Claudia Peter | Rezension |

Affekte phänomenologisch denken

Rezension zu „Verkörperte Gefühle. Zur Phänomenologie von Affektivität und Interaffektivität“ von Thomas Fuchs

Thomas Fuchs:
Verkörperte Gefühle. Zur Phänomenologie von Affektivität und Interaffektivität
Deutschland
Berlin 2024: Suhrkamp
412 S., 26 EUR
ISBN 978-3-518-30054-1

Das Interesse der Soziologie am Affektiven, konkret etwa am Zusammenhang zwischen kollektiven Stimmungen und gesellschaftlichen Drifts, an der Wechselwirkung zwischen Affizierung und Medienkonsum, am Evozieren von Gefühlen durch politische Inszenierungen und vielem mehr, hat in den letzten Jahren merklich zugenommen.[1] Mit Blick auf diesen wachsenden Bestand sozialwissenschaftlicher Affekt- und Emotionsforschung bleibt aber zu konstatieren, dass die Werke bisher eher nebeneinander vorliegen, statt aufeinander Bezug zu nehmen. Oft steht bei den Studien die Empirie beziehungsweise ein bestimmter ‚Gegenstand‘ im Mittelpunkt, während systematische theoretische Debatten und theoretisch-methodologische Begründungen bislang nur im Ansatz vorhanden sind.[2] Es überwiegen bisher Arbeiten, die gesellschaftstheoretische Implikationen anvisieren, während sozialtheoretische Vorhaben seltener sind. Derzeit bleibt die Emotionssoziologie noch eher unter sich, sucht nur selten den Austausch mit emotionstheoretisch Forschenden anderer Disziplinen.[3] Dabei verwundert es, dass sich die Emotionssoziologie so wenig der Philosophie zuwendet,[4] die sich seit der Antike mit Emotionen auseinandersetzt und heute mit der Philosophie der Gefühle und der Phänomenologie zwei Arenen äußerst vielfältiger wie produktiver Forschung, Begriffsarbeit und Theoriebildung aufweist. Die vorliegende Rezension des Buches Verkörperte Gefühle. Zur Phänomenologie von Affektivität und Interaffektivität von Thomas Fuchs widmet sich deshalb dem kaum erschlossenen Zwischenraum zwischen Soziologie und Phänomenologie.

Mit Verkörperte Gefühle hat Thomas Fuchs, langjähriger Inhaber der Karl-Jaspers-Professur für philosophische Grundlagen der Psychiatrie in Heidelberg, ein Buch zu den Potenzialen der Affektphänomenologie vorgelegt, in dem er eine Art Quintessenz seiner reichhaltigen Berufserfahrungen als klinisch tätiger und phänomenologisch orientierter Psychiater zusammenträgt: Er hat die im Band versammelten und zunächst als Vorträge verfassten Manuskripte überarbeitet und aktualisiert, um sie in einer originären „Konzeption der Gefühle“ (S. 9) anzuordnen, die auf der Leibphänomenologie und dem Paradigma der Verkörperung basiert. Das Buch ist in drei Teile gegliedert, die 15 Kapitel sind gut proportioniert und leicht lesbar, so dass es Interessierten einen hervorragenden Einstieg in das affektphänomenologische Denken bietet, ohne Vorwissen vorauszusetzen.

Affekte[5] als Relationen zwischen Selbst, Leib und Welt

Einführend problematisiert Fuchs gängige (Fehl-)Annahmen zur menschlichen Affektivität: Gefühle gelten als ‚innerlich‘, ‚privat‘ und ausschließlich dem Subjekt zugehörig. Diese Auslegung ist das Ergebnis wirkmächtiger Denklinien, die dualistisch oder reduktionistisch angelegt waren: Das cartesianische Denken trennte Bewusstsein und Körper, die moderne Psychologie sieht in Gefühlen lediglich Formen von Kognition und die Neurobiologie geht davon aus, dass Affekte mentale Zustände sind. Was dabei nach Fuchs aus dem Blick gerät, sind erstens die leibliche Dimension der Affektion und zweitens das zwischenleibliche Geschehen zwischen den in der Situation Beteiligten. Fuchs setzt diesen Auffassungen ein phänomenologisches Affektverständnis entgegen:

