Engagement und Ernüchterung

Rezension zu "The Death of Idealism. Development and Anti-Politics in the Peace Corps" von Meghan Elizabeth Kallman

Die Welt verbessern, dabei das Image der Vereinigten Staaten von Amerika aufpolieren, neue Generationen von Entwicklungsfachleuten und Staatsbediensteten heranziehen und die USA ein wenig kosmopolitischer machen: Das ist das nicht gerade bescheidene Selbstverständnis des United States Peace Corps. Mit diesem Freiwilligenprogramm, das John F. Kennedy 1961 ins Leben rief, schickt die US-Regierung meist junge Erwachsene rund um den Globus, wo sie für zwei, manchmal auch drei Jahre in Entwicklungsprojekten arbeiten. An ihren Einsatzorten leisten sie gegen eine geringe Aufwandsentschädigung Bildungs-, Vernetzungs- oder sonstige entwicklungsrelevante praktische Arbeit. Bis heute haben rund 250.000 US-Bürger:innen dieses Programm absolviert. In der Regel sind sie weiß, in ihren (frühen) Zwanzigern und kommen aus gebildeten Elternhäusern. Während zu Beginn des Programms 75 Prozent männlich waren, machen inzwischen Frauen zwei Drittel der Freiwilligen aus (S. 46 f.).

Meghan Elizabeth Kallmans beobachtungsreiche Monografie The Death of Idealism. Development and Anti-Politics in the Peace Corps porträtiert die Organisation und ihre Freiwilligen. Dabei ist sie von der Frage, um nicht zu sagen: von der Enttäuschung angetrieben, warum das United Peace Corps in der Regel eher zahme Sozialarbeiter:innen, nicht jedoch politisch versierte und radikale Aktivist:innen hervorgebracht hat: „I wrote this book because I wanted to know what discourages people from dreaming big.” (S. 217) Ihre Antwort ist zugleich die zentrale These des Buches und lautet, dass die bürokratische Maschinerie des Peace Corps die Herausbildung eines idealistischen und selbstbestimmten Professionsethos bei den Freiwilligen verhindere. Sie hätten erstens keine Foren für kollegialen Austausch, weshalb es ihnen schwer falle, mit ihren Enttäuschungen und Widersprüchen in den Graswurzelprojekten umzugehen. Statt den Teilnehmer:innen die Instrumente politischer Analyse und Bildung zu vermitteln, propagiere das Peace Corps das Ideal eines charakterstarken Individuums, das aus eigener Kraft sinnvolle Entwicklungsarbeit leiste – oder, im Fall der Gastgeber:innen in den Einsatzländern, Armut durch Leistung überwinden könne. Sie müssen zweitens immer aufreibenderen Bürokratiezwängen gehorchen und Dokumentationspflichten erfüllen und erwerben daher keine profunde Expertise, um eigenständig zu handeln – in Kallmans Worten ist das der Sieg des prozeduralen über den ethischen Professionalismus. Und drittens sorgen ein immer brutalerer Arbeitsmarkt sowie anhaltender sozialer Konformitätsdruck dafür, dass sich die Heimkehrer:innen trotz ausgeprägter politischer Überzeugungen letztlich in einer moderat-liberalen, homogenen Berufswelt einrichten.

Kallmans Studie basiert neben Primärdokumenten wie Organisationsberichten und Werbeplakaten hauptsächlich auf eigens erhobenen Umfrage- und Interviewdaten. Ihre standardisierte Umfrage beantworteten 2.548 Heimkehrer:innen, die über Email-Listen rekrutiert wurden. Vertiefte Interviews führte sie mit 142 Heimkehrer:innen, die sie im Schneeballverfahren kontaktierte. Ergänzt werden diese Materialien um Beobachtungen aus drei je einmonatigen Besuchen bei Peace Corps-Projekten in der Karibik, Afrika und Europa. Aufgrund des restriktiven Datenzugangs – Kontakt- und personenbezogene Daten der Gesamtliste der Heimkehrer:innen teilte die Organisation nicht – können zwar keine genauen Rückschlüsse über die Repräsentativität der Befragten gezogen werden, doch der beträchtliche Umfang der Forschung erlaubt ihr, wiederkehrende Interpretationen zu identifizieren und geteilte Erfahrungen einer großen Anzahl Freiwilliger zu erfassen. Dass diese durchaus typisch sein dürften, ist zumindest zu vermuten, da die Verteilung etwa von Geschlechts-, Rasse- oder Einkommensmerkmalen unter den Befragten den Verteilungen ähnelt, die das Peace Corps selbst für die Gesamtheit der Freiwilligen angibt (S. 240).

Nachdem in der Einleitung einige theoretische Grundmotive zum „Tod des Idealismus“ (siehe unten) entfaltet wurden, präsentiert die Autorin ihre Ergebnisse in fünf empirischen Kapiteln. Sie erläutert in Kapitel 1 die Funktionsweise des Peace Corps, liefert in Kapitel 2 einen Abriss seiner Geschichte und beschreibt in den Kapiteln 3 bis 5 die Maßnahmen zur Rekrutierung und Ausbildung, die Felderfahrungen und die späteren Berufsverläufe und politischen Einstellungen der Heimgekehrten. Die Analyse zeigt, dass Heimkehrer:innen häufig in sozialen Berufen, im Staatsdienst oder in der US-Entwicklungsagentur USAID landen, dass manche besser, manche schlechter über die USA und über Entwicklungshilfe denken als zuvor, und dass die meisten Veteran:innen die Zeit im Peace Corps vor allem als wesentliche Etappe der Persönlichkeitsbildung und Lebenserfahrung (ein-)schätzen. In zahlreichen Zitaten und Vignetten begegnet die Leserin auch den bekannten Defekten und Absurditäten der Entwicklungsmaschinerie samt ihrer entpolitisierenden Effekte.[1] Kallman weist außerdem auf deutliche Parallelen zwischen Peace Corps und Militär hin, gerade was die Personalauswahl anhand von Charakterstärke und die Berufung auf höhere Ideale angeht. Anekdoten, keineswegs nur unterhaltsam, reichern die Darstellung zusätzlich an und laden zum Weiterdenken ein, etwa wenn vom quasimilitärischen Überlebenstraining der Freiwilligen in den Anfangsjahren des Programms berichtet wird oder davon, dass ein afroamerikanischer Freiwilliger aus Rücksicht auf politische Sensibilitäten seine Dreadlocks abschneiden musste, damit die konservativen Rollenbilder nicht ins Wanken geraten.

Doch was ist hierbei die Rolle des titelgebenden Idealismus? Beziehungsweise wie genau möchte die Autorin zu den Debatten über Organisationen, Entwicklungshilfe und Freiwilligenarbeit beitragen? Ihre zwei Kernkonzepte sind „Idealismus“ und „Professionalisierung“, wobei sich Kallman zufolge letztere als Grabträgerin des ersteren erweist. Den eingangs als „envisioning things in an ideal form and living under the influence of that potential” (S. 2) definierten Idealismus dürfe man nicht rein individuell-psychologisch verstehen, sondern als ein soziales Phänomen. Als Synonyme begegnen der Leserin Ausdrücke wie „intrinsische Motivation“ (S. 6 – ein soziales Phänomen?), „authentische Überzeugungen“ (S. 7), „Perfektionismus und utopisches Denken“ (S. 69) und der „altruistische Dienst an den Anderen“ (S. 70). Als Gegenbegriff zum „Idealismus“ wird überraschenderweise nicht der Pragmatismus, sondern der „Zynismus“ eingeführt – Motivationslosigkeit, mangelndes Vertrauen in Mitmenschen und Politik, extrinsische Arbeitsmotivation, ein Gefühl der Ohnmacht (S. 3). Die drei Konzepte stehen für Kallman in einem kausalen Zusammenhang, der sich prototypisch folgendermaßen beschreiben lässt: Die Freiwilligen bekunden bei ihrem Dienstantritt ein hohes Maß an Idealismus und Gestaltungswillen; durch die rein prozedurale Professionalisierung, in die sie während des Einsatzes eingebunden sind, werden sie tendenziell zu angepassten Zyniker:innen, denen es an Courage und Aktivismus fehlt.

