Sebastian Huhnholz | Rezension |

Ferdinand Tönnies und der verkannte Thomas Hobbes

Rezension zu „Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe. Band 3,2 1896–1925, Thomas Hobbes. Leben und Lehre“ von Jens Herold (Hg.)

Jens Herold (Hg.):
Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe. Band 3,2 1896–1925, Thomas Hobbes. Leben und Lehre
Deutschland
Berlin 2025: Walter de Gruyter
658 S., 259 EUR
ISBN 9783111634869

Mit mehr als 650 Seiten ist als zweiter Teilband eines im nächsten Jahr zu komplettierenden dritten Bandes in der Ferdinand-Tönnies-Gesamtausgabe ein Zeit seines akademischen Lebens für ihn bedeutendes Buch von Ferdinand Tönnies (1855-1936) kritisch ediert worden, das obendrein auch wissenschaftsgeschichtlich bedeutend ist, da von einer ernsthaften Hobbes-Forschung in Deutschland vor Tönnies nicht ohne Weiteres ausgegangen werden darf.[1] Die Rede ist von Thomas Hobbes. Leben und Lehre, erschienen erstmals 1896 im Stuttgarter Frommann-Verlag, 1912 nachbereitet für den Leipziger Verlag Zickfeldt unter dem Titel Thomas Hobbes: Der Mann und der Denker mit einer Auflage von nicht weniger als 1.100 Exemplaren und 1925 in letzter, dritter und nochmals vermehrter Auflage erneut bei Frommann publiziert. Aufbereitet, so hervorragend wie ausgiebig kommentiert und herausgegeben wurde der nun vorliegende Gesamtausgabenband von dem Historiker Jens Herold.

Als Tönnies’ Buch erstmals erschienen war, vermerkt Herold treffend, „waren selbst die versierteren Rezensenten keine Hobbes-Spezialforscher, sondern höchstens ‚Hobbes-Kenner‘, die sich mit dem englischen Philosophen innerhalb ihrer philosophiegeschichtlichen oder auch ethisch-philosophischen Fragestellungen beschäftigt hatten“ (S. 474). Selbstbewusst hatte Tönnies die Erstausgabe begonnen. In Hobbes’ Heimatland gehöre „es gewissermassen zur Bildung […], einen Schriftsteller nicht zu lesen“. Hobbes bleibe „literarisch deklassiert; die spitzen Ellenbogen der Respektabilität haben ihn von sich gestossen“ (S. 7 [Vorwort von 1885]). Hobbes, der Unbekannte, Hobbes, der Verfemte, Hobbes, der Unverstandene – aber auch: der eigentliche Gedankenlieferant der modernen Welt. So begann der lehrstuhllose Tönnies, der sich gerade verheiratet hatte und als republikanisch engagierter Privatdozent in Hamburg mit dem Hafenarbeiterstreik zu sympathisieren begann, seine zur Monographie erweiterte Pionierarbeit.

Ab 1879 hatte er sich mit einer vierteiligen Serie von Artikeln schlagartig als der Spezialist der Hobbes-Forschung positioniert. Mit ihnen – nicht mit Gemeinschaft und Gesellschaft – habilitierte er sich an der Universität Kiel. Auf diesen Artikeln basierte das Hobbes-Buch; sie begünstigten weitere „quellennahe[] Veröffentlichungen […], darunter zwei Editionen von bis dahin weniger bekannten Werken von Thomas Hobbes“ (S. XI). Beflissen korrigierte Tönnies zahlreiche Fehler der Überlieferung, löste Ungereimtheiten der Datierung, spürte Originalquellen auf. Dass er „gewöhnlich als ‚Pionier‘ der Hobbesforschung eingestuft wird und […] sich als solcher verstanden“ hat, urteilt der Herausgeber Herold, war beim „Stand der Hobbesforschung zu seiner Zeit verhältnismäßig einfach“. Doch baute Tönnies „den Abstand an der Spitze weit aus und setzt mit seinen Editionen handschriftlicher Manuskripte Maßstäbe“ (S. 585). Bis in die 1920er-Jahre hinein wird Tönnies insgesamt siebzehn Forschungsbeiträge zu Hobbes verfassen und einzelne Schriften von Hobbes erstmals herausgeben, darunter den Behemoth und die Elements of Law (und auch die deutsche Übersetzung des Behemoth durch Julius Lips erscheint 1927 mit einer Einleitung von Tönnies)[2]. 1929 wurde überdies die Societas Hobbesiana begründet, der Tönnies präsidierte.[3] Dabei war die erste Auflage des Hobbes-Buches eine Auftragsarbeit des Verlags für die Reihe „Frommanns Klassiker der Philosophie“. An der allgemeinbildenden Aufgabe einer solchen Sparte gemessen, bot der Band keine leichte Kost. Aber er fand mit zunehmender Etablierung seines Autors nach der zweiten Auflage „in weiten Kreisen Aufnahme“, sodass sich allmählich der „Akzent der Rezeption, beziehungsweise das Kauf- und Leseinteresse, vom Thema Hobbes hin zum Autor Tönnies“ verschob (S. 542).

Das Buch selbst und dessen keineswegs ein Standardwerk nahelegende Rezeption sind nicht allein für die wissenschaftsgeschichtliche Beantwortung der Frage, wie Hobbes als ideenhistorischer Klassiker der Politikwissenschaft etabliert wurde, von Belang. Hobbes spielte für Tönnies’ soziologisches Lehrbuch Gemeinschaft und Gesellschaft wie auch für die spätere Einführung in die Soziologie eine fundamentale Rolle,[4] die wir, in abstrahierter Weise, auch in Max Webers später Soziologischer Kategorienlehre wiederfinden und heute mit dem Paradigma „methodologischer Individualismus“ verbinden.[5] Ob Gemeinschaft und Gesellschaft von Tönnies, ob (das ihm wenigstens zugeschriebene) Wirtschaft und Gesellschaft von Weber: Die frühe deutsche Soziologie, so dürfen wir das zuspitzen, hatte eine auch liberal-hobbistische, methodologisch besehen: hobbesianische Wurzel.[6] „Die Stärke“, so der schon betagtere Tönnies 1926 auf dem Fünften Deutschen Soziologentag, die Stärke „der Staatslehre des Hobbes, der einer streng rationalen Ansicht die Wege gewiesen hat, tritt auch darin hervor, daß er den absoluten Staat als den begrifflich allein folgerichtigen behauptet und damit den sozialen Staat vorausbedeutet.“[7]

Diese Wurzel ist im Folgenden am Beispiel Tönnies retrospektiv hervorzuheben, weil mit dessen Hobbes-Buch die Sache gerade nicht in trockene Tücher gebracht war. Mit dem allmählichen Untergang der Weimarer Republik – Tönnies lebte noch bis 1936 und wurde höflich in die Forschungsaktivitäten der Jüngeren eingebunden – hob eine autoritäre Hobbes-Verwendung an.[8] Sie konzentrierte sich auf jenes allmählich erst schillerndes Buch, das nach Anregung Carl Schmitts beispielsweise durch die Habilitation des jungen Wehrmachtoffiziers und Arnold-Gehlen-Assistenten Helmut Schelsky nazifiziert wurde[9] und heute als Hobbes’ Hauptwerk gilt, für Tönnies allerdings noch keine allein überragende Rolle gespielt hatte und in (West-)Deutschland bis weit in die 1960er-Jahre (!) hinein geradezu unbekannt geblieben war: den Leviathan. Mit der ab den 1930er-Jahren maßgeblich von Schmitt vorangetriebenen Popularisierung und Enigmatisierung des Hobbesschen Leviathan hatte eine bis in die junge Bundesrepublik hinein fortwirkende,[10] höchst ambivalente Re-Stigmatisierung des von Tönnies so leidenschaftlich aufgeklärten Vordenkers der modernen Gesellschaft eingesetzt, in deren Zuge Schmitt Tönnies den Rang als der deutsche Hobbes-Forscher ablaufen sollte.[11]

Dass Tönnies zunächst selbst wohlwollend an Schmitts Arbeiten und deren Hobbes-Referenzen der demokratischen Zeit Interesse gezeigt hatte,[12] änderte nichts: Vom jungen Promovenden Werner Becker 1925 über Reinhart Kosellecks Kritik und Krise von 1953/59 und Roman Schnurs Dissertation 1963 bis zu Ernst-Wolfgang Böckenfördes Reflexionen über Hobbes waren es vor allem Schmitt-Schüler, die den heute hegemonialen staatstragenden Blick auf Hobbes etablierten und den vordem breiteren Fokus auf Hobbes hin zur Politischen Theorie des Leviathan verschoben.[13] Die ab 1933 beginnenden, äußerst intensiven Beschäftigungen des jungen Leo Strauss mit Thomas Hobbes dagegen mussten, wie mittlerweile detailreich erforscht ist, einen anderen Weg nehmen. Strauss’ zunächst auf Deutsch verfasstes Hobbes-Buch konnte erst 1936 in englischer Übersetzung erscheinen und fand erst sehr viel später Einfluss auf die dann bereits bundesrepublikanisierten Diskurse.[14] Gründe genug, auf die Ursprünge des ‚deutschen Hobbes‘ zurückzublicken.

Leben und Person(en)

Den Inhalt des Buchs en detail wiederzugeben, kann hier nicht Aufgabe sein. Es handelt sich um die Personen- und Werkbiographie zum frühen Wunderkind und biblisch alt gewordenen Großgelehrten, der in stürmischer Zeit unter wechselnden politischen Regimes Anerkennung von Freund und Feind genoss, kurzzeitig Sekretär von Francis Bacon wurde, als Exilant europäischer Bürger einer mit Galilei, Descartes und William Harvey vernetzten humanistischen Gelehrtenrepublik war, als politischer Philosoph einer Rechtfertigungs- und Gehorsamstheorie des Staates zuarbeitete, die jede souveräne Herrschaft als legitim anerkannte, als Intellektueller und mutmaßlicher Atheist politisch und religiös verfolgt wurde und nach der Restauration der Monarchie als Mathematiklehrer eines ihn verehrenden Thronfolgers sein dramatisches Leben zufrieden und unter bequemen Verhältnissen enden lassen durfte. „Drei Jahre nach seinem Tode erließ die Universität Oxford […] ein Dekret“ gegen Lehren derart, „dass alle bürgerliche Autorität ursprünglich vom Volke ausgehe“ und „daß Selbsterhaltung das fundamentale Gesetz der Natur sei, das der Verpflichtung aller anderen vorausgehe“. Hobbes’ De Cive und seinen Leviathan führt Oxford als derart verwerfliche Werke an. Einige „Tage später“, so schließt Tönnies den biographischen Teil seines Buchs (erst!) dritter Auflage (1925), „fand eine große Bücherverbrennung unter großem Zulauf und Jubilieren statt. Die Studenten tanzten um den Scheiterhaufen“ (S. 128).

Fülle und Spannung der dieses gewaltige Leben ausmalenden Fakten und Anekdoten sind zu erahnen. Die Rezeptionsliteratur aber wurde dem, wie Tönnies immer wieder streng und maßregelnd belegt, bis auf seine Zeit nicht ansatzweise gerecht. Dagegen organisiert Tönnies das Material zweigeteilt, wie der konventionelle Untertitel von Erst- und Drittauflage verspricht: Leben und Lehre. Der „Leben“-Teil ist elegant geordnet: „Jugend und Reife“, „Mannesalter und Werke“, untersortiert nach ersten Entwürfen, Exil in Paris und Leben unter Cromwells Republik. Dann folgen „Greisenalter und Früchte“ und schließlich eine „Charakteristik“ der Person. Der „Lehre“-Teil unterscheidet die sehr kurzen Kapitel „Logik“, „Grund-Begriffe“, die „mechanischen Grundsätze“ und die „Physik“, also Hobbes’ naturwissenschaftliche Methode, die in seine „Anthropologie“ mündet, der Tönnies ein umfängliches Kapitel widmet. Dann erst folgen „Sittenlehre und das Naturrecht“, schließlich die „Staatslehre“ und, abschließend, eine „Würdigung“. Besonders bemerkenswert an den Kapiteln zum Naturrecht und zur Staatslehre ist, dass ersteres in äußerst beträchtlichem Umfang erst in die zweite Auflage eingefügt wird (aus einem Forschungsjournalartikel von 1911/12), wohingegen ganze Abschnitte aus dem ursprünglich knappen Naturrechtskapitel (das im Bandanhang separat wiederabgedruckt ist (S. 452-467)) ab der Zweitauflage dann plötzlich zum kurzen Kapitel „Staatslehre“ werden. Aus diesen schiefen Proportionen der Kapitelumfänge und aus der zugleich späten wie nebensächlichen, ja offenbar inhaltlich variablen Betrachtung der Politischen Theorie des Thomas Hobbes ist über sie also wahlweise abzuleiten: Entweder sie machte aus Tönnies’ Sicht, ganz anders als heute, nicht das wesentliche Werk von Hobbes aus. Oder aber sie ist so markant und klar, dass es der genauen Introspektion gar nicht bedurfte. Was davon zutrifft, wird weiter unten zu klären sein.

Wollen wir zur Person Hobbes’ nur zwei Aspekte registrieren, die auch dem Biographen imponierten, es wären: Herkunft und Integrität. Hobbes kommt aus einfachen Verhältnissen. Die Bildung, die ihm zuteil wurde, seine intellektuelle Kraft, die – ob gefürchtet oder gerühmt – allseits unbestritten war, und sein Schutz durch hohe Adelshäuser, Thronfolger und schließlich einen König, Karl II. (der ein Hobbes-Porträt in seinen Privatgemächern aufhängen lässt), erscheinen nicht nur vor dem heutigen Hintergrund refeudalisierter Elitenreproduktion unfassbar. Schon für Hobbes selbst war diese wilde Karriere immer wieder unglaublich. Sein Biograph nutzt sie als subtilen Zeitkommentar. Beider Herkunft aus Gefilden des ländlichen Protestantismus (Hobbes ist der zweite Sohn eines bald flüchtenden und ungebildeten Vikars; das nordfriesische „Haubarg“-Kind Tönnies Sohn eines Kirchenvorstehers und bauernaristokratischen Landwirts) und beider Kontakte mit neuen bürgerlichen Schichten ließ sie die Veränderungen ihrer Zeit intensiver sehen als andere.

Denn die je politischen Umbrüche erlaubten weder dem Royalisten der Republik, Hobbes, noch dem Republikaner des Kaiserreichs, Tönnies, irgendeine Kontinuität oder gar soziale Sicherheit. Beider Verhalten und Lebenswege sind Ausdruck dessen, was wir als Transformationstheoreme wie „relative Deprivation“, „Tocqueville-Paradox“ oder „Hypokrisie“ (Reinhart Koselleck) kennen: Das subjektive Erleben ungewohnter, als seltsam und unbotmäßig erfahrener Veränderlichkeit begünstigt eine abgründige Radikalität im Denken und Handeln. Persönliche Reflexion treibt, unbewusst, ungerichtet, oft sogar ungewollt, politische Revolution. Tönnies versteht es umso mehr, den krypto-restaurativen Hobbes als den vielleicht größten Reformatoren der abendländischen Staatslehre zu präsentieren, indem er immer wieder genüsslich und pedantisch vorführt, wie einfältig und falsch die nicht allein deutsche Stubenphilosophie bis ins dritte Jahrhundert nach Hobbes mit diesem verfuhr. Die Perspektive des Außenseiters, dem die Insider längst folgen, ohne es zu wissen oder zu begreifen, scheint mithin doppelt blickführend: für Tönnies’ Spiegelung in Hobbes, für Tönnies’ Darstellung von Hobbes.

Ähnlich wie dessen Herkunft imponiert Tönnies der unbestechliche Aufklärungsantrieb von Hobbes. Auffallend ausführlich zitiert der Biograph gelegentlich, wie Hobbes, nach Jahren der Verfolgung endlich saturiert und protegiert, höhere Schleimer auflaufen lässt. Etwa kokettierte der alte Hobbes, dass er durchaus „in der Lage gewesen wäre, sich mehr Gunst zu verschaffen als ihm zuteil wurde. Aber man darf sagen“, legt Tönnies nach, „daß die Hofschranzen, die auf ihren Hobbismus sich etwas zugute taten, ihm ebenso sehr ein Greuel waren wie die Hofprediger, die nicht müde wurden, seine ketzerischen und ‚atheistischen‘ Lehren anzuklagen.“ Der „ernste Mann“ durchschaute „die Frivolität des Theaters“, das bei Hofe inszeniert wurde, und ließ es sich nicht nehmen, mit wunderbarem Spott ad hominem ein aristokratisches Gegenüber dessen servile Blödheit wenigstens erahnen zu lassen (S. 121).

Stil und Ziel

Tönnies’ Stil ist nicht der heutige, doch kommt man schnell rein. Die Sprache ist selten geschwollen (und wenn, dann als Signal für eine Wertung), niemals feierlich, meist betont sachlich. Leicht ließe sie sich modernisieren, wäre dann sehr flüssig zu lesen. Was allerdings Hobbes’ Politische Theorie und Philosophie betrifft, schreibt Tönnies’ ohne allzu offensichtliche eigene Perspektive. Das ist durchaus ein Problem, denn das erklärt gewiss einen Teil jener „bisher eher schleppenden Rezeptionsgeschichte“, die der Editorische Bericht Herolds abschließend konstatiert (S. 586).

Seinem Gegenstand steht Tönnies freundlich gegenüber; der kluge Geist und der ausnehmend angenehme Charakter Hobbes’ kommen dem entgegen. Zeitgenössische Absonderlichkeiten und wissenschaftliche Irrtümer von Hobbes (seine Ansichten über Hexen,[15] seine mathematischen Versuche u.a.m.) bleiben randständig. Nur ausnahmsweise verzieht einmal der Ton, etwa wenn Tönnies’ nicht verzichten kann, Hobbes’ ein „holprige[s]“ Latein zu attestieren (S. 124) – der polyglotte Friese hatte nach einem klassischen Philologiestudium bereits seine Doktorarbeit auf Latein verfasst. Tönnies’ gleichwohl äußerst häufige Wertungen beziehen sich auf gängige Vorurteile und Vereinfachungen.

So charakterisieren sprachliche Gestaltung und inhaltliche Anordnung zusammen, was der Anspruch des Buchs ist: Tönnies wollte eine gelehrte und verständliche Gesamtbiographie von Person und Werk verfassen, die nicht nur nebenbei allerlei Gerüchte und Fehlurteile begründet abräumt. Die Überzahl nur kleiner stilistischer Eingriffe, die Tönnies über die verschiedenen Auflagen des Buchs hinweg vornimmt, dient erkennbar diesem Anliegen.

Dennoch gehört zur Einordnung, wenigstens kurz anzuzeigen oder in Erinnerung zu rufen, was für eine Art Forscher und Soziologe Tönnies selbst war, wie sich sein allgemeineres Denken aus den Arbeiten über Hobbes speist und zu ihnen verhält. Denn nicht allein galt Tönnies seiner Zeit und noch eine Weile über sie hinaus als Gründervater der Soziologie. Auch hat er selbst – setzen wir unser Wissen über den damaligen Stand und den derzeitigen Status quo der ‚westlichen‘ Soziologie als anachronistische oder eitle Maßstäbe an – in kaum zu überschätzender Präzision die Bedeutung von Hobbes’ Methode für die Entstehung des rationalistischen Individualismus erfasst und beschrieben.

Die Pole, zwischen denen Tönnies oszillierte, werden schon mit der Zueignung von 1896 eingefangen. Tönnies widmete die Erstauflage sowohl „Friedrich Reuter, Prof. am Gymnasium zu Altona“ (später, 1912, dann Erlangen) wie auch „Kuno Francke, Prof. am Harvard College, Cambridge, Mass.: U.S.A.“ (S. 4). Der junge Tönnies war gleichermaßen lokal wie ‚international‘ aufgestellt. Er stand am Beginn einer allmählichen Hobbes-Konjunktur der Forschung um die Jahrhundertwende, die sich ihrerseits im Zuge der Weltkriegsentwicklungen teils schroff nationalisierte und wenigstens in Deutschland in den 1930er-Jahren die erwähnte, grundsätzlich antiliberalistische Transformation durchlief, die im Allgemeinen mit dem Namen Carl Schmitts assoziiert ist und nebenher noch eine kleine und später vergessene (pro-)totalitäre Hobbes-Interpretation ausbildete, bevor Hannah Arendt, Michael Oakeshott, C.B. Macpherson und andere Hobbes wieder verbürgerlichten. Tönnies aber, der 1936 starb, wurde kein starker Stichwortgeber für deren Diskurse mehr.[16]

Eine gewisse Seltsamkeit (wiewohl für einige zeitgenössische Debattenkonventionen nicht unüblich) ist, dass eine dokumentierende Erwähnung der akademischen Publikationen zu Hobbes mit Vollständigkeitsanspruch überwiegt, die je dargestellten Positionen indes selten in der Tiefe referiert oder gruppiert werden. Über die verschiedenen Editionsschichten seines Buchs hinweg wird dadurch ein etwas belehrend-höflicher Ordinariensound lauter, mit dem der mitalternde Tönnies gönnerisch eine „Befriedigung“ (S. 16) über die auch von ihm angestoßene und vergrößerte Szene dokumentiert und recht erhaben Kopfnoten für einzelne Gelehrte verteilt. Im Vorwort zur zweiten Auflage von 1912 wird der (tatsächlich von allerdings nicht unschuldigen, sondern wohl politisch interessierten beziehungsweise Voreingenommenheiten anzeigenden Fehlern durchsetzte) Hobbes-Eintrag in Wilhelm Windelbands Lehrbuch der Geschichte der Philosophie fachmännisch und ausgiebig zerlegt (S. 16ff.). Ähnlich unerbittlich geht Tönnies wenige Jahre später in einem weiteren Beitrag mit Werner Sombart ins Gericht.[17] Und die dritte und letzte Auflage des Hobbes-Buchs schließlich steigert die akribische Sammlung und Berichtigung anderer Forscher Defizite nochmals. Ihre „Vorrede“ verdient den Namen, denn man muss sich von deren Beginn auf Seite 31 bis zur Seite 57 vorkämpfen, bis der eigentliche Buchtext auf’s Neue beginnt. „Alles“, polemisiert Tönnies in diesem Zuge, „was ich zum Studium des Philosophen von Malmesbury beigetragen habe, war eine einzige Kritik der überlieferten Darstellung“ (S. 33). Das ist nicht allein beeindruckend, weil der alte Tönnies erneut beweist, dass er nahezu alles überblickt, was zu Hobbes in verschiedenen Ländern erscheint, sondern auch weil er für den Forschungsstand die Summe der Publikationen nimmt, die es im Einzelnen dann mit stets einem von offenbar nur zwei Stempeln zu etikettieren gilt: ‚grad noch okay‘ oder ‚völlig stumpf‘.

Das sei so pointiert, weil es die Züge von Tönnies’ Vorgehen repräsentiert: seinen schon genannten, selbstbewussten Status als Autorität der Hobbes-Forschung, die Präzision seiner Quellenarbeit und Quellenverarbeitung sowie sein Engagement gegen den teils einfach hanebüchenen Unsinn, der der damaligen Universitätsphilosophie als Lehrmeinung über Hobbes akzeptabel schien. Der mit den politischen Kaiserzeitprofessoren hadernde Tönnies verstand es jedenfalls ausgiebig zu belegen, dass Wissenschaft und Hobbes-Bild nicht zusammenfinden können, solange Hobbes nicht gelesen wird.

Erst mit diesem Stichwort – Lehrmeinung – lohnt es, knapp noch einmal auf das Ende des Buchs zu sprechen zu kommen. Vertrags- und Staatslehre, die eigentliche Politische Philosophie von Hobbes, wie sie heute im Zentrum des Hobbes-Bildes stehen, sind bei Tönnies vergleichsweise marginal verhandelt. Zwar stellt Tönnies dabei immer wieder Scharfsinn und Weitsicht unter Beweis: Hobbes – der Materialist, der methodologische Individualist, der Analytische Philosoph, der Vordenker anderer Kontraktualisten, Vorbild für Hume, für Diderot, für James Mill oder auch Bentham. Hobbes – der Säkularist, der Theoretiker eines demokratisch-volkssouveränen Staatsbegründungsaktes (Konstituante: Volksversammlung (S. 302f.)). Hobbes – der Vordenker der zu hegenden Konkurrenzmarktwirtschaft. Das ist alles sehr beeindruckend, insofern es scheinbar wegweisend für heute hegemoniale und standardisierte Hobbes-Interpretationen wird.

