Elena Erstling, Simeon Jäkh | Essay | 17.06.2026
Introducing: Non-binary
„Und die dann so ‚Nein, das [eine Person, die nicht männlich oder weiblich ist] gibt es nicht.‘ Und ich stehe da und ich bin so, ‚Hi. Soll ich mal kurz meine Binder ausziehen? Willst du meine Titten anfassen, Bitch?‘ Da war ich halt schon so, ‚Leck mich doch an meinem sehr großen Hodensack und fass dann meine Titten an und sag mir noch mal das gibt es nicht!‘“ (inter und nichtbinäre Person, Interviewmaterial Simeon Jäkh)
Nichtbinarität polarisiert. Auf der einen Seite ist, beispielsweise in der ZEIT,[1] euphorisch die Rede von „the future is nonbinary“. Nichtbinarität breche die starre Geschlechterordnung auf und sei eine Lösung für geschlechterspezifische Probleme. Auf der anderen Seite gibt es, exemplarisch in der EMMA,[2] scharfe Ablehnung. Nichtbinarität sei eine identitätspolitische Einbahnstraße, eine Nische ohne politisches Potenzial, bestenfalls das Lifestyle-Accessoire einer privilegierten Mittelschicht, die sich ihre Uneindeutigkeit leisten kann. Die Schlussfolgerung: Nichtbinär sei „reaktionär“.
Auch in der Wissenschaft wird intensiv um Nichtbinarität gestritten. So hat Kadji Amin mit dem vielzitierten Essay We Are All Nonbinary eine genealogische Kritik vorgelegt.[3] Seine These: Die westliche Moderne produziere in regelmäßigen Abständen neue Identitätskategorien, die jeweils ein idealisiertes Gegenstück erzeugen. So wie die Kategorie homosexuell das Konzept heterosexuell als Norm erst hervorbrachte, und transgender die Gegenkategorie cisgender erzeugte, produziere nichtbinär die Kategorie binär. Amin sieht darin keinen Fortschritt, sondern eine Identitätsmaschinerie, die immer neue Unterscheidungen produziert, ohne dass sich dadurch die materiellen Lebensbedingungen von trans Personen verändern. Nichtbinäre Identifikation koste politisch wenig, da sie nichts weiter erfordere als die Selbstidentifikation, und verdränge damit die Realität derjenigen, die körperlich transitionieren. Für Eric Llaveria Caselles hat Amins Kritik ein Machtproblem: Wer entscheidet, welche Identifikation ‚materiell genug‘ ist? Amins Position, so Caselles, konstruiere den trans Kritiker – der als trans Person beanspruche, zu urteilen, wer ‚wirklich‘ trans sei – als vermeintlich neutrales Subjekt jenseits von Ideologie und reproduziere damit genau die Hierarchie, die sie zu kritisieren vorgibt. Caselles plädiert stattdessen dafür, Identitätsansprüche nicht als Gegensatz zu materialistischer Politik zu verstehen, sondern als situierte politische Praktiken.[4]
Sowohl die alltagsweltlichen als auch die wissenschaftlichen Debatten zeigen, dass Nichtbinarität auf großes, aber durchaus zwiegespaltenes Interesse stößt. Die Frage, was Nichtbinarität ist – Identität, Kategorie, politisches Projekt, epistemische Position –, bleibt umstritten. Selten kommt es zu einer Auseinandersetzung mit dem Phänomen, die weder feiert noch denunziert, und die stattdessen fragt, wie Nichtbinarität als Kategorie funktioniert. Im Rahmen unserer Promotionsprojekte versuchen wir genau das. Dabei nehmen wir Nichtbinarität als eine Möglichkeit geschlechtlicher Identifikation in den Blick und untersuchen die Umstände und Prozesse der Entstehung dieser Möglichkeit. Wir betrachten die Kategorie weder als revolutionären Ausweg noch als identitätspolitische Sackgasse, sondern als genauso (il-)legitim wie jede andere Form der geschlechtlichen Verortung. So lassen sich spezifische Fragen stellen: An welche Konzepte schließt Nichtbinarität an? Wo bricht sie mit epistemologischen Grundannahmen? Wie lässt sich ein Phänomen analytisch fassen, das gesellschaftlich so umkämpft ist und sich zunehmend institutionalisiert? Wie forscht man zu einer Kategorie, die Personen, die sich ihr zuordnen, als explizit antikategorial verstehen? Dem wollen wir im Folgenden anhand unserer beiden Forschungsperspektiven nachgehen, die gerade die Umkämpftheit von Nichtbinarität produktiv machen wollen.