„Gefühle [stellen] eine übergreifende, zugleich nach innen und nach außen gerichtete Beziehung zur Situation her, die sich weder als objektiver Vorgang noch als eine bloße subjektive Bewertung angemessen begreifen lässt.“ (S. 10) Sie sind „Phänomene, die Selbst, Leib und Welt miteinander verbinden.“ (S. 14)

Schon diese einleitenden Worte verdeutlichen, warum Affekte, Affektionen beziehungsweise affektives Geschehen für Soziolog:innen interessant sind: Weil sie Sozialität ermöglichen, indem sie Relationen stiften und zwischen Leib, Situation und Welt etwas anstimmen, das auf pathisch-responsiven, präreflexiven und präkommunikativen Wegen Wirkung entfaltet.

Fuchs charakterisiert seine Gefühlskonzeption mit drei Begrifflichkeiten: (1) affektives In-der-Welt-Sein meint, dass unsere Existenz immer affektiv gestimmt ist, (2) affektive Verkörperung bedeutet, dass Affekte den Leib als Medium zum Ausdruck und zur Resonanz brauchen, und (3) Interaffektivität beschreibt, dass wir leiblich immer auf andere ausgerichtet sind, dass wir uns spüren und damit eine interaffektive Sphäre der Zwischenleiblichkeit schaffen.

Lebendigsein, Stimmungen, verkörperte Affektivität und Wertfühlen

Im ersten Teil des Buches führt Fuchs in die Grundlinien und -begriffe phänomenologischen Affektdenkens ein und dekliniert durch, was affektives In-der-Welt-Sein en détail bedeutet. Der Autor setzt vier Schwerpunkte: Zunächst beschreibt er die Gefühle des Lebendigseins und unterscheidet dabei Vitalgefühle von Konationsgefühlen. Während Vitalgefühle ungerichtet sind und das eigene Dasein und Befinden als Selbstaffektion spürbar werden lassen, sind Gefühle der Konation gerichtet und stellen die energetische Basis und Dynamik dar, wie sie in Aktivität, Spontaneität, (An-)Trieb und Elan zum Ausdruck kommen. Dieser erste Schwerpunkt erläutert das Selbsterleben, also wie ein Subjekt sich leiblich empfindet und sich in seinen Bedürfnissen auf die Umwelt ausrichtet. Empirische Analysen, die etwa durch Gewalt, Folter oder schwere Krankheiten hervorgerufene fragile Leiblichkeiten und Lebensformen erforschen, finden hier wertvolle Anknüpfungspunkte im Verstehen der Folgen für die Betroffenen.

Der zweite Schwerpunkt widmet sich dem affektiven Gefühls- und Stimmungsraum und damit der Frage danach, wie sich Affektionen situativ-räumlich entfalten. Fuchs gelingt es, auf wenigen Seiten komprimiert darzulegen, wie Situationen, Räumlichkeit und Dinge zusammenwirken und Menschen darin affektiv-leiblich resonant sind. Der von Fuchs entworfene Stimmungskreis fächert auf, welche Stimmungen unterschieden werden können und ordnet sie entsprechend der Gefühle des Lebendigseins (vgl. erster Schwerpunkt). Soziolog:innen können aus diesem Schwerpunkt ein exaktes Vokabular[6] zur genaueren Beschreibung mitnehmen und damit die Bezüge zwischen dem Selbst, den individuellen Gefühlen und der situativen Stimmung präziser erfassen als es mit soziologischen Begriffen allein möglich ist.