Umso mehr fallen die krasse Kürze, der stichworthafte, recht systemlose Überflug und die (oben genannte) Beliebigkeit, ja Lieblosigkeit der Anordnung und Darstellung auf. Denn diese Passagen lassen sich allenfalls mühsam oder esoterisch gelesen als Finale und Höhepunkt des Buchs interpretieren. Denn Hobbes als Politischer Philosoph und Verfassungstheoretiker, als geistiger Revolutionär und als Berater in politischen Fragen wird von Tönnies gar nicht ausgestellt. Heute markante Fundamente der Hobbesschen Gesellschafts- und Staatslehre – (post-)koloniale Voraussetzungen, Geschlechterordnung, Marktgesellschaft, steuerliche Staatsfinanzen –[18] sucht man auch deshalb entweder ganz vergeblich oder sie werden, wie die Ökonomie (S. 329f.), bestenfalls gestreift. Immerhin aber wird Hobbes als Vordenker liberaler und sozialer Freiheit präsentiert und so, um es nochmals zu betonen, eine nicht-autoritäre, post-absolutistische und Hobbes stärker soziologisch bis gesellschaftstheoretisch verwendende Lesart begonnen, die erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg typisch werden konnte. Einem dahingehenden Resümee des Herausgebers ist darum unbedingt beizupflichten, dass Tönnies „ein weites Feld jenseits der politischen Hobbesinterpretation“ mitbegründet, mit der sich an einen „‚mit Hobbes über Hobbes hinaus‘“ gehenden Tönnies an „‚Hobbes mit seiner ‚rationalistischen Ethik‘ als Vorläufer einer naturwissenschaftlich basierten monistischen Soziologie‘ interpretativ“ anschließen ließ (S. 584).

„Apparat“

Dass eine integrierte Darstellung aller drei Ausgaben in einem Fließtext nebst komplex strukturiertem Anmerkungsapparat eine Plackerei ist, die Anerkennung verdient, versteht sich von selbst. Der Bearbeiter Herold zeigt sich geradezu erleichtert über die Jahre „imposanter Entwicklung von Internet, Digitalisierung, Datenbanken und Suchalgorithmen“ (S. XII). Das ermäßigt freilich nicht den Umstand, dass ordentliche Editionen kritischer Gesamtausgaben nach allen Regeln der Kunst schwieriger geworden sind. Die chronische Unplanbarkeit ihrer Finanzierung und Dauer, der geringe Absatz und die auch deshalb hohen, oft unerschwinglichen Stückkosten (bald dreihundert Euro in diesem Fall), der ständig fließende Forschungsstand, der geringe Nutzen im allgemeinen Forschungsbetrieb (von allgemeinem Gebrauchswert besser ganz zu schweigen) und die volatile Stimmungslage geeigneter Geldgeber machen noch so wünschenswerte Vollausgaben zu einem riskanten, immer wieder unterbrochenen oder gescheiterten Unternehmen mit entsprechend oft lebenslangem, idealistischen und vielfach unentgeltlichem Einsatz der daran Beteiligten.

Dass im deutschen Raum neben der rühmlichen Ausnahme der Max-Weber-Gesamtausgabe andere komplexe Projekte stehen wie die, seit Längerem, Marx-Engels- oder die, seit Kurzem, Hannah-Arendt-Gesamtausgabe, mag mehr durch die internationale Bedeutung dieser Klassiker/innen zu erklären sein, die freilich noch keinen Gebrauch der entsprechenden Editionen im Forschungsbetrieb garantiert. Dass ein auf 24 Bände angelegtes Projekt wie die Ferdinand-Tönnies-Gesamtausgabe überhaupt existiert und seit 1998 verlässlich voranschreitet, grenzt an ein Wunder, das sich auch durch eine persönlich-freundschaftlich motivierte Unterstützung durch Jan Philipp Reemtsmas Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur erklärt.

Dennoch ist das Unternehmen umso wundersamer, wie gerade in den vergangenen Jahren kein Mangel an Neuauflagen von Tönnies-Texten besteht. Warum, wäre eine eigene Darstellung wert, denn einen derart großen Bedarf an vielen nachgedruckten Tönnies-Texten lässt die ansonsten überschaubare Tönnies-Forschung nicht erkennen. Stellen wir hier nur fest, dass die Erstausgabe von Tönnies’ Hobbes soeben erst im Boer-Verlag nachgedruckt wurde, dass ferner die mit der Geschichte der Tönnies-Gesamtausgabe einst eng verbundene Ferdinand-Tönnies-Arbeitsstelle (früher in Hamburg, nunmehr in Klagenfurt) ebenfalls zahlreiche Schriften in der auf 50 Bände angelegten „Werkausgabe“ nebst Begleitbänden verlegt, zu der ihrerseits sowohl Tönnies’ Hobbes-Buch (in der Fassung letzter Hand) wie auch, als Themenband, gesammelte „Schriften zu Thomas Hobbes“ gehören, die, in anderer Anordnung, wiederum auch noch in einem separaten Band „Schriften zur Staatswissenschaft“ vorliegen.[19]

Aber auch im Rahmen der Tönnies-Gesamtausgabe sind teils bedeutende Schriften von Tönnies über Hobbes bereits verstreut herausgegeben worden. Man wird sie dem hier angezeigten Band zurechnen müssen. Wenigstens einige Beiträge, die als Vor- und frühe Begleitarbeiten der ersten Ausgabe des Hobbes-Buches gelten, sind im ersten Band der Gesamtausgabe konzentriert.[20] Eine Paketedition aller Hobbes-Schriften von Tönnies’ wäre gewiss wünschenswert gewesen, hätte aber gegen die chronologisch ordnenden Editionsregeln der Gesamtausgabe verstoßen. Wie der Herausgeber ankündigt, ist, da sich Tönnies „in den Jahren 1893–1896 weniger der Hobbesforschung“ widmete (S. XI), auch im Duo mit dem noch ausstehenden anderen Teilband 3,1 kein Paket zu erwarten. Vielleicht wäre eine derartige Studienausgabe doch angezeigt.

Schwieriger zu erfassen ist der globale Wert. Da Tönnies’ Verdienste (kaum aber seine Positionen) in der internationalen Hobbes-Rezeption bestenfalls gestreift werden, überdies speziell sein Hobbes-Buch niemals ins Englische übersetzt wurde und weil, wie der Herausgeber kritisch das Typische formuliert, „die englische und amerikanische Hobbesforschung seit den 1950er-Jahren begann, einen thesenbasierten Diskussionszusammenhang herzustellen, einen selbsterhaltenden Forschungsdiskurs, wie es ihn zu Tönnies’ Lebzeiten noch nicht gegeben hat“, dessen Name folglich „mit zunehmender Verdichtung und Autoreferenzialität dieses Zitationsnetzwerks“ verschwand (S. 579), werden die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit und zu Hobbes gegenüber der vorliegenden Ausgabe vermutlich so gleichgültig bleiben wie seit hundert Jahren schon. Der globale Bedarf zum Thema Tönnies & Hobbes ist überdies durch einige hervorragende Studien gedeckt und das Tönnies anhaftende norddeutsche Lokalkolorit dürfte den allgemeinen Eindruck, es handle sich eher um Themen der historischen Nacherzählung, der Quellenbergung und schwer verständlicher alter Rezeptionsdiskurse, bekräftigen.