Gegenstand des Dissertationsprojekts von Elena Erstling ist der Entstehungsprozess von Nichtbinarität. Begriffen als Personenkategorie in the making,[5] rekonstruiert sie deren Institutionalisierung im Kontext von Intimbeziehungen und sexueller Orientierung. Dies ist insbesondere aufgrund der (alltagsweltlichen) Ko-Konstitution von Geschlecht und sexueller Orientierung interessant: Kategorien wie hetero- oder homosexuell geraten durch das Aufkommen einer zusätzlichen Geschlechtskategorie in eine Art Krise, die sowohl nichtbinäre Personen als auch deren Intimpartner*innen am eigenen Leib erleben und austragen. Elena Erstling untersucht demnach, ob und wie sich Nichtbinarität in existierende Logiken sexueller Orientierung einfügt und/oder diese verändert.
Hierfür kombiniert Erstling einen leibtheoretischen Zugang im Anschluss an Gesa Lindemann[6] und Helmuth Plessner[7] mit dem kategorisierungstheoretischen Ansatz von Ian Hacking.[8] Sie orientiert sich am Forschungsstil der Grounded Theory[9] und rekonstruiert den Institutionalisierungsprozess ausgehend von den körperlich-leiblichen Erfahrungen nichtbinärer Personen und deren Intimpartner*innen. Dazu führt Elena Erstling erlebensbezogene (Paar-)Interviews[10] mit nichtbinären Personen und deren Beziehungs- oder Sexualpartner*innen und analysiert Tagebuchmaterial.[11]
Simeon Jäkh untersucht, wie Nichtbinarität innerhalb queerer Communitys verhandelt wird. Im Anschluss an das Forschungsprogramm der Humandifferenzierung[12] richtet sich der Blick nicht darauf, was nichtbinäre Personen sind, sondern darauf, wie Nichtbinarität durch Differenzierungspraktiken hervorgebracht, zugewiesen und bestritten wird. Der Zugang zielt nicht auf die Frage ab, ob Nichtbinarität ‚wirklich‘ existiert – denn in dieser Sichtweise ist jede Geschlechterwahrheit hervorgebracht. Es geht darum, wie sie als Wahrheit über Personen umkämpft ist.[13] Dabei interessiert besonders, was geschieht, wenn Personen versuchen, sich Kategorien zu entziehen, und wie dabei andere Differenzachsen ins Spiel kommen.
Die empirische Grundlage bildet eine Grounded-Theory-Studie[14] mit trans, inter und nichtbinären Personen im deutschsprachigen Raum. Sie kombiniert verschiedene Erhebungsformen: diskursive Interviews,[15] mit denen kollektive Deutungsmuster rekonstruiert werden, ethnografische Beobachtungen[16] bei Community-Veranstaltungen sowie situierte Interviews,[17] die Positionierungen in konkreten sozialen Kontexten erfassen. In der Auswertung macht die Kombination dieser Formate unterschiedliche Ebenen des Differenzierungsgeschehens sichtbar.
Beide Zugänge teilen die Grundüberzeugung, dass Nichtbinarität ein komplexer und produktiver Gegenstand ist, anhand dessen sich vielfältige soziologische Fragestellungen bearbeiten lassen: nach den Bedingungen für sowie den Grenzen von Kategorisierungen, nach dem Verhältnis von Körper und sozialer Ordnung, nach der Institutionalisierung des vermeintlich Antikategorialen. Im Folgenden werden wir unseren jeweiligen Umgang mit der Umkämpftheit des Gegenstands näher ausführen.
