Pascal Eitler | Rezension |

Mood Tracker

Rezension zu „Gefühlstechniken. Eine Kultursoziologie emotionaler Selbstvermessung“ von Sarah Miriam Pritz

Abbildung Buchcover Gefühlstechniken von Pritz

Sarah Miriam Pritz:
Gefühlstechniken. Eine Kultursoziologie emotionaler Selbstvermessung
Mit 15 Abbildungen
Deutschland
Wiesbaden 2024: Springer VS
343 S., 74,99 EUR
ISBN 978-3-658-45465-4

Nicht nur Schlafrhythmen oder Pulsfrequenzen, auch Gefühle lassen sich tracken, permanent vermessen und begutachten. So jedenfalls das Versprechen: Seit knapp zehn Jahren versucht eine wachsende Zahl sogenannter Mood Tracker auf Smartphones oder Tabletcomputern, die unterschiedlichen Gefühle und die allgemeine Gefühlslage von Menschen zu erfassen, zu bewerten und als gezielt steuerbar zu vermarkten – angeblich zum großen Nutzen der User:innen dieser Apps. Sarah Miriam Pritz hat die Gefühlstechniken rekonstruiert und analysiert, die mit Mood Trackern einhergehen. In ihrer bereits 2021 an der Universität Hamburg abgeschlossenen Dissertation widmet sie sich ihnen als einer, so der Untertitel ihrer Arbeit, spätmodernen Form „emotionaler Selbstvermessung“ und Selbstführung.

Die knapp 350 Seiten lange, sehr informative und klar argumentierende Studie gliedert sich grob in zwei fast gleich große Teile. In den ersten sechs Kapiteln entwickelt die Autorin ihre Fragestellung, erfasst den Forschungsstand, diskutiert zahlreiche theoretische Vorüberlegungen und präsentiert ihr methodisches Vorgehen. In den folgenden drei Kapiteln untersucht sie rund zwanzig deutsch- und englischsprachige Mood Tracker als „Techniken emotionaler Subjektivierung“ (S. 102 und S. 280).

Vom Gefühl zum Selbst

Zunächst verhandelt Pritz auf knapp siebzig Seiten ihren allgemein kultursoziologischen, insbesondere diskursanalytischen Zugriff auf Gefühle. Gefühle bestimmt sie etwas unscharf zum einen als Praktiken und „Sinneinheiten“, zum anderen als Prozesse der „Bedeutungserzeugung“ (S. 16–26). Mit Bezug auf einschlägige Arbeiten von Eva Illouz, Andreas Reckwitz, Sighard Neckel und Pierre Bourdieu, vor allem aber im Anschluss an Arlie Hochschilds wichtige Studien über emotion managment und emotion work begreift Pritz Gefühle als erlernbar, gesellschaftlich formbar und mithin auch historisch wandelbar. Gefühle seien zwar inkorporiert, deswegen aber nicht weniger sozial und relational. Für Pritz sind Gefühle „Bindeglieder“, die Beziehungen qualifizieren: zwischen Handlungen und Erfahrungen, Akteuren und Strukturen und nicht zuletzt auch zwischen Menschen und Dingen (S. 16).

Dementsprechend erweitert sie ihren primär diskursanalytischen Zugriff um techniksoziologische und netzwerkanalytische Überlegungen aus dem Umfeld der Science and Technology Studies und der Akteur-Netzwerk-Theorie, um die Apps als Artefakte in ihrer Wirkmächtigkeit und Bedeutung zu befragen. In diesem Sinne definiert Pritz die von ihr untersuchten Mood Tracker als Gefühlstechniken „im doppelten Wortsinn“ (S. 102 und S. 278). Die Apps vermittelten schließlich nicht nur Techniken im Umgang mit Gefühlen, im Hinblick auf deren spezifische Wahrnehmung oder propagierte Gestaltung. Sie stellten auch eine Technik dar, eine an entsprechende Hardware gekoppelte Software, die bestimmte Einsatzmöglichkeiten eröffne und andere beschränke oder schlicht ausschließe. Die Autorin unterscheidet an dieser Stelle erkenntnisförderlich zwischen „Handlungstechniken“ und „Sachtechniken“ (S. 288 f.). Deutlich weniger erkenntnisförderlich erscheinen dem Rezensenten dagegen die vermeintlich klaren Differenzierungen der Autorin zwischen Empfindung, Stimmung, Emotion und Affekt. Derartige Unterscheidungen sollten selbst zum Gegenstand der Untersuchung avancieren und in einer bestimmten Emotionskultur verortet werden.[1]

