Angela Wegscheider | Rezension |

Frauen* fördern

Rezension zu „ Gleichstellungspolitiken revisted. Zeitgemäße Gleichstellungspolitik an der Schnittstelle zwischen Politik, Theorie und Praxis“ von Angela Wroblewski und Angelika Schmidt (Hg.)

Abbildung Buchcover Gleichstellungspolitiken revisted von Wroblewski/Schmidt (Hg.)

Angela Wroblewski / Angelika Schmidt (Hg.):
Gleichstellungspolitiken revisted. Zeitgemäße Gleichstellungspolitik an der Schnittstelle zwischen Politik, Theorie und Praxis
Deutschland
Wiesbaden 2021: Springer VS
XIII, 382 S., 49,99 EUR
ISBN 978-3-658-35845-7

Angesichts der mittlerweile gesetzlich festgeschriebenen Gleichstellung, die in zahlreiche Maßnahmen zur Umsetzung derselbigen mündet, fragte 2019 eine von der Wirtschaftsuniversität Wien und der Plattform Gender & Diversität am Institut für höhere Studien (IHS) in Wien organisierte Konferenz provokant „Warum noch Frauen* fördern?“. Die Frage erübrigt sich mit Blick auf die – trotz oder wegen des Gleichstellungsgesetzes – zunehmenden gleichstellungsfeindlichen Entwicklungen. Entsprechend hatte die Konferenz zum Ziel, den „Diskurs über die Anforderungen an eine Gleichstellungspolitik in Zeiten entpolitisierender und antifeministischer Tendenzen“ weiterzuführen und aus unterschiedlichen Perspektiven zu zeigen, „wie Gleichstellung und Frauenförderung neu verhandelt werden könnten“ (S. V). Die Konferenzbeiträge sind in einem Sammelband veröffentlicht, der Dezember 2021 von Angela Wroblewski (IHS) und Angelika Schmidt (WU Wien) herausgegeben wurde. Er ist in vier Themenschwerpunkte gegliedert und betrachtet die geschlechterbezogene Gleichstellungspolitik aus einer (1) theoretisch-konzeptionellen, (2) themenbezogenen, (3) instrumentellen und (4) praktischen Perspektive. Die einzelnen Beiträge beziehen sich sowohl auf etablierte Themenfelder – etwa Gleichstellungspolitik in Bildungsinstitutionen, Vereinbarkeit von Familie und Karriere, Queer- und Geschlechtervielfalt sowie Feminismus – wie auch auf noch kaum beachtete Bereiche: Niedriglohnsektor, Filmförderung und ländliche Entwicklungsprogramme. In der Gesamtschau sollen die Aufsätze die aktuellen Herausforderungen in der Gleichstellungspolitik zeigen und gleichzeitig illustrieren, wie eine reflexiv konzipierte Gleichstellungspolitik ausgestaltet werden könnte.

Zur politischen Relevanz des Themas

Die EU ermahnte in der im März 2020 in Kraft getretenen EU-Gleichstellungsstrategie, bislang habe noch

„kein Mitgliedstaat eine vollständige Gleichstellung der Geschlechter erreicht, und es werden nur langsam Fortschritte erzielt. […] Leider sind diese Fortschritte bei der Gleichstellung von Frauen und Männern weder selbstverständlich noch irreversibel. Daher müssen wir dem Thema neue Impulse verleihen.“[1]

Diese Einschätzung trifft auch auf Österreich zu, denn wird die hiesige Gleichstellungspolitik der letzten Jahre an ihren real erzielten Erfolgen und ihrer Reichweite gemessen, so ist sie, wie der Sammelband eindrücklich belegt, dringend neu auszurichten.

Es ist ein Erfolg, dass die rechtliche Gleichstellung in den EU-Mitgliedstaaten formal in fast allen Bereichen umgesetzt ist: Niemand darf aufgrund seines Geschlechts sowie anderer persönlicher Merkmale benachteiligt werden. Trotzdem sind Frauen* nach wie vor in Macht- und Herrschaftspositionen unterrepräsentiert, sei es in Wirtschaft, Forschung oder Politik.[2] Gerade die deutschsprachigen Länder gelten als nicht gerade progressiv, was ihre Gleichstellungspolitik betrifft (Stichworte Schlüsselkinder oder Rabenmutter). Zwar ist die Frauenerwerbstätigkeit im europäischen Vergleich überdurchschnittlich hoch – in der Schweiz liegt sie in etwa bei 78 Prozent, in Deutschland bei 76 Prozent und in Österreich bei 72 Prozent[3] –, allerdings handelt es sich im Wesentlichen um schlecht bezahlte Teilzeitbeschäftigungen. Dies liegt vor allem daran, dass hauptsächlich Frauen* unbezahlte oder sogar unentgeltliche Sorgearbeit übernehmen: zuerst die Kinderbetreuung, dann die Versorgung älterer Angehöriger (S. 1).