Nichtbinarität als sich institutionalisierende Personenkategorie (Elena Erstling)
Mein Ausgangspunkt ist die empirische Beobachtung, dass trotz der unterschiedlichen Vorstellungen davon, was eigentlich darunter zu verstehen ist, Nichtbinarität mehr und mehr zu einer geschlechtlichen Identifikationsmöglichkeit wird, auf die sich Personen berufen (können). Dabei wird ihnen das nichtbinäre Geschlecht jedoch immer wieder abgesprochen und/oder grundsätzlich dessen Existenz angezweifelt. Dieser Befund und somit die Umkämpftheit von Nichtbinarität lassen sich kategorisierungstheoretisch fassen: Ian Hacking stellt mit Bezug auf verschiedene „human kinds“ heraus: „The category and the people in it emerged hand in hand.“[18] Mit dem Aufkommen und der Verbreitung einer neuen Personenkategorie entsteht auch eine unbestimmte Zahl an Individuen, die mit ihr das eigene Erleben entsprechend deuten und sich darin verorten können. Die Wirkmächtigkeit zeigt sich dann im alltäglichen Leben: Personenkategorien schaffen und strukturieren Wirklichkeit und erzeugen Möglichkeitsräume affektiv-leiblichen Erlebens. Die kategorisierten Personen können wiederum auf die jeweilige Kategorie zurückwirken und diese verändern, Hacking beschreibt das als „looping effects“.[19]
Geschlechtskategorien können mit solch einem Verständnis als kontingent gefasst werden. So ging die Zweigeschlechtlichkeit, wie wir sie kennen, aus veränderten Machtverhältnissen innerhalb westlicher Gesellschaften durch die Aufklärung hervor:[20] „Frauen sollten unvergleichliche Körper haben, damit sie nicht die gleichen Rechte beanspruchen konnten.“[21] Zweigeschlechtlichkeit erschien quasi natürlich – zum einen durch die Entgegensetzung von Familien- und Erwerbsleben, zum anderen aufgrund einer (sexuellen) Bezogenheit beider Geschlechter aufeinander.[22] Somit wurde Geschlecht im Körper verortet und mit zwei verschiedenen, voneinander zu trennenden Lebensbereichen verknüpft. Aufgrund medizinischer Fortschritte war Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals eine Veränderung des Körpers in Bezug auf das Geschlecht möglich, woraufhin die Kategorie Transsexualität entstand, unter der all diejenigen subsummiert wurden, „who wish to ‚change sex‘“.[23] Unter anderem durch eine Entbiologisierung von Geschlecht durchlief diese Kategorie in den folgenden Jahrzehnten – mit Hacking gesprochen – einen Loop und veränderte sich. Ausprägungen von Geschlecht galten fortan als Bestandteil der Identität: Ein Wechsel der geschlechtlichen Kategorie hing bei als transgeschlechtlich bezeichneten Personen mit einer Identifizierung mit dem jeweils anderen Geschlecht zusammen.[24] Aufgrund meiner ersten Analysen gehe ich davon aus, dass es sich bei der aktuell entstehenden Geschlechtskategorie Nichtbinarität um einen Loop im Anschluss an die Kategorie transgeschlechtlich handelt.[25]
Damit begreife ich die Umkämpftheit der Kategorie als Aspekt ihres Institutionalisierungsprozesses. Hervorgegangen aus historischen Entwicklungen wird sie nach und nach zu einem bekannten, denk- und erlebbaren Allgemeingut und kann gegebenenfalls als objektive Wirklichkeit empfunden werden.[26] Mit Gesa Lindemann lässt sich dies leibtheoretisch konkretisieren: „Im Rahmen des selbstverständlichen Ablaufs institutioneller Handlungszusammenhänge beziehen sich leibliche Akteure routiniert aufeinander“,[27] dies vollzieht sich vor dem Hintergrund der Selbstverständlichkeit von Erwartungsstrukturen. Nichtbinarität ist als Kategorie dann institutionalisiert, wenn Personen ganz selbstverständlich genauso auf Nichtbinarität referiert können wie auf weiblich und männlich – ohne sich beziehungsweise ihr Geschlecht erklären zu müssen.[28] Damit fasse ich Nichtbinarität als einen aktuell entstehenden Möglichkeitsraum geschlechtlichen Verortung. Sie eröffnet ein affektiv-leibliches Erleben, das ohne diese Kategorisierung nicht existieren würde. Damit ist der Institutionalisierungsprozess auch für das körperlich-leibliche Erleben relevant und kann als solcher untersucht werden.
Meine konkreten Analysen zielen genau darauf: Wie institutionalisiert sich die Kategorie Nichtbinarität affektiv-leiblich in Intimbeziehungen und mit Bezug auf Kategorien sexueller Orientierung, das heißt, wie wird sie zu einem Möglichkeitsraum geschlechtlichen Erlebens? Aus einer leibtheoretisch fundierten Perspektive lassen sich weitere Fragen an das Feld stellen: Wie vollzieht sich die Institutionalisierung von Nichtbinarität im Kontext von Intimbeziehungen und sexueller Orientierung? Wovon ist der Entstehungsprozess einer Personenkategorie gekennzeichnet, den wir aktuell empirisch beobachten können? Die Umkämpftheit von Nichtbinarität wird also produktiv gewendet, indem sie zum Ausgangspunkt der Betrachtung gemacht und als Ausdruck eines derzeit vonstattengehenden Institutionalisierungsprozesses begriffen wird.
Nichtbinarität als Differenzierungsirritation (Simeon Jäkh)
In meiner Forschung frage ich nicht, wer nichtbinär ist oder welches Geschlecht jemand hat, sondern durch welche Praktiken Nichtbinarität hervorgebracht, zugewiesen und bestritten wird. Dabei geraten jene Grenzziehungspraktiken rund um die Kategorie Nichtbinarität in den Blick, die Teil des oben angesprochenen Institutionalisierungsprozesses sind. Angelehnt an Rogers Brubakers thinking with trans[29] lässt sich mein Ansatz als thinking with nonbinary zuspitzen: Nichtbinarität als Denkfigur nutzen, die sichtbar macht, wie Differenzordnungen funktionieren. Eine solche Herangehensweise befasst sich statt mit der Ontologie von Kategorien – Was ist Geschlecht? – mit den Praktiken, durch die Menschen differenziert, klassifiziert und positioniert werden. Entscheidend ist die Kontingenz: Differenzierungen können hervorgebracht, aber auch (situativ) irrelevant (gemacht) werden.[30]
Was sich empirisch bereits abzeichnet, ist zunächst ein Kategorisierungszwang, der auch dort wirksam bleibt, wo er explizit zurückgewiesen wird: „Irgendwas muss man ja sein, und wenn man nichts ist, dann ist man Agender.“ Selbst das vermeintliche Nichts-Sein wird eingeordnet. Innerhalb der Kategorie selbst wirken Normierungen, die regulieren, wer als ‚wirklich‘, also authentisch nichtbinär gilt. Hier herrschen insbesondere Androgynitätserwartungen: Nur wer uneindeutig genug erscheint, gilt als glaubwürdig. „Du siehst aber schon ziemlich weiblich aus für nichtbinär.“ Die Interviewten berichteten darüber hinaus von Situationen, in denen diese Normierung nichtbinärer Sichtbarkeit – also eine gewisse Art und Weise, Nichtbinarität körperlich, ästhetisch und sprachlich darzustellen – auch zu Ausschlüssen führte: „Ich bin nicht in den FLINTA-Space reingekommen. Obwohl ich jedes Kästchen da kreuzen kann. Ich bin ‚als Frau‘ geboren, hab als Lesbe gelebt, dann als trans Mann und jetzt Agender. An der Tür sehen die nur ‚Mann‘ und ciao.“ Das visuelle Passing als cis Mann überdeckte hier alle anderen Zugehörigkeiten.