Anders verhält es sich für die – auf innerwissenschaftliche Themen nicht begrenzte – Geschichte der deutschen Hobbes-Rezeption im 20. Jahrhundert. Der eingangs benannte Aufstieg des Leviathan zu einem politologischen Klassiker und die – gewiss abstrakte, Hobbes mediatisierende – Etablierung spezifischer systematischer Denkfiguren und „liberalistischer“ Staatsrechtfertigungszusammenhänge wird durch die umfassende Aufarbeitung im Anhang dieses Bandes mit einem beeindruckend präzisen und vorläufig tendenziell vollständigen Materialkorpus kontextualisiert. Mit dem wird eine selbstkritische Dekonstruktion heute vorherrschender Staatsbilder möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich. Die deutsche Verfassungsentwicklung der kommenden Jahrzehnte wird zeigen, ob und inwieweit sie sich bewusst oder unbewusst noch sinnvoll und praktisch auf Hobbes beziehen kann. Der vorliegende Band jedenfalls zeigt überdeutlich: dass der gegenwärtige Brauch, Hobbes als Stammvater des konkurrenzmarkt- und privateigentumskonformen Rechts- und Vertragsstaates zu verstehen, ein erst vor wenigen Jahrzehnten eingeführtes Paradigma und insofern eine gesellschafts-, verfassungs- und vertragsrechtspolitisch selbstbezügliche, wenn nicht selbstgerechte Mode ist. Sie wird sich mit Blick auf Liberalismus-, Demokratie-, Staatlichkeits-, Souveränitäts- und Kulturkrisen nicht bruchlos fortsetzen lassen, sondern Hobbes’ Lehre in Theorie zurückverwandeln, deren Vorzüge und Kosten nach dem Ende dieser paradigmatischen Konstellation „Bonner“ Prägung präziser als gegenwärtig zu sehen sein werden. Gut möglich, dass die heute noch etablierte Lesart, Hobbes’ Leviathan als methodischen und verfassungssystematischen Vorgriff auf die liberalistischen Verhältnisse des bundesrepublikanischen Wohlfahrts- und Sozialstaates zu interpretieren, ihren Zenit längst überwunden hat. Der Rückgriff auf ein Hobbes-Bild, das sich weniger der sozialtheoretisch überformten Sicht einer Analytischen Philosophie des Kontraktualismus oder bloß ideenhistorisch-linearen Fortschrittserzählungen verschreibt und wieder stärker die von Tönnies gleichermaßen gewürdigten Wissens-, Religions-, Klassen- und Verfassungsformenkämpfe registriert, könnte die Hobbes-Rezeption der Trente Glorieuses und ihrer Nachzügler bald ja als Interregnum erscheinen und Tönnies Thomas Hobbes. Leben und Lehre aktueller werden lassen als bislang.

Vor diesen Hintergründen ist das, was der Herausgeber im bescheiden „Apparat“ genannten Teil des hier angezeigten Bandes geleistet hat, kaum hoch genug zu veranschlagen. Nach der technischen Seite der sorgfältigen Arbeit am Text beginnt Herolds inhaltliche Auseinandersetzung ab etwa Seite 400, erstreckt sich über knapp zweihundert Seiten, gefolgt von Bibliografie, Personen- und Sachregister.

Darin liegt der im engeren Sinne wissenschaftliche Wert dieser Ausgabe. Denn Herold gelingt es, über den Hebel von Tönnies’ Forschung einerseits und andererseits der chronologisch geordneten Rezeptionsgeschichte von Tönnies Hobbes-Schriften für die verschiedenen monographischen Fassungen des Hobbes-Buchs einschließlich einer spannenden Aufarbeitung der Rezeptionsnetzwerke quasi im Alleingang erhebliche Teile der modernen Etablierungsgeschichte dieses Klassikers in Kaiserreich, Weimarer Republik und (West-)Deutschland aufzuarbeiten und mithilfe der doppelten Rezensionsgeschichte (Aufnahme durch Tönnies und Verarbeitung von Tönnies’ Arbeiten) in den je internationalen Kontext zu stellen.

Geordnet nach zunächst früher und internationaler Hobbes-Forschung (1877-1896), dann dem Einfluss der Einzelauflagen des Hobbes-Buchs von Tönnies und schließlich dem Kapitel Ferdinand Tönnies in der Hobbes-Forschung des 20. Jahrhunderts geht Herold mit einem klug geordneten, nicht überladenen und umso beeindruckenderen wissenschaftsgeschichtlichen Vollständigkeitsanspruch Tönnies’ Reaktionen auf seine Arbeiten nach und auch der offenkundigen wie der subtilen Wirkungsgeschichte. Herold lässt dabei keinen Zweifel daran, dass Tönnies’ eigene Unzufriedenheit über seine intellektuelle Resonanz berechtigt war. Denn viele originäre und originelle Deutungen, die Tönnies als Trendsetter von vielen späteren ‚Selbstverständlichkeiten‘ erscheinen lassen, wie schlicht auch das Material über Hobbes, das wir Tönnies’ Quellenfunden verdanken, können durch Herolds Leistung nun sehr viel profunder auf Motive, Aktivitäten und Person von Tönnies zurückgerechnet werden. Eine (hierzulande überfällige) Etablierungs- und Anverwandlungsgeschichte, die ausgerechnet den lange verfluchten und proto-absolutistischen Hobbes bisweilen als Stammvater von sozialer Marktwirtschaft und Grundgesetzdemokratie erscheinen lässt, wird darauf aufbauen können – und müssen.

