Nikolai Ott | Rezension |

Vom Anfang zum Ende

Rezension zu „Ende des liberalen Zeitalters? Krise und Erneuerung der freiheitlichen Demokratie“ von Ralf Fücks, Jarosław Kuisz und Karolina Wigura (Hg.)

Ralf Fücks / Jarosław Kuisz / Karolina Wigura (Hg.):
Ende des liberalen Zeitalters? Krise und Erneuerung der freiheitlichen Demokratie
Deutschland
Bielefeld 2026: Transcript
174 S., 20 EUR und Open Access
ISBN 978-3-8376-8012-6

Von einer Begegnung mit Alexandre Kojève berichtete Jacob Taubes einst anekdotisch:[1] Kojève hatte am 26. Juni 1967 an der Freien Universität Berlin einen Vortrag mit seiner avant la lettre-These vom „Ende der Geschichte“ gehalten.[2] Danach, so erzählte er Taubes, würde er nach Plettenberg zu einer verstummten Geistesgröße der frühen Bundesrepublik weiterreisen. Doch am Abend zuvor wartete noch eine Begegnung mit den „studentischen Häuptern der Rebellion“ rund um Rudi Dutschke, für die er nur einen enigmatischen Rat zu bieten hatte: „das Wichtigste, was jetzt für die Studentenführer zu tun sei, wäre Griechisch zu lernen“.[3]

Dass jener lakonische Vorschlag auch am Ende des Endes der Geschichte leicht über die Lippen geht, beweist indes jene Literatur, die mit der heroischen Aufgabe der „Rettung des Liberalismus“ auch heutzutage Veröffentlichungen en masse produziert. Zahlreiche Publikationen legen nahe, wahlweise wieder in alt-griechischem,[4] viktorianischem,[5] französischem[6] oder gar chinesischem[7] Vokabular zu denken, das in der Gegenwart verloren gegangen zu sein scheint. Der Liberalismus wird in diesen Werken von seinem Anfang ausgehend gedacht, zu dessen Rückbezug geraten wird, um der Krise der Gegenwart zu entkommen. Weil die Verbarrikadierung in der gemütlichen Vergangenheit mit ganz eigenen blinden Flecken einhergeht, ist es erfrischend, dass eine weitere Veröffentlichung aus dem Genre der „Krise des Liberalismus“-Literatur selbigen nun von seinem Ende her denkt.

Auf einen solchen Kurswechsel der liberalen Krisendiagnostik, vom Anfang zum Ende, lässt mindestens der Titel Ende des liberalen Zeitalters? hoffen, der als Leitmotiv eines von der Berliner Denkfabrik Zentrum Liberale Moderne herausgegebenen Sammelbandes vierzehn Aufsätze zur „Krise und Erneuerung der freiheitlichen Demokratie“ versammelt. Einen Grund für den temporalen Umkehrschub nennen die Herausgeber:innen Ralf Fücks, Jarosław Kuisz und Karolina Wigura schon im Vorwort, in dem eine Metapher des polnischen Soziologen Jerzy Szacki erweitert wird: Der Liberalismus wird zum Garten, in dem die vielen Blumen unterschiedlichster Gärtner blühen. (S. 9) Während jenes Bild schon in einer Herder-Adaption Isaiah Berlins zu finden ist,[8] macht es plausibel, warum es mehr als nur eine Rekanonisierung des Liberalismus zu seiner Rettung braucht. In Zeiten, in denen ein – noch weitgehend abstrakter – Postliberalismus an Attraktivität gewinnt, steht nicht eine einzelne liberale Tradition zur Disposition, sondern der gesamte Garten des Liberalismus. Um in der Metaphorik der Herausgeber:innen zu bleiben, muss ein Ausweg aus der Krise des Liberalismus also nicht über die Biologie beziehungsweise Pflanzenkunde, also die Lehre von einzelnen liberalen Vordenkern –, sondern über die Geografie beziehungsweise Meteorologie – der systematische Blick auf den autoritären Sturm über dem Garten des Liberalismus – erfolgen.