Wer die beobachteten Zahlen und Fakten in den feministischen Diskurs einbetten und sie vor diesem Hintergrund verstehen will, erkennt, dass gleichstellungspolitisch engagierte Genderexpert*innen einen anderen Fokus haben als feministische Theoretiker*innen. Während Letztere radikal neue Ideen und Vorstellungen von Geschlecht und Gesellschaft entwerfen (können), beschäftigen sich Gleichstellungsexpert*innen mit praxis- und anwendungsorientierter Wissensproduktion (S. 5–7). Beide Ansätze entwickelten, gerade in ihrer Kombination, die Gleichstellungspolitik in den letzten Jahrzehnten weiter, seit einiger Zeit geht es aber auch darum, bereits Erreichtes zu verteidigen. In Phänomenen, die als Antifeminismus (S. 23 f.) und Antigenderismus (S. 25 f.) zu bezeichnen sind, zeigt sich ein veritabler Backlash (S. 24): Verweigerung von geschlechtersensibler Sprache, Kürzungen in den Förderungen von Einrichtungen für Frauen und Mädchen, Abwertung der Gender Studies. All dies war und ist in den letzten Jahren keine Seltenheit.

Verschiedene Aspekte von Gleichstellung

In ihrem einleitenden Beitrag erläutern Johanna Hofbauer und Angela Wroblewski, wie zeitgemäße Frauenförderung und Gleichstellungspolitik auszusehen habe. Sie sei Teil einer evidenzbasierten und prozessorientierten Politikgestaltung, verstehe sich als partizipativ und greife feministische Debatten und Methodendiskussionen auf. Darüber hinaus machen die Herausgeberinnen den oben benannten Unterschied zwischen feministischer Theorie und Gleichstellungspolitik deutlich.

Die Beiträge des ersten Teils beschäftigen sich mit dem Status quo und mit Überlegungen hinsichtlich einer zeitgemäßen Gleichstellungspolitik. Der Aufsatz von Regine Bendl, Maria Clar und Angelika Schmidt analysiert die Entwicklung der österreichischen Gleichstellungspolitik zwischen 2017 und 2019 (Regierung Kurz I) und macht auf die Schwächen des Gleichstellungsdiskurses in dieser Periode aufmerksam. Die Erkenntnisse aus einem Action Research Projekt, das die Autorinnen mit gleichstellungspolitischen Akteur*innen durchführten, legen in der Folge den Bedarf an neuen feministischen und gleichstellungspolitischen Strategien offen. Angela Wroblewski greift dies auf, wenn sie erläutert, wie „[R]eflexive Gleichstellungspolitik zur Auflösung des Gleichstellungsparadox“ beitragen und einen Kulturwandel herbeiführen kann. Denn, so Wroblewskis Argument, nur wenn gleichstellungspolitische Akteur*innen über Reflexivität und Genderkompetenz verfügen, kann eine wirkmächtige Gleichstellungspolitik entstehen.

Der zweite Teil beinhaltet „Neue Perspektiven auf etablierte Themen in der Gleichstellungspolitik“. Die sechs Beiträge setzen sich unter anderem mit Instrumenten wie der Quotenregelung auseinander (Enzenhofer/Guenther/Ratzer) sowie mit der Forderung, dass sich Männer in gleichem Umfang an unbezahlter Sorgearbeit beteiligen sollten (Mauerer). Ein Schwerpunkt (bestehend aus zwei Aufsätzen) bildet die universitäre Gleichstellungspolitik. Victoria Englmair geht der Frage nach, wie sich Universitäten bisher mit der Diskriminierung von trans*, inter* und nichtbinären Personen auseinandergesetzt haben. Ingrid Schacherl untersucht „Potenziale für geschlechtergerechte Transformationen an Universitäten“. Neben den klassisch wissenschaftlichen Beiträgen ist in diesem Part auch ein Gespräch zwischen Luan Pertl und Victoria Englmair zu Intergeschlechtlichkeit abgedruckt, in dem es um geschlechterneutrale Sprache, um Forderungen nach einer Nichtpathologisierung von Intergeschlechtlichkeit und um die aufklärerische Rolle des Bildungssystems geht.

