Christian Helge Peters | Rezension |

Go-Betweens zwischen philosophischer Begriffsarbeit und empirischer Sozialforschung

Rezension zu „Affektivität und Sozialität. Phänomenologie und Soziologie des Affektiven“ von Claudia Peter, Marc Strotmann und Moritz von Stetten (Hg.)

Claudia Peter / Marc Strotmann / Moritz von Stetten (Hg.):
Affektivität und Sozialität. Phänomenologie und Soziologie des Affektiven
Deutschland
Wiesbaden 2025: Springer VS
488 S., 84,99 EUR
ISBN 978-3-658-45774-7

Der von Claudia Peter, Marc Strotmann und Moritz von Stetten herausgegebene Sammelband Affektivität und Sozialität widmet sich einer der zentralen Fragen des gegenwärtigen affective turn. Sie lautet: Wie lassen sich affektive Phänomene nicht nur als körperliche oder leibliche, sondern zugleich als soziale Beziehungen und (inter-)subjektive Erfahrungen begreifen? Indem die Autor:innen phänomenologische und soziologische Perspektiven systematisch miteinander verschränken, eröffnen sie einen neuen Zugang zum Verständnis von Affekten und Affektionen.

Mittlerweile hat sich die Auffassung von einer „Ubiquität des Affektiven“ (S. 18) durchgesetzt, wie die Herausgeber:innen in ihrer Einleitung anhand einer immer größer werdenden Zahl wissenschaftlicher Publikationen darlegen. Sie nehmen die aktuelle Relevanz von Affekten in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften zum Ausgangspunkt, um der Auseinandersetzung mit Affekten und Affizierungen einen weiteren Forschungsstrang hinzuzufügen: die Phänomenologie. Das besondere Verdienst des Sammelbandes besteht darin, die bislang – im Gegensatz zu vitalistischen Philosophien wie der von Gilles Deleuze – wenig beachteten Begriffe und Konzepte der Phänomenologie für die soziologische Beschäftigung mit Affekten produktiv zu machen und kritisch zu reflektieren. Den Herausgeber:innen zufolge liegt die Stärke der Phänomenologie – das zeigen die hier versammelten Beiträge eindrücklich – in ihrem Erfahrungs-, Leib- und Körperbegriff (S. 12 ff.). Sie verfüge über ein großes „Wissensreservoir“ (S. 12), da sie „als eine Denkrichtung gelten [kann], die seit ihrer Gründungszeit die Untersuchung der affektiven Dimension menschlicher Erfahrung und Wahrnehmung ins Zentrum ihres Denkens stellt“ (ebd.). Um den Mehrwert der Phänomenologie für das Verständnis von Affekten und Affizierungen herauszuarbeiten, wollen die Herausgeber:innen einen vielversprechenden „Dialog zwischen philosophisch-phänomenologischer Reflexion und Begriffsarbeit einerseits und einer soziologisch motivierten, empirischen Forschung andererseits an[]stoßen“ (S. 18). Für ihre Autor:innen wählen Peter, Strotmann und von Stetten die Bezeichnung „Go-Betweens“ (ebd.). Mit dem aus dem therapeutischen Kontext stammenden Begriff für Wandler:innen „zwischen zwei Welten“ rücken sie deren interdisziplinäre Zugänge zwischen „philosophischer Reflexion und empirischer Sozialforschung“ (S. 2) in den Fokus. Auf diese Weise eröffnen die verschiedenen Beiträge jeweils spezifische neue Perspektiven auf das Verhältnis von Affektivität und Sozialität.

Der Sammelband gliedert sich in fünf Teile, deren Texte im Folgenden alle kurz vorgestellt werden. Dabei liegt mein Fokus auf denjenigen Go-Betweens in den einzelnen Texten, die meiner Ansicht nach besonders vielversprechend sind. Im ersten Teil wird eine ideengeschichtliche Auseinandersetzung mit phänomenologischen Affektkonzepten angestoßen, die historische Anschlussmöglichkeiten offenlegt. Michael Hubrich argumentiert in seinem Beitrag unter Bezugnahme auf die Ansätze von Dewey, Merleau-Ponty und Heidegger dafür, das Affektive als gefühltes Erleben in einer Praxis zu verstehen. Indem Wahrnehmung, Fühlen und Praktiken miteinander verbunden werden, lassen sich bestehende Dualismen wie jene zwischen Wahrnehmung/Bewegung, Denken/Fühlen oder Bewusstsein/Körper überwinden, in denen das Affektive nur einer Seite zugeordnet ist. Íngrid Vendrell Ferran ordnet Schelers Gefühlstheorie historisch ein. Die Autorin legt dar, dass für Scheler Gefühle per se sozial sind, insofern sie Beziehungen zwischen Subjekten stiften und in diesen Beziehungen zum Ausdruck kommen. Dadurch könnten verschiedene Formen des Sozialen – Scheler geht konkret auf vier Formen ein: Massen, Lebensgemeinschaften, Gesellschaften und Gesamtpersonen (S. 88 f.) – anhand ihrer spezifischen Gefühlsformen unterschieden werden.