  1. Siehe nur Horst Dreitzel, The Reception of Hobbes in the Political Philosophy of the Early German Enlightenment, in: History of European Ideas, 29 (2003), 3, S. 255–289; Thomas Lau, Soziabilität und Sicherheit. Die Hobbes-Rezeption in England und im Alten Reich, in: Thomas Lau et al. (Hg.), Der sterbliche Gott. Thomas Hobbes’ Lehre von der Allmacht des Leviathan im Spiegel der Zeit, Baden-Baden 2017, S. 37–57; früh bereits Reinhard Stumpf (unter Mitwirkung von Ion Contiades und Bernard Willms), Hobbes im deutschen Sprachraum. Eine Bibliographie, in: Reinhart Koselleck / Roman Schnur (Hg.), Hobbes-Forschungen, Berlin 1969, S. 287–300.
  2. Einschließlich der Neuauflagen des hier angezeigten Buchs. Eine Auflistung durch Tönnies selbst findet sich in seiner Ausgabe letzter Hand auf S. 46 der hier besprochenen Ausgabe. Hinzu kamen später noch weitere Beiträge, insb. „Die Lehre von den Volksversammlungen und die Urversammlung in Hobbes’ Leviathan“, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, 89 (1930), 1, S. 1–22, und verstreute Beiträge, beispielsweise im Rundfunk, die in unterschiedlicher Zusammenstellung sowohl versammelt sind in Arno Bammé (Hg.), Ferdinand Tönnies: Schriften zu Thomas Hobbes, München, Wien 2015, wie auch in Rolf Fechner: Ferdinand Tönnies. Schriften zur Staatswissenschaft, Wien 2010. In der Ferdinand-Tönnies-Gesamtausgabe soll der Behemoth im von Tatjana Trautmann und Carsten Schlüter-Knauer verantworteten Band 1 erscheinen, ebenso eine Dokumentation der Erstausgabe der Elements of Law, deren deutsche Übersetzung durch Band 18 greifbar werden wird, teilte mir dankenswerterweise der Geschäftsführer der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft, Sebastian Klauke, mit.
  3. Siehe hierzu Ferdinand Tönnies, Societas Hobbesiana – Societas Spinozana (1931), in: Ferdinand Tönnies-Gesamtausgabe, Bd. 21, hrsg. von Dieter Haselbach, Berlin/Boston 2021, S. 528–534.
  4. Eine besonders markante Passage des Spätwerks sei dafür exemplarisch und vollständig zitiert: „Es ist etwas anderes, wenn man den Begriff eines geistlichen oder weltlichen Gemeinwesens auf den ideellen Typus eines Vereines so bezieht, wie hier die Meinung ist – etwas anderes, wenn jener dem allgemeinen oder Gattungsbegriff des Vereines untergeordnet wird. Der strengen rationalistischen Denkungsart, wie sie seit Thomas Hobbes bis auf Kant und Fichte und deren Nachfolger das wissenschaftliche Denken über die sozialen Verhältnisse und Verbände beherrscht hat, schien diese Unterordnung schlechthin geboten zu sein. Diese individualistische Ansicht prägt sich am reinsten aus in der dualistischen Konstruktion: auf der einen Seite eines natürlichen Zustandes der Menschen, Zustandes vollkommener Freiheit und Gesetzlosigkeit; auf der anderen Seite des bürgerlichen oder politischen Zustandes, der in folgerichtiger Weise durch einige Theorien auch als ein vollendeter gedacht wird: worin also eine vollkommene Ordnung durch einen gemeinsamen Willen, d. i. den im Willen einer einzelnen natürlichen oder künstlichen Person konzentrierten Willen aller gesetzt und erhalten wird. Zwischen diesen beiden liegt alsdann die Einigung der vielen, die in der Regel schlechthin als der soziale Kontrakt vorgestellt und bezeichnet wird, wie es noch durch Kant eindeutig geschah; bei Hobbes besteht die Einigung – nach der letzten Gestaltung seines Systems – zunächst nur in der Zusammenkunft und Bildung einer Versammlung, in dem stillschweigenden oder ausdrücklichen Einverständnis darüber, daß diese Versammlung die Verfassung des zu schaffenden Vereines, nämlich des Staates, ins Leben rufen solle und zwar durch ihre dauernde Beschlußfähigkeit bis zur vollendeten Lösung dieser ihrer Aufgabe: das Wesen dieser Fähigkeit muß darein gesetzt werden, daß die gemeinsame Bejahung oder Verneinung eines vorgeschlagenen Satzes durch die Mehrheit der Mitglieder der Versammlung für den ausgesprochenen Willen der Versammlung als einer Gesamtheit gehalten wird und als solcher in die Erscheinung tritt. Ob die Mitglieder der Versammlung in ihrem eigenen Namen oder zugleich im Namen einer Menge, die ihnen in diesem Sinne Aufträge gegeben hat, je ihren Einzelwillen kundgeben, ist für den Begriff kein wesentliches Element; es muß nur vorausgesetzt werden, daß die Gesamtheit der Individuen, die, wie man sagen darf, Frieden miteinander schließen wollen, durch diese Mitglieder der Versammlung vertreten (‚repräsentiert‘) werde. Welche Form der Verfassung diese konstituierende Versammlung durch ihren mehrheitlichen Beschluß bestimmt, darüber hat sie vollkommene Freiheit der Entscheidung; es wäre denn, daß ihre sämtlichen Mitglieder das gebundene Mandat empfangen und angenommen hätten nur in einem bestimmten Sinne, also nur für eine bestimmte Form der Verfassung sich zu entscheiden, oder aber auseinander zu gehen. In der historischen Wirklichkeit der jüngsten Jahrhunderte tritt eine Tendenz zu Tage, die man als eine Tendenz zur Verwirklichung dieses Gedankenbildes bezeichnen darf. Nur scheinbar, jedenfalls nur in schwachem Maße, hat das Gedankenbild selbst dazu mitgewirkt. Jene Verwirklichung hat vielmehr erst um sich gegriffen, als das Gedankenbild schon im Verblassen war und andere minder klare, logisch weniger durchdachte Theoreme ihnen den Rang streitig gemacht, ja es zum guten Teil verdrängt haben. Weit mehr als unter dem Einflusse der naturrechtlichen Lehre hat jene Verwirklichung unter dem Einflusse der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung gestanden, die als Entwicklung des Individualismus mangelhaft gedeutet zu werden pflegt: der Individualismus ist die Voraussetzung der neuen Gestaltung, der Umgestaltung der sozialen Verhältnisse, sozialen Samtschaften und der sozialen Verbände, ihrer Verfassung als gesellschaftlicher anstatt gemeinschaftlicher Verhältnisse, Samtschaften, Verbände, insbesondere also auch die Voraussetzung des umfassendsten politischen Verbandes: dieser hat unter dem Namen des Staates eben diese Bedeutung gewonnen, Ausdruck des Gedankens zu sein, daß die Gesellschaft oder die Samtschaft der in Tauschverkehren und mannigfachen vertraglich begründeten Verhältnissen und Verbänden zusammenlebenden Individuen eines dauernden gemeinsamen Macht‑ und Willensträgers bedarf, um die innerhalb ihrer entstehenden Zwiste zu schlichten, und sofern es nötig wäre, mit Gewalt zu dämpfen, Selbsthülfe und andere Eigengewalt niederzuschlagen, und andere gemeinsame Zwecke durch gemeinsame Mittel zu verfolgen, insbesondere also nach außen hin gemeinsame Gewalt gegen erlittene oder drohende Gewalt zu setzen.“ (Ferdinand Tönnies, Einführung in die Soziologie (1931), in: ders., Einführung in die Soziologie, Schriften, Rezensionen (= Tönnies-Gesamtausgabe Bd. 21, wie oben), hier aus „Zweites Buch Soziale Wesenheiten oder Gestalten, Erstes Kapitel: Allgemeine Charakteristik, § 5. Bündnis als rationaler und ideeller Typus“, S. 44f.). Zur Gesamtausgaben-Edition von Gemeinschaft und Gesellschaft Sebastian Huhnholz, Gemeinschaft und Gesellschaft. Das X. Internationale Tönnies-Symposium in Kiel, unter: https://www.theorieblog.de/index.php/2019/09/gemeinschaft-und-gesellschaft-das-x-internationale-toennies-symposium-in-kiel/ (3.3.2025).
  5. Wolfgang Heine, Methodologischer Individualismus. Zur geschichtsphilosophischen Begründung eines sozialwissenschaftlichen Konzeptes – C. Menger, J. A. Schumpeter, M. Weber, F. A. v. Hayek, K. R. Popper, Würzburg 1983; Thomas Schwinn, Max Weber und die Systemtheorie. Studien zu einer handlungstheoretischen Makrosoziologie, Tübingen 2013.
