Christiane Schnell | Rezension |

Qualifiziert, aktiviert, polarisiert

Roland Atzmüller, Stefanie Hürtgen und Manfred Krenn über die zeitgemäße Arbeitskraft

Roland Atzmüller / Stefanie Hürtgen / Manfred Krenn:
Die zeitgemäße Arbeitskraft. Qualifiziert, aktiviert, polarisiert
Deutschland
Weinheim 2015: Beltz / Juventa
344 S., EUR 34,95
ISBN 9783779930433

Der Band Die zeitgemäße Arbeitskraft. Qualifiziert, aktiviert, polarisiert befasst sich mit der Frage, welche Rolle Qualifizierung im aktuellen postfordistischen Kapitalismus spielt. Der gemeinsame Befund der drei AutorInnen lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Die gesellschaftliche Vorstellung, eine wie auch immer geartete „Höherqualifizierung“ könne auch gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und insgesamt die gesellschaftliche Entwicklung begünstigen, ist zu einer Ideologie verkommen, die soziale Ungleichheit befördert, legitimiert und entpolitisiert. In drei umfänglichen Beiträgen entfalten die AutorInnen ihre jeweilige Perspektive auf das Phänomen der „zeitgemäßen Arbeitskraft“ und analysieren dabei nicht nur arbeitspolitische Kurzschlüsse, sondern legen auch Engführungen der wissenschaftlichen Diskussion zum Thema Qualifizierung offen.

Ausgangspunkt des rund 340 Seiten umfassenden Bandes ist Karl Polanyis Diagnose der großen Transformation des westeuropäischen Kapitalismus seit den 1970er-Jahren. Das in die Krise geratene fordistische Modell wachstumsbasierter ökonomischer Entwicklung und Wohlfahrtsstaatlichkeit habe eine Situation andauernder gesellschaftlicher Umbruchsprozesse hervorgebracht, in der „hegemoniale und soziale Stabilität […] über wachsende Flexibilisierung und Dynamisierung hergestellt [werden]“. (11) Eine wesentliche Triebkraft in dieser Transformation bestehe im Humankapital, dessen Anpassungsfähigkeit an die sich verändernden Rahmenbedingungen über die individuelle wie kollektive Wettbewerbsfähigkeit entscheide. Während gemeinhin ein Bedeutungsverlust staatlichen Handelns im Kontext globalisierter Ökonomien behauptet wird, stelle die Entwicklung des Humankapitals noch eine letzte Sphäre staatlicher Intervention dar, über die ökonomische Erfordernisse und soziale Bedürfnisse vereinbart würden.

Qualifikation sei jedoch nicht angemessen als „Bündel einzeln bestimmbarer Fähigkeiten und Kompetenzen, die Individuen anhaften“, zu verstehen, noch stelle sie auf gesellschaftlichem Niveau eine objektive Messlatte für Wettbewerbsfähigkeit dar. Vielmehr handele es sich um ein „soziales Verhältnis zwischen Lohnarbeit und Kapital, aber auch zwischen Individuen und Gruppen in Betrieben und Unternehmen, zwischen Arbeitsvermögen und verwertungslogischen Anforderungen, zwischen Einzelnen und ihren (ehedem wohlfahrtsstaatlich institutionalisierten) Anspruchs- und damit auch Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten“. (12) Der aktuelle Qualifizierungsdiskurs lässt sich somit als perfide Umdeutung und Verkehrung des alten sozialdemokratischen Bildungsversprechens in einen doppelte Herrschaftsstruktur verstehen, die Individuen zwinge, sich permanent aus eigener Kraft reaktionsbereit und -fähig auf neue Anforderungen zu halten, ohne dass es erkennbare, verlässliche Orientierungspunkte im sozialen Raum gebe, die Akteuren die Möglichkeit böten, den Erfolg ihrer Bemühungen abzulesen oder gar einzufordern.

Stefanie Hürtgen argumentiert, die historische Lesart einer tendenziell ansteigenden Qualifizierung beruhe nicht zuletzt darauf, dass die „unqualifizierte“ Seite der Lohnarbeit traditionell ausgeblendet werde. Insbesondere weibliche und migrantische Beschäftigte habe man bereits im Fordismus als „Unqualifizierte“ abgetan, weshalb die „zutiefst despotischen Kontrollregime“, denen sie ausgesetzt seien, ebenso wenig erfasst worden seien wie Rebellionen gegen diese Verhältnisse. Im transnational-flexiblen Produktionsregime werde die Unterscheidung zwischen qualifizierten und vermeintlich unqualifizierten Beschäftigten zunächst entlang der Nord-Süd Achse definiert, woraufhin hochgradig prekäre Beschäftigungsverhältnisse wieder in die westlichen Industriegesellschaften zurückdiffundieren würden. So beschreibt Hürtgen eine zweite Version „ausgelagerter Despotie“ im Rahmen des Neo-Taylorismus im Globalen Süden. Die Polarisierung zwischen Qualifizierten und Unqualifizierten bleibe im transnationalen Raum der Lohnarbeit jedoch nicht stabil. Schließlich würden im Zuge der permanenten Restrukturierung selbst bislang unbestritten qualifizierte „Kopfarbeiten“ (beispielhaft angeführt werden Verlagswesen und Softwareentwicklung) in den Zentren des Globalen Nordens zunehmend rationalisiert und sozial verunsichert. Das Verhältnis von Qualifizierten und Unqualifizierten stelle dabei nicht nur eine rein objektive Herrschafts- und Ausgrenzungsstruktur dar, sondern werde, so der Befund Hürtgens empirischer Untersuchung, auch „länderübergreifendend von den Lohnabhängigen mit konstituiert“ (116). Skepsis angesichts dieser Situation fand Hürtgen allein bei „unqualifizierten“ Belegschaften in Mitteleuropa. Sie plädiert für eine „radikale Abkehr von einem objektivistischen Qualifikationsverständnis“ (124), um Widerständigkeiten gegen despotische Arbeitsregimes überhaupt analytisch erfassen zu können.