Der zweite Teil des Buches widmet sich Vulnerabilität und Traumatisierung als pathischen Affekten, jener Art von Affekten also, die das gesamte Subjekt vereinnahmt. Martin Huth untersucht die spezifische Erfahrung von Verletzlichkeit. Im Anschluss an Schmitz, Waldenfels und Ahmed versteht er Vulnerabilität als latentes, situatives und habituelles Leibphänomen, das Spuren hinterlässt wie übertriebene Vorsicht oder Minderwertigkeitsgefühle (S. 118). Strukturelle Gewalt, Körperdiskriminierungen, Traumata oder chronische Erkrankungen erscheinen so als Erfahrungen von Vulnerabilität, die auf deren komplexe Zeitlichkeiten verweisen. Alexander Brunner geht in seinem Aufsatz der Frage nach, ob Trauma eine normale Reaktion auf ein nicht normales Ereignis ist und setzt Trauma und Affekt zueinander ins Verhältnis. Der Autor fasst traumatische Erlebnisse als leibliches Affizierungsgeschehen und zugleich als soziales Phänomen (Atmosphäre). Mit diesen Prämissen entwickelt er eine kritische Gesellschaftstheorie, die herausstellt, dass bestimmte Gruppen mit permanenten Traumata konfrontiert sind, etwa Betroffene von Krieg oder häuslicher Gewalt.

Im dritten Teil des Buches setzen sich die Autor:innen mit Affekten und Affizierungen im Kontext von digitaler Therapie und Beratung auseinander. Sarah Mönkeberg erforscht den Zusammenhang von Digitalität, Angst, Langeweile und Leiblichkeit. Sie problematisiert in diesem Kontext die Annahmen sowohl, dass der Leib im Digitalen ersetzt wird, als auch, dass der Leib das Andere des Digitalen wäre. Aufbauend auf Husserl und Schmitz versteht sie Angstaffekte und Langeweile als Folge digitaler Erfahrungsweisen beispielsweise in Online-Rollenspielen oder am Smartphone. Ebenfalls auf die Bedeutung des Leibes in digitalen Umgebungen geht Moritz von Stetten ein und untersucht Affizierung und Antworten in der videogestützten Psychotherapie während des ersten Corona-Lockdowns. Im Anschluss an die responsive Phänomenologie des jüngst verstorbenen Philosophen Bernhard Waldenfels arbeitet er auf der Grundlage von Interviews mit Psychotherapeut:innen heraus, dass in psychotherapeutischen Kontexten mittels Videotelefonie durch Rollenspiele trotz fehlender physischer Kopräsenz Prozesse des Affizierens und leiblichen Antwortens entstehen. Ragna Winniewski nähert sich in ihrem Aufsatz sowohl theoretisch als auch praxisorientiert an das leiblich-affektive Selbst von Demenzkranken an. Sie zeigt, wie Synästhesien und Atmosphären in Therapiesituationen (beispielsweise in multisensorischer oder Musiktherapie) die leiblichen Empfindungen und Resonanzen von Menschen mit Demenz prägen.

Der vierte Teil thematisiert gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen und politische Konfliktlagen. Hilge Landweer macht in ihrem Beitrag Verachtung als dominantes Gefühl in westlichen Leistungsgesellschaften aus. Es entstehe aus einer angenommenen sozialen, geistigen oder moralischen Über- beziehungsweise Unterlegenheit einer Gruppe gegenüber einer anderen und diene zur Konstitution sozialer Abstände, weshalb die Autorin Verachtung auch als „verdecktes Distinktionsgefühl“ (S. 265) bezeichnet. Diese Emotion gehe, so Landweer, oftmals mit Formen von Gewalt wie Lächerlich-Machen (cringe) und/oder Mobbing einher. Tatiana Shchyttosova fragt in ihrem Text nach den Bedingungen politischer Handlungsfähigkeit in Belarus – einem Land, dessen Gesellschaft größtenteils als depolitisiert und passiviert gilt. Anhand unterschiedlicher empirischer Daten wie Interviews, teilnehmenden Beobachtungen und Medienveröffentlichungen analysiert sie, wie affektive Erschütterungen über gefälschte Wahlen soziale Depressivität überwinden und solidarische Mobilisierungen wie die Proteste gegen Lukaschenko 2020 auslösen können. Burkhard Liebsch widmet sich anschließend dem Phänomen der Scham und ihren vielfältigen Ausprägungen. Der Autor zeigt die Möglichkeiten einer Hermeneutik, die systematisiert, wer sich wovor beziehungsweise vor wem schämt. Das ist insofern relevant, als sich schämende oder beschämte Subjekte versuchen, unsichtbar zu werden, um sich der Scham zu entziehen.

Der fünfte Teil widmet sich methodologischen und ethischen Fragen einer phänomenologischen Soziologie. Marc Strotmann setzt sich in seinem Beitrag mit der Nachträglichkeit von Affekten und ihrer Erzählbarkeit auseinander. Er argumentiert in Anlehnung an Waldenfels und dessen These von der Unabgeschlossenheit und Fluidität von Affizierungen, dass letztere mit narrativen Methoden nur nachträglich erfasst werden könnten. Daher sollte wissenschaftliches Schreiben über affektive Geschehnisse offener, experimenteller und imaginativer gestaltet sein und keine kohärenten, geschlossenen Erzählungen bilden. In Auseinandersetzung mit Schmitz‘ Gefühlstheorie und dichten ethnografischen Beschreibungen verdeutlicht Melanie Pierburg in ihrem Text den begrifflichen Mehrwert der Neophänomenologie gegenüber der Emotionssoziologie, indem sie Gefühle als überindividuelle, atmosphärische und eben nicht individuelle oder kognitive Phänomene versteht. Pierburg unterscheidet Gefühle hinsichtlich ihrer verschiedenen Intensitäten und Bedeutungen dahingehend, wie sie Erleben und Interaktionen beeinflussen. Beispielsweise beschreibt die Autorin Gefühle von Angst und Melancholie während der ersten Welle der Covid-19-Pandemie, die sie dazu veranlassten, Interaktionen zu meiden und größere Abstände zu anderen Menschen einzuhalten. Den Abschluss bildet Claudia Peters Beitrag über die Responsivität und Responsabilität in Forschungssituationen. Mit Rückgriff auf Waldenfels, Levinas und Derrida plädiert sie dafür, die gesamte „Praxis des Forschens als Affizierungsgeschehen“ (S. 439) zu verstehen. Als Anschauungsbeispiel zieht sie unter anderem ihre eigenen Forschungsarbeiten zu Kindern mit Fehlbildungen und wissenschaftlichen Gutachten heran. Sie betont nicht nur die körperliche und leibliche Dimension des gesamten Forschungsprozesses, sondern auch die daraus folgenden ethischen Konsequenzen für eine verantwortungsvolle Forschung, die darin bestehen, sich auf die Affizierungen aus dem Forschungsfeld einzulassen und auf sie zu reagieren. Peter bezieht Gefühle bewusst in ihre Forschung mit ein und reflektiert sie, statt sie zu ignorieren.

Abgesehen von den beiden historisch ausgerichteten Beiträgen, die den Forschungsstand aufarbeiten, gelingt es allen Autor:innen, dem in der Einleitung angekündigten Anspruch eines Dialoges zwischen Phänomenologie und Soziologie, zwischen begrifflicher Arbeit und empirischer Forschung gerecht zu werden. Als besonders produktiv erweist sich dabei die Entwicklung zentraler Grundbegriffe und Heuristiken für eine „phänomenologische Soziologie“ (S. 73). Der besondere Mehrwert der Phänomenologie für die Affektforschung liegt, so mein Eindruck, darin, ausgehend von der Unterscheidung zwischen Leib und Körper einen Subjektbegriff in die Affekttheorie einzuführen. Während viele Affekttheorien primär interkorporale Affizierungsprozesse sowie Dynamiken von Anziehung und Abstoßung betonen, rückt die Phänomenologie Wahrnehmung, Empfindung und Erfahrung des Subjekts wieder stärker in den Fokus. Dadurch lässt sich die Verbindung von Affekt, subjektivem Sinn und Empfindungen sowie Normativität neu denken. Ein weiterer Vorteil der Phänomenologie besteht darin, zwischen unterschiedlichen Affekten und Emotionen – etwa Scham, Angst, Langeweile, Hoffnung oder Liebe – zu unterscheiden, anstatt, wie viele Affekttheorien, „die Affekte“ im Allgemeinen zu thematisieren.