Zwischen „Slop-Liberalismus“ erster und zweiter Ordnung

Die Folgen dieses antiliberalen Sturms sind leicht beschrieben. So ist in der Einleitung von Ralf Fücks, dem Gründer und Geschäftsführer des Zentrums Liberale Moderne, von einer Reihe von „tektonischen Verschiebungen der politischen Landschaft“ (S. 20) zu lesen: vom autoritären Backlash in elektoralen Demokratien, vom Aufstieg populistischer Parteien, von der Rückkehr des „starken Mannes“, der Rolle von neuen sozialen Medien sowie der „rasche[n] Erosion des normativen internationalen Systems“ (S. 20–22). Es sei jene Erzählung der „antiliberalen Konterrevolution“, die – wie Fücks selbst schreibt – bereits „vielfach“ (S. 20) erzählt worden sei und sich dabei erschöpft habe. Es sei ein eingeübtes Ritual gewesen, mantraartig die Symptome der Liberalismus-Krise als artifizielles Naturschauspiel zu beschreiben und sich anschließend für Lösungen bejubeln zu lassen, die schlussendlich auf mehr oder echteren Liberalismus hinausliefen, auf eine bessere Leseart von John Stuart Mill oder eine wehrhaftere Demokratie.

Den Begriff des „Slop-Liberalismus“ hatte zuletzt Alexander Schwitteck für diese Liberalismus-Literatur geprägt, die „den Rahmen seiner Krise gar nicht zu verstehen“[9] versuche, weil das unangenehme Fragen aufwerfen würde. Ausgangspunkt jenes „Slop-Liberalismus“, so liest man in Schwittecks Beitrag (S. 61–73), sei eine liberale Lesart von Mark Fishers Konzept des kapitalistischen Realismus:[10] Am Ende der Geschichte sei das Ende der Welt leichter vorstellbar als eine „Alternative zum Ensemble liberaler Institutionen“ (S. 65). Doch während das Ende des Kapitalismus auch im postliberalen Zeitalter unvorstellbar bleibe – ganz gleich, ob in ungarischer, chinesischer oder Trumpscher Fassung –, sei ein Ende der liberalen Demokratie realgeschichtlich denkbar. Trotz (oder gerade wegen) der Alternativen zum liberalen Skript hätte sich das liberale Lager in eine „konservative Wagenburgmentalität“ (S. 66) begeben, die für Schwitteck in einer Haltung der „Krise ohne Alternative“[11] mündet.

Plausibel ist diese Erzählung allemal, weil sie verständlich macht, wie sehr die liberale Ordnung in ihre eigene Krise verstrickt ist (S. 67). Doch fraglich ist indes, wie neu diese Erkenntnis ist. Francis Fukuyama hatte schon 2022 einen ausufernden kulturellen wie ökonomischen Liberalismus für die Krise des Liberalismus verantwortlich gemacht.[12] Diese Erzählung ist schon heute derart präsent im liberalen Diskurs, dass sie zunehmend wie eine weitere Abstraktionsstufe der „Krise ohne Alternative“ wirkt, quasi als „Slop-Liberalismus“ zweiter Ordnung. Denn so stark sie in der Deskriptivität auch sein mag, hinsichtlich der Konsequenzen bleibt sie ratlos. Exemplarisch sei etwa auf Yascha Mounk verwiesen, dessen analytischer Essay (S. 31–37) in das Fazit mündet, wir müssten uns „endlich eingestehen, wie sehr wir die Welt, unser Land und unseren Platz darin missverstanden haben“ (S. 37). Küchenpsychologisch könnte man zu dem Schluss kommen, der Liberalismus sei im 5-Phasen-Modell der Trauer nun irgendwo zwischen Depression und Akzeptanz angelangt.

