Mechthild Bereswill, Gudrun Ehlert | Veranstaltungsbericht | 09.04.2026
Wechselseitige Irritation
Bericht zur Tagung „Geschlechter des Sozialen. Dialoge zu Verortungen und Perspektiven soziologischer Theorien“ am 12. und 13. März 2026 in Dortmund
Kernthemen feministischer Theorien, Ergebnisse der Geschlechterforschung und allgemeine soziologische Theorien sollen „zur wechselseitigen Irritation anregen“, um einen „produktiven, kritischen, kontroversen“ Dialog in Gang zu bringen – so hieß es im Call zur Tagung. Die gemeinsame Veranstaltung der beiden DGS-Sektionen „Frauen- und Geschlechterforschung“ und „Soziologische Theorie“ war tatsächlich eine Premiere. Die Resonanz auf den Call sei groß gewesen, berichteten die Veranstalter:innen eingangs und gaben weiter Auskunft darüber, dass von den ohnehin zahlreichen Einsendungen deutlich mehr Vorschläge aus dem Kontext der grundsätzlich theorieaffinen Geschlechterforschung als aus der theoretischen Soziologie eingereicht wurden. Dabei bleibe die Frage offen, wofür diese Disparität symptomatisch sei.
Die Relevanz des angestrebten Dialogs zeigte sich im insgesamt sehr großen Interesse an der Tagung: 115 Anmeldungen und weitere spontane Besucher:innen füllten den Rudolf-Chaudoire-Pavillon auf dem Campus Süd der TU Dortmund. KATHARINA HOPPE (Frankfurt am Main) als Mitglied des Vorstands der Sektion „Soziologische Theorie“ und MONA MOTAKEF (Dortmund), Erste Sprecherin der Sektion „Frauen- und Geschlechterforschung“, eröffneten die Tagung mit einer kurzen Bündelung der drei zentralen Perspektiven. Gefragt wurde erstens nach der Bedeutung beziehungsweise dem Stellenwert von geschlechtertheoretischen Erkenntnissen und Wissensbeständen für Gesellschaftstheorien. Wie werden die vielschichtigen Dimensionen von Geschlecht in Gesellschaftstheorien thematisiert? Werden intersektionale Verwobenheiten mit anderen Differenzkategorien und Herrschaftsverhältnissen in die Theorieentwicklung aufgenommen? Zweitens wurde im Zusammenhang sozialtheoretischer Perspektiven danach gefragt, welche Anregungen Repertoires der Frauen- und Geschlechterforschung für die Beschreibung performativer und epistemischer Machtverhältnisse liefern. Drittens soll die Tagung zur Öffnung theoretischer Debatten der beiden Sektionen einladen.
Neben der Keynote von ANGELIKA POFERL (Dortmund) am Donnerstagabend und einem eineinhalbstündigen Keynote-Dialog zwischen LARS GERTENBACH (Osnabrück) und PAULA-IRENE VILLA BRASLAVSKY (München) am Freitagmorgen beinhaltete die Tagung fünf thematische Blöcke mit insgesamt vierzehn Beiträgen, ein fünfzehnter wurde abgesagt. Los ging es mit dem Schwerpunkt „Geschlechterverhältnisse in Gesellschafts- und Zeitdiagnosen“, nach der Mittagspause folgten Beiträge zu „Männlichkeiten – brüchige Hegemonien“, anschließend wurde „Geschlecht in sozialen Feldern“ fokussiert; die Schwerpunkte am kommenden Tag lauteten „Materialistische Gesellschaftstheorien“ und „Impulse zur grundlagentheoretischen Relevanz von Geschlecht“. Diese Strukturierung überzeugte nur teilweise, was auf die mangelhafte Trennschärfe zwischen den Schwerpunkten und deren Passung mit den jeweiligen Vorträgen zurückzuführen ist. Die Beiträge umspannten ein breites Themenspektrum und diverse theoretische Setzungen von differenzierungstheoretischen über materialistische bis hin zu heteronormativitätskritischen und intersektionalen Ansätzen. Hinzu kamen Untersuchungsphänomene wie beispielsweise Gleichstellung, Alleinsein, Kriminalität, non-binäre Identitäten und die ökofeministische Kritik an der herrschenden Wissenschaft. Das alles zusammengenommen brachte eine konsistente Bündelung an ihre Grenzen.
Das umfangreiche Programm erforderte ein striktes Zeitmanagement für die ausschließlich im Plenum stattfindende Tagung. Die Vortragenden hatten 20 Minuten Zeit für ihre Präsentation, anschließend waren maximal 10 Minuten für Fragen und Diskussion vorgesehen. An diese Choreografie hielten sich fast alle, die Beiträge waren überwiegend ausgezeichnet strukturiert und alle Moderator:innen achteten streng auf Zeitgerechtigkeit. Für vertiefte Diskussionen blieb demnach wenig Raum, was den gewünschten Dialog deutlich einschränkte und die gemeinsame diskursive Erschließung von teilweise theoretisch sehr voraussetzungsvollen Beiträgen auf eine Frage-Antwort-Situation reduzierte. So blieb denn auch die von den Veranstalter:innen intendierte Grundlagendebatte weitgehend implizit und an die Logik des jeweiligen Einzelbeitrags gebunden. Übergeordnete und vergleichende Auseinandersetzungen mit den unterschiedlichen Theoriesträngen und verschiedenen Stilen der Theoriebildung, die in den Einzelbeiträgen sehr anregend entfaltet wurden, entwickelten sich höchstens ansatzweise, auch in lebhaften Pausengesprächen.
Prominent vertreten waren systemtheoretische, differenzierungstheoretische, hegemonietheoretische, materialistische und sozialtheoretische Zugänge zum Verhältnis von Gesellschaft und Geschlecht. Über diese verschiedenen Theorieperspektiven hinweg variierte zudem der jeweilige Umgang mit Prozessen der Theoriebildung und mit dem definitorischen Stellenwert von Theorie für das Verständnis von sozialen Zusammenhängen und empirischen Phänomenen.
JULIAN HÖFