Lars Clausen † | Essay |

Kieler Hausgeist

Eine Vorlesung

Der nachfolgende Text stammt aus der elften von insgesamt fünfzehn Abschiedsvorlesungen, die der Soziologe Lars Clausen (1935–2010) im Sommer 2000 an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel gehalten hat. Unter dem Titel Meine Einführung in die Soziologie wurden die 15 Vorlesungen in freier Rede im Jahr 2015 von Jan-Frederik Bendel und Klaus R. Schroeter unter Mitwirkung von Bettina Clausen (1941–2018) im Stroemfeld Verlag ediert. Wir danken Herrn Jürgen Clausen und den beiden Herausgebern für die freundliche Erlaubnis, den Text auf Soziopolis publizieren zu dürfen. – Die Redaktion

 

Damit komme ich […] auf den Kieler Hausgeist und Begründer der deutschen Soziologie zu sprechen: Ferdinand Tönnies, 1855 in Eiderstedt geboren, auf einem Einzelgehöft – der großen Einzelgehöftform, bei der das Vieh nicht im Stall steht, sondern unter demselben Dach, unter dem die Bauernfamilie mit allem Gesinde lebt. Das gibt's nur bei den riesigen Marschhöfen an der Westküste, den sogenannten Haubargs. Tönnies ist einer der wenigen Soziologen, die vom Lande kommen. Er kennt das bäuerliche Leben und verfällt deswegen nie, nie, nie in eine Romantisierung des Bauernstandes. Er weiß, dass der Bauer, wenn er schlechter Laune ist, die schwangere Katze über den Hof kickt. Der Bauer ist nicht naturlieb, der Bauer ist roh – bald wie ein Arbeiter, nur viel fleißiger.

Er stammt also von einem Haubarg, aus einer sehr reichen Bauernfamilie. Diese Bauern schickten ihre Kinder auf die Lateinschule, gar kein Problem. Mit 16 hatte er sein Abitur, er war nämlich begabt. Und dann ging er gleich studieren. Er studierte in Straßburg, er studierte in Jena, er studierte überall und dann machte er mit 20 seinen Doktor, auf Latein natürlich und auch nicht über Soziologie, das Fach gab's ja noch gar nicht, höchstens in Frankreich, da hatte ein merkwürdiger Mann namens Comte schon was drüber geschrieben. Tönnies schrieb eine altphilologische Arbeit, über das Orakel des Zeus Ammon in der Oase Siwa.

Wichtig für ihn war sein älterer Freund Paulsen. Friedrich Paulsen kennen nur die Pädagogen noch, er hat die Geschichte des humanistischen Gymnasiums im 19. Jahrhundert geschrieben und ist der Mann, der durchgedrückt hat, dass der lateinische Aufsatz im Abitur durch den deutschen ersetzt wurde – davon haben Sie alle noch was gehabt. Paulsen saß schon als Professor in Berlin, während Tönnies zunächst einmal hervorragend erfolglos war. Tönnies machte verschiedene Sachen. Er ging nach England und fand dort einen völlig vergessenen Denker, dessen Briefe er in Privatarchiven und dessen ungedruckte Schriften er in Museen auffand, unter anderem im British Museum – da, sagt er, hat er auch Marx getroffen, aber er war zu schüchtern, ihn anzusprechen. Zitiert hat er ihn später viel. Er hat auch Nietzsche getroffen, in Sils-Maria, da war er wieder zu schüchtern. Lou Andreas-Salome hat ihn sehr gemocht, auch mit Franziska Reventlow, die ja aus Husum kam, stand er ganz gut, also mit der Münchener Boheme, aber bei Nietzsche sagte er: Das ist doch eine andere Spektralklasse als ich. Jedenfalls hat er einen Denker entdeckt, der heute als Begründer der modernen Politikwissenschaft die größte Rolle spielt, nämlich Thomas Hobbes. Das verdanken wir Tönnies, und deswegen ist er auch lange Zeit sehr berühmt gewesen, als der Wiederbeleber und Editor der Hobbes'schen Schriften, auch ungedruckter Texte, Briefe und dergleichen mehr. Von Hobbes ist er stark beeinflusst worden. Dann hat er noch gesagt: Es gibt da was ganz Modernes, das heißt Statistik, das musst du lernen. Also ist er nach Berlin zu Adolph Wagner ans Statistische Bureau gegangen, das war einer der ersten Volkswirte bei uns, die Statistik machten. Daher stammen der Tönnies'sche Korrelationskoeffizient und solche Sachen, die kein Mensch mehr benutzt, weil wir heute den Pearson-Korrelationskoeffizienten benutzen.

Dann beschloss er, die Soziologie zu erfinden, und das hätte er nicht tun sollen. 1887 veröffentlichte er das von mir schon mehrfach angesprochene Buch Gemeinschaft und Gesellschaft. Sie erinnern sich: Gemeinschaft und Gesellschaft sind die beiden Formen, in denen Menschen zusammenleben können, andere gibt's nicht. Wenn sie die beiden Formen nicht haben, sind sie einander feindlich. Das hat er aus dem Hobbes rausgelesen – ich habe Ihnen ja schon gesagt, dass man davon ausgehen kann, dass der Mensch des Menschen Feind ist. Nicht dass die Menschen zanken, ist erklärungsbedürftig, sondern dass sie zusammenarbeiten. Gemeinschaft und Gesellschaft war ein sehr wichtiges Buch. Karriereförderlich war es immer noch nicht. Regelrecht schädlich war, dass Tönnies eine Zeitlang in Altona lebte. Damals gab es einen großen Hafenarbeiterstreik, den die Pfeffersäcke von Hamburg gar nicht schätzten, und so hat Tönnies eine Untersuchung gemacht über die unstetig arbeitenden Hafenarbeiter. Noch 1950 gab es morgens Durchsagen im Rundfunk, dass man um sechs Uhr beim Arbeitsamt für die Tagesarbeiten eintreffen sollte. Heuerbaase verteilten die Leute auf die Schiffe, und wenn viele Schiffe da waren, war der Aufruf ein bisschen dringlich, auch Gelegenheitsarbeiter möchten bitte kommen, sonst wurde gesagt, heute ist nicht viel los. Das hörten alle Leute, die davon lebten, und dann gingen sie hin und haben da für einen Tag angeheuert. Das ist eine Form von Leiharbeit, der Heuerbaas heuert Sie und verleiht Sie weiter. Ein schönes Leben ist das nicht. Anfang der 1890er also machten die Hafenarbeiter in Hamburg einen großen Streik. Tönnies hat ganz sachlich geschrieben: Die haben eine ganze Menge Beschwerdepunkte, die sind realistisch. Damit war er allerdings völlig unten durch. Alle sagten: Der Mann kann nie Professor werden! Dieses hoffnungsvolle Kind mit dieser herrlichen Habilitation, aber solche Standpunkte, der ist womöglich Sozialdemokrat, und das, wissen wir, ist das Ende, der Aufruhr, das Blut.

Er hat noch andere Fehler gemacht, vor allem: Er glaubte nicht. Seine philosophische Basis liegt in der frühen Neuzeit, bei Spinoza. Spinoza war ein Mann, dem seine eigenen Leute, die jüdische Gemeinde, wegen Ungläubigkeit den Prozess gemacht haben. Tönnies war auch Mitglied eines Vereins, der war ungeheuer geistig und hieß Monistenbund. Die Monisten sagten, es gibt nur eine Natur- und Geisteswissenschaft, es gibt keinen Unterschied, es gibt nur eine Ursache, alles fängt mit der Natur an. Und das glaubte Tönnies auch. Daraufhin hat ihm Althoff, der allmächtige Mann in der preußischen Hochschulpolitik, gesagt: Herr Tönnies, ich werde einer Berufung von Ihnen nicht widersprechen, wenn Sie sich von diesen Monisten trennen. Sie dürfen aber niemandem erzählen, dass ich das gesagt habe. Sehr typisch für Tönnies: Erstens, er verweigert es und wird nicht Professor; zweitens, er hält sich dran und sagt es niemandem, nicht mal seiner Frau.

Tönnies lebte vom Vermögen seiner Eltern, das hat bis zur Inflation 1923 ganz gut funktioniert, da war er immerhin schon 68. Schließlich wurde er aber doch noch berufen – 1909 auf eine außerordentliche Professur, 1913 sogar auf eine ordentliche. Es war eine Professur für Wirtschaftliche Staatswissenschaften, also Volkswirtschaft. Er hat auch Einführungen in die Volkswirtschaften gelesen. Bei seiner Berufung war er 58 und 1916, mit 61, ist er in den Ruhestand gegangen und hat nur noch Soziologie gemacht. Bis man es ihm verboten hat – also 1933 –, hat er hier in Kiel Soziologie gelehrt und eine ganze Menge erreicht. Irgendwann heiratete er eine Pfarrerstochter aus der Gegend, hat gelebt und tausend Kinder gekriegt, die alle Akademiker wurden. Die Söhne wurden Professoren, die Töchter heirateten Professoren, wie es damals so war. Die meisten Familienmitglieder gingen dann ins Ausland, 1933 war die große Scheide. Tönnies gehörte 1909 zu den Gründern der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und war ihr Präsident, bis die Nazis ihn rausintrigierten.

Er ist vor lauter Angst, dass die Nazis die Macht übernehmen, sogar völlig gegen seine Grundsätze in eine Partei eingetreten. Infrage kam nur die Sozialdemokratie. 1930, als uralter Mann, ist er eingetreten – und gleichzeitig aus der Kirche ausgetreten. Gegen den Nationalsozialismus hat er öffentlich Stellung bezogen, vor allem gegen die nationalsozialistischen Ausschreitungen an den Hochschulen.

Tönnies war der einzige Soziologe, der es gewagt hat, sich nach Hitlers Machtergreifung öffentlich gegen diesen zu wenden. Sie haben ihn nicht eingesperrt, das hat uns seine Tochter noch erzählt: Er kam nach Hause, er war nämlich einbestellt bei der Behörde, und der Beamte hatte gesagt: Was muss ich von Ihnen hören? Sie verweigern Ihrem Mieter den Hitlergruß? Deswegen wurde man damals denunziert, der Mieter wollte wohl die Miete sparen. Deutschland hat rasend denunziert damals, ich würde sagen: mehr als an die Stasi haben sie an die Gestapo denunziert, lieber, schneller und wissend, dass es die Leute zugrunde richtete. Also, Herr Geheimrat, was muss ich da hören? Was muss ich da lesen? 1855 geboren? Dann gehen Sie mal nach Hause, Herr Geheimrat. So konnte man es als Beamter drehen, wenn man nicht verfolgen wollte. Und dann kam er nach Hause und sagte: Ich habe jetzt einen Jagdschein.

Gemeinschaft und Gesellschaft

Das Werk habe ich schon mehrfach angesprochen. In Gemeinschaft und Gesellschaft sagt Tönnies: Die Menschen benutzen einander und deswegen bejahen sie einander, aber der Nutzen ist doch sehr verschieden. Da, wo man als Kind ist, lernt man, dass das Kollektiv, dass die Gemeinsamkeit wichtiger ist als man selbst. Das Gemeinsame ist das Ziel, was ich tue, ist das Mittel. Typisch für Familien, überhaupt für sogenannte Gemeinschaften. Wenn ich mich aber mit Leuten zusammenschließe, nur weil wir gemeinsam etwas ganz Sachliches machen, und wir sonst nichts miteinander zu tun haben, dann sind das Gesellschaften, dann sind meine Ziele das letzte Ziel, und das Zusammensein ist Mittel. Das heißt, einmal ist das Zusammensein das Ziel und ich bin das Mittel, einmal bin ich das Ziel und das Zusammensein ist das Mittel. Das sind die beiden logischen Möglichkeiten, völlig zweiwertig gedacht – das ist wieder aristotelisches Denken. Warum die Menschen das machen? Weil sie einen Willen haben. Tönnies ist praktisch der letzte Soziologe, der von einer Willenstheorie des Menschen ausgeht, nicht davon, dass der Mensch eine reine Verstandesmaschine sei. Der Mensch will, und es ist oft nicht zu unterscheiden von seinem Denken – das Denken färbt sein Wollen, vor allem aber färbt das Wollen sein Denken.

Willen haben alle, Willen haben auch Tiere, in gewissem Sinne kann man mit Schopenhauer sagen, auch Pflanzen haben einen Willen. Die Kartoffelkeime wachsen nach der Sonne – das ist ein nicht gewusster Wille, ein blinder Wille, aber er wirkt. Die Welt als Wille und Vorstellung, das liegt dem alten Tönnies schon sehr nahe. Allerdings lernt man bei Spinoza, dass man nicht den Willen vom Intellekt trennen sollte. Spinoza hat gesagt: voluntas atque intellectus unum et idem sunt – der Wunsch und der Intellekt sind ein und dasselbe. In allem Denken ist Wollen, in allem Wollen ist (auch beim Menschen) eine Rationalität. Sie können nämlich ein ganz ausgesprochener Familientyp sein und trotzdem total rational – in Familiendingen: überlegt den Haushalt führen, menschlich alle richtig behandeln usw. Frauen liefern da, erzwungenermaßen, recht erfreuliche Beispiele. Vor allem Pfarrfrauen sollen das sehr gut können, weshalb Pfarrkinder selten geraten. Aber das gehört strikt nicht hierher.

Es gibt also diese beiden Formen des Willens: den Willen zur Gemeinschaft – er nennt ihn Wesenwillen – und den Willen zur Gesellschaft – er nennt ihn Willkür, später Kürwillen. Der Mensch will Gemeinschaft und er will Gesellschaft, er will eigentlich beide. In manchen Gesellschaften wird alles wesenwillig, in anderen Gesellschaften alles kürwillig erklärt. In manchen Gesellschaften werden auch die Familie, die Nachbarschaft und alle diese netten Beziehungen kürwillig erklärt: alles Geschäft, alles Politik, alles Berechnung. In anderen Gesellschaften werden selbst die größten Geschäfte als Wesenwillen interpretiert. Die alten Hansekaufleute machen dann riesige Mahlzeiten und trinken die St.-Olafs-Minne in Stockholm oder sind auf der Schaffermahlzeit in Bremen. Sie essen zusammen, sie gehen gemeinsam in den Gottesdienst, verheiraten ihre Töchter und Schwestern in diesem Kreis, und wenn sie tanzen und sich unterhalten, dann lachen sie über dieselben Witze: Sie erklären alles als Gemeinschaft, obwohl sie doch Geschäftsleute sind. Es hängt also daran, welches Muster in einer Gesellschaft vorwiegt. Wenn die Gesellschaft sehr stark gemeinschaftlich ist, erklärt sie alles als Gemeinschaft, ist sie sehr stark gesellschaftlich, erklärt sie alles als Gesellschaft. Historisch, kann man sagen, ist der Fortgang vom Mittelalter zur Neuzeit in Europa ein Fortgang von einer vorwiegend gemeinschaftlich denkenden Gesellschaft hin zu einer gesellschaftlich denkenden.

Aber wie kommen wir aus dem gemeinschaftlich denkenden Mittelalter zum gesellschaftlichen Denken von heute? Tönnies sagt, durch den Individualismus. Und wer ist Individuum? Das ist ein Mensch, der gemeinschaftlich lebt und trotzdem gesellschaftlich agieren muss. Ein Typus ist der Kaufmann, der Fernkaufmann. Die Kaufleute sind die Sendboten des Individualismus und damit des beginnenden gesellschaftlichen Denkens in Europa. Noch organisieren sich die Hansestädte als Gemeinschaft, die athenischen Handelsrepubliken sind Gemeinschaften, aber auch noch die von Lübeck: Nach außen halten sie gesellschaftlichen Frieden, nach innen halten sie gemeinschaftlichen Frieden. So steht's am Holstentor: concordia domi foris pax – Eintracht zu Hause, draußen, auf den Märkten, vertraglicher Friede. Plattdeutsch und Latein, das sind die einzigen Sprachen, die die alten Lübecker konnten. Sie haben doch die erste Seite der Buddenbrooks gelesen, der alte Großvater kann auch nur Plattdeutsch, Latein und Französisch, Hochdeutsch spricht da keiner. Der Bürgermeister spricht Platt. So war es sogar noch in Hamburg.

Es gibt keinen Individualismus, sagt Tönnies, der nicht auf Gemeinschaft fußt – das ist ein wichtiger Satz. Nur aus der Sicherheit der Gemeinschaft heraus kann sich der Kaufmann wagen. Und es gibt keinen Individualismus, der nicht in Gesellschaft endet. Der Individualismus ist eine historische Erscheinung, die wir als Individualismus im Handel, dann auch in den Künsten, in den Wissenschaften finden – lesen Sie Jacob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien, ein Zeitgenosse vom alten Tönnies. Es fängt alles an mit den Lombarden, deswegen gibt es heute noch Lombardsätze bei der Bank, deswegen gibt es ein Konto – auch ein italienisches Wort. Es fängt mit den italienischen Kaufleuten an: Genua, Pisa, Siena, Venedig, Amalfi, das sind die großen Handelsrepubliken. Später erst kommen Amsterdam, Hamburg, Visby, Nowgorod dazu. Aus Oberitalien stammt der Individualismus, das sagt Ihnen auch jeder Kunstwissenschaftler. Sehen Sie noch mal die Portraits von Uccello an, da beginnt es nämlich.

Individualismus ist allerdings etwas, das von der Gesellschaft selbst später zerarbeitet wird. Das ständige Verrechnen nimmt dem Individualisten die starke Verwachsenheit, die er doch hat, und macht ihn immer mehr zum Spielball. Das Problem, dass man in einer modernen Gesellschaft nach einer Weile gar nicht mehr gut Individualist sein kann, hat Tönnies klar gesehen. Er hält den Individualismus für eine historische Phase, deren Blüte vor jener der Gesellschaft liegt. Kann die Gesellschaft neuen Individualismus schaffen? Er sagt nein. Allerdings, wir sind ja Praktiker: An gewissen Stellen passiert das durchaus, in ordentlichen sozialen Bewegungen – Arbeiterbewegung, Genossenschaftsbewegung, Frauenbewegung – werden immer wieder gemeinschaftliche Werte nach vorne gespielt, und manchmal halten sie eine ganze Weile. Schwesterlichkeit, Solidarität, Kameradschaft im Militär, es gibt eine ganze Menge solcher Sachen, die stilbildend werden können. Es gibt lange Kreise der Rückkehr, aber letztlich werden wir immer gesellschaftlicher. Und dann, wenn wir keinen Individualismus mehr haben, werden wir dann wieder Gemeinschaft? Quatsch! Dann gehen wir unter. Das wusste man schon als Gymnasiast, dass der Weg der Antike von den Handelsrepubliken der Phönizier und der Griechen bis hin zum Weltreich der Römer und seinem Zusammenbruch in Aberglaube, schlechten Geschäften und Völkerwanderung unumkehrbar war. Die reden von der Rückkehr zu den guten alten Werten – aber wenn sie erst mal so weit sind, dass sie drüber reden, ist schon alles vorbei. Ein Soziologe sieht so was: Wenn erstmal die Firmen von Firmenmoral anfangen, dann können Sie sicher sein, da ist etwas kaputt gegangen, was nicht wieder kommt.