Den dritten Schwerpunkt über Gefühle oder Emotionen[7] beginnt Fuchs mit einer Kritik an reduktionistischen philosophischen Emotionsverständnissen. Im phänomenologischen Verständnis zeichnen sich Gefühle a) durch ihre affektive Intentionalität, b) durch leibliche Resonanz, c) durch Bewegungs- oder Handlungstendenzen und d) durch die Wahrnehmung der Bedeutsamkeit eines Geschehens aus. Fuchs betont, dass Affekte immer eine leibliche Basis haben. Sein Begriff der Verkörperung ist deshalb leib-körperlich zu verstehen, impliziert also die leiblichen Dimensionen menschlichen Seins. Diese affektiv-leibliche Vermittlung zwischen Subjekt und Situation findet nach ihm auf zwei Ebenen leiblicher Resonanzfähigkeit statt: die Wahrnehmung steht für die ‚affektive‘ Komponente, das Spüren von Affekten, während die Handlungstendenz für die ‚emotive‘[8] Komponente steht, also das Reagieren auf die Situation, das Sich-Bewegen in der Situation. Damit zeigt Fuchs, dass das affektive Wahrnehmen von Situationen nicht nur zu leiblich-affektiven Resonanzen im Individuum führt, sondern gleichzeitig damit immer Bewegungstendenzen oder Handlungsimpulse wie Weglaufen, Erstarren, Um-sich-schlagen-Wollen und ähnliches verbunden sind. Fuchs wendet dieses Modell verkörperter Affektivität anschließend auf einige konkrete psychiatrische Störungsbilder (Angststörungen, Depressionen usw.) an, was dessen Erklärungskraft nochmals verdeutlicht. Das Konzept verkörperter Affektivität ermöglicht es, ein tiefergehendes Verständnis von affektiven Dynamiken und Gefühlsqualitäten in der Situationswahrnehmung zu erlangen und differenziert zudem systematisch zwischen Leib und Körper. [9]

Der vierte Schwerpunkt geht der Frage nach, welchen Status Werte haben und wie wir sie erfahren beziehungsweise fühlen. Fuchs konzipiert Werte relational und prozessual; er definiert sie als „Formen von affektiver Bedeutsamkeit, die aus der wahrnehmenden und handelnden Beziehung von Lebewesen mit ihrer Umwelt resultieren“ (S. 93). Mit kritischem Bezug auf philosophische Ansätze konstatiert er, dass Werte weder rein natürlich noch rein kulturell, weder objektiv noch subjektiv, sondern „Qualitäten von Beziehungen“ (S. 98) sind. Auch hier bieten sich zahlreiche Anschlussmöglichkeiten an soziologische Theorien darüber an, wie Sinn- und Wertbildungen interaktiv stattfinden. Vor allem aber zeigt Fuchs, dass die Erfahrung von Werten affektiv getönt ist, diese also als Gefühl in leiblicher Resonanz erfahren werden und ‚emotive‘ wie ‚affektive‘ Komponenten in sich tragen.

Interaffektivität

Der von Fuchs geprägte Begriff der Interaffektivität bildet die thematische Klammer des zweiten Buchteils (S. 219 ff.). Interaffektivität hat in der phänomenologischen Debatte den Begriff der Intersubjektivität abgelöst, der in der Kritik steht, zunächst von isolierten Subjekten auszugehen, die sich dann sekundär ‚irgendwie‘ verbinden. Interaffektivität betont dagegen, dass menschliche Individuen sich von Geburt an (und auch schon intrauterin) in einer Sphäre der Zwischenleiblichkeit befinden, dass alles soziale Involviert-Werden und -Sein immer leiblich, für den Säugling beispielsweise vor jeglicher Sprachfähigkeit, vermittelt ist und dass diese leibliche Vermittlung affektiv verläuft.

Fuchs geht also – wie viele Phänomenolog:innen – vom primären In-Beziehung-Sein aus, in dem sich Subjekte individuieren, dabei aber stets auch angewiesen, eingebunden und involviert bleiben. Unter diesem Vorzeichen geht der Autor der Frage nach, wie es inmitten dieses leiblich-affektiven Involviert-Seins zu einem höheren Verstehen des ‚Sozialen‘ kommt. Der erste von ihm gesetzte Aspekt beleuchtet die (störungsanfällige) Ausbildung einer Weltvertrautheit sowie eines Vertrauens in Andere und wird entsprechend seines Modells verkörperter Affektivität reformuliert. Der zweite Aspekt widmet sich der Empathie, die Fuchs als dreistufiges Modell konzipiert, das auch die ontogenetische Entwicklung mitabbildet. Zunächst wird (in der Kindheit) primäre Empathie erworben, die zwischenleibliche Resonanz, Affektabstimmung, die Koordination von Gestik, Mimik und Intonation umfasst. Formen der erweiterten Empathie ermöglichen die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme und Kognition, während die iterierte Empathie das Erleben Anderer auf uns selbst meint, also die Fähigkeit, sich mit den Augen der Anderen zu sehen und sich von sich selbst zu distanzieren.

