Monika Wohlrab-Sahr | Nachruf | 26.01.2026
Matthias Koenig
Ein Nachruf
Matthias Koenig ist tot. Am 12. Januar 2026 ist er im Alter von erst 54 Jahren seiner mehrjährigen schweren Krankheit erlegen. Aber vielleicht lässt sich die Geschichte auch anders erzählen. Nach einer zunächst hoffnungslosen Diagnose hat er der Krankheit getrotzt, ungeahnte Reserven mobilisiert, gelebt und gearbeitet mit allem, was für ihn dazugehörte. Seine Familie ist mit ihm durch diese schwierige und für alle hoch intensive Zeit gegangen und hat ihn bis zum Ende begleitet.
In dem Auf und Ab von Behandlungen und Operationen, Krankenhausaufenthalten und entspannteren, bisweilen sogar hoffnungsvollen Phasen schrieb er mir einmal, nachdem er mit dem Fahrrad (!) zur Tagesklinik gefahren war: „Dass das alles geschenkte Zeit ist, weiß ich ja.“
Matthias Koenig wird vielen – in der Soziologie und darüber hinaus – fehlen: Als herausragender und engagierter Wissenschaftler, als Freund und Kollege, als Lehrer und Mentor und als engagierter, kluger und verlässlicher Vertreter in diversen Gremien in Wissenschaft und Forschung bis hin zur Politikberatung. Mir wie vielen anderen wird er auch in Erinnerung bleiben als Kosmopolit und als ein bis zum Schluss wissensdurstiger, neugieriger und aufmerksamer Gesprächspartner, den die geopolitische Lage und nicht zuletzt die Situation in Israel-Palästina ebenso umtrieb wie ihn Literatur und Kunst begeisterten. Als einer, für den die Wissenschaft sein Leben war und der doch auch ein Leben neben der Wissenschaft hatte: Der, so oft es sein gesundheitlicher Zustand erlaubte, joggte und Fahrrad fuhr. Der Belletristik las und Bücher über Geschichte, der einen Sinn für Kunst hatte wie auch für die Musik, die er mit Freunden und Familie zu Hause und im Chor pflegte. Und der – es mag altmodisch klingen – von vielen, die ich kenne, mit einem Wort charakterisiert wird, das unweigerlich ein Licht auf den Kontext wirft: Er war durch und durch integer.
Wir waren bis kurz vor seinem Tod, oft über WhatsApp, im Austausch. Die Krankenhausaufenthalte, die in immer kürzeren Abständen aufeinander folgten, gaben ihm zwangsläufig Zeit zum Lesen. Er schrieb mir über seine Lektüre von Thomas Meyers Hannah-Arendt-Biografie und Jonathan Wyrtzens „World Making in the Long Great War“: „Man lernt nicht aus, was die Geschichte der Region angeht…“ Und er kommentierte seine eigene Lage mit mildem Sarkasmus: „Ich setze meine Langzeitethnographie über onkologische Lebenswelten fort.“ Zu dieser unausweichlichen Verschiebung des Aufmerksamkeitsfokus gehörte, dass er meinte, er würde jetzt mehr „Science, Nature usw. als ZfS“ lesen. Er blieb in diesem leiblichen, mentalen und medizinischen Geschehen, das an ihm und allen anderen zerrte und ihn in Höhen und Tiefen katapultierte, ein aufmerksamer, zugewandter Beobachter und reflektierter Zeitgenosse.
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Matthias Koenig wurde am 6. Juli 1971 in Hamburg geboren. Er studierte Soziologie und evangelische Theologie an den Universitäten Marburg, Hamburg und Princeton und war von 1998 bis 2003 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie an der Philipps-Universität Marburg (bei Dirk Kaesler). Dort promovierte er 2003 mit einer Arbeit über Staatsbürgerschaft und religiöse Pluralität in postnationalen Konstellationen. Zum institutionellen Wandel europäischer Religionspolitik am Beispiel der Inkorporation muslimischer Immigranten in Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Die Arbeit ist nie als Buch erschienen, wurde aber zum Ausgangspunkt seiner weiteren, bis in die Gegenwart reichenden Beschäftigung mit der Frage religiöser Pluralität, von Religionspolitik, Religionsfreiheit, Menschenrechten, staatsbürgerlicher Inkorporation und sozialer Integration von Muslimen und schließlich mit der allgemeinen Frage symbolischer und sozialer Grenzziehung.
Nach seiner Dissertation wurde Matthias Koenig von 2003 bis 2006 Hochschulassistent an der Universität Bamberg (bei Richard Münch), wo er 2008 zum Thema Von Citizenship zum Contractualism. Askriptive Attributionsmuster im Wandel transregionaler Vergesellschaftung kumulativ habilitierte. Darin befasst er sich mit dem Wandel gesellschaftlicher Zugehörigkeitsmuster im Kontext transregionaler und globaler Entwicklungen. 2006 wurde er auf einen Lehrstuhl mit dem Schwerpunkt Religionssoziologie an der Universität Göttingen berufen, wo er bis 2020 tätig war. Dass in Göttingen der Antrag auf ein religionsbezogenes Exzellenzcluster in der zweiten Runde gescheitert ist, an dem er intensiv mitgearbeitet hatte, hat ihn tief enttäuscht. Auch, dass das Präsidium der Universität ihn mit dem Vorhaben danach nicht weiter unterstützte.