Der Beitrag von Manfred Krenn befasst sich mit der leidigen Verquickung von struktureller Bildungsbenachteiligung und sogenannter aktivierender Arbeitsmarktpolitik. Die Ausgrenzung in prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse hinein erfolgt Krenn zufolge über „Verdrängungsprozesse und soziale Abwertungsdiskurse“. Strukturproblematiken würden verbrämt und individualisiert, indem den Bildungsbenachteiligten fehlende Lern- oder Leistungsbereitschaft unterstellt werde. Ihre Persönlichkeit gelte also als Ursache dafür, dass sie ihrer Bringschuld im Hinblick auf die soziale Norm lebenslangen Lernens nicht nachkämen. Geringqualifizierte würden zu unzeitgemäßen Arbeitskräften erklärt, und ihre soziale Marginalisierung werde ihrer Eigenverantwortung zugerechnet.

Krenn verbindet seine Analyse von Bildung und Wissen als „ausgrenzenden Diskursen“ mit den realen Veränderungen der Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen für Geringqualifizierte. Die mit der These von der Herausbildung einer Wissensgesellschaft transportierte Vorstellung, es würde künftig keine einfachen Arbeiten mehr geben, sei widerlegbar. Stattdessen ließen sich Beispiele der Entwertung ehemals als Beruf anerkannter Tätigkeiten anführen, etwa der der BriefträgerIn, die jetzt als unqualifizierte ZustellerIn gelte. „Gering qualifizierte Beschäftigte werden […] aus einem […] gesicherten Hafen katapultiert und der Konkurrenz auf Niedriglohnarbeitsmärkten, in denen Wettbewerb hautsächlich über Lohndumping und prekäre Beschäftigung geführt wird, ausgesetzt“. (192) Im Hinblick auf die Frage, wie sich solche Probleme gesellschaftlich regulieren ließen, verweist Krenn auf die Option, durch gezielte Beschäftigung im öffentlichen Dienst sozialintegrative Arbeitsverhältnisse für gering Qualifizierte zu schaffen.

Roland Atzmüller diskutiert in seinem Beitrag, wie die Transformation der „zeitgemäßen Arbeitskraft“ mit den Krisenerscheinungen der letzten Jahrzehnte zusammenhängt. Im Rückgriff auf Krisentheorien insbesondere von Claus Offe und Jürgen Habermas arbeitet er die Rolle des Wohlfahrtsstaats und dessen Erzeugung von LohnarbeiterInnen bei der Krisenbearbeitung heraus. Ausgehend von der Debatte um die „Dualisierung des Wohlfahrtsstaats“ und mit Blick auf empirische Befunde diagnostiziert Atzmüller eine weitreichende und vielfältig fragmentierte Polarisierung. Sie werde durch die sozialen Sicherungssysteme befördert und vollziehe sich sowohl über die Entwicklung des Humankapitals als auch über aktivierungspolitische Maßnahmen. Letztere bestünden nicht nur darin, den Bezug von Transferleistungen bei ungenügender Aktivität gegebenenfalls zu verringern, sondern würden auch darauf abzielen, „insbesondere für marginalisierte Gruppen (MigrantInnen, Personen mit niedriger formaler Bildung oder non-konformen Lebensstilen sowie teilweise Frauen) eigene Regulationsmechanismen ihrer Teilnahme an prekarisierten und flexibilisierten Arbeitsmärkten und der damit artikulierten reduzierten Form der sozialen Absicherung durchzusetzen“ (200).