Der Grounded Theory folgend haben sich Dis/Ability, Intergeschlechtlichkeit und Neurodivergenz materialgeleitet als Mehrfachzugehörigkeiten aufgedrängt. Sie verschränken sich mit geschlechtlicher Kategorisierung, sowohl darin, wie Personen gelesen werden, als auch darin, wie sie sich selbst verorten. Die theoretische Perspektive der Humandifferenzierung macht dies zugänglich, denn sie fragt ergebnisoffen danach, welche Kategorisierungen wann und wo relevant werden.[31]
Dis/Ability kann die binäre Geschlechterordnung außer Kraft setzen. So formulierte eine Person im Rollstuhl: „Es gibt Frau, Mann oder Behindert.“ Behinderung fungiert hier nicht als zusätzliche Differenzachse, sondern als dritte Geschlechtskategorie. Was zunächst Exklusion bedeutet – den Ausschluss aus der gesellschaftlich etablierten Zweigeschlechtlichkeit –, eröffnet auch Handlungsspielräume. Die Person berichtete, sich „schon als Kind nichtbinär geoutet“ zu haben, weil geschlechtliche Normen durch die Marginalisierung aufgrund von Dis/Ability bereits außer Kraft gesetzt waren. Eine andere Person begann nach einer späten Autismusdiagnose, „alle Masken slippen zu lassen“, und entdeckte, dass „auch dieses Weibliche eine Maske war“. Mit der Diagnose wurde für die Person die „Geschlechterperformanz“ sicht- und artikulierbar. Das frühere „Masking“ aufgrund der Neurodivergenz deutete sie rückblickend als Anpassung an eine geschlechtliche Kategorie, die nie „gepasst“ hat. Dabei wird die zeitliche Dimension deutlich: Die Selbstbeschreibung nichtbinär stand der Person früher nicht zur Verfügung.
In Bezug auf Intergeschlechtlichkeit zeigt sich in meinem Interviewmaterial eine Grenzziehung, die den gesamten Diskurs um Nichtbinarität prägt.[32] Inter Körper gelten in wissenschaftlichen wie alltagsweltlichen Debatten häufig als Beleg dafür, dass die Natur nichtbinär ist. Damit setzt auch diese Argumentationsfigur die Natürlichkeit des Körpers als Ausgangspunkt, von dem aus sich Aussagen über Geschlecht ableiten lassen. Die Natur bleibt die Wahrheitsinstanz, statt ‚die Natur ist binär‘ heißt es nun ‚die Natur ist ein Spektrum‘. Manche inter Personen grenzen sich explizit von Nichtbinarität ab und wehren sich gegen Vereinnahmung. Ihre Erfahrung sei keine „gewählte Positionierung“, sondern „eine körperliche“. Auch hier gibt es eine Natur/Kultur-Unterscheidung: der unveränderliche Körper auf der einen, kulturelle Identifikation auf der anderen Seite. Aus Perspektive der Humandifferenzierung ist dies keine gegebene Sphärentrennung,[33] sondern eine kontingente ontologische Grundunterscheidung, die hier jedoch als Wahrheitsinstanz fungiert. Damit ist sie eine produktive Praxis im Sinne Foucaults, sie bringt hervor, was sie zu beschreiben vorgibt.[34]
Diese Befunde verdichten sich zu einer soziologischen Grundeinsicht: Man kann nicht außerhalb von Kategorien existieren, ohne dass dieses Außerhalb selbst zur Kategorie wird. Das ist die Pointe des thinking with nonbinary. Nichtbinarität macht die Unvermeidbarkeit von Kategorien sichtbar. Zugleich zeigen die Beispiele, dass Kategorisierungen situativ oder dauerhaft verschoben, überlagert und ersetzt werden können. Gerade deshalb ist Nichtbinarität als epistemisches Werkzeug produktiv: nicht als Antwort auf die Frage, was Geschlecht ist, sondern als Irritation, die zeigt, wie Geschlecht gemacht wird.
Umkämpftheit als Ressource
Unsere beiden Zugänge beleuchten denselben Gegenstand von zwei Seiten: Elena Erstling fragt, wie Nichtbinarität als Personenkategorie entsteht, die Menschen als Selbstbeschreibung und -positionierung für sich in Anspruch nehmen können, wie sie zu einem Möglichkeitsraum geschlechtlichen Erlebens wird und sich in Begehren und Beziehungspraxen einschreibt. Simeon Jäkh fragt, wie sich der Kampf um die Identifizierungsmöglichkeiten konkret vollzieht, wer in eine Kategorie eingeordnet wird, wer nicht und welche anderen Differenzachsen dabei eine Rolle spielen. Die eine Perspektive zeigt den Institutionalisierungsprozess der Kategorie, die andere die Kämpfe um ihre Grenzen. Zusammengenommen wird sichtbar: Ein solch umkämpfter Gegenstand lässt sich soziologisch nur greifen, indem wir seine Prozesshaftigkeit zum Ausgangspunkt machen. Anstatt zu fragen, ob es (il-)legitim ist, sich so zu verorten, und was Nichtbinarität denn jetzt ist, können wir das Entstehen und die Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen und Logiken beobachten und untersuchen. Wird die Umkämpftheit nicht thematisiert, spielt sie in den Vorannahmen der Forschung, in der Auswahl der Fragen, in der Sprache implizit eine Rolle. Wer die Umkämpftheit jedoch explizit macht, gewinnt einen ausgesprochen produktiven analytischen Hebel.
