Steffen Siegel | Rezension | 28.10.2025
Phänomenologie einer Opposition
Rezension zu „Strömungen in Bewegung“ von Luise Schröder
Luise Schröders Fotobuch Strömungen in Bewegung hält sich nicht bei der Vorrede auf. Buchstabe für Buchstabe, vierundzwanzig Zeichen lang, entfaltet sich hier unmissverständlich eine Botschaft: „Die Antwortet lautet: nein“. Ein abschließendes Ausrufezeichen wäre überflüssig. Denn jeder Buchstabe ist so groß wie eine gespreizte Hand, beansprucht für sich eine ganze Seite und setzt einen Grundton der Entschlossenheit. Schröders Buch ist eine Einladung, gemeinsam mit der Künstlerin ein bislang zu wenig beachtetes Archiv zu betreten, ihre Recherchen zu begleiten und dabei jenem persönlichen Dialog zu folgen, den sie während ihrer Sichtung führte.
Luise Schröder, geboren 1982 in Potsdam, studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig Fotografie und Medienkunst. Seither verfolgt sie in ihrem Werk künstlerische Verfahren der Recherche und der produktiven Aneignung: Im Archiv aufgefundenes historisches Bildmaterial setzt sie in spannungsvolle Dialoge zu eigenen Aufnahmen, vor allem aber spielen hierbei Strategien der Übersetzungen eine wesentliche Rolle. Schröder wendet das von ihr bearbeitete fotografische Material in Installationen für institutionelle Ausstellungsräume sowie den öffentlichen Raum; und nicht zuletzt ist das Buch ein wesentliches Mittel für solche Übersetzungen. Mit dem nun erschienenen Fotobuch Strömungen in Bewegung setzt sie diese Arbeit fort.
Seit 2003 befindet sich das „GrauZone“-Archiv im Bestand der Robert-Havemann-Gesellschaft. In Bildern und Drucksachen, nicht zuletzt aber auch anhand persönlicher Dokumente dokumentiert es die Arbeit nichtstaatlicher Frauengruppen, die sich seit den frühen 1980er-Jahren gebildet haben: lose miteinander verbunden und an verschiedenen Orten der DDR. Wie sich solche Gruppen beschreiben lassen und was genau sie ausmachte, das ist bereits eine Frage der Deutung. Waren es Gesprächskreise unter Freundinnen, feministische Vereinigungen, queere Communities, Underground-Szenen, Gruppen innerhalb der politischen Opposition? All das trifft zu, und doch lässt sich ein gemeinsamer Nenner nur schwer bestimmen. Bestenfalls dieser: Es handelte sich um Gegenorte, die eine Differenz markierten zum höchst offiziellen Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD). Seit 1950, dem Jahr der ersten Volkskammerwahlen, war dieser DFD mit einer eigenen Fraktion im Parlament der DDR vertreten und soll Mitte der 1980er-Jahre 1,5 Millionen Mitglieder gehabt haben.
Im „GrauZone“-Archiv vermittelt sich eine vollkommen andere Idee von Politik: persönlicher, spontaner, vor allem aber auf Abstand zum oppressiv-vormundschaftlichen Staat und seinen Institutionen. Aus mehr als 2.000 Fotografien, die sich im Archiv finden, hat Schröder für ihr Buch eine Auswahl getroffen, die sie auf gut 250 Seiten versammelt. Entstanden sind diese Bilder anlässlich von Frauenfesten, Friedenswerkstätten, Gruppenabenden und bei Treffen in Kirchgemeinden. Oft genug mochten die fotografierten Begegnungen aber auch viel privater gewesen sein. Dass es diese Aufnahmen überhaupt gibt, ist vielleicht die eigentliche Überraschung. Ihre bloße Existenz zeugt vom Vertrauen, das innerhalb dieser Gruppen geherrscht hat; aber auch von einem Bewusstsein, dass es sich lohnte, solche Treffen im Bild festzuhalten. Aus heutiger Perspektive reichen diese Begegnungen über die je konkreten Umstände hinaus. Sie schreiben sich ein in die komplexe Entstehungsgeschichte der Bürgerrechts- und Oppositionsbewegung der DDR.
Schröders Buch stellt der einschlägigen Untersuchung der Sozialwissenschaftlerin Ingrid Miethe über Frauen in der DDR-Opposition oder den Selbstzeugnissen der Künstlerin Gabriele Stötzer in Der lange Arm der Stasi keine weitere wissenschaftliche oder autobiografische Annäherung an die Seite, sondern ausdrücklich eine künstlerische.[1] Ihr im Archiv schweifender Blick kann – und soll – sensibel sein für jenes „punctum“, von dem Roland Barthes in Die helle Kammer schrieb.[2] Was der französische Philosoph als ein Programm radikaler Subjektivität bei der Betrachtung von Fotografien entwickelte und als eine ganz eigene Erkenntnismöglichkeit verteidigte, findet bei Schröder seine entschlossene Anwendung. Ihre für das Buch getroffene Auswahl ist erkennbar eine persönliche. Die Künstlerin interessiert sich für stille, sensible, zuweilen auch intime Momente. Das Politische hingegen, um das es in allen diesen Bildern ja immer auch geht, zeichnet sich einzig dort ganz unverstellt ab, wo Plakate und Transparente doch einmal zum Teil der Aufnahme wurden.