Das war der säkulare Glaube der gesamten Intellektuellen damals: Wir stecken in der Krise, vielleicht kommt eine Erlösung, ein Caesar, ein Christus, ein Mann mit Charisma, um die Weber'sche Alternative vorzuschlagen. Daran glaubten viele, z.B. auch Spengler. Der sagte: Der Untergang des Abendlandes ist sicher, am Ende kommen noch die cäsarischen Typen, das haben wir vor uns. Und – zack – hatten wir ein Jahrhundert der Diktaturen, alles Caesars. Auch Adolf Hitler wollte Caesar sein, Weltherrschaft wollte er jedenfalls. Nicht falsch gesehen. Die Kultur kommt nicht mehr aus dem vorwiegend gesellschaftlichen Denken raus, bis sie untergeht. Und irgendwann geht sie unter, wie alle Kulturen. Das lernt man natürlich wieder, dass alle Kulturen, auch die mit den besten Verfassungen untergehen – können Sie bei Polybios lesen, das habe ich Ihnen ja schon in meiner dritten Vorlesung gesagt.

Tönnies' Wirkung (mit einem Exkurs zu den Vorteilen des Kongresslebens)

Sie können bei allen Intellektuellen der Weimarer Republik davon ausgehen, dass sie Gemeinschaft und Gesellschaft gelesen haben, genauso wie sie Ernst Jüngers In Stahlgewittern und Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes gelesen haben. In der zweiten Auflage – zuerst war das Buch ein Flop, 1912 kam es wieder raus, und die Jugendbewegung hat gesagt: Genau unser Bier, Gemeinschaft. Die jungen Leute haben also alle Tönnies gelesen, was immer gut ist für die Fortführung eines Dichters. Alle redeten von Gemeinschaft und Gesellschaft, aber so streng, wie er die Theorie nahm, haben sie's nicht gesehen. Romantiker der Gemeinschaft beriefen sich auf Tönnies, aber er sagte: Wir sind hier nicht romantisch, wir sind auf dem Lande. Romantisch sind nur Städter. Ich beziehe mich da auf Josef Nadler: Die deutsche Romantik ist eine Erfindung der Berliner Intelligenz; man kann es so sehen.

So betrachtet, war Tönnies der Altpräsident der Weimarer Gesellschaft. In der Intelligenz gebildete Laien übernahmen ihn, aber seine eigentliche Wirkung geschah anderenorts. Auch Simmel hatte eigentlich keine Schüler, Simmel hatte Leute, die seinen Blick lernten, er wirkte und wirkt osmotisch – er dringt ein, manche Leute verstehen das und werden selbst so, aber sie können eigentlich nicht sagen, sie hätten es bei Simmel gelernt. Simmel hat ihnen Mut gemacht, sie waren schon so. Die Wirksamkeit Simmels ist also eine unterirdische. Die Wirksamkeit von Tönnies war, wie es diesem trockenen, sachlichen, im Begrifflichen so ungeheuer sattelfesten Manne entspricht, eine völlig andere. Sie bestand darin, dass man ihm die Worte wegnahm und in sie stopfte, was man selbst fühlte. 1912 hatten wir schon ein Jahrzehnt Jugendbewegung in Deutschland – ich habe Ihnen erzählt, dass die Jugend damals die absolute Revolte gegen eine veraltete Gesellschaft war. Auch die warteten auf einen Caesar. Aber zunächst warteten sie doch auf ein gemeinsames Erlebnis, weniger auf den Menschen, der es ihnen garantierte – das sollte dann später Hitler werden. Sie suchten eine Formulierung ihres Bedürfnisses und sie fanden sie in der Gemeinschaft. Sie sagten: Gemeinschaft – gut, Gesellschaft – schlecht.