  6. Zum Vergleich siehe Stefan Breuer, Von Tönnies zu Weber. Zur Frage einer „deutschen Linie“ der Soziologie, in: ders.: Max Webers tragische Soziologie. Aspekte und Perspektiven, Tübingen 2006, S. 267–293; Stephan Moebius, Sociology in Germany. A History, Cham (Schweiz) 2021. Mindestens zu ergänzen wäre noch der frühliberalistische Aufklärer Friedrich Buchholz (1768–1843), preußischer Publizist und zeitweise Hauslehrer der Brüder von Humboldt, weil dieser Kämpfer gegen den Geburtsadel und vergessene Vordenker von Positivismus und Soziologismus in Deutschland mit einem pro-napoleonischen Bekenntnis zu Hobbes aufwartete, zunächst anonym in Der neue Leviathan (Tübingen 1805); zu ihm Rütger Schäfer, Friedrich Buchholz – ein vergessener Vorläufer der Soziologie, 2 Bde., Kümmerle, Göppingen 1972, sowie Iwan-Michelangelo D’Aprile: „Wo der Pöbel vernünftelt …“ Die Fehde zwischen Buchholz und Gentz, in: Zeitschrift für Ideengeschichte, III (2009), 4, S. 33–46.
  7. Zit. n. Jeffrey Verhey, Ferdinand Tönnies’ Kritik der Öffentlichen Meinung. Das Demokratieverständnis eines Vernunftrepublikaners, in: Wolfgang Bialas / Georg G. Iggers (Hg.), Intellektuelle in der Weimarer Republik, Frankfurt/M. u.a. 1996, S. 147–174, 171, und Alexander Wierzock, Die Ambivalenzen eines Republikaners. Ferdinand Tönnies und die Weimarer Republik, in: Andreas Braune / Michael Dreyer (Hg.), Republikanischer Alltag. Die Weimarer Demokratie und die Suche nach Normalität, Stuttgart 2017, S. 69–86. Ferner Jean-Christoph Merle, Tönnies view on Hobbes as a theorist of liberal society, in: Luc Foisneau et al. (Hg.), Leviathan between the wars. Hobbes’ impact on early twentieth century political philosophy, Frankfurt/M. u.a.: 2005, S. 41–48, sowie Jürg Johannesson, Ferdinand Tönnies’ Verhältnis zur Hobbes-Gesellschaft, 7 (1955), 4, S. 478–490, und Hubert Rottleuthner: Leviathan oder Behemoth? Zur Hobbes-Rezeption im Nationalsozialismus – und ihrer Neuauflage, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, 69 (1983), 2, S. 247–265.
  8. Der meines Wissens einschlägigste Beitrag dazu ist Tomaž Mastnak, Hobbes in Kiel, 1938. From Ferdinand Tönnies to Carl Schmitt, in: History of European Ideas. 41 (7), 2015, S. 966–991; siehe ferner David Dyzenhaus, Leviathan in the 1930s. The Reception of Hobbes in the Third Reich, in: John P. McCormick (Hg.), Confronting Mass Democracy and Industrial Technology. Political and Social Theory from Nietzsche to Habermas, Durham u. London 2002, S. 163–191, sowie Luc Foisneau et al. (Hg.), Leviathan between the wars. Hobbes’ impact on early twentieth century political philosophy, Frankfurt/M. u.a. 2005. Die Hobbes-Rezeption durch die frühe Kritische Theorie findet sich mittlerweile analysiert durch Hubertus Buchstein, Enduring Enmity. The Story of Otto Kirchheimer and Carl Schmitt, Bielefeld 2024. Der Briefwechsel Tönnies-Schmitt findet sich in: Carl-Schmitt-Gesellschaft (Hg.): Schmittiana. Neue Folge, Bd. III, Berlin 2016, S. 103–118.
  9. Schelsky hatte im Schmitt-Umfeld bereits zu Hobbes publiziert (siehe insb.: Die Totalität des Staates bei Hobbes, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, 31 (1937), 2, S. 176–193). Seine 1941 „im Felde“ abgeschlossene Habilitation veröffentlicht er unverändert (!) erst 1981: Thomas Hobbes. Eine politische Lehre. Berlin. Dazu hervorragend Frank Schale, Technische Steuerung und politischer Heros. Schelskys Hobbes-Interpretation, in: Alexander Gallus (Hg.), Helmut Schelsky – der politische Anti-Soziologe. Eine Neurezeption. Göttingen 2013, S. 139–155.
  10. Dazu Carlo Altini, Hobbes in der Weimarer Republik. Carl Schmitt, Leo Strauss und die Krise der modernen Welt, in: Hobbes Studies, 19 (2006), 1, S. 3–30; Volker Neumann, „Esoterische Verhüllungen“. Carl Schmitt verrätselt Thomas Hobbes, in: Thomas Lau et al. (Hg.), Der sterbliche Gott, S. 211–236.
  11. Der gesellschaftsrevolutionäre Gehalt von Hobbes kam, so scheint es, in der (west-)deutschen Gesellschaft erst mit der allmählichen Durchsetzung eben jener strukturell liberalen Ordnung zu Bewusstsein und so kam hierzulande erst in der späten zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Hobbes zu Rang und Namen – gut dreihundert Jahre nach Entstehung seines politischen Hauptwerks. Dass nach 1989/90 (siehe unten) umgehend eine ‚ostdeutsche‘ Ausgabe des Leviathan auf den Markt gelangte, ist in diesem Sinne konsequent. Gewiss war zumindest der Name Hobbes in Gelehrtenkreisen längst ebenso geläufig wie mehr oder minder grobe, oft allerdings fehlerhafte oder wenigstens missverständliche Fassungen seiner systematischen Thesen. Doch gibt es vielleicht keine vielsagendere Zerstreuung des Mythos einer tiefen direkten Prägung auch der deutschen Geistesgeschichte durch Hobbes (die sich ähnlich schon für Hobbes’ Heimat nicht leicht belegen lässt) als dies: 1959 ersucht Roman Schnur, einer seiner sogenannten Enkelschüler Carl Schmitt darum, als „wirklich [...] beste[r] Kenner des Werkes in Deutschland“ eine Einleitung für den Leviathan anzufertigen. Nur unter diesen Voraussetzungen sei der Verlag bereit, die beträchtlichen Kosten einer vollständigen Übersetzung aus dem maßgeblichen englischen (statt lateinischen) Original wohlwollend durchzukalkulieren. Das Buch könne dann, von Schnur und Reinhart Koselleck verantwortet, in der POLITICA-Reihe erscheinen (siehe Carl Schmitt / Roman Schnur, Briefwechsel 1951 bis 1983, hrsg. v. Martin Tielke, Berlin 2023, S. 348f., 349 (Brief Schnurs vom 4. Oktober 1959)). Schmitt lehnt ab (vgl. u.a. ebd., S. 350f., Brief Schmitts vom 6. Januar 1960). Schnur gibt das wichtige Vorhaben auf. Es sei „erschütternd“, klagt er, dass die deutsche Wissenschaft [...] um die einzige Leviathan-Ausgabe gebracht wird, die den Anspruch erheben könnte, international beachtet zu werden. Aber wir haben eben immer den Provinzialismus geliebt“ (ebd., S. 352–356, 352, Brief vom 9. Januar 1960). Eine frühe ostdeutsche Ausgabe von Hobbes Lehre vom Körper im Leipziger Meiner-Verlag (dem Nachdruck einer laut Tönnies stark fehlerhaften (S. 47) Auswahlausgabe von 1915) hatte noch „Theodor Hobbes“ als Autorenname vermerkt (Th[omas] Hobbes, Grundzüge der Philosophie. Erster Teil: Lehre vom Körper, Leipzig o. J., S. 1). Die erste, ab 1794 in Halle zweibändig erschienene vollständige Übersetzung des lateinischen Leviathan scheint weithin unbekannt geblieben zu sein. Der 1936 von J. P. Mayer auf Grundlage dieser seit 1794 unverändert gebliebenen Ausgabe hrsg. Leviathan vermengt diese Erstfassung mit Übersetzungen aus der englischen Fassung und enthält auch nur die ersten beiden Teile. Die von Walter Euchner geleistete erste Vollübersetzung des englischen Leviathan erscheint Mitte der 1960er. Erst dreißig Jahre später folgte eine weitere Neuübersetzung. Zur Übersetzungshistorie siehe auch das Vorwort der 1996 von Hermann Klenner hrsg. Fassung des Leipziger Meiner-Verlags (Thomas Hobbes, Leviathan [ohne Weiteres]. Übers. v. Jutta Schlösser, Leipzig 1996, S. V–VII, nachdem Klenner bereits 1978 eine ostdeutsche Ausgabe besorgt hatte (Thomas Hobbes, Leviathan oder Materie, Form und Gewalt eines kirchlichen Gemeinwesens. Teil I und II, hrsg. m. e. Essay „Leviathan und Behemoth oder Vernunft und Aufruhr“ v. Hermann Klenner, übers. a. d. Eng. v. Walter Euchner. Überarbeitung der Übers. durch d. Hrsg., Leipzig 1978). Tatsächlich also erscheint erst wenige Jahre nach Schnurs Scheitern bei Luchterhand jene von Walther Euchner besorgte und von Iring Fetscher eingeleitete Übersetzung (Thomas Hobbes, Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines bürgerlichen und kirchlichen Staates (= POLITICA, hrsg. v. Wilhelm Hennis und Hans Maier, Bd. 22), Berlin u. Neuwied 1966), die später in unveränderbaren Druckplatten zum Suhrkamp-Verlag wandert und darum trotz mancher Nachteile die bis heute gängige Arbeitsausgabe der vielen Neuauflagen geblieben ist. Mithin: eine fast sechzig Jahre alte Cashcow, die anhaltend ohne den berühmtesten Paratext daherkommt, weil das Titelkupfer fehlt – der „Leviathan“ ist ‚nicht zu sehen‘. Erst in einer 2011 vom selben Verlag vertriebenen Kommentarausgabe von Teil I und II des Leviathan in der unveränderten Fetscher/Euchner-Fassung ist das Frontispiz dann erstmals integriert (Kommentar durch Lothar R. Waas, Berlin). Dass ausgerechnet Carl Schmitt Tönnies den Rang als der deutsche Hobbes-Forscher ablaufen und sich erst durch (beziehungsweise: gegen) ihn und seine Kreise eine Hobbes-Forschung etablieren sollte, ist eine folgenreiche Geschichte eigener Art. Schmitts Faszination für Hobbes ist immer wieder durch seinen militanten Antiliberalismus begründet worden, doch als der allmählich kaltgestellte Privatier Hobbes zu einem Zentrum seiner Überlegungen machte, waren alle wesentlichen politischen Schriften der Machtphase Schmitts längst erschienen. Hobbes kam danach und dazu. Überdies brauchte Schmitt Hobbes vor allem für seine Politische Theologie. Denn dass der Leviathan einerseits Ausdruck der „vollendeten Reformation“ sei, ging Schmitt nach und nach, und in allen Konsequenzen erst durch späte Diskussionen auf (dazu Sebastian Huhnholz, Die unvollendete Reformation. Der Briefwechsel von Carl Schmitt und Dietrich Braun zur Interpretation des Hobbes’schen Leviathan ist erschienen (Rezension zu Carl Schmitt/Dietrich Braun: „Erst Leviathan ist der Ausdruck vollendeter Reformation.“ Briefwechsel, hrsg. v. Martin Braun et al., Berlin 2022), in: Ethik & Gesellschaft. Ökumenische Zeitschrift für Sozialethik, 2, 2022 (ohne Jg. und Seiten)), doch politiktheoretisch wichtig war ihm, dass auch Hobbes’ Leviathan einige katholische Mucken nicht loswurde und dass sich dieser „sterbliche Gott“, die soziale Realfiktion „Staat“ eines allzu brüchigen Imaginationshaushaltes bediente, der mit pluralistisch-liberalen Institutionen wie Markt und Parlament Schmitt inkonsequent anmutende Gegenkräfte zuließ. Das ließ sich recht nahtlos auf Schmitts konservative Liberalismus- und ätzende Parlamentarismuskritik projizieren.
  12. Besonders deutlich in Tönnies, Demokratie und Parlamentarismus, in: ders., Soziologische Studien und Kritiken. Dritte Sammlung, Jena 1929, S. 40–84; dazu Carsten Schlüter-Knauer, Die kontroverse Demokratie. Carl Schmitt und Hans Kelsen mit und gegen Ferdinand Tönnies, in: Uwe Carstens et al. (Hg.), Verfassung, Verfasstheit, Konstitution = Tönnies-Forum, 17 (2008), 1+2, S. 41–86; ferner, wie oben, Briefwechsel Tönnies-Schmitt.
  13. Becker promovierte 1925 über „Die politische Systematik der Staatslehre des Thomas Hobbes“ bei Schmitt. Ein Brief Tönnies’ an Becker vom 29. Dezember 1926 findet sich digitalisiert in der Briefedition (https://www.ftbe.de/home (Zugriff 15. November 2025); für den Hinweis darauf danke ich Alexander Wierzock). Die Rollen Schmitts und Kosellecks für die (west-)deutsche Hobbes-Forschung sind – auch aufgrund verbesserter Quellenlage – weiter forschungsbedürftig. Siehe dazu Koselleck/Schnur (Hrsg.), Hobbes-Forschungen (wie oben); Jan Eike Dunkhase (Hrsg.), Reinhart Koselleck – Carl Schmitt: Der Briefwechsel 1953–1983, Berlin 2019; Sebastian Huhnholz, Von Carl Schmitt zu Hannah Arendt? Heidelberger Entstehungsspuren und bundesrepublikanische Liberalisierungsschichten von Reinhart Kosellecks „Kritik und Krise“, Berlin 2019, und ders., Die unvollendete Reformation (wie oben). Ferner Roman Schnur: Individualismus und Absolutismus. Zur politischen Theorie vor Thomas Hobbes (1600–1640), Berlin 1963. Für Ernst-Wolfgang Böckenförde sei nur verwiesen auf: Sicherheit und Selbsterhaltung vor Gerechtigkeit. Der Paradigmenwechsel und Übergang von einer naturrechtlichen zur positiv-rechtlichen Grundlegung des Rechtssystems bei Thomas Hobbes, Basel 2004.
  14. Siehe dazu Leo Strauss, Hobbes’ politische Wissenschaft und zugehörige Schriften – Briefe, hrsg. von Heinrich u. Wiebke Meier, 3., durchges. Aufl., Hamburg: Meiner 2022; Harald Bluhm, Die Ordnung der Ordnung. Das politische Philosophieren von Leo Strauss, Berlin 2002.
  15. Erhellend in diesem Zusammenhang sind Arbeiten von Johan Tralau, beispielsweise: Leviathan, the Beast of Myth: Medusa, Dionysos, and the Riddle of Hobbes’s Sovereign Monster, in: Patricia Springborg (Hg.), The Companion to Hobbes’ Leviathan, Cambridge 2007, S. 61–80.
  16. Nur stichprobenhalber: Für die Hobbes-Interpretationen in Macphersons Politische Theorie des Besitzindividualismus (Frankfurt/M. 1973 (Orig. 1962)) und Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (Frankfurt/M. 1955) spielt Tönnies keine Rolle, für Oakeshott eine andere als die des Hobbes-Forschers (siehe dazu Efraim Podoksik, Overcoming the Conservative Disposition: Oakeshott vs. Tönnies, in: Political Studies, 56 (2008), 4, S. 857–880).
  17. Hobbes und das Zoon Politikon (1923), in: Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe, Bd. 15, 1923–1925: Innere Kolonisation in Preußen, Soziologische Studien und Kritiken, Erste Sammlung Schriften 1923, hrsg. von Dieter Haselbach, Berlin/Boston 2000, S. 543–570.
  18. Philip Manow, Politische Ursprungsphantasien. Der Leviathan und sein Erbe, Konstanz 2011; Oliver Eberl, Naturzustand und Barbarei. Begründung und Kritik staatlicher Ordnung im Zeichen des Kolonialismus, Hamburg 2021; Alexandra Chadwick / Eva Odzuck (Hg.), Schwerpunktheft „Feminist Perspectives on Thomas Hobbes“, in: Hobbes Studies, 33 (2020), 1; Olaf Asbach, Thomas Hobbes und die Ambivalenzen des modernen Steuerstaates, in: Sebastian Huhnholz (Hg.), Fiskus – Verfassung – Freiheit. Politisches Denken der öffentlichen Finanzen von Hobbes bis heute, Baden-Baden 2018, S. 61–94, abgeändert ders., Öffentliche Gewalt, Steuerstaat und Commercial Society. Politische Theorie und Politische Ökonomie bei Thomas Hobbes, in: Rüdiger Voigt (Hg.), Der Leviathan im Zeichen der Krise, 2., erw. Aufl., Baden-Baden 2025, S. 281–314.
  19. „Thomas Hobbes – Leben und Lehre“ (Bd. 24) und die „Schriften zu Thomas Hobbes“ (Bd. 25), hrsg. v. Arno Bammé, je im Profil-Verlag 2014 bzw. 2015. Der Band 18 als „Schriften zur Staatswissenschaft“, hrsg. v. Rolf Fechner 2010 (wie oben).
  20. Dazu zählen: Ferdinand Tönnies, Anmerkungen über die Philosophie des Hobbes. Erster Artikel (1879), ders.: Anmerkungen über die Philosophie des Hobbes. Zweiter Artikel (1880), ders.: Anmerkungen über die Philosophie des Hobbes. II. Dritter Artikel (1880), und ders. Anmerkungen über die Philosophie des Hobbes. Vierter Artikel (Schluss) (1881), je demnächst in: Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe, Bd. 1, hrsg. v. Tatjana Trautmann u. Carsten Schlüter-Knauer, Berlin u. Boston: Walter de Gruyter (i.V.). Hinzu kommen von ders., Hobbes und das Zoon Politikon, wie oben (1923). Der ebenfalls schon erwähnte Band zu den Spätschriften einschließlich der an Hobbes-Referenzen reichen Einführung in die Soziologie führt zudem noch „Societas Hobbesiana – Societas Spinozana“ (Bd. 21, S. 528–534) von 1931. Der Band 22 (= 1932–1936. Geist der Neuzeit, Schriften, Rezensionen, hrsg. v. Lars Clausen, Berlin u. Boston 1998) versammelt Der Philosoph Thomas Hobbes in Deutschland sowie Hobbes und Spinoza (S. 320–326).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.

Kategorien: Geschichte der Sozialwissenschaften Politische Theorie und Ideengeschichte

Sebastian Huhnholz

Sebastian Huhnholz ist Politikwissenschaftler im Bereich der Politischen Theorie und Ideengeschichte und forscht zu Fragen demokratischer Staatsfinanzierung. Er ist Gastwissenschaftler in der Forschungsgruppe „Monetäre Souveränität“ am Hamburger Institut für Sozialforschung und vertritt seit Herbst 2025 die Professur „Political and Legal Theory“ an der Freien Universität Berlin.

Alle Artikel

Empfehlungen

Manfred Hettling

Denker des Umbruchs

Rezension zu „Max Weber. Stationen und Impulse einer intellektuellen Biographie“ von Gangolf Hübinger

Artikel lesen

Tommy Stöckel

Sociologie à la française

Johan Heilbron serviert eine transnationale Geschichte der französischen Soziologie

Artikel lesen

Newsletter