Pritz kontextualisiert die sich in den Mood Trackern abzeichnende Emotionskultur überzeugend innerhalb sehr viel umfassenderer und sich stark wandelnder Subjektivierungsprozesse vor allem – aber, wie der Rezensent anmerken möchte, nicht erst – seit den 1970er-Jahren. Gefühlstechniken seien daher immer auch Selbsttechniken, ein Werkzeug zur ‚Selbsterkenntnis‘ und ‚Selbstverwirklichung‘. Im Anschluss an die bahnbrechenden Arbeiten von Michel Foucault geht die Forschung an dieser Stelle von einer facettenreichen und folgenschweren Therapeutisierung und vor allem Psychologisierung von Selbstverhältnissen aus: ‚Glück‘ und ‚Gesundheit‘ werden ineinander überführt, ‚Selbsterkenntnis‘ und ‚Selbstverwirklichung‘ zu einem nie abzuschließenden, immer weiter zu verfolgenden Auftrag. Die von den Mood Trackern eingeforderte und beförderte Arbeit an den eigenen Gefühlen lässt sich angeblich immer weiter verbessern und findet daher kein Ende. Der ‚richtige‘ Umgang mit den ‚eigenen‘ Gefühlen ist häufig sogar zentral in der und für die Selbstführung.

Die vorliegende Studie fragt vor allem danach, wie die Apps die User:innen in ihrer Gefühlsführung einem als kapitalistisch oder neoliberal geframten Optimierungsimperativ unterwerfen. Sehr offen, so Pritz, adressieren die Apps ihre User:innen dementsprechend auch und „insbesondere als Arbeitssubjekte“ (S. 164), das heißt, sie zielen auf die sich angeblich mithilfe von bestimmten Gefühlstechniken steigerbare Leistungsfähigkeit im Beruf. Pritz betont zwar ebenfalls, die Apps eröffneten auch Chancen zu Empowerment und Emanzipation (S. 73 und S. 284), aus Sicht des Rezensenten belässt es die Autorin an dieser Stelle allerdings zu sehr bei Gemeinplätzen und bereits wohlvertrauten, großen Thesen.

Wie viele Kultursoziolog:innen oder Kulturkritiker:innen vernachlässigt diesbezüglich auch Pritz in ihrer – ansonsten sehr breit informierten – Studie die inzwischen ebenso umfangreiche wie vielschichtige zeithistorische Forschung zu ganz unterschiedlichen, sich wandelnden Selbst- und Gefühlstechniken, schon seit den 1960er-Jahren und teilweise bereits zuvor. Es wäre sehr oberflächlich und zu kurz gegriffen, diese Techniken samt und sonders als kapitalistisch oder neoliberal zu framen.[2] Vor diesem Hintergrund vergibt die Untersuchung die Möglichkeit, die anhand der Mood Tracker herausgearbeiteten Gefühlstechniken besser verstehen und vor allem auch verorten zu können – etwa im Vergleich mit vorangegangenen und viel verbreiteteren Gefühlstechniken in Familien- oder Kunsttherapien, durch Meditation oder Massage, im Umgang mit Halluzinogenen oder im Gebrauch von Sexutensilien.

Von Diskursen zu Artefakten

Detaillierte Beobachtungen und empirische Besonderheiten präsentiert Pritz erst im zweiten Teil ihrer Arbeit. Dabei rückt sie neben der Bewerbung und Beschreibung der Apps auf deren Homepages oder in Onlineshops vor allem deren Interface ins Zentrum ihres Interesses. Sie betrachtet also die Benutzeroberfläche der jeweiligen Mood Tracker und schließt daraus auf den möglichen Alltagsgebrauch. Zwar gibt es keine verlässlichen Daten über die Zahl der gegenwärtigen User:innen, sondern lediglich über die Zahl der vergangenen Downloads. Auch zum tatsächlichen Gebrauch der Apps und über die realen Gefühle der Nutzer:innen kann Pritz, wie sie mehrfach klarstellt, nur Vermutungen anstellen. Sehr überzeugend aber erschließt die Studie die Vorgehensweisen und Zielsetzungen der unterschiedlichen Apps, das implizite Gefühlsverständnis und die dort propagierten Selbstverhältnisse.

Dabei konzentriert sich die Autorin entsprechend ihren theoretischen Vorüberlegungen zum einen auf den scheinbar allgegenwärtigen und bereits ausführlich beschriebenen Optimierungsimperativ, zum anderen auf Expertisierungsprozesse, vermittels derer die Apps sich selbst und den User:innen Kompetenz und Legitimität zuerkennen. Pritz betrachtet die Mood Tracker dabei vor allem als Werkzeuge zur Übersetzung und Vermittlung eines bestimmten psychologischen, verhaltenstherapeutischen und kognitionswissenschaftlichen Wissens. Herangehensweise und Untersuchungsergebnisse der Studie sind an dieser Stelle sorgsam belegt und überzeugend hergeleitet. Doch hält der diskursanalytische Zugriff nur noch wenige Überraschungen und neuartige Deutungsangebote bereit.