Fußnoten
- Lydia Meyer, Warum die Zukunft nicht binär ist [13.5.2026], in: Die Zeit, 17.4.2023.
- Chantal Louis, ESC: Was soll das, Nemo? [13.5.2026], in: Emma, 21.6.2024.
- Kadji Amin, We Are All Nonbinary. A Brief History of Accidents, in: Representations 158 (2022), 1, S. 106–119.
- Eric Llaveria Caselles, Trans Materialist Critique as Feminist Practice. Lessons from a Polemic against Nonbinary Identities [13.5.2026], in: Frontiers in Sociology. Gender, Sex and Sexualities, 10 (2025).
- Elena Erstling, Nichtbinarität als Kategorie ‚in the making‘, in: Soziologie 55 (2026), 1, S. 86–96.
- Insbes. Gesa Lindemann, Das paradoxe Geschlecht. Transsexualität im Spannungsfeld von Körper, Leib und Gefühl [1993], 2. Aufl., Wiesbaden 2011.
- Helmuth Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie, Berlin / Boston, MA 1975.
- Ian Hacking, Menschenarten. The Looping Effects of Human Kinds, mit einem Vorw. von Josef Zwi Guggenheim und einem Nachw. von Peter Schneider, übers. von Petra Kunstenaar, Zürich 2012; ders., Making up People, in: Edward Stein (Hg.), Forms of Desire. Sexual Orientation and the Social Constructionist Controversy [1990], New York 2013, S. 69–88.
- Anselm Strauss / Juliet Corbin, Grounded Theory. Grundlagen Qualitativer Sozialforschung, mit einem Vorw. zur dt. Ausg. von Heiner Legewie, übers. von Solveigh Niewiarra und Heiner Legewie, Weinheim 1996.
- Ulle Jäger / Tomke König, Geschlecht anders erforschen – mit erlebensbezogenen Interviews [13.5.2026], in: IZGOnZeit. Onlinezeitschrift des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZG) (2017), 6, S. 5–22.
- Stefan Hirschauer / Birgit Heimerl / Anika Hoffmann / Peter Hofmann, Soziologie der Schwangerschaft. Explorationen pränataler Sozialität, Stuttgart 2014.
- Stefan Hirschauer, Un/doing Differences. Die Kontingenz sozialer Zugehörigkeiten, in: Zeitschrift für Soziologie 43 (2014), 3, S. 170–191. Das Konzept wurde unter anderem im Rahmen des SFB 1482 „Humandifferenzierung“ an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (weiter-)entwickelt.
- Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit, Bd. 1: Der Wille zum Wissen, übers. von Ulrich Raulff und Walter Seitter, Frankfurt am Main 1977; Simeon Jäkh, Die Herstellung und das Scheitern der Zweiheit. Geschlecht als historisches Klassifikationsregime, in: Zeitschrift für Kultur- und Kollektivwissenschaft 12 (2026), 1 (im Erscheinen).
- Strauss/Corbin, Grounded Theory.
- Carsten G. Ullrich, Das Diskursive Interview. Methodische und methodologische Grundlagen, Wiesbaden 2020.
- Stefan Hirschauer / Klaus Amann (Hg.), Die Befremdung der eigenen Kultur. Zur ethnographischen Herausforderung soziologischer Empirie, Frankfurt am Main 1997.
- Angelehnt an Adele E. Clarke, Situationsanalyse. Grounded Theory nach dem Postmodern Turn, hrsg. und mit einem Vorw. von Reiner Keller, übers. von Juliane Sarnes, Wiesbaden 2012.
