Dossier

Nichtbinarität

in der Forschung

„Es gibt viele Musikrichtungen, aber nur zwei Geschlechter“, stand vor zwei Jahren auf einem Banner von Bayer-Leverkusen-Fans, kurz bevor das Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag in Kraft trat. Die Geschlechterordnung ist zu einem der großen Kulturkampfthemen geworden. Der Slogan, dass es nur zwei Geschlechter gäbe, wird weltweit für autoritäre Mobilisierung genutzt. Er soll die tradierte und seit Jahrzehnten schon brüchige Geschlechterordnung in westlichen Gesellschaften verteidigen: eine binäre Ordnung, die allen Menschen zumutet, sich einzuordnen und einordnen zu lassen als Frau oder Mann.

Dabei ist Geschlecht zu großen Teilen sozial konstruiert sowie kulturell geprägt – und damit Veränderungen unterworfen. Die Norm der Zweigeschlechtlichkeit ist in der jüngsten Zeit ins Wanken geraten. Zahlreiche mehr oder weniger neue Arten und Weisen, sich zum eigenen Geschlecht zu positionieren – oder eben auch nicht –, wurden und werden öffentlich diskutiert: trans, inter, genderqueer, genderfluid, gendernonconforming, agender, nichtbinär. „Inviting you to consider life from a non-binary perspective is about shifting our frame work away from a rigid either/or perspective, towards both/and posibilities, which embrace paradox and uncertainty.“ (Meg-John Barker / Alex Iantaffi, Life Isn’t Binary. On Being Both, Beyond and In-Between, London 2019)

In diesem Dossier versammeln wir Beiträge zu Nichtbinarität: Forschungen und Überlegungen aus der Soziologie, den Rechtswissenschaften, der Sozialgeografie. Elena Erstling und Simeon Jäkh stellen uns Nichtbinarität als umkämpftes Phänomen vor. In ihren jeweiligen Promotionsprojekten untersuchen sie, „wie Nichtbinarität als Kategorie funktioniert“. Sie machen sich die Prozesshaftigkeit ihres Gegenstands zunutze, um „das Entstehen und die Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen und Logiken [zu] beobachten und untersuchen“.

Die Juristin und emeritierte Professorin für Rechtswissenschaften und Gender Law Konstanze Plett beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Geschlechtergerechtigkeit und setzt sich für die Rechte intergeschlechtlich Geborener ein. Im Interview geht es um die juristische Aufhebung der Zweigeschlechtlichkeit, um die damit einhergehenden Gesetzesänderungen, die in den letzten zehn Jahren verabschiedet wurden, und um die gesellschaftlichen Reaktionen auf entsprechende Diskurse und Vorhaben: „Am Ende geht es darum, zugeben und aushalten zu können, dass die Welt nicht auf dem Stand angehalten wird, den sie in der eigenen Kindheit hatte.“

Nichtbinäre Jugendliche fühlen sich in ihrem sozialen Umfeld immer wieder missverstanden, zurückgewiesen, abgewertet oder nicht ernst genommen. Eine besondere Rolle spielt dabei das Elternhaus, dessen normative Struktur Leah Petersen aus sozialgeografischer Perspektive und auf Basis von Interviews untersucht. Es sei „einer der zentralen Produktionsräume der heteronormativen gesellschaftlichen Ordnung“. Entsprechend führe Nichtbinarität – die diese Ordnung unterwandert – häufig zu Konflikten innerhalb der Kernfamilie.

Analog zu den zahlreichen Geschlechtskategorien und -identitäten existieren viele unterschiedliche Schreibweisen inklusive Bedeutungszuschreibungen, die sich ebenfalls immer wieder ändern. Asterisk, Doppelpunkt, Unterstrich oder Großschreibung verweisen auf jene laufenden und eben nicht eindeutigen Aushandlungsprozesse, die dieses Dossier thematisiert. Entsprechend finden sich in den Beiträgen unterschiedliche Gendervarianten sowie Schreibweisen von trans und inter.

– Die Redaktion

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