Auf der Stufe der erweiterten Empathie spielen kognitive Prozesse, die sich nach Fuchs um Anerkennung und (Gruppen-)Identität drehen, die entscheidende Rolle. Diese Ausführungen bleiben konventionell und referieren Bekanntes, wobei es erstaunt, dass Fuchs die gerade aus der Phänomenologie geäußerte Kritik[10] an der Honnethschen Anerkennungstheorie nicht miteinbezieht. Im Abschnitt zur iterierten Empathie bezieht er sich auf Arbeiten Edith Steins und Martin Bubers, die aber eher angedeutet als ausgeführt werden. In diesem zweiten Buchabschnitt sind thematische Leerstellen festzustellen: Weder berücksichtigt der Autor das aus französischen Debatten stammende Alteritätsdenken – dass Sozialität immer mit Alterität verschränkt und durchsetzt ist – in seinen Überlegungen, noch erwähnt er die von Levinas betonte ethische Dimension des Angesprochen-Seins durch Andere. Fuchs thematisiert also nicht, dass Interkorporalität und Interaffektivität auch ethisch dimensioniert sind und konkrete (De-)Sensibilisierungen während der Ontogenese erfahren werden. Für die Soziologie ist das Konzept der Interaffektivität deshalb rezeptionswürdig, weil es zeigt, dass und wie jegliche Prozesse der Vergemeinschaftung und Sozialisation affektiv konstituiert sind. Gleichzeitig gilt es, dieses Konzept hinsichtlich der Aspekte der Alterität und Alienität weiterzuentwickeln.

Von Ekel zu Scham und Schuld, über Angst und Trauer bis hin zu Hass und Verzweiflung

Der dritte Teil (S. 199 ff.) macht gut die Hälfte des 412 Seiten starken Buches aus und enthält phänomenologische Einzelanalysen ausgewählter Gefühle. In diesem Abschnitt führt Fuchs zum einen das originäre Potenzial solcher phänomenologischen Analysen vor, zum anderen bringt er seine ganze Erfahrung als Psychiater ein, indem er seine Ausführungen beispielsweise mit kurzen Fallvignetten anreichert.

Warum aber sollte es für Soziolog:innen sinnvoll sein, ein tieferes Verständnis von einzelnen Gefühlen zu erlangen?[11] Dazu kann man sich selbst probeweise folgende Fragen stellen: Was unterscheidet beispielsweise Verachtung von Hass? Was weiß man über Ursprung, Genese und Dynamik dieser Gefühle? Was ist der Unterschied zwischen Wut und Hass? Wir merken intuitiv, dass es Unterschiede gibt, können die Gefühle im Alltag meist auch identifizieren. Sollen wir sie aber wissenschaftlich präzise beschreiben und in einem sozialen Geschehen exakt nachzeichnen, kommen Deskriptionen an ihre Grenzen. Bisweilen geraten sie zu subsummierend oder (zu) vereinfacht. Dass sich intentionale Gefühle wie Hass, Ressentiment, Verachtung usw. phänomenal in unzähligen Varianten zeigen und in ihrer Genese und Dynamik vielfältig sind, geht oft unter und lässt Erkenntnispotenziale ungenutzt.

Das erste in diesem Teil des Buches analysierte Gefühl ist Ekel: Menschen, die sich vor etwas ekeln, nehmen eine Art Ent-Ordnung oder Gestaltauflösung wahr; diese kann organisch sein, beispielweise wenn ein Lebewesen zerfällt, verwest oder stirbt; aber auch moralische Verkommenheit wie „Falschheit, Niedertracht oder Korruption“ (S. 212) kann Ekel hervorrufen. Ekel kann in Abscheu übergehen. Solche Sublimierungen können auch durch Manipulation entstehen, dann wirken Ekel und Abscheu exkludierend, wie wir es von entmenschlichenden Praktiken kennen, und offenbaren so ihre gesellschaftliche Sprengkraft.