Letztlich viel interessanter erscheint dem Rezensenten daher Pritz’ Fokus auf mögliche Interaktionen zwischen den User:innen und den Apps. Der Erfolg dieser spätmodernen Form „emotionaler Selbstvermessung“ verdanke sich nämlich ganz wesentlich der einfachen Zugänglichkeit und permanenten Verfügbarkeit der Apps, die in ihren Anweisungen und Auswertungen nicht nur äußerst effektiv, sondern auch flexibel seien: Sie lassen sich unterschiedlich kalibrieren und personalisieren und scheinen sich dergestalt auf die konkreten Bedürfnisse, Wünsche oder Ängste ihrer User:innen einzustellen. Im Hinblick auf solche Interaktionen hätte es sich gelohnt, die Untersuchung auszuweiten, dementsprechend benennt die Autorin den möglicherweise ganz verschiedenartigen Einsatz der Apps auch als wichtiges Forschungsfeld für zukünftige Studien. In diesem Sinne besticht Pritz’ Arbeit besonders dort, wo sie ihren zumeist diskursanalytischen Zugriff und die großen Thesen der bisherigen Forschung hinter sich lässt und sich den Apps als Artefakten widmet – neuartig und neugierig.

Kultursoziologie oder Kulturkritik?

Sarah Miriam Pritz hat eine sorgfältige Rekonstruktion und vielseitige Analyse der Mood Tracker vorgelegt und kann überzeugend aufzeigen, welche Gefühls- und Selbsttechniken diese Apps ihren User:innen vermitteln und selbst darstellen. Das ist ebenso innovativ wie interessant. In dieser Hinsicht bereichert und ergänzt die vorliegende Untersuchung die bestehende Forschung. Sie sucht, nach Ansicht des Rezensenten, jedoch zu selten die Konfrontation mit teilweise ganz anderen Gefühls- und Selbsttechniken und erschließt daher letztlich keine neuartigen Deutungsangebote.

Am Ende stellt sich dem Rezensenten die Frage, ob die stets gleichen, großen Thesen, wie sie in jüngerer Zeit besonders erfolgreich Andreas Reckwitz und Eva Illouz präsentierten, einer um Empirie und Evidenz bemühten Rekonstruktion und Analyse von keineswegs einheitlichen, teilweise sehr verschiedenartigen und sich mitunter stark wandelnden Gefühls- oder Selbsttechniken wirklich noch viel zu sagen haben. Denn immer wieder lediglich ganz bestimmte Gefühls- oder Selbsttechniken als kapitalistisch oder neoliberal zu kritisieren, ist nicht dasselbe wie Gefühls- und Selbsttechniken per se als kontingent und produktiv zu problematisieren und jeweils unterschiedlich zu kontextualisieren. Wenn Pritz am Ende ihrer Untersuchung Mood Tracker zum „Verdichtungssymbol der Emotionskultur der Gegenwart“ erklärt und ihnen eine „Leibgebundenheit von Gefühlen“ entgegenhält, die sich der „Instrumentalisierung“ und „Objektivierung“ durch Mood Tracker fortlaufend entziehe (S. 292 f.), schlägt Kultursoziologie in Kulturkritik um.

  1. Vgl. etwa Ute Frevert et al., Gefühlswissen. Eine lexikalische Spurensuche in der Moderne, Frankfurt am Main / New York 2011.
  2. Vgl. überblicksartig Sabine Maasen / Jens Elberfeld / Pascal Eitler / Maik Tändler (Hg.), Das beratene Selbst. Zur Genealogie der Therapeutisierung in den ‚langen‘ Siebzigern, Bielefeld 2011; Pascal Eitler / Jens Elberfeld (Hg.), Zeitgeschichte des Selbst. Therapeutisierung – Politisierung – Emotionalisierung, Bielefeld 2015; Maik Tändler, Das therapeutische Jahrzehnt. Der Psychoboom in den siebziger Jahren, Göttingen 2016; Jens Elberfeld, Anleitung zur Selbstregulation. Eine Wissensgeschichte der Therapeutisierung im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main / New York 2020.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Henriette Liebhart.

Kategorien: Affekte / Emotionen Daten / Datenverarbeitung Interaktion Psychologie / Psychoanalyse

Abbildung Profilbild Pascal Eitler

Pascal Eitler

Dr. Pascal Eitler ist assoziierter wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Körper- und Emotionsgeschichte und der Zeitgeschichte des Selbst.

Alle Artikel

PDF

Zur PDF-Datei dieses Artikels im Social Science Open Access Repository (SSOAR) der GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften gelangen Sie hier.

Empfehlungen

Tanja Kubes

Maschinen wie wir

Rezension zu „Künstliche Intelligenz und Empathie. Vom Leben mit Emotionserkennung, Sexrobotern & Co“ von Catrin Misselhorn

Artikel lesen

Bernd Bösel

Jenseits westlicher Emotionskategorien

Rezension zu „Between Us. How Cultures Create Emotions“ von Batja Mesquita

Artikel lesen

Greta Wagner

Arbeit am Selbst

Rezension zu „Lost in Perfection. Zur Optimierung von Gesellschaft und Psyche“ von Vera King, Benigna Gerisch und Hartmut Rosa (Hg.)

Artikel lesen

Newsletter