Henning Schmidt-Semisch | Rezension |

Hoffnungsträger und Skandalobjekte

Rezension zu „Drogen zur Einführung“ von Beat Bächi und Magaly Tornay

Abbildung Buchcover Drogen zur Einführung von Bächi/Tornay

Beat Bächi / Magaly Tornay:
Drogen zur Einführung
Deutschland
Hamburg 2025: Junius
212 S., 16,90 EUR
ISBN 978-3-960-60351-1

Wie werden Substanzen zu Drogen? Ausgehend von dieser Frage geben Magaly Tornay und Beat Bächi mit Drogen zur Einführung einen facettenreichen Überblick über die Geschichte, Semantik und gesellschaftliche Bedeutung psychoaktiver Substanzen. Der Band folgt dem Anspruch der Junius-Reihe („Zur Einführung“), komplexe Themen nicht disziplinär zu verengen, sondern sie in ihrer historischen, kulturellen und politischen Vielschichtigkeit zugänglich zu machen und „anschaulich zu vermitteln, was kritisches Denken und Forschen jenseits naturwissenschaftlicher Zugänge heute zu leisten vermag“ (S. 6). Gerade beim Thema Drogen, das zwischen Konsumkultur und Kriminalisierung, zwischen Medikalisierung und Moralisierung, zwischen Prävention und Pathologisierung oszilliert, erweist sich dieser Ansatz als besondere Stärke.

Ausgangspunkt ist dabei der Befund, dass psychoaktive Substanzen sowohl individuell und psychisch als auch sozial, kulturell und ökonomisch stets von erheblicher Bedeutung waren und sind, weshalb sie in aller Regel normativ eingeordnet und moralisch aufgeladen werden. Eine grundlegende Rolle, so die beiden Autor:innen, spiele dabei „die Figur der Grenze“ (S. 13): zwischen legal und illegal, natürlich und künstlich, ‚exotisch‘ und einheimisch, rein und unrein, Gut und Böse, zwischen Heilmittel, Gift und Droge. Erst diese Grenzziehungen beziehungsweise die zahlreichen gesellschaftlichen und historischen Zuschreibungen seien es, die Substanzen in Drogen verwandelten. Anhand dessen ließen sich die unterschiedlichen Problematisierungsweisen nachverfolgen, an denen wiederum eine Vielzahl an Akteu:innen mit sehr verschiedenen Interessen beteiligt sei. So gesehen erweisen sich Drogen – Tornay und Bächi zufolge – nicht primär als pharmakologische Präparate oder Konsumobjekte, sondern als Waren, Regulierungsprobleme und Projektionsflächen staatlicher Ordnungsvorstellungen, mithin als historische Konstruktionen, deren Bedeutungen sich mit Wissensordnungen, Machtverhältnissen und kulturellen Praktiken wandeln. Damit positioniert sich das Buch deutlich gegen verkürzte Präventions- oder Pathologisierungslogiken und öffnet den Blick für die gesellschaftliche Produktion von Rausch, Risiko und Regulation, Abhängigkeit, Sucht und Normalität.