Wie alle Leute, die eher aus dem Milieu der Gemeinschaft kommen, weiß Tönnies, dass wirklicher Hass und wirkliche Feindschaft nur in der Gemeinschaft üblich sind. Gemeinschaft hat nicht nur die positiven, gemütlichen, netten, vertrauten, christfestartigen Bezüge, Gemeinschaft bedeutet auch Dauerhass, Dauerablehnung, Dauerbetrug, dauerhafte Bosheit. Paulsen erzählt uns in seinen Memoiren – sie sind überaus aufschlussreich –, er wäre in seiner Kindheit nie von seinen Eltern umarmt worden. Gemeinschaft heißt nicht Kuscheln. Mit Tucholsky gesprochen: »Sie zanken sich, wie man sich nur in Familien zankt, mit jenem kundigen Hass der Nähe, jeder Hieb sitzt, weil man weiß, wo es weh tut.« In Gesellschaft kriegen Sie das gar nicht hin. Mein Gott, als Kaufmann, als Politiker, da kann mich doch gar nichts beleidigen. Da nennt man sich Arschloch, Betrüger usw. Und hinterher sitzt man doch in der Kantine mit der CDU zusammen. Auch um Ehre geht's da nicht. Tönnies sagt von vornherein: Gemeinschaft hat bestimmte Züge, die sind so und so, Gesellschaft hat bestimmte Züge, die sind so und so.

Die Gemeinschaft taugte nicht, die Gesellschaft taugte nicht. Deshalb wollten die Leute etwas Drittes. Da kam Herman Schmalenbach, der weniger berühmte, weniger fähige Bruder von Eugen Schmalenbach, dem bedeutendsten Betriebwirt der Weimarer Republik, und sagte: Wir brauchen eine dritte Kategorie, und die nennen wir »Bund«. Attitüden wie in der Gemeinschaft, Großorganisationsformen wie in der Gesellschaft, das nenne ich Bund. Praktisch kann man es so nennen, theoretisch ist es unmöglich für Tönnies. Die machen sich was vor, sagte er. Tönnies hatte es immer schwer, die Begeisterung von Leuten zu verstehen. Wie gesagt, er kam vom Lande. Nur Städter lassen sich begeistern. Auf dem Lande hat man seine Urteile und sagt gar nichts mehr drüber. Wenn Sie einen Sack Salz mit einem Landwirt geteilt haben, dann sagt er Ihnen vielleicht, was er denkt – jedenfalls in Niederdeutschland. Entschuldigen Sie, dass ich immerzu absolut unhaltbare Folklorebemerkungen dazwischen haue, aber Sie sind inzwischen schon fast kontaminiert mit Soziologie und können hinter allem die Ideologie und den Realismus und die Prüfmöglichkeiten erkennen. Einen Sack Salz essen mit einem Bauern, dann versteht man sich mit ihm – das kann lange dauern, vor allem in Westfalen, bei der salzarmen Küche. Deswegen heißt es natürlich: nie.

Jedenfalls hob die Jugendbegeisterung auf Gemeinschaft ab. Deswegen haben viele Jugendliche, die in den Krieg zogen und enttäuscht wurden, die dann auf einen Führer warteten und schließlich Adolf Hitler nahmen, im Grunde diesen Gemeinschaftsheroismus im Herzen behalten. Letztlich haben sie Tönnies dadurch in schlechte Gesellschaft gebracht. Nach dem Krieg sagten alle: Tönnies? Das ist doch der mit der Gemeinschaft. Wollen wir nicht haben, Volksgemeinschaft – alles Schwindel. Wissen wir, wie das war. Sind doch selber Flüchtlinge.