Die unerträgliche Leichtigkeit des mitteleuropäischen Realismus

Während im Zentrum des westlichen Liberalismus viel Ratlosigkeit herrscht, überzeugt im Sammelband der unverstellte Blick aus der Peripherie. Dass der Westen sich provinzialisieren müsse, hatte man zuletzt öfter gehört[13] – besonders vielversprechend scheint für den Liberalismus dabei aber nicht der Blick aus dem Globalen Süden, sondern durch die postsowjetische Linse. Karolina Wigura und Jarosław Kuisz legen in ihrem Beitrag (S. 87–94) die blinden Flecken einer westlichen Lesart frei, in der der Fall des Eisernen Vorhangs nicht als Anfang, sondern als Ende der Geschichte erscheint. Eine mitteleuropäische Kontextualisierung mache indes deutlich, dass die gradlinige Erfolgsgeschichte des Liberalismus – als Fremd- und Selbstzuschreibung – nur aus westeuropäischer Perspektive funktioniert. Die „Trump-Doktrin“ (S. 88) oder der Rückzug völkerrechtlicher Pflichten etwa wirkt so als Rückkehr jenes „Yalta-Mindsets“[14], das schon im Kalten Krieg die Schattenseite des westlichen Liberalismus verkörperte.

Wo Liberale in Westeuropa bei kleinstem Widerstand schon in den Chor des „We Are All Postliberals Now!“[15] einstimmen, erinnert auch das Kapitel von Jacques Rupnik (S. 107–116) daran, dass eine mitteleuropäische Rezeption des Liberalismus von einer anderen temporalen Dimension lebt. Hier erscheint die liberale Ordnung nicht in metaphysischer Gestalt, sondern in den Worten von Jaroslav Hasek als „eine leise Hoffnung“ (S. 115) auf Verbesserung. Man kann das, wie Judith Shklar es getan hat, einen „Liberalismus der Furcht“ nennen, oder als die Einsicht beschreiben, dass die Geschichte des Liberalismus nicht einer „Furie des Verschwindens“ Hegelscher Manier gleicht, sondern einem sisyphusartigen Kampf gegen autoritäre Wellen (S. 115). Der Erfolg Donald Tusks und Pèter Magyars erscheint hier als Medizin gegen eine neue depressive Metaphysik ex negativo des Liberalismus, der das „Ende der Geschichte“ durch eine unausweichliche „Krise ohne Alternative“ ersetzt hat – und so nur ein weiteres Kapitel metaphysischer Selbstversicherung aufschlägt.

Ein „Ethos der Klugheit“ für ein „großes Zelt“ des Liberalismus?

Den Liberalismus von seinem Ende her zu denken, bedeutet also dem unglücklichen Bewusstsein der zeitgenössischen Liberalen den Rat Kojèves entgegenzusetzen, polnisch, tschechisch oder ungarisch zu lernen. In mitteleuropäischem Vokabular lässt sich die Krise dann als Normal-, nicht als Ausnahmezustand der „zarten Pflanze der Freiheit“ (vgl. S. 8) beschreiben, weil sie die autoritären Erfahrungen hinter dem Eisernen Vorhang in ihre Freiheitserzählung integriert. Zugleich öffnet die mitteleuropäische Gegenwart den Blick auf jene Transformation des Parteiensystems, die nicht nur[16] Philip Manow[17] zuletzt exemplarisch in den osteuropäischen Realitäten ausmachte.

Auch Stefan Kolevs Appell eines „Zentrismus der heterogenen Mitte“ (S. 139–144) im vorliegenden Band liest sich wie eine mitteleuropäische Strategie après la lettre. Im Angesicht der autoritären Bedrohung brauche es ein „großes Zelt“ der Liberalen, unter dessen Dach Unterschiede möglich seien und man dennoch koalitionsfähig bleibe, so Kolev. Eine leichte Aufgabe ist all das sicherlich nicht. Um mit Ralf Dahrendorf zu sprechen: Schon „in den Niederungen der FDP“[18] ist liberal im liberalen Sinne bekanntlich nicht liberal. Im „Olymp des Liberalismus“[19] dürften sich jene Deutungskämpfe nur multiplizieren. Mehr als einen gemeinsamen autoritären Feind benötigt ein resilienter Liberalismus vermutlich schon.