Der Aufbau des Bandes ist dementsprechend auch nicht an Stoffkunde, sondern eher an der Stoffhistorie sowie den vielfältigen Ursprüngen und „heterogenen Genealogien“ (S. 81) der Drogengeschichte orientiert. Die fünf Hauptkapitel folgen „den unterschiedlichen Konjunkturen der Problematisierung, denen die verschiedenen Stoffe jeweils unterlagen“ (S. 18). Im ersten Kapitel geht es zum einen um die Entstehung des medizinischen Konzepts der Sucht, das sich vor allem mit Blick auf Alkohol und seine Bedeutung im Rahmen der Industrialisierung entwickelte und später dann auch auf andere Substanzen übertragen wurde. Zum anderen stehen die Opioide im Fokus, also jene Stoffgruppe, die als erste zu Rauschgiften und Betäubungsmitteln (zu narcotic drugs) erklärt wurde, nachdem sie sich lange Zeit „in bester Gesellschaft mit anderen Genussmitteln wie Tee, Kaffee, Gewürzen, Tabak, Alkohol oder Schokolade befunden“ (S. 23) hatte. Vor diesem Hintergrund machen die Autor:innen deutlich, wie insbesondere aus dem Arznei- und Genussmittel Opium ein „Gift für die Gesellschaft“ (S. 24) gemacht wurde: Aus dem US-amerikanischen antichinesischen Rassismus („Gelbe Gefahr“) entwickelte sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts allmählich ein globales Prohibitionsregime, das im Verlaufe des 20. Jahrhunderts mehr und mehr Substanzen erfasste.[1] Mit der veränderten Gesetzeslage habe sich auch das „Sprechen über Drogen“ maßgeblich gewandelt: 

„Ihr Konsum schien nun mit Gefahren wie Sucht oder deviantem Verhalten verbunden. Die neu geschaffenen Drogen begannen das gesellschaftliche Projekt der Moderne zu gefährden, indem sie ihre Konsument:innen in die soziale, politische oder kulturelle Unmündigkeit zu führen drohten.“ (S. 56)

Das zweite Kapitel thematisiert „Kokain und Amphetamin als Treibstoffe des Leistungskörpers“ (S. 59). Es geht dabei um Geschwindigkeit und Beschleunigung als „wesentlichem Kern der Moderne“ (S. 78), vor allem aber um das kognitive und körperliche enhancement. Sir Arthur Conan Doyle habe seinen Protagonisten Sherlock Holmes in The Sign of the FourKokain konsumieren lassen, damit dieser besser denken und handeln konnte, und Sigmund Freud sei von Coca und seiner Wirkung auf die ‚Indianer‘ begeistert gewesen: 

„Mit dieser exotisierenden Verherrlichung von Coca stand Freud keineswegs abseits oder außerhalb der zeitgenössischen scientific community. Die wissenschaftliche Welt war richtiggehend besessen von Kokain: Nebst der Ausdehnung der ‚physischen‘ und ‚geistigen Leistungsfähigkeit‘ eröffnete Coca auch neue therapeutische Möglichkeiten.“ (S. 66) 

Auf ähnliche Weise gehört auch Amphetamin zur modernen Leistungsgesellschaft, es avancierte im Zweiten Weltkrieg unter dem Namen Pervitin zur ‚Wehrmachtsdroge‘, was Norman Ohler vom „Nationalsozialismus in Pillenform“[2] sprechen ließ. Hätten Morphium und Heroin eher den Schmerz und Kokain die Fatigue gelindert, „so reagierten die Amphetamine mehr mit der Angst und dem Stress“ (S. 86).

Kapitel 3 widmet sich den Halluzinogenen oder Psychedelika und ihrem Einsatz zur Selbst- und Fremdsteuerung. Mit ihnen sei eine neue Vorstellung des Zusammenspiels von Körper und Geist entstanden, nach der psychotrope Substanzen „nicht mehr auf den Körper als Maschine oder auf die ermüdeten Nerven wirkten, sondern vielmehr auf die biochemische Steuerung der Psyche und des Hirns“ (S. 91). Diese Vorstellung sei in unterschiedlichen, zunächst medizinischen Kontexten sichtbar geworden. Lange bevor Aldous Huxley mit seinen Doors of Perceptions (1954) die psychedelische Erfahrung als psychonautische Reise popularisiert habe, hätten sich einige Mediziner insbesondere für die strukturelle „Verwandtschaft zwischen Rausch und Wahnsinn“ (S. 94) interessiert. Um sogenannte Modellpsychosen auszulösen, konsumiert Ärzt:innen, Psycholog:innen und Psychiater:innen Meskalin, Psilocybin oder LSD, „um das ‚Irresein im Kleinen‘ durch den Selbstversuch am eigenen Leib zu erfahren. […] Der Weg zur Entschlüsselung des Geistes, ob gesund oder nicht, schien über den Wahnsinn zu führen.“ (S. 97) Ende der 1950er- und in den 1960er-Jahren seien diese psychiatrischen Konnotationen dann vom „Konzept der ‚Psychedelika‘“ (S. 110) abgelöst worden. Psychedelika sollten als subversive Stoffe Bewusstseinserweiterung und Selbstbefreiung und schließlich „eine chemisch gesteuerte, tiefgreifende Gesellschaftsveränderung“ (S. 113) möglich machen. Im Übrigen eine Idee, für die sich in den USA auch das Militär und die Geheimdienste interessierten: Sie experimentierten mit den Substanzen, um feindlichen Gefangenen Geheimnisse zu entlocken oder die eigenen Soldaten zu steuern – allerdings ohne nennenswerten Erfolg. 1976 wurde mit Inkrafttreten der Convention on Psychotropic Substances auch diese Gruppe an Substanzen global verboten.