Dieses Narrativ scheint zwar universell gültig und mag die Lebenserfahrungen vieler Berufstätiger widerspiegeln, nicht nur im Peace Corps. Die Autorin argumentiert in Bezug darauf überzeugend, dass die Organisationsweise des Peace Corps radikales Potenzial überhaupt nicht aufkommen lässt. Jedoch geht ihr der rote Faden zwischen einer Vielzahl von Gesichtspunkten und Erzählsträngen leider immer wieder verloren, wodurch der analytische Status und die Rolle von „Idealismus“ an Kontur verlieren. So wird einerseits im zweiten Kapitel, das die imperiale und geostrategische Aufladung des Peace Corps aufzeigt, die keineswegs revolutionäre Funktion von Idealismus rund um den Globus deutlich. „Idealismus“ erscheint hier vielmehr als diskursive Strategie, die Entwicklungszusammenarbeit auf individuelle Tugenden reduziert und damit letztlich zu ihrer Entpolitisierung beiträgt. Er ist, so zeigt der historische Abriss, untrennbar mit Vorstellungen von hegemonialer Maskulinität, amerikanischer Überlegenheit und einer (weißen) Zivilisierungsmission verknüpft. In den Anfangsjahren des Peace Corps ging er überdies mit einem scharfen Antikommunismus einher, der später von neoliberalen Politikvorstellungen abgelöst wurde. Andererseits vertritt Kallman nun die These, erst die überbürokratischen Organisationsstrukturen innerhalb des Freiwilligendienstes würden den Idealismus, den die Anwärter:innen anfangs noch mitbrächten, „töten“. Diese Darstellung steht in seltsamer Spannung zu ihrer vorherigen historisch-kritischen Einsicht, dass Idealismus Teil einer Maschinerie der Entpolitisierung sei.

Ähnliche Widersprüche prägen die Diskussion der „Professionalisierung“, die einen tiefgreifenden und nachhaltigen politischen Wandel verhindere. Beispielweise ignoriert die Autorin ihre eigenen Beobachtungen, wenn sie die verpasste „ethischen Professionalisierung“ (S. 10) anprangert. Denn ihren eigenen Erhebungen zufolge kommen die Freiwilligen meist frisch von der Schule und bringen daher zwangsläufig mehr Eifer denn Expertise mit. Weiter dauert die praktische Vorbereitung auf die spezifischen Aufgaben nur wenige Monate und kann gar nicht zu der von Kallman geforderten professionellen Autonomie führen. Auch dass sich die jungen Leute während ihres Einsatzes in den heteronomen Verfahren und Berichtspflichten verlieren, anstatt Fähigkeiten zu entfalten, mithilfe derer Entwicklungsarbeit gelingen kann, dürfte eher an den biografischen Punkten der Freiwilligen denn an der Bürokratie liegen.

Die Nachvollziehbarkeit der Analyse leidet streckenweise unter solchen Unklarheiten sowie daran, dass immer wieder Beobachtungen ad hoc interpretiert werden, anstatt grundsätzlich in das Gesamtargument eingebettet zu werden. Einige Fragen, die sich bei der Lektüre geradezu aufdrängen, wären zudem noch diskussionswürdig gewesen. Dazu gehört die Überlegung, ob sich die Einstellungen zum Thema Idealismus nicht eher mit dem Alter als mit der beruflichen Sozialisation verändern. Auch der eher elitäre Hintergrund der Freiwilligen könnte von vornherein hemmend auf ihre Bereitschaft zu radikalen und aktivistischen Überzeugungen wirken.

Zusammengefasst liegt hier ein sehr informatives Buch zu einer wenig erforschten Organisation vor, das zudem starke Argumente für mehr politische Bildung und Reflexion in der Freiwilligenarbeit anbringt. Doch die historische Bilanz des Peace Corps liegt, auch das wird klar, in den Augen der Betrachterin. Kallman erzählt die Geschichte einer verpassten revolutionären Chance. Zugleich lernen wir aus ihrer Arbeit: Es ist aus dem Peace Corps zwar keine soziale Bewegung mit transformativem Potenzial erwachsen, aber größeren Schaden hat der imperiale Gestus der Organisation auch keinen angerichtet. Das Programm sorgt für einen steten Strom an braven Sozialarbeiter:innen und bringt solides Personal für den Staatsdienst hervor; vor allem den Staatsbediensteten dient es dabei durchaus als Karrieresprungbrett. Auch der anvisierte interkultureller Dialog kommt tatsächlich zustande, dieser Anspruch würde freilich noch stärker erfüllt, so Kallman, wenn der Austausch künftig wechselseitig wäre und somit auch Menschen aus anderen Ländern in die USA kämen. In einer Zeit, da sich internationale Freiwilligendienste bei Studierenden großer Beliebtheit erfreuen und die Vermittlung „voluntouristischer“ Reisen ein blühendes Geschäftsfeld ist, gibt all dies eine wichtige und nüchterne Einsicht in die Grenzen von derlei Programmen.

Fußnoten

[1] James Ferguson, The Anti-Politics Machine. Development, Depoliticization, and Bureaucratic Power in Lesotho, Minneapolis, MN 1994. 

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.