In die Göttinger Zeit fallen auch kürzere Gastprofessuren an der École Pratique des Hautes Etudes in Paris (2006 und 2015), ein Jahr auf dem Hannah-Arendt-Gastlehrstuhl für Deutschland- und Europastudien des DAAD an der Universität Toronto (2010–2011), eine Gastprofessur am Department of Sociology der University of Michigan in Ann Arbor (2011) und ein Aufenthalt als Gastwissenschaftler am Weatherhead Center for International Affairs der Harvard University (2018–2019).
In Göttingen war Matthias Koenig von 2014 bis 2020 auch stellvertretender Direktor des Lichtenbergkollegs und von 2011 bis 2021 Fellow am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften. Er leitete dort die Fellowgruppe „Governance of Cultural Diversity“, die sich mit der Regulierung kultureller und religiöser Vielfalt in einer globalisierten Welt befasste. In dieser Zeit (2015) entstand unter anderem ein Aufsatz, in dem er in einer Diskussion der Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zu Religionsfreiheit und Nichtdiskriminierung zeigt, dass der Gerichtshof seit seiner Reform in den 1990er-Jahren an Autonomie gewonnen hat. Er habe bis zu einem gewissen Grad die Gleichberechtigung religiöser Minderheiten gestärkt und die staatlichen Privilegien für religiöse Mehrheiten eingeschränkt. Es gäbe aber eine Grenze für die gerichtliche Förderung des Säkularismus, wenn es um tief verwurzelte nationale religiöse Identitäten gehe, wie im Fall Lautsi gegen Italien oder später im deutschen Kruzifix-Fall. Der in diesem Text von Koenig skizzierte feldtheoretische Ansatz wurde später maßgeblich für die Arbeiten von Lisa Harms, die die „Nachfrageseite“ der Kämpfe um Religionsfreiheit untersucht hat, nämlich die Mobilisierung der Justiz und deren Akteure. Eine Grundlage dieser Forschung ist ein einzigartiger Datensatz, den Matthias Koenig und Lisa Harms zusammengestellt haben: European Court of Human Rights Religious Litigation Dataset (HUREL). Dieser Datensatz ist der erste, der umfassende Informationen über das Volumen von Rechtsstreitigkeiten und Urteilen in religiösen Konfliktfällen aus ganz Europa zwischen 1953 und 2019 liefert, insgesamt mehr als 1500 Fälle. Er umfasst sowohl Fälle, die zu einem gerichtlichen Urteil geführt haben, als auch solche, die ohne Urteil abgewiesen wurden, und vermittelt damit ein umfassendes Bild der Inanspruchnahme des EGMR durch Einzelpersonen oder Gruppen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit.
In die Göttinger Zeit fällt auch eine Panel-Studie zur türkischen und polnischen Zuwanderung in Deutschland, die Matthias Koenig gemeinsam mit Claudia Diehl durchgeführt hat.[1] Darin zeigen die Autoren, dass bestimmte Trends der intergenerationellen Säkularisierung durch gegenläufige Tendenzen konterkariert werden. Die symbolische Sprache des Islam (insbesondere durch Kleidungsvorschriften) werde – so die Autoren – genutzt, um Grenzen gegenüber der deutschen Mehrheitsbevölkerung zu markieren und vor dem Hintergrund von Diskriminierungserfahrungen Unterschiede zu signalisieren. Dieser Befund spricht gegen eine lineare Vorstellung von Säkularisierung und Assimilation. Offensichtlich, so die Autoren, müssten insbesondere in religiös pluralen Gesellschaften, in denen religiöse Minderheiten unterschiedliche Formen sozialer Ungleichheit und Ausgrenzung erfahren, religiöse Formen der Grenzziehung berücksichtigt werden. An diese Untersuchung schloss von 2017 bis 2023 das von der DFG geförderte Verbundprojekt zwischen Heidelberg, Bamberg und Konstanz Recent Immigration Processes and Early Integration Trajectories in Germany an, in dem aktuelle europäische Binnen- und Flüchtlingsmigration untersucht wurde.