Die Autor:innen verwenden zentrale phänomenologische Begriffe wie Affekte, Affizierungen, Gefühle, Emotionen, Empfindungen, das Affektive oder Affektivität recht präzise und konsistent. Nur in der Einleitung geraten diese Begrifflichkeiten stellenweise durcheinander, wenn beispielsweise „Affektivität“ (S. 2), das „Affektive“ (S. 6, 10), „Affekte“ (S. 7) und das „Emotional-Affektive“ (S. 13) mitunter austauschbar zu sein scheinen. Die unscharfe Abgrenzung dieser Begriffe findet sich im gesamten Feld der Affektforschung und ist hier insofern überraschend, als Peter, Strotmann und von Stetten Begriffsarbeit dezidiert als Anspruch des Buches formuliert haben und in ihren eigenen Beiträgen auch konsistent sind (S. 21). Hier hätte ich mir mehr Klarheit erhofft, weil die Phänomenologie üblicherweise stark an der Bestimmung einzelner Begriffe orientiert ist. Ebenso hätten die Unterscheidungen zwischen Affekt, Gefühl, Empfindung und Emotion sowie Fragen nach Raum und Intersubjektivität stärker ausgearbeitet werden können. Zu guter Letzt wäre ein abschließendes Kapitel der Herausgeber:innen, das die unterschiedlichen Stränge zusammenführt und die Begriffsverwendungen systematisiert, hilfreich gewesen.

Das Buch zeigt eindrucksvoll, welches Potenzial die qualitative Sozialforschung für die Erforschung affektiver Phänomene hat. Aus meiner Sicht wäre ein Beitrag interessant gewesen, der auch quantitative Forschungsmethoden auf ihren Erkenntniswert in diesem Forschungsfeld hin befragt. Insbesondere Anziehungs- und Abstoßungsprozesse sowie subjektive Wahrnehmungen und Deutungen von Gefühlen verweisen auf Aspekte, die ebenfalls mittels quantitativer Methoden wie der Netzwerk-, Sequenz-, Text- oder Diskursanalyse untersucht werden könnten.

Insgesamt gelingt es dem Sammelband sehr gut, die Phänomenologie für das Verständnis von Affekten und Affizierungen produktiv zu machen und die Forschung zum Verhältnis von Affektivität und Sozialität weiterzuentwickeln. Besonders die Verbindung philosophischer Begriffsarbeit mit empirischer Sozialforschung der verschiedenen Go-Betweens erweist sich als überaus gewinnbringend. Es handelt sich insgesamt um eine interdisziplinär anschlussfähige Publikation, die sowohl für Soziologie und Philosophie als auch für die qualitativen Sozialwissenschaften wichtige Impulse bietet. Der Band überzeugt durch theoretische Tiefe, methodische Reflexion und empirische Sensibilität – ein zentraler Beitrag zur Weiterentwicklung der Affektforschung, der zeigt, wie vielversprechend affekttheoretische Forschung ist, wenn philosophische Präzision und empirische Offenheit aufeinandertreffen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Affekte / Emotionen Körper Methoden / Forschung Philosophie

Christian Helge Peters

Christian Helge Peters, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter (Post-Doc) in der Arbeitsgruppe „Soziale Energie“ am Lehrstuhl für Theoretische und Allgemeine Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen die theoretische Soziologie, Kultursoziologie sowie Wirtschafts- und Arbeitssoziologie. Gegenwärtig forscht er insbesondere zu artenübergreifenden Arbeits- und Sorgebeziehungen, Naturverhältnissen im Garten sowie zu vitalistischen Theorien des Sozialen und Politischen.

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