Nähe, wie sie hier erzeugt werden soll, ist eine Angelegenheit der gestalteten Form. In einem Index, der alle benutzten Archivalien mit systematischer Präzision verzeichnet, legt Schröder offen, wie stark sie fast immer in die Fotografien eingegriffen hat – nicht im Sinn von Retusche oder Montage, sondern durch die viel einfachere Handlung der Ausschnittsbestimmung. Aus Gruppenaufnahmen und ganzen Panoramen isoliert Schröder einzelne Szenen, spitzt auf Porträts zu oder interessiert sich für kaum mehr als ein Detail. Es ist offenkundig, dass Schröder, als Künstlerin, die wissenschaftlichen Standards im Gebrauch historischer Quellen übergehen kann. Doch heißt dies zugleich auch, dass die von ihr bearbeiteten Bilder deshalb an dokumentarischem Wert verlieren? Eigentümlicherweise stellt sich beim Blättern gerade der umgekehrte Eindruck ein: Der hier geübte Gebrauch der Archivalien spitzt zu. Er lenkt – ganz ohne Worte – unsere Blicke und verweist auf eine tatsächlich bemerkenswerte Fülle aussagekräftiger Einzelheiten. Das können politische Transparente sein oder auf den Tischen liegende Drucksachen, aber auch ganz persönliche Details wie intime Blickwechsel und fast versteckte Gesten.
Weniger überzeugend wirkt die Redaktion der Bilder allerdings dann, wenn Schröder nicht allein Ausschnitte rekadriert, sondern einzelne Motive vollständig freistellt. So schweben die von ihr für die Frauenbewegung als besonders aussagekräftig begriffenen Stuhlkreise, losgelöst von jedem Kontext, frei im Raum und werden hinsichtlich ihrer symbolischen Bedeutung eher überbetont. Der allergrößte Teil des Buches ist von einer anderen – und überzeugenden – Ökonomie der Fokussierung getragen.
Das mit 31 mal 22,5 Zentimetern nicht eben kleine Buchformat öffnet für die Bilder einen weiten Raum. Stets sind sie randabfallend gedruckt und fast immer werden sie über den Falz gezogen, nehmen also die gesamte Fläche einer Doppelseite für sich in Anspruch. Mit diesen beiden ebenso einfachen wie effektvollen Elementen der Buchgestaltung werden die von Schröder ausgewählten Szenen in denkbar größter Intensität vor unsere Augen gerückt; und zugleich lassen sie nicht länger an ein Außerhalb denken, das jenseits dieser Bildräume stünde. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die von der redigierenden Künstlerin hergestellte Tatsache, dass keine der Fotografien einen Horizont zeigt. Im Abstand von mehreren Jahrzehnten werden wir so zu Zeuginnen und Zeugen einer Innenperspektive, als schauten wir uns, mit einem phänomenologischen Interesse, an jenen Orten um, an denen sich die DDR-Opposition zu formieren begann.
Bedingt durch die erheblichen Vergrößerungen geben viele der Bilder die materiellen Bedingungen ihrer Entstehung mühelos zu erkennen. In Schröders Aneignung wird die Körnung der Kleinbild-Filme beinahe ostentativ hervorgetrieben. Einige wenige der hier reproduzierten Ausschnitte bewegen sich hart am Rand des Rauschens. Das ist alles andere als ein Mangel, sondern wesentlicher Teil von Schröders künstlerischer Strategie. Denn wenn wir uns in der von ihr kuratierten Auswahl wie in einem historischen Raum umschauen können, so wäre es – nicht allein fototheoretisch gesprochen – doch fatal, eine so gewonnene Gegenwart des Gewesenen mit längst vergangener Zeit zu verwechseln. Durch und durch handelt es sich bei Strömungen in Bewegung um eine historische Recherche, die das prinzipiell Montierte aller Geschichtsschreibung mit den Mitteln des künstlerischen Fotobuchs auffängt und in ihm hervorkehrt.
Um hieran zu erinnern, setzt Schröder in ihrem Fotobuch zwei weitere, allerdings unterschiedlich überzeugende Mittel ein. Einerseits wird der Bilderfluss immer wieder durch einzelne Doppelseiten unterbrochen, die das Schauen anhalten. Wir sind aufgefordert, einzelne Zitatsplitter zu lesen. Ihr Wortlaut ist aus den konsultierten Quellen gezogen. Zu einzelnen Phrasen isoliert, entfernen sie sich von den konkreten Kontexten gerade so, wie dies im Buch ringsum auch bei den Bildern der Fall ist. So lesen wir: „Frauen, wisst ihr, warum wir heute zusammengekommen sind? Es geht um den Umbruch der gesamten Gesellschaft.“ Oder: „Wenn alle gemeinsam träumen, ist das ein Beginn…“ Gesagt ist in solchen Zitaten aber auch: Die Linie zwischen Privatem und dem Öffentlichem, Persönlichem und Politischem lässt sich nicht trennscharf ziehen. Gerade in der sogenannten „Nischengesellschaft“ ragte der Staat bis in die kleinste solcher Nischen hinein – nichtstaatliche Frauengruppen machten hiervon keine Ausnahme.