Stehen in den ersten drei Kapiteln die Drogen, ihr Konsum und die ihnen zugeschriebenen Bedeutungen im Vordergrund, so widmet sich das vierte Kapitel den materiellen Strukturen der (globalen) Produktion und Zirkulation der Substanzen. So war beispielsweise das Erkunden und Verwerten indigener Pflanzen stets eng mit dem Projekt des Kolonialismus verstrickt. Die Autor:innen zeichnen nach, was es bedeutet, wenn sich dadurch indigene in kapitalistische Substanzen verwandeln (S. 128). Darüber hinaus werden die unterschiedlichsten Akteure des Drogenfeldes sichtbar: die „‚kleinen‘ Produzent:innen (im Globalen Süden)“, die den „‚kleinen‘ Konsument:innen des Globalen Nordens“ (S. 123) gegenübertreten; all die Personen, die Bindeglieder zwischen Produktion und Konsum sind, also diejenigen, die Drogen (illegal) transportieren, weiterverarbeiten, handeln und vertreiben; aber auch diejenigen, die vom War on Drugsexistenziell betroffen sind, wie etwa die indigene Bevölkerung im Süden Mexikos: Mit Psilocybin sei in ihren Augen „Ende der 1960er Jahre nicht einfach eine rekreative ‚Droge‘ verboten [worden], sondern eine für ihre Kultur zentrale medizinisch-spirituelle Materie“ (S. 129). Der War on Drugs, so eine zentrale These des Buches, greift also nicht nur in die Autonomie der Konsumierenden ein, er verändert vielmehr die gesamte Drogenökonomie auf ihren unterschiedlichen Ebenen.

Im abschließenden fünften Kapitel greifen die Autor:innen unterschiedliche Aspekte der vorangegangenen Kapitel noch einmal auf, um sie auf aktuelle Diskussionen und Entwicklungen zu beziehen. Sie thematisieren zum Beispiel die Opioidkrise in den USA, die sogenannten Drogenszenen und den entsprechenden Stereotyp des ‚Junkies‘, für den insbesondere das Buch Wir Kinder vom Bahnhof Zoo stilbildend gewesen sei,[3] oder auch die jüngste Renaissance der psychedelischen Drogen. Insbesondere der letzte Aspekt unterstreicht noch einmal die grundlegende These des Buches, dass sich die Bedeutungen der einzelnen Substanzen stetig wandeln: 

„Halluzinogene sind wieder zu Wunderdrogen voller therapeutischer Versprechen geworden. […] Damit hat sich die Zuschreibung als ‚subversive Stoffe‘ für viele Psychedelika offensichtlich wieder gelöst. Die jüngste Umnutzung beim Microdosing verweist auf eine abermalige Verschiebung: Eingepasst in die Leistungsgesellschaft sollen Halluzinogene uns nun helfen, besser zu funktionieren, glücklicher, gesünder und kreativer zu sein. Hier stehen die Stoffe im Dienste der Selbstoptimierung und befördern nicht mehr den Ausstieg aus der Gesellschaft.“ (S. 175)