Scham und Schuld, zwei weitere Affektionen, denen sich Fuchs zuwendet, gehören zu den reflexiven Gefühlen und betreffen das Selbst, genauer: wie das Selbst sich in Bezug auf soziale Normen, auf die Gruppe usw. bewertet. Bei der Scham ist interessant, dass sie sich vor allem in zeitlicher Hinsicht sehr unterschiedlich artikulieren kann: Sie kann nur für den Moment gelten, kann aber auch andauern oder sich gar zu einer manifesten Störung – Fuchs erläutert das Störungsbild des sensitiven Beziehungswahns (S. 253 ff.) – verfestigen. Scham und Schuld sind zwar sich im Selbst abspielende Affektionen, betreffen aber Themen praktizierter Sozialität. Insofern sind sie Marker dafür, wie (un)sensibel soziale Begegnungen verlaufen, wie normative Erwartungen wirken, wie sich Vereinsamung entwickelt und wie die Unsichtbarkeit des einen mit dem Rampenlicht des anderen zusammenhängt.

Von Angst ist derzeit viel die Rede.[12] Bei Fuchs lernt man: Leiblich äußert sich Angst als Zustand der Beklemmung, sie kann gerichtet sein oder als diffuse Stimmung empfunden werden. Ihre Grundstruktur ist konflikthaft, da sie in einer „gleichzeitigen Aktivierung und Hemmung eines Fluchtimpulses angesichts einer Bedrohung“ (S. 266) besteht, weshalb Angst sich ganz unterschiedlich, etwa als Unruhe, Bewegungsdrang, Engegefühl, Schwindel usw., artikulieren kann. In der Angst neigen Betroffene dazu, sich zurückzuziehen, was bis zum temporären Orientierungsverlust führen kann. Es gibt zahlreiche Situationen, in denen die Freiheit, zugleich aber auch Ungesichertheit und Offenheit menschlichen Lebens wahrgenommen werden; sie reichen von Raumängsten über soziale Phobien vor Verlust, Ausstoßung, Bloßstellung, Degradierung, Versagen usw. bis hin zu akuten Lebensbedrohungen. Erscheint die eigene Lage hoffnungs- und ausweglos, kann Angst in Verzweiflung umschlagen – der Fluchtimpuls lässt dann nach und man fügt sich den Umständen. Fuchs‘ Analyse von Verzweiflung zeigt, dass nach einem solchen Umschlag neue Handlungsmöglichkeiten entstehen, etwa Suizid, Amok, Flucht in den (religiösen) Glauben oder ins Absurde; solche ‚Auswege‘ findet ein verzweifelter Mensch, dem es unmöglich ist, die herrschenden Verhältnisse auf Dauer auszuhalten.

Als letzte der zahlreichen Einzelanalysen[13] soll hier auf den Hass eingegangen werden, da dieses Gefühl gegenwärtig in unserer Gesellschaft vielfach sichtbar wird. Von Fuchs erfährt man:

„An der Wurzel des Hasses [liegt] in der Regel eine Erfahrung der Schwäche […]. Hass ist kein spontanes, momentan aufsteigendes Gefühl wie Ärger oder Wut, sondern er hat meistens eine lange Vorgeschichte […] der Betroffene ist außerstande, die Kränkung unmittelbar zu erwidern, zu vergelten und so die gerechte Ordnung oder seine Ehre wiederherzustellen.“ (S. 340, Hervorh. im Original).

Hass ist also in seiner Genese zu betrachten: Seinen Anfang nimmt er in einer Kränkung, durch die eine Schwäche des Betroffenen offenbar wird, geht anschließend in eine Phase der (unbemerkten) Latenz über, in der eine ‚Verarbeitung‘ nicht gelingt, in der sich Betroffene phantasmatisch an den Verursacher binden und mit destruktiven, obsessiven Reaktionen ringen, ohne dass ein offener Konflikt ausbricht. Mehr und mehr generalisiert der Hassende, indem er sich von der konkreten anlassgebenden Situation löst und nicht mehr nur einzelne Eigenschaften der betreffenden Person(engruppe) hasst, sondern die Person(engruppe) als solche ins Visier seiner Aggression nimmt. Fuchs macht deutlich, dass Hass