Wie auch Hürtgen und Krenn bezieht sich Atzmüller auf die dem Qualifikationsbegriff eingelagerte Dimension der Subjektivierung und Individualisierung, die er als spezifische Form der Krisenbearbeitung identifiziert. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse würden als Mangel an Qualifizierung oder auch „als problematische Verhaltensdispositionen oder sonstige Mängel in der Warenförmigkeit ihrer Arbeitskraft klassifiziert, was die Individuen wiederum zum legitimen Gegenstand staatlicher Zugriffe macht“. (307) Atzmüller zieht daraus den desillusionierten Schluss, die Krise selbst sei in gewisser Weise „zur spezifischen Interventionsform in der Auseinandersetzung um die Durchsetzung eines effektiven Krisenmanagements“ geworden. (310)

Der Band versammelt somit drei Beiträge, die sich gleichermaßen intensiv mit den sozialen Verwerfungen und Ungleichheiten des gegenwärtigen Beschäftigungsregimes im globalisierten Kapitalismus auseinandersetzen. In jedem der Kapitel wird eine retrospektive Analyse vorgenommen, um die historischen Voraussetzungen der aktuellen Entwicklungen deutlich zu machen. Dies umfasst sowohl eine Kritik gewerkschaftlicher Politik und wohlfahrtsstaatlicher Regulierung als auch der wissenschaftlichen Diskussion, in der ein polarisierender und fragmentierender Blick auf Beschäftigte und deren Beschäftigungsverhältnisse allzu bereitwillig übernommen worden sei.

Freilich sind die Analysen von Hürtgen, Krenn und Atzmüller nicht völlig neu. Dass Frauen und MigrantInnen gewerkschaftspolitisch sowie in weiten Teilen der Arbeits- und Industriesoziologie als arbeitspolitische Randgruppen betrachtet und folglich auch randständig behandelt werden, hat bereits die Geschlechterforschung der 1990er-Jahre intensiv problematisiert. In der Ungleichheitsforschung wiederum wurde längst thematisiert, dass wohlfahrtsstaatlich beförderte Individualisierungsprozesse in individualisierende Eigenverantwortung umgeschlagen sind. Das Verdienst der AutorInnen liegt jedoch darin, diese Diskussionen zugespitzt und verschiedene Facetten der sozialen Regulierung von Ungleichheit anhand der polarisierenden Zuschreibung Qualifiziert versus Unqualifiziert veranschaulicht zu haben. Dass Interessenpolitik, Wissenschaft und die sich auf der sicheren Seite wähnenden Beschäftigten die Auslagerung despotischer Arbeitsregimes in die globale Peripherie nicht nur hingenommen, sondern bereitwillig mit der Ideologie qualifikatorischer Überlegenheit gerechtfertigt haben, rächt sich in Zeiten zunehmender Flexibilisierung und dynamischer Transformationsprozesse: Was gestern noch hochqualifiziert und damit sozial gesichert schien, ist heute Gegenstand von Re-Taylorisierung und struktureller Deregulierung.

Die AutorInnen geben schließlich auch einen Ausblick darauf, wo Widerstand gegen diese Entwicklung zukünftig herrühren könnte. Krenn sieht den Wohlfahrtsstaat in der Pflicht, bleibt jedoch eine Erklärung schuldig, warum dieser Wohlfahrtsstaat Geringqualifizierten durch öffentliche Beschäftigungsverhältnisse eine Nische im Arbeitsmarkt einräumen und so soziale Teilhabe ermöglichen sollte, wenn er doch zuvor alles dafür getan hat, den Druck auf dieses Beschäftigtensegment zu erhöhen. Atzmüller wiederum vermutet, dass die in jeder Hinsicht unzulängliche Krisenpolitik zum Gegenstand sozialer Auseinandersetzungen werden dürfte, ohne weiter zu erörtern, wie diese aussehen könnten. Am plausibelsten scheint insofern die Diagnose von Stefanie Hürtgen, der zufolge im Heer der als „unqualifiziert“ klassifizierten Arbeitskräfte, die katastrophale Arbeitsbedingungen, Abwertung und massive soziale Unsicherheit erfahren, Problemdruck und Unzufriedenheit wachsen müssten. Allerdings lasse sich bislang nur ansatzweise erkennen und vor allem nicht hinreichend ergründen, ob, wie, wann und mit welchen Zielen daraus Widerstand entstehen könnte.

Zu guter Letzt muss eingeräumt werden, dass die Struktur des Bandes mit drei eigenständigen Beiträgen, die ihre theoretischen wie empirischen Grundlagen ausgiebig erläutern und gleich mehrfach bilanzieren, etwas schwerfällig und in einer Wissenschaftslandschaft, die sich der Herrschaft des Citation Index unterworfen hat, nicht mehr unbedingt zeitgemäß wirkt. Gleichwohl machen die darin eröffneten Einblicke in die interessanten empirischen Befunde, die langen Interpretationslinien und die dadurch sehr facettenreich geratene Kritik an einem allzu naiven Qualifizierungsdiskurs Die zeitgemäße Arbeitskraft zu einem erhellenden und lesenswerten Buch.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Tine Haubner.

Kategorien: Wirtschaft Soziale Ungleichheit Arbeit / Industrie

Christiane Schnell

Dr. Christiane Schnell forscht seit 2009 am Institut für Sozialforschung an der Goethe-Universität Frankfurt zu Fragen von Arbeit, Beruf und Professionalität. Sie ist Sprecherin der Sektion Professionssoziologie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und Co-Coordinator des professionssoziologischen Netzwerks in der European Sociology Association.

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