Als drittes widmet sich der Band Monitoring- und Evaluationsinstrumenten, welche die Gleichstellungspolitik unterstützen und weiterentwickeln können. Der vierte Part konzentriert sich auf bislang wenig beachtete Themen wie den Niedriglohnsektor (Sardadvar), die Bedeutung von Geschlecht bei der Berufswahl (Leitner/Kreimer) oder die geschlechterspezifische Verteilung der Förderungen im Kulturbereich (Gärtner) und in Entwicklungsprogrammen für den ländlichen Raum (Oedl-Wieser).

Österreich und darüber hinaus

Aufgrund der breiten Themenstellung Frauen*-Gleichstellung ist die stimmige Komposition und Reihung der Beiträge umso bemerkenswerter. Die unterschiedliche Qualität der einzelnen Aufsätze zeugt davon, dass hier sowohl wissenschaftliche Newcomer*innen, Aktivist*innen und Praktiker*innen als auch etablierte Forscher*innen partizipiert haben. Die meisten Artikel sind gut geschrieben, die jeweilige Argumentationslinie und die Erkenntnisse sind verständlich und nachvollziehbar.

Der einleitende Aufsatz von Hofbauer und Wroblewski ist besonders hilfreich, um sich einen Überblick über das Spannungsfeld zwischen Gleichstellungspolitik und feministischer Geschlechtertheorie zu verschaffen. In ihrem Nachwort resümieren Angelika Schmidt und Angela Wroblewski die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die Geschlechterverhältnisse. Angesichts ihrer Befunde heben sie am Ende hervor, dass es vor allem eine feministische Auseinandersetzung mit aktuellen gleichstellungspolitischen Phänomenen und deren Akteur*innen braucht, um neue und anders gestaltete Ungleichheiten zu erfassen und bearbeiten zu können.

Der Sammelband bezieht sich zwar fast ausschließlich auf die österreichische Debatte um Gleichstellungspolitik, die nach anfänglichen positiven Effekten mittlerweile ziemlich ins Stocken geraten ist. Seine Ergebnisse sind aber für den gesamten deutschsprachigen Raum interessant wie auch auf diesen übertragbar. Er leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Theorie und Praxis eines nicht nur in der Alpenrepublik nach wie vor bedeutenden Politikfeldes. Die Beiträge betrachten vor allem die Persistenz struktureller Geschlechterungleichheit und warnen in verschiedenen Themenbereichen sowohl vor der schwindenden Bedeutung der Gleichstellungspolitik als auch vor wachsendem Widerstand gegen Gleichstellungsbestrebungen. Strukturelle Diskriminierungsmechanismen zeigen sich vor allem im Bildungsbereich, aber auch in der Reinigungs- oder der Filmbranche. Insgesamt gibt das Buch einen guten Einblick in die Ungleichbehandlung von Frauen* in unterschiedlichen Bereichen. Es belegt eindrücklich, von welch enormer Bedeutung eine effektive und nachhaltige Gleichstellungspolitik nach wie vor ist.

  1. Europäische Kommission (Hg.), Eine Union der Gleichheit: Strategie für die Gleichstellung der Geschlechter 2020–2025, 5.3.2020; online unter: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:52020DC0152&from=EN [16.11.2022].
  2. European Institute for Gender Equality (Hg.), Gender Statistics Database; online unter: https://eige.europa.eu/gender-statistics/dgs [16.11.2022].
  3. Eurostat (Hg.), Women’s Employment in the EU, 6.3.2020; online unter: https://ec.europa.eu/eurostat/web/products-eurostat-news/-/EDN-20200306-1 [16.11.2022].

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Feminismus Gender Politik Universität

Angela Wegscheider

Angela Wegscheider ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik an der Johannes Kepler Universität Linz, Österreich. Sie arbeitet zu Disability Studies, Disability History, Lebenslagen von Menschen mit Behinderungen und Sozialpolitik.

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