„Züge einer Obsession, ja einer Sucht [annehmen kann]. Der Hassende pflegt seinen Hass, er schwelgt in Rachefantasien […] er nimmt jede neue Nahrung als eine Bestätigung geradezu triumphierend entgegen, […] auch wenn er sie eigentlich nur wie ein neues Gift aufsaugt. Hass gleicht einer fortschreitenden Selbstvergiftung, die den Hassenden nach und nach zerfrisst.“ (S. 341)

Vom Hass sind Ressentiment[14] und Verachtung[15] abzugrenzen: Während eine Person mit Ressentiment ihr negatives Selbstwertgefühl (verursacht durch Kränkung, Abweisung oder Ähnliches) durch Abwertung des (ehemals) begehrten Objekts zu bearbeiten sucht, aber auf sich bezogen bleibt, sinnt der Hassende nach einer Tat, nach Rache[16] oder Vergeltung. Verachtung und Hass wiederum unterscheiden sich in der sozialen Hierarchie zwischen den Beteiligten: Verachtet wird eher von oben nach unten, während Hass eher von Deklassierten ausgeht oder von Personen, denen sozialer Abstieg droht (S. 358). Die genannten negativen Gefühle können aber auch ineinander umschlagen und zu offener oder verdeckter Gewalt führen. Diese Affektdynamiken genauer zu kennen, kann helfen, bestimmte Gewaltgeschehen und derzeitige gesellschaftliche Dynamiken besser zu verstehen.[17]

Diese Ausführungen lassen erahnen, was mit diesen akribischen phänomenologischen Analysen an neuem Deutungswissen für die Soziologie zu gewinnen wäre. Da Gefühle phänomenologisch als Relationen verstanden werden, kann man über die Erforschung konkreter Affektionsgeschehnisse rekonstruieren, wer in der jeweiligen Relation wie involviert ist und mit welcher Dynamik sich das Geschehen entwickelt. In seiner Untersuchung des Hasses stellt der Autor an mehreren Beispielen dar, wie die Gefühlslagen einzelner Personen zu kollektiven Stimmungen und gar Taten werden können. Phänomenologische Analysen wie die von Fuchs zeigen insbesondere, wie verschiedene Gefühle auseinander hervorgehen: Diese Übergänge zu (er)kennen, ist deshalb wichtig, weil sie Änderungen schon anzeigen, bevor sie in Handlungen (wie Gewaltdelikte, Amok, Terrorakte usw.) sichtbar werden.

Fazit

Das Buch von Fuchs ist in mehrerlei Hinsichten relevant für die Soziologie. Erstens ist es ein gutes Angebot für diejenigen, die sich grundständiges affektphänomenologisches Wissen aneignen möchten. Zweitens bietet es sich für emotionssoziologische Studien an, um zu erproben, ob und inwieweit die Affektphänomenologie hilft, die Affektgeschehen neu und anders zu perspektivieren. Drittens kann die Affektphänomenologie und speziell die Gefühlskonzeption von Fuchs auch dafür genutzt werden, bisherige Lücken und Leerstellen emotionssoziologischer Konzepte zu bearbeiten.

So kann man fragen, wie es sich mit dem Vorwurf Fuchs‘ einer kognitivistischen Verkürzung des Emotionsverständnisses verhält, der sicherlich nicht alle emotionssoziologischen Ansätze gleichermaßen betrifft, der aber nicht generell ausgeräumt ist. Es ist aber nicht nur zu fragen, mit welchem Körperverständnis diese Ansätze arbeiten, sondern insbesondere wie es um das Leiblichkeitsverständnis der Emotionssoziologie steht, das sicherlich eine größere Baustelle darstellt. Und nicht zuletzt ist das Relationsverständnis der Emotionssoziologie nicht mit dem der Affektphänomenologie identisch. Hier wäre genauer zu bestimmen, wozwischen relationiert wird und zu welchen theoretischen und epistemischen Effekten diese unterschiedlichen Relationierungen führen.