Andererseits findet sich als Einleger zum Fotobuch der Reprint einer Ausgabe von „frau anders“, der einzigen Lesbenzeitschrift der DDR. Verlegt wurde sie in Jena, als Samisdat-Druck, zwar nur in einer Auflage von 100 Exemplaren, doch fand sie republikweit ganz gewiss deutlich mehr Leserinnen. So paradox es klingen mag: Die Reproduktion dieses Heftes ist etwas zu gut gelungen. Nicht alleine auf den ersten Blick meint man ein vollständiges Heft der ersten Ausgabe vom Januar 1989 in der Hand zu halten. Erst nach einigem Lesen wird klar, dass auch hier Schröders redigierende Hand am Werk war und wir es bei diesem Heft mit einer Montage aus vielen verschiedenen Heften zu tun haben. In diesem Zusammenschnitt verwischen die Grenzen zwischen einer Zeit vor und nach dem Mauerfall – „frau anders“ erschien noch bis 1993. Unter der Hand mag damit aber auch ausgedrückt sein, dass eine Geschichtsschreibung des feministischen Widerstands in der DDR und, wie es sodann formelhaft hieß, den „fünf neuen Bundesländern“ mit einem großen Maß an Kontinuitäten rechnen muss.
Schröders Buch folgt dem Prinzip der Quellenmontage, das in Werken wie Das Jahr 1990 freilegen vorgezeichnet ist.[3] Im Unterschied zu diesem zurecht viel beachteten Band erlaubt sich die Künstlerin ein erheblich größeres Maß an Subjektivität: sowohl bei der Aneignung der Quellen als auch beim begleitenden Text, der eine erzählerische Auseinandersetzung mit der eigenen Recherche entfaltet. Nicht zuletzt gehört hierher aber auch die von Schröder gemeinsam mit der Gestalterin Anika Rosen entwickelte Einrichtung des Buches. Trotz des großen Formats liegt der Band, in einem eleganten Flexcover gebunden, leicht in der Hand. Mit unterschiedlich großen Seitenformaten, vier verschiedenen Papiersorten und dem erwähnten Einleger werden der guten gestalterischen Entscheidungen beinahe zu viele getroffen. Wirklich konsequent ist aber die sogleich zweifache Entscheidung für eine bestimmte Schriftart: für die Kis Antiqua, entwickelt 1984 von Hildegard Korger, einer herausragenden Schriftgestalterin der DDR; und für die Zetkin (!), 2020 von Inga Plönnings veröffentlicht. Feministisches Bewusstsein drückt sich unter der Hand in einer genau kalkulierten Zeichenwahl aus.
Luise Schröders Projekt wurde vom „Berliner Programm Künstlerische Forschung“ gefördert – von einer Initiative, deren Budget der aktuell regierende Berliner Senat um mehr als die Hälfte kürzen will. Nach nur fünf Jahren ist das Fortbestehen des Programms schon wieder zur Disposition stellt. Das ist auch deshalb unverständlich, weil es sich innerhalb der Bundesrepublik um eine einzigartige Förderung handelt. In einer Kombination aus zweijährigen Künstler:innen-Stipendien, Ausstellungsräumen und Publikationsförderung ermöglicht es – bislang – auf durchdachte Weise einen Dialog zwischen künstlerischen und wissenschaftlichen Interessen. Als Schröder an ihrem Projekt arbeitete, hatte sie gewiss nicht im Sinn, mit ihrem wichtigen Buch fahrlässig kurzsichtige Kürzungsdebatten zu kommentieren, wird aber umso mehr zu einem gewichtigen Argument. Zuletzt aber ragt Strömungen in Bewegung über solche Erwägungen hinaus: Es unterstreicht den Wert von Artistic Research für die Schärfung unseres historischen Blicks.
Fußnoten
- Ingrid Miethe, Frauen in der DDR-Opposition. Lebens- und kollektivgeschichtliche Verläufe in einer Frauenfriedensgruppe, Opladen 1999; Gabriele Stötzer, Der lange Arm der Stasi, Leipzig 2022.
- Roland Barthes, Die helle Kammer. Bemerkung zur Photographie, übersetzt von Dietrich Leube, Frankfurt am Main 1985.
- Jan Wenzel (Hg.), Das Jahr 1990 freilegen. Remontagen der Zeit, Leipzig 2019.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.
Kategorien: Erinnerung Feminismus Geschichte Medien Zivilgesellschaft / Soziale Bewegungen
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