Dossier

Der unbekannte Klassiker

Zu Werk, Wirkung und Wiederentdeckung von Ferdinand Tönnies

Ferdinand Tönnies (1855–1936) gehört neben Georg Simmel (1858–1918) und Max Weber (1864–1920) zu den Begründern und Klassikern der deutschsprachigen Soziologie. Doch im Vergleich zu den beiden anderen Denkern ist sein umfangreiches und thematisch durchaus vielfältiges Werk bis heute sehr viel weniger bekannt und erforscht. Der Fokus der Aufmerksamkeit konzentrierte sich zu seinen Lebzeiten vornehmlich auf sein Hauptwerk Gemeinschaft und Gesellschaft, das zwischen 1887 und 1935 nicht weniger als acht Auflagen erlebte. Anders als der einprägsame Titel des Buches, der auch heute noch geläufig ist und einschlägigen Werken wie Wirtschaft und Gesellschaft oder der Philosophie des Geldes an Bekanntheit in nichts nachsteht, geriet der Inhalt von Tönnies’ Schrift allerdings nach 1945 allmählich in Vergessenheit. Man nannte das Buch noch, aber man kannte es nicht mehr. Den anderen Publikationen des Autors erging es nicht besser: Das umfangreiche Werk blieb ohne Wirkung, es schien nicht mehr zeitgemäß.

Seit einigen Jahren aber mehren sich die Anzeichen für eine Wiederentdeckung des unbekannten Klassikers. Seit der 2010 verstorbene Soziologe Lars Clausen im Juli 1980 das I. Internationale Tönnies-Symposion in Kiel veranstaltete und die Edition einer kritischen Gesamtausgabe auf den Weg brachte, erfreuen sich sowohl das umfangreiche publizistische Werk als auch der Nachlass des Gründervaters der deutschsprachigen Soziologie eines langsam, aber stetig wachsenden Interesses. Mit dem vorliegenden Dossier wollen wir einen Blick auf Tönnies und sein Schaffen sowie auf die zu dessen Erforschung unternommenen Anstrengungen werfen. Den passenden Anlass für dieses Vorhaben bietet die 1921 erfolgte Vergabe eines Lehrauftrags für das Fach Soziologie an Tönnies, die sich dieses Jahr zum hundertsten Male jährt. Nach den Universitäten in Frankfurt am Main und Köln, wo Franz Oppenheimer beziehungsweise Max Scheler und Leopold von Wiese das Fach vertraten, gehörte die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel damit zu den ersten Hochschulen in Deutschland, an denen die junge Wissenschaft der Soziologie als akademische Disziplin heimisch wurde.

Den ersten Teil unseres Dossiers eröffnen wir mit einem Auszug aus einer Vorlesung des selbsterklärten „Tönnies-Funktionärs“ Lars Clausen, in dem dieser den prominenten Amtsvorgänger und dessen Werk auf seine ganz eigene Art und Weise porträtiert. Um das Politikverständnis des soziologischen Klassikers geht es im Beitrag von Alexander Wierzock, der Tönnies als politischen Gelehrten im Kontext seiner Zeit verortet. Anschließend nimmt uns Tatjana Trautmann mit auf einen Streifzug durch die Aufzeichnungen in den zahlreichen Notizbüchern und -kalendern, in denen Tönnies über Jahrzehnte hinweg Erlebnisse, Ideen und Textentwürfe festhielt. Dieter Haselbach und Sebastian Klauke von der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft e. V. in Kiel geben Auskunft über die Tönnies-Rezeption, den umfangreichen Nachlass des Soziologen sowie über laufende Editions- und Forschungsprojekte. Sodann bespricht Uwe Dörk Band 2 der Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe, mit dem erstmals eine kritisch kommentierte Ausgabe von Gemeinschaft und Gesellschaft vorliegt. Und Nadja Kobler-Ringler lässt uns teilhaben an den Gedanken und Affekten, die sich während der Arbeit am Index des betreffenden Bandes bei ihr einstellten und in Briefen an dessen Autor Ausdruck fanden.

Im zweiten Teil unseres Dossiers diskutiert Uwe Dörk die Begriffsschöpfungen, Metaphern und rhetorischen Strategien, derer sich Tönnies in Gemeinschaft und Gesellschaft bedient. Sebastian Klauke geht den verstreuten Spuren nach, die Tönnies’ Hauptwerk in den Schriften zeitgenössischer Autoren des linken Spektrums hinterlassen hat. Alexander Wierzock stellt Tönnies als akademischen Lehrer vor und nimmt die Beziehungen in den Blick, die dieser zu seinen Schülern unterhielt. Und unsere kommentierte Bildstrecke gewährt Einblicke in Tönnies’ persönliches und berufliches Umfeld.

Die Redaktion

Alexander Wierzock | Essay

Eine Wissenschaft über den Parteien

Zum Verhältnis von Soziologie und Politik bei Ferdinand Tönnies

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Dieter Haselbach, Sebastian Klauke | Interview

Nachgefragt bei der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft

Fünf Fragen zu Werk, Wirkung und Nachlass des Soziologen und zur aktuellen Forschung, beantwortet von Dieter Haselbach und Sebastian Klauke

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Uwe Dörk | Rezension

Meilenstein mit Makeln

Rezension zu „Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe, Band 2: Gemeinschaft und Gesellschaft. 1880–1935, hrsg. von Bettina Clausen † und Dieter Haselbach.

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Uwe Dörk | Essay

Vom Idiom zur Norm

Zum sozialanalytischen Vokabular von „Gemeinschaft und Gesellschaft“

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Alexander Wierzock | Essay

Die Tönnies-Schule

Voraussetzungen und Besonderheiten einer frühen soziologischen Schule

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