Insgesamt gelingt Magaly Tornay und Beat Bächi mit Drogen zur Einführung ein ebenso kompakter wie analytisch anspruchsvoller Zugang zu einem Feld, das häufig von Moralisierung, Pathologisierung und Präventionsrhetorik geprägt ist. Statt Drogen primär pharmakologisch zu betrachten, entfalten die Autor:innen eine kultur-, wissens- und sozialgeschichtliche Perspektive. Das Buch bietet damit eine reflektierte, gut lesbare und zugleich theoretisch informierte Einführung, die gängige Deutungsmuster irritiert und erweitert. Der Band eignet sich gut für Studierende der Sozial-, Kultur- und Gesundheitswissenschaften sowie für Leser:innen, die jenseits moralischer Debatten verstehen wollen, warum Drogen seit Jahrhunderten zugleich Hoffnungsträger, Skandalobjekte und Teil von Alltagspraktiken sind. Denn Drogen erzählen weniger von Stoffen als von Gesellschaften, die sich an ihnen ordnen, verunsichern und neu entwerfen.

  1. Vgl. hierzu ausführlich Helena Barop, Mohnblumenkriege. Die globale Drogenpolitik der USA 1950–1979, Göttingen 2021; Helena Barop, Der große Rausch. Warum Drogen kriminalisiert werden. Eine globale Geschichte vom 19. Jahrhundert bis heute, München 2023.
  2. Norman Ohler, Nationalsozialismus in Pillenform. Der Aufstieg des Stimulanzmittels Pervitin im „Dritten Reich“, in: Robert Feustel / Henning Schmidt-Semisch / Ulrich Bröckling (Hg.), Handbuch Drogen in sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive, 2. aktual., erw. und erg. Aufl., Wiesbaden 2024, S. 77–86.
  3. Zur Bildsprache der deutschen Drogenpolitik vgl. Lisa Scheibe, Heroinbilder. Eine Diskursanalyse visueller Präventionsmedien, in: Feustel/Schmidt-Semisch/Bröckling (Hg.), Handbuch Drogen in sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive, S. 805–822; Lisa Scheibe / Henning Schmidt-Semisch, Drogentote auf öffentlichen Toiletten. Zur Bildsprache der deutschen Drogenpolitik, in: Solveig Lena Hansen / Henning Schmidt-Semisch (Hg.), Kunst – Kultur – Gesundheit. Perspektiven der Public Health Humanities, Bielefeld 2026, S. 189–209.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Henriette Liebhart.

Kategorien: Gesundheit / Medizin Kolonialismus / Postkolonialismus Konsum Militär

Henning Schmidt-Semisch

Henning Schmidt-Semisch ist Professor am Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften der Universität Bremen und leitet im Institut für Public Health und Pflegeforschung die Abteilung Gesundheit und Gesellschaft.

Alle Artikel

PDF

Zur PDF-Datei dieses Artikels im Social Science Open Access Repository (SSOAR) der GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften gelangen Sie hier.

Empfehlungen

Daniel Stahl

Zivilisatorischer Fortschritt?

Rezension zu „Fernes Unrecht – Fremdes Leid. Von der Durchsetzbarkeit internationalen Rechts“ von Gerd Hankel

Artikel lesen

Lutz Raphael

Schadensbilanz eines fatalen Erfolgs

Rezension zu „Der Preis der Welt. Eine Globalgeschichte des Kapitalismus“ von Friedrich Lenger

Artikel lesen

Klaus Schlichte

Frieden als Prozess

Rezension zu „Über Kriege und wie man sie beendet. Zehn Thesen“ von Jörn Leonhard

Artikel lesen

Newsletter