Es waren auch die Ergebnisse dieser Untersuchungen, die Matthias Koenig skeptisch sein ließen gegenüber generellen Säkularisierungsannahmen. Seit seinem Ruf an die Universität Heidelberg auf die Professur für Empirische Makrosoziologie im Jahr 2020 befasste er sich zunehmend mit der Frage religiöser Grenzziehungen, wobei er auf Michèle Lamonts Unterscheidung symbolischer und sozialer Grenzen rekurrierte. Solches boundary making zeige sich sowohl auf der Mehrheitsseite in antimuslimischen Vorbehalten wie auch auf der Seite der Minderheit in Formen „reaktiver Religiosität“. Koenig erweiterte dies um eine institutionelle Dimension, insofern auch die Veränderung religiöser Grenzen in öffentlichen Einrichtungen oder staatskirchlichen Arrangements in den Blick kommt. Im Oktober 2023 erschien in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie ein letzter großer Aufsatz zu diesem Themenfeld: Religious Diversity, Islam, and Integration in Western Europe – Dissecting Symbolic, Social, and Institutional Boundary Dynamics.[2]
Von 2020 bis 2024 war Matthias Koenig an dem internationalen, von der DFG mit geförderten Verbundprojekt Muslim-Jewish encounter, diversity & distance in urban Europe: religion, culture and social model beteiligt, in dem wechselseitige Wahrnehmungen und Interaktionen muslimischer und jüdischer Gemeinschaften in deutschen, britischen und französischen Metropolen untersucht wurden. In diesem Kontext waren ethnographische Untersuchungen ein wichtiges Instrument.
Neben seiner Forschung war Matthias Koenig in einer ganzen Reihe wissenschaftlicher Gremien und in der Politikberatung engagiert: Er war von 1998 bis 2006 Berater für den Sektor Sozialwissenschaften der UNESCO in Paris, wobei ihm ohne Zweifel auch seine exzellente Kenntnis des Französischen zugutekam. Von 2005 bis 2010 war er Mitglied der Jungen Akademie, von 2007 bis 2008 ihr Sprecher. Auch dort brachte er die Themen ein, die ihm am Herzen lagen: „Grenzen“, „Renaissance des Religiösen?“ und „Menschen – Rechte“.
Von 2015 bis 2021 war er Mitglied des Fellowship Committee der Minerva-Stiftung, die er auch nach seiner Amtszeit im Jahr 2024 noch einmal unterstützte. 2024 wurde er in den unabhängigen Sachverständigenrat für Integration und Migration berufen, der die Bundesregierung und andere politisch verantwortliche Instanzen berät. Für den Sachverständigenrat schrieb er ein Papier zu „Grenzdynamiken“, in dem er verschiedene Szenarien der Verhältnisbestimmung von symbolischen und sozialen Grenzen skizziert. Leider, so seine Befürchtung, bestehe im Zuge des Rollback liberaler Migrations- und Integrationspolitik die Gefahr, dass institutionelle Öffnungen wieder rückgängig gemacht und mit vorhandenen Formen symbolischer und sozialer Schließung in Einklang gebracht würden.
Seit 2021 war Matthias Koenig Mitglied des Präsidiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft und deren Vizepräsident, und in dieser Zeit außerdem Vorstandsmitglied von Science Europe. Dort ging es vor allem um die Förderung einer freien und erkenntnisgeleiteten Forschung, unter anderem auch um die Verbesserung der Forschungsbewertung im europäischen Rahmen. Für die DFG knüpfte er außerdem Beziehungen zu Partnerorganisationen im subsaharischen Afrika, insbesondere den frankofonen Staaten.
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Matthias Koenig hat sich von Beginn seiner wissenschaftlichen Arbeit an mit hochgradig normativen Fragen befasst: Mit Exklusion und Inklusion, Religionsfreiheit und Menschenrechten, Grenzziehung und Diskriminierung. Er hat es immer verstanden, diese Fragen gleichermaßen mit Herzblut und mit analytischer Distanz zu behandeln. Er hat akribisch wissenschaftlich gearbeitet und sein Wissen in gesellschaftspolitische Zusammenhänge eingebracht, und hat sich in all seinen Engagements immer „in den Dienst der Sache“ gestellt. Darin zeigte sich vielleicht auch der Protestant, der er war.
Matthias Koenigs Tod hinterlässt eine schmerzliche Lücke. Wie groß sie ist, werden wir wohl erst im Lauf der Zeit merken.
Fußnoten
- Claudia Diehl / Matthias Koenig, Zwischen Säkularisierung und religiöser Reorganisation – Eine Analyse der Religiosität türkischer und polnischer Neuzuwanderer in Deutschland, in: KZfSS. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 65(2013), 1, S. 235–258.
- Matthias Koenig, Religious Diversity, Islam, and Integration in Western Europe – Dissecting Symbolic, Social, and Institutional Boundary Dynamics, in: KZfSS. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 75(2023), 1, S. 121–147.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.
Kategorien: Diversity Erinnerung Gesellschaft Methoden / Forschung Normen / Regeln / Konventionen Religion Sozialer Wandel Universität Wissenschaft
Zur PDF-Datei dieses Artikels im Social Science Open Access Repository (SSOAR) der GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften gelangen Sie hier.
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