Tönnies war nach dem Krieg in Deutschland erbenlos. Die meisten Schüler waren emigriert, der einzige, der hier geblieben war und geschwiegen hatte, Max zu So1ms, war ein kranker, schwacher Mann in Marburg – das habe ich Ihnen erzählt. Es kamen zwei Leute ran in Deutschland: Helmut Schelsky, der machte praktische Soziologie, keine Theorie, bitte keine Kopfakrobatik. Und Rene König, ihm verdanken wir die Kölner Methodenschule. Den Tönnies hat König nicht richtig gelesen. Er hat gesagt: Tönnies? Das Letzte, der Jugendverderber. Wird von mir gar nicht gelehrt. Tönnies war der große Konkurrent von Emil Durkheim, und König war nun einmal Durkheim-Freak. Soziales wird nicht durch Psychologie, nicht durch Mathematik, nicht durch Wirtschaft erklärt, Soziales wird nur durch Soziales erklärt. Das ist typisch Durkheim. Das gefällt. Und so standen die beiden großen, einflussreichen Leute Tönnies fern. Kein Mensch hat sich um ihn gekümmert. Er war im Grunde unbekannt geworden – außer in Japan, außer in den USA, da kannte man ihn noch ein bisschen.

Er war also 1980, als wir hier das erste Tönnies-Symposion organisierten, fast schon tot. Wir haben Leute zusammengeholt und gesprochen. Für die Professoren und Professorinnen, die Sie später einmal werden, ist das eine wichtige Sache: Wenn Sie nichts zu tun haben, veranstalten Sie Kongresse, das bringt Sie mit Leuten zusammen, und dabei ergibt sich immer was. Nach dem ersten Kongress war Tönnies wiederbelebt, nach dem zweiten war er wieder etwas bekannt, nach dem dritten kam schon der Auftrag, sein Gesamtwerk herauszugeben, 24 Bände. Das geschieht von Kiel aus, solange die Universität es uns nicht verbietet, und dann können wir damit aufhören, obwohl ich natürlich, klug voraussehend, die ganze Ausgabe aus dem Institut rausgeschippt habe in die Tönnies-Gesellschaft. Man weiß doch, was alles passieren kann – bloß nicht die Fakultät ranlassen.

Aber das Kongressleben befördert nicht nur die Forschung, es ist auch für Studierende ein unbedingtes Muss. Sie, die Sie im fernen Kiel sitzen, wo, wie ich gehört habe, mit einem hörbaren Klapp um zehn die Gehsteige hochgehen, wo der sonntägliche Gottesdienst die einzige Unterhaltung ist, Sie müssen sofort zum nächsten Soziologiekongress nach Köln, Sie müssen überhaupt zu Kongressen. Da nur lernen Sie die ganzen Leute im Fleisch kennen. Und Sie sind ja auch so animalisch, das sehe ich Ihnen an, dass Sie Leute erst wirklich lesen, wenn Sie sie mal sprechen gehört haben. Das motiviert erstaunlich – es ist ein unwürdiger Gesichtspunkt, kein geistiger, aber er ist real. Es funktioniert. Es ist ähnlich wie beim Hufeisen, es bringt Glück, auch wenn man nicht dran glaubt. Wir als Beamte wissen, dass es nicht geht, aber trotzdem, es hilft auch uns, weil es allen hilft, die nicht dran glauben. Die Möglichkeiten des Kongresslebens sind für Sie interessant: Sie sehen, wie die Leute laufen, wie man schlechte Vorträge hält, Sie nehmen sich vor, wie man's besser macht, wenn man groß geworden ist, Sie amüsieren sich, Sie kommen in eine andere Stadt. Viele Sachen, die Sie gar nicht lernen sollen, lernen Sie nebenbei auch gleich. Die Anregung ist immens – Sie zehren ein ganzes Leben lang von Ihren paar Kongressbesuchen während des Studiums. Warum sind Sie noch nicht da? Wollen Sie hier versauern? Aus grauer Städte Mauern, wir ziehen in die Welt, um einen Dichter der Jugendbewegung zu zitieren: Hans Riedel.

 

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

Kategorien: Geschichte der Sozialwissenschaften Gesellschaft Gesellschaftstheorie Kultur Politik Universität Wissenschaft

Lars Clausen †

Lars Clausen (1935–2010) war von 1970 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 Professor für Soziologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählten die Katastrophensoziologie sowie die Erforschung und Edition der Schriften von Ferdinand Tönnies. Von 1978 stand er der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft als ihr Präsident vor.

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