Was die Verortung dieses Buches in den rezenten (affekt)phänomenologischen Debatten betrifft, sind auch Leerstellen zu verzeichnen. So geht Fuchs beispielsweise nicht auf vorintentionale Affizierungen ein, wie diese etwa in der responsiven Phänomenologie von Bernhard Waldenfels[18] herausgearbeitet wurden. Wie Affizierung, dem Anderen Ausgesetzt-Sein und ethisches Angesprochen-Sein zusammenwirken, dem Emmanuel Levinas[19] auf der Spur war, wird ebenfalls ausgespart. Schließlich bleibt zu hinterfragen, ob Fuchs das ‚Soziale‘ (vgl. Teil 2) nicht zu konventionell versteht und damit derzeitige Streitfragen überspringt, die die Sozialphilosophie beschäftigen. So weist etwa Burkhard Liebsch[20] auf die Verstrickung der Sozialphilosophie mit der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts hin und entwirft eine sich sensibilisierende Sozialphilosophie, deren Ausgangspunkt der:die Andere ist. Diese Autoren weisen eindrücklich darauf hin, wie Sozialität mit Alienität (Waldenfels) durchsetzt ist, Alterität (Levinas) darin mitwirkt und Sensibilisierung (Liebsch) ein Modus nichtindifferenten (Zusammen-)Lebens wäre. Für Fuchs‘ Konzept der Interaffektivität bleibt zukünftig zu diskutieren, wie diese Aspekte mitzudenken sind.

