheider ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik an der Johannes Kepler Universität Linz, Österreich. Sie arbeitet zu Disability Studies, Disability History, Lebenslagen von Menschen mit Behinderungen und Sozialpolitik.

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