Und so könnte es bei einem von seinem Ende her gedachten Liberalismus vielleicht doch eine Rückbesinnung auf seinen Anfang brauchen. Von Adam Smith und Joshua L. Cherniss, so erklärt Karen Horn in ihrem Aufsatz (S. 161–168), sollte man ein „Ethos der Klugheit“ erlernen, das durch „seine Offenheit für Kritik, seine Bereitschaft zu langem Ringen und dauernder Mühsal temperiert“ ist (S. 163). Vielleicht sind es genau jene im Kulturkampf verlorengegangenen Eigenschaften, die als Grammatik die im Band präsentierten Vokabeln eines neuen Liberalismus zusammenfügen könnten. Es sind Fragmente einer Sprache des Liberalismus, die sich weder in Athen noch in Plettenberg verirrt, sondern den Blick von dem eigenen Ende aus gedacht auf die Zukunft richtet. Auch für den vom Zentrum Liberale Moderne herausgegebenen Sammelband gilt so, dass in allem Ende ein Anfang liegt. Jenen Zauber des neuen Anfangs, den Hermann Hesse einst beschwor,[20] könnte der Liberalismus heute wahrlich gebrauchen.

  1. Jacob Taubes, Ad Carl Schmitt, Berlin 1987, S. 24.
  2. Alexandre Kojève, Was ist Dialektik?, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 50 (2002), 2, S. 317–329.
  3. Jacob Taubes, Ad Carl Schmitt, Berlin 1987, S. 24.
  4. Vgl. Francis Fukuyama, Liberalism and Its Discontents, London 2022.
  5. Vgl. Samuel Moyn, Liberalism Against Itself. Cold War Intellectuals and the Making of Our Times, New Haven 2023.
  6. Vgl. Helena Rosenblatt, The Lost History of Liberalism. From Ancient Rome to the Twenty-First Century, Princeton 2018.
  7. Nicht ganz vergleichbar mit den letztgenannten Werken, aber dennoch passend: Moritz Rudolph, Der Weltgeist als Lachs, Berlin 2021.
  8. Isaiah Berlin, The First and the Last, in: The New York Review of Books, 14.5.1998.
  9. Alexander Schwitteck, Wider den Slop Liberalismus, in: Aevumquarterly, 4.8.2026.
  10. Mark Fisher, Capitalist Realism. Is There No Alternative?, Winchester 2009.
  11. Im Rückgriff auf: Oliver Weber, Krise ohne Alternative, in: Merkur 78 (2024), Heft 905.
  12. Vgl. Francis Fukuyama, Liberalism and Its Discontents, London 2022.
  13. Vgl. Daniel Marwecki, Die Welt nach dem Westen, Berlin 2026. So auch: Anton Jäger, Europa steigt ab – und das ist gut so, in: Jacobin, 26.7.2026.
  14. Timothy Garton Ash, The Uses of Adversity. Essays on the Fate of Central Europe, New York 1989, S. 170.
  15. Philip Pilkington, We Are All Postliberals Now, in: Postliberalorder, 18.5.2026.
  16. Siehe Sven Gerst, Liberalismus vs. Populismus. Die neue politische Plattentektonik, in: Liberal (2024), 4, S. 12–15.
  17. Philip Manow, Spaltungslinien. Europas Parteiensysteme und die Dekonsolidierung des Nationalstaats, München 2026.
  18. Ralf Dahrendorf, Die Chancen der Krise. Über die Zukunft des Liberalismus, Stuttgart 1983, S. 40.
  19. Ebd.
  20. Original: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“, in: Hermann Hesse, Stufen, Die Gedichte, Frankfurt am Main 2001.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Demokratie Internationale Politik Politische Theorie und Ideengeschichte

Nikolai Ott

Nikolai Ott war Research Assistant am Lehrstuhl für Völker-, Europa- und Öffentliches Recht (Prof. Dr. Dominik Steiger) und am Zentrum für Internationale Studien der TU Dresden. Er lebt, studiert und schreibt aus Paris über Politische Theorie und Internationale Beziehungen.

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