  1. Carolin Amlinger / Oliver Nachtwey, Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus, Berlin 2025; Arlie R. Hochschild, Geraubter Stolz. Verlust, Scham und der Aufstieg der Rechten, übersetzt von Ulrike Bischoff, Hamburg 2025; Eva Illouz, Explosive Moderne, übersetzt von Michael Adrian, Berlin 2024; Florian Spissinger, Die Gefühlsgemeinschaft der AfD. Narrative, Praktiken und Räume zum Wohlfühlen, Opladen 2024; Christian Helge Peters, Das Soziale des Affekts. Eine Sozialtheorie der Modulationen nach Deleuze und Massumi, Frankfurt / New York 2022; Joseph Vogl, Kapital und Ressentiment. Eine kurze Theorie der Gegenwart, München 2021; Robert Seyfert, Beziehungsweisen. Elemente einer relationalen Soziologie, Weilerswist 2019; Birgit Sauer / Otto Penz, Affektives Kapital. Die Ökonomisierung der Gefühle im Arbeitsleben, Frankfurt / New York 2016 und viele andere sind hier zu nennen.
  2. Katharina Scherke hat einen ersten Versuch der Systematisierung 2023 vorgelegt (dies., Emotionssoziologie, Bielefeld 2023).
  3. Eine Ausnahme stellt der interdisziplinäre SFB 1171 Affective Societies dar.
  4. Anders: Robert Seyfert, Beziehungsweisen 2019, und Helge Peters, Das Soziale des Affekts 2022, die sich auf Spinoza und Deleuze beziehen und damit philosophische Konzepte soziologisch fruchtbar machen wollen.
  5. Den Begriff Affekt verwende ich in doppelter Bedeutung: einerseits als Oberbegriff für alle Arten von affektiven Phänomenen wie Affizierungen, Gefühle/Emotionen, Stimmungen und Atmosphären; andererseits unterscheide ich vorintentionale Affekte und intentionale Gefühle – eine Differenzierung, die auf die responsive Phänomenologie zurückgeht und die Fuchs in seinem Buch nicht vornimmt.
  6. Bisweilen leiden manche Studien noch daran, dass bei ihnen alle Affektphänomene unterschiedslos als ‚Gefühle‘ benannt sind.
  7. Hier und auch bei Fuchs werden beide Begriffe synonym verwendet, wohlwissend, dass es etliche Emotionstheorien gibt, die anders verfahren. Ein Konsens über die Begrifflichkeiten ist in der Philosophie der Gefühle und in der Phänomenologie derzeit nicht abzusehen.
  8. Emotiv kommt von emovere, lat. für herausbewegen.
  9. An dieser Differenzierung mangelt es bisher vielen (emotions-)soziologischen Analysen.
  10. Thomas Bedorf, Verkennende Anerkennung. Über Identität und Politik, Berlin 2010; Burkhard Liebsch, In der Zwischenzeit. Spielräume menschlicher Generativität, Zug 2016, siehe insbesondere Kapitel VI und VII.
  11. So wie etwa auch Eva Illouz in ihrem neusten Buch einzelne Gefühle analysiert (dies., Explosive Moderne, übersetzt von Michael Adrian, Berlin 2024).
  12. Heinz Bude, Gesellschaft der Angst, Hamburg 2014; Max Dehne, Soziologie der Angst. Konzeptuelle Grundlagen, soziale Bedingungen und empirische Analysen, Wiesbaden 2017, Judith Eckert, Gesellschaft in Angst? Zur theoretisch-empirischen Kritik einer populären Zeitdiagnose, Bielefeld 2019, Susanne Martin / Thomas Linpinsel (Hg.), Angst in Kultur und Politik der Gegenwart. Beiträge zu einer Gesellschaftswissenschaft der Angst, Wiesbaden 2020; Bärbel Frischmann, Angstwesen Mensch. Furcht, Ängste, Angst und was sie bedeuten, Berlin 2023; Friedrich W. Stallberg, Die soziale Dimension von Angst, Wiesbaden 2025 und weitere sind hier zu nennen.
  13. Ekel, Scham und Schuld, Angst, Unheimlichkeit, Trauer, Hass, Verzweiflung und Glück sind die Gefühlsphänomene, die Fuchs einzeln analysiert.
  14. Einen Überblick zu verschiedenen Ressentiment-Studien bietet Íngrid Vendrell Ferran, Ressentiment and Self-Deception in Early Phenomenology: Voigtländer, Scheler, and Reinach; in: dies. (Hg.), Else Voigtländer: Self, Emotion, and Sociality, Cham 2023, S. 103–121.
  15. Eine exzellente phänomenologische Analyse der Verachtung findet man bei Hilge Landweer, Verachtung als verdecktes Distinktionsgefühl, in: Claudia Peter / Marc Strotmann / Moritz von Stetten (Hg.), Affektivität und Sozialität. Phänomenologie und Soziologie des Affektiven, Wiesbaden 2025, S. 265–298.
  16. Eine ausführliche Analyse der Rache und Vergeltung bietet Fabian Bernhardt, Rache. Über einen blinden Fleck der Moderne, Berlin 2021.
  17. Ein aktuelles Beispiel, wie ungenau (und fehlerhaft) Ausführungen werden, wenn man über kein affekttheoretisches Wissen verfügt, stellt der engagierte TAZ-Artikel zu den juristischen Prozessen gegen die Männer dar, die seriell Sexualstraftaten unter Sedierung begingen. Im Artikel wird argumentativ zwischen Hass, Verachtung, Misogynie und anderen möglichen Motiven gewechselt, ohne die genaue Genese und Dynamik dieser Gefühle zu kennen und zu beachten, wodurch bestimmte soziale Bedingungen dieser Delikte unentdeckt und unverstanden bleiben.
  18. Bernhard Waldenfels, Antwortregister, Frankfurt am Main 1994; ders., Bruchlinien der Erfahrung. Phänomenologie, Psychoanalyse, Phänomenotechnik, Frankfurt am Main 2002; ders., Sozialität und Alterität, Berlin 2025.
  19. Emmanuel Levinas 2011, Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht, Freiburg 2011.
  20. Burkhard Liebsch, Sozialphilosophie. Einführung, Baden-Baden 2025.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Affekte / Emotionen Gesellschaft Gesellschaftstheorie Interaktion Körper Methoden / Forschung Psychologie / Psychoanalyse

Claudia Peter

Prof. Dr. Claudia Peter ist Soziologin und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Forschung.

Gegenwärtig forscht sie zu Spiking, einem Deliktverhalten, bei dem Personen ohne deren Wissen oder Einwilligung psychotrope Substanzen verabreicht werden. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Affektforschung, Gewalt- und Vulnerabilitätsforschung und die methodische Entwicklung einer sensitiven Sozialforschung im Modus der Zeugenschaft.

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