- Ian Hacking, Historical Ontology, London / Cambridge, MA 2002, S. 107 (dt. Ausg.: Historische Ontologie, übers. von Joachim Schulte, Zürich 2006.
- Hacking, Menschenarten.
- Der Historiker Thomas Walter Laqueur zeichnet die Entwicklung vom Ein-Geschlecht-Modell hin zur in der (westlichen) Moderne vorherrschenden Zweigeschlechtlichkeit nach: Bis zum 18. Jahrhundert herrschte die Vorstellung vor, es gebe keine vom Körper ausgehende Differenzierung in verschiedene Geschlechter, sondern ein Geschlecht, das (un-)vollständig ausgeprägt sein kann. Ders., Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud, übers. von H. Jochen Bussman, Frankfurt am Main / New York 1992. Mit der Aufklärung wurde die Differenzierung in zwei Geschlechter im Körper verortet und in der Form, die wir heute kennen, verfestigt. Es handelt sich also um eine qualitative Veränderung in der Vorstellung von Geschlecht. Siehe auch Marion Müller, Geschlecht und Ethnie. Historischer Bedeutungswandel, interaktive Konstruktion und Interferenzen, Wiesbaden 2003, S. 10–43; interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Ausführungen von Barbara Duden, Geschichte unter der Haut. Ein Eisenacher Arzt und seine Patientinnen um 1730, Stuttgart 1987.
- Stefan Hirschauer, Geschlechts(in)differenz in geschlechts(un)gleichen Paaren. Zur Geschlechterunterscheidung in intimen Beziehungen, in: Alessandra Rusconi / Christine Wimbauer / Mona Motakef / Beate Kortendiek / Peter A. Berger, Paare und Ungleichheit(en). Eine Verhältnisbestimmung (= Sonderheft 2 der Gender), Leverkusen 2013, S. 37–56, hier S. 47.
- Karin Hausen, Die Polarisierung der „Geschlechtercharaktere“. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben, in: Werner Conze (Hg.), Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas. Neue Forschungen, Stuttgart 1976, S. 363–393.
- Salvador Vidal-Ortiz, Transgender and Transsexual Studies. Sociology’s Influence and Future Steps, in: Sociology Compass 2 (2008), 2, S. 433–450, hier S. 435.
- Ebd.
- Erstling, Nichtbinarität als Kategorie ‚in the making‘.
- Peter L. Berger / Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, mit einer Einl. zur dt. Ausg. von Helmuth Plessner, übers. von Monika Plessner, Frankfurt am Main 1966, S. 58 ff.
- Gesa Lindemann, Verfahrensordnungen der Gewalt, in: Zeitschrift für Rechtssoziologie 37 (2017), 1, S. 57–87, hier S. 61.
- Damit soll nicht impliziert werden, dass Personenkategorien irgendwann ‚fertig‘ institutionalisiert sind. Vielmehr befinden sie sich immer in Veränderung.
- Rogers Brubaker, Trans. Gender and Race in an Age of Unsettled Identities, Princeton, NJ 2016.
- Hirschauer, Un/doing Differences, S. 181 ff.
- Vgl. Stefan Hirschauer / Tobias Boll, Un/doing Differences. Zur Theorie und Empirie eines Forschungsprogramms, in: Stefan Hirschauer (Hg.), Un/doing Differences. Praktiken der Humandifferenzierung, Weilerswist 2017, S. 7–28, hier S. 10.
- Vgl. Lena Eckert, ‚Diagnosticism‘. Three Cases of Medical Anthropological Research into Intersexuality, in: Morgan Holmes (Hg.), Critical Intersex, Farnham 2009, S. 41–71, insbes. S. 41, S. 53, S. 61 und S. 65. Eckert zeigt, wie medizinische Diagnosepraxen erst die Kategorie hervorbringen, die sie zu beschreiben vorgeben. Die Begriffe inter und Intergeschlechtlichkeit werden hier in Kenntnis dieser Problematik verwendet: als analytisch-pragmatische Arbeitsbegriffe, die den Selbstbeschreibungen der interviewten Personen folgen, nicht als naturalisierende Kategorien.
- Hirschauer, Un/doing Differences, S. 186.
- Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, übers. von Walter Seitter, Frankfurt am Main 1977, S. 250.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Henriette Liebhart.
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