Angelika Poferl | Nachruf | 13.11.2025
Elisabeth Beck-Gernsheim (1946–2025)
Ein Nachruf
„Ich habe zunächst mit einer Untersuchung über ‚Frau und Beruf‘ begonnen; mich dann immer stärker auch für das Thema ‚Frau und Familie‘ interessiert; dabei sehr genau auch die politische Diskussion um den Geburtenrückgang verfolgt (mit all den emotional aufgeladenen Schlagworten, von der ‚sterbenden Nation‘ bis zum Appell an die ‚neue Mütterlichkeit‘); vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen arbeite ich zur Zeit an einer Untersuchung zum Thema ‚Elternschaft heute‘.“[1]
Mit diesen Worten beschreibt Elisabeth Beck-Gernsheim in einer Publikation aus dem Jahre 1983 die von ihr bis dahin als Wissenschaftlerin und Autorin bearbeiteten Felder. Sie nennt thematische Schwerpunkte und Problemstellungen, die – rückblickend – auch in ihrem späteren Werk relevant bleiben, aber erweitert und durch andere, neue Themen ergänzt werden. Auffallend ist der sprachliche Stil des Eintrags: unprätentiös, prägnant, selbstbewusst. Hier gibt eine Autorin über sich Auskunft, und genau darum geht es an der zitierten Stelle: Es ist die Selbstbeschreibung von Elisabeth Beck-Gernsheim im Abschnitt „Über die Autorinnen“ aus dem Frauenhandlexikon. Stichworte zur Selbstbestimmung (1983). Sie hat in diesem, bis heute sehr lesenswerten Nachschlagewerk den Beitrag zum Stichwort „Arbeitsvermögen“ verfasst – und darin ein Konzept erläutert, das auf der Grundlage ihrer eigenen Untersuchungen und der Aufarbeitung von Literaturlagen der damals im Entstehen begriffenen Frauenforschung entstanden ist.
Das Konzept des Arbeitsvermögens bezieht sich im Prinzip auf beide Geschlechter. Breit aufgenommen wurde im wissenschaftlichen Diskurs – und das gilt bis heute – jedoch insbesondere der Begriff des „weiblichen Arbeitsvermögens“, in dem Beck-Gernsheim die historischen und gesellschaftlichen Hintergründe, aber auch die Folgen der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern theoretisch wie empirisch verdichtet. Die unterschiedliche Vergesellschaftung von Frauen und Männern hinsichtlich ihrer Einbindung in Beruf und Familie resultiere in unterschiedlichen Lebensläufen, Alltagserfahrungen und Handlungsmöglichkeiten. Sie habe zudem eine geschlechtliche Differenzierung hinsichtlich Erwerbsarbeits- und Berufswelt einerseits, Familie und Hausarbeit andererseits erzeugt, die von Unterordnung und Ungleichheit geprägt sei. Das zöge Konsequenzen für die Selbst- und Fremdwahrnehmung, die Identität, die Entwicklung von Umgangsformen und Gegenstrategien von Frauen nach sich. Beck-Gernsheim weist Idealisierungen entschieden zurück, zugleich gelingt es ihr, auch in dieser kurzen Ausführung die Bedingungen, Barrieren und Blockaden, die Widersprüche und Besonderheiten im weiblichen Lebenszusammenhang zu verdeutlichen. Sie greift hierbei auf zentrale Topoi und Titel der damaligen Diskussion wie Die Stärke weiblicher Schwäche (Jean Baker Miller 1977), Listen der Ohnmacht (herausgegeben von Claudia Honegger und Bettina Heintz 1981), auf Arbeiten von Ilona Ostner zu Beruf und Hausarbeit (1978) und auf ihr eigenes Buch Der geschlechtsspezifische Arbeitsmarkt. Zur Ideologie und Realität von Frauenberufen (1976) zurück.
Ich möchte an dieser Stelle insbesondere an zwei weitere Publikationen aus ihren frühen Jahren erinnern, die exemplarisch für Beck-Gernsheims Schaffen sind. Mit ihrer Arbeit über Das halbierte Leben. Männerwelt Beruf – Frauenwelt Familie (1980) legte sie einen Grundstein dafür, die Ausdifferenzierung des weiblichen Lebenszusammenhangs (ein Begriff, den auch Ulrike Prokop geprägt hat) mit einem breit angelegten Zugang zu erforschen. Mit ihrem in der Zeitschrift Soziale Welt erschienenen Aufsatz Vom ‚Dasein für Andere‘ zum Anspruch auf ein Stück ‚eigenes Leben‘: Individualisierungsprozesse im weiblichen Lebenszusammenhang (1983) schlägt Beck-Gernsheim schließlich ein ganz eigenes Kapitel der neueren Individualisierungstheorie auf. Empirisch informiert, theoretisch versiert und methodisch sensibilisiert arbeitet sie die Charakteristika und Spezifika weiblicher Individualisierung heraus, die auf anders gelagerten historischen wie institutionellen Voraussetzungen beruht, andere Erscheinungsformen annimmt, andere Folgen für die sozialen Lagen und Lebensperspektiven von Frauen hat und dem nachzugehen auch die Interpretationsabhängigkeit der Forschung herausfordert. Behandelt werden die Veränderungen der weiblichen „Normalbiographie“[2], in denen sich ein historisch spezifischer, oftmals unauffälliger, aber gesellschaftlich und politisch bedeutsamer Strukturwandel ausdrückt. ‚Objektive‘ Entwicklungen in Bildung, Beruf, Sexualität und Partnerbeziehung verweisen demnach auf Veränderungen des äußeren, sozialstrukturellen Gerüsts, die sich vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die 1980er-Jahre hinein erstrecken. Beck-Gernsheims „eigentlich interessierende Frage“ zielt jedoch auf die ‚subjektiven‘ Folgewirkungen, die unter der Oberfläche der Daten verborgen liegen: „Wo sind damit im Wechsel der Frauengenerationen neue biographische Entwicklungslinien entstanden, die hineinführen in ein neues Stadium der weiblichen Normalbiographie: in die Hoffnung, aber auch den Zwang zu einem Stück ‚eigenen Leben‘?“[3]
Beck-Gernsheim diagnostiziert einen „‚Individualisierungsschub‘“[4], der Frauen – im Generationenvergleich – aus der unmittelbaren und ausschließlichen Bindung an Familie und dem damit verbundenen Gebot der Selbstzurücknahme und Selbstaufgabe herauslöse, gleichwohl aber – im Vergleich zwischen Frauen und Männern – durch anhaltende und prospektiv sich verschärfende soziale Ungleichheiten gekennzeichnet sei. Die Eigentümlichkeit des „‚unvollständig‘“ gebliebenen Individualisierungsprozesses für Frauen besteht demnach in einem „Zwischenstadium“ von „‚Nichtmehr‘ und ‚Noch-nicht‘“[5]; Annäherungen der weiblichen und männlichen Normalbiographie gingen mit zusätzlichen, neuartigen und spezifischen Risiken für Frauen einher. Die Lebensperspektiven von Frauen seien „‚vorbildlos‘“, „offener und ungeschützter“[6] als früher, mit neuen Handlungsspielräumen, Entscheidungsmöglichkeiten und Lebenschancen, aber auch mit neuen Unsicherheiten, Konflikten und Zwängen verbunden. Individualisierung wird von Beck-Gernsheim ausdrücklich als eine vielschichtige, komplexe und in sich widersprüchliche Konstellation begriffen.
Es ist hier nicht der Ort, einen auch nur annähernd vollständigen Überblick über Werk und Wirken von Elisabeth Beck-Gernsheim zu geben. Sie hat in einem über mehrere Jahrzehnte währenden Schaffen maßgebliche Beiträge zur Arbeits- und Berufssoziologie, zur Soziologie der Familie und der Geschlechterverhältnisse, der Reproduktion und Technikentwicklung, der Migration, des Umgangs mit ethnischer und kultureller Differenz, zur soziologischen Individualisierungstheorie und damit zu Kernthemen und -fragen der Transformation von Moderne verfasst. Ihre Forschung führt weit über die genannten Schwerpunkte der Anfangsjahre hinaus, dennoch sind sie die Basis ihres Schaffens. Spätere Arbeiten – um nur einige herauszugreifen – sind mit den Fallstricken eines Denkens in ethnischen und nationalen Zugehörigkeiten befasst, dem geht Beck-Gernsheim in Juden, Deutsche und andere Erinnerungslandschaften. Im Dschungel der ethnischen Kategorien (1999) nach. Welche Bedeutung und welche Konsequenzen soziale Transformationen für Frauen haben, wird unter anderem in einer gemeinsamen Publikation von Elisabeth Beck-Gernsheim, Judith Butler und Lídia Puigvert (engl. Übersetzung 2003) behandelt.[7] Dort wie auch in ihrem Buch Wir und die anderen. Vom Blick der Deutschen auf Migranten und Minderheiten (2004) setzt die Autorin sich vor allem mit Fragen der (Im-)Migration auseinander. Familien- und geschlechtersoziologische Forschungsinteressen spiegeln sich beispielsweise in den Büchern Was kommt nach der Familie? Einblicke in neue Lebensformen (1998) und Die Kinderfrage heute. Über Frauenleben, Kinderwunsch und Geburtenrückgang (2006) wider, wobei sie mit letzterem an einen ihrer Titel von 1988 anknüpft.
Elisabeth Beck-Gernsheim wurde 1946 in Freiburg im Breisgau geboren. Sie studierte in den 1960er-Jahren Soziologie, Psychologie und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, promovierte 1973 mit einer Arbeit über „Wissenssoziologie im Bezugsrahmen des theoretischen Pluralismus. Untersuchungen zur wechselseitigen Kritik von Wissenssoziologie, Wissenschaftstheorie und Sozialpsychologie“ und habilitierte 1986 mit der Schrift Geburtenrückgang und Kinderwunsch. Zur Sozialgeschichte der Mutterschaft im 19. und 20. Jahrhundert – ein Thema, zu dem 1984 auch ihr Buch Vom Geburtenrückgang zur neuen Mütterlichkeit? Über private und politische Interessen am Kind erschienen ist. Sie hatte mehrere Postgraduierten-Stipendien, darunter ein Doktorandenstipendium der Universität München, ein interkulturelles Austauschstipendium der Stiftung Studienkreis, ein Habilitationsstipendium sowie ein Heisenbergstipendium der DFG. Beck-Gernsheim war Gastprofessorin an der Universität Gießen und an der LMU München, Professorin für Soziologie zunächst an der Universität Hamburg, dann seit 1994 an der Universität Erlangen-Nürnberg und nahm mehrere Fellowships wahr (1996 an der Universität Cardiff, 1997 bis 1998 am Wissenschaftskolleg zu Berlin, 2002 bis 2003 am Hamburger Institut für Sozialforschung). Nach ihrer Emeritierung im Jahr 2009 war sie bis 2012 Gastprofessorin an der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Trondheim (Norwegen), von 2013 bis 2016 Senior Research Fellow an der LMU München und seit 2016 Seniorprofessorin der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Beck-Gernsheim gehörte in der Soziologie und Frauen- und Geschlechterforschung der sogenannten „ersten Generation von Professorinnen an der Universität“ (Ulrike Vogel, 2006) an.
Gegenwärtige Entwicklungen der Geschlechterverhältnisse, der Familien- und Arbeitsformen, der Reproduktions- und Gentechnologie, des trans- und interkulturellen Zusammenlebens verweisen auf die ungebrochene Aktualität bereits der früheren Arbeiten von Elisabeth Beck-Gernsheim, aber auch ihres gesamten Schaffens. Sie hat gezeigt, welche Brisanz gesellschaftlichem Wandel innewohnt und welche Herausforderungen damit verbunden sind – sowohl für Institutionen, für das Handeln von Individuen als auch für das gesellschaftliche Engagement, das es sich nicht zu leicht machen darf: plakative Diagnosen, identitätspolitischer Furor oder naive Steuerungsfantasien lassen sich aus Beck-Gernsheims Arbeiten dezidiert nicht ableiten und wären fehl am Platz. Dass es in ihren Schriften stets um beide Analyseebenen geht – um die Befassung mit makrotheoretisch relevanten historisch-gesellschaftlichen Strukturgegebenheiten und -prozessen ebenso wie um mikrotheoretisch relevante Folgen für die Menschen und ihren Alltag – verweist auf einen prägenden Hintergrund: Beck-Gernsheim nimmt die Perspektive einer subjektorientierten Soziologie ein, die auf den Münchner Lehrer Karl Martin Bolte zurückgeht, bei dem sie auch ihre erste Stelle als Assistentin hatte und mit der Leitung des Forschungsprojekts „Frau und Beruf“ betraut war. Sie arbeitete in ihrer früheren Münchner Zeit unter anderem eng mit Ilona Ostner und Maria S. Rerrich zusammen; mit letzterer führte sie ein eigenständiges Forschungsprojekt mit dem Titel „Elternschaft und gesellschaftliche Individualisierungsprozesse“ durch. Die sie interessierenden Problemstellungen führten sie von der Wissens- und allgemeinen Soziologie zur Frauen- und Geschlechterforschung sowie in verschiedene andere Gebiete. Dabei beschränkte sich ihr Schaffen nie auf Nischenthemen, vielmehr verfolgte sie die Auseinandersetzung mit soziologischen Fragen der Theoriebildung und Forschung stets auch aus einer Geschlechterperspektive. Elisabeth Beck-Gernsheim ist in wissenschaftlicher Hinsicht unbestreitbar ihre eigenen Wege gegangen – für sich alleine, im produktiven, engagierten und an verschiedensten Sichtweisen interessierten Austausch mit anderen und auch in Zusammenarbeit mit ihrem Kollegen und Ehemann Ulrich Beck. Es existieren etliche Schriften aus der gemeinsamen Feder der beiden, die ein kongeniales Denken und Schreiben bezeugen, das sich über Jahrzehnte wechselseitig beflügelt hat.
Im Dezember 2024 fand unter dem Titel „Anerkennung – Autonomie – Alltag“ an der LMU München ein von Paula-Irene Villa Braslavsky und Maria Rerrich organisiertes Symposium statt, an dem Weggefährt:innen und Kolleg:innen teilnahmen. Es verdeutlichte eindrucksvoll Werk und Wirken von Elisabeth Beck-Gernsheim in seiner Bandbreite und Fülle, betonte den bekannt klaren, um Verständlichkeit bemühten Stil ihres Schreibens. Es machte aber auch auf nachdenkliche, zweifelnde Töne aufmerksam, die Elisabeth Beck-Gernsheim in der Auseinandersetzung mit Fragen der Herkunft und Zugehörigkeit anklingen ließ.
Im Herbst 2025 wurde Elisabeth Beck-Gernsheim von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie mit dem Preis für das wissenschaftliche Lebenswerk ausgezeichnet, der ihr auf dem 42. Kongress der DGS an der Universität Duisburg-Essen, Campus Duisburg, verliehen wurde. Die Laudatio von Paula-Irene Villa Braslavsky belegte ein weiteres Mal die Bedeutsamkeit ihres Schaffens. Elisabeth Beck-Gernsheim hat sich sehr über die Würdigung gefreut, konnte den Preis aus gesundheitlichen Gründen aber nicht mehr selbst entgegennehmen. Sie ist am 22. Oktober 2025 nach langer, schwerer Krankheit verstorben. Ihre Arbeiten finden international Anerkennung über die verschiedenen wissenschaftlichen Lager hinweg. Sie hat nicht nur ihre eigene, sondern auch die nachfolgende Generation entscheidend geprägt, ihr Vermächtnis wird erhalten bleiben.
Fußnoten
- Selbstbeschreibung von Elisabeth Beck-Gernsheim im Abschnitt „Über die Autorinnen“, in: Johanna Beyer / Franziska Lamott / Birgit Meyer, Frauenhandlexikon. Stichworte zur Selbstbestimmung, München 1983, S. 341.
- Elisabeth Beck-Gernsheim, Vom ‚Dasein für Andere‘ zum Anspruch auf ein Stück ‚eigenes Leben‘: Individualisierungsprozesse im weiblichen Lebenszusammenhang, in: Soziale Welt 34 (1983), 3, S. 308.
- Ebd., S. 310; Hervorhebung im Original.
- Ebd., S. 309; Hervorhebung im Original.
- Ebd., S. 309; Hervorhebung im Original.
- Ebd., S. 309; Hervorhebung im Original.
- Elizabeth Beck-Gernsheim / Judith Butler / Lídia Puigvert, Women and Social Transformation, übersetzt von Jacqueline Vaida, New York 2003.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.
Kategorien: Care Familie / Jugend / Alter Feminismus Gender Gesellschaft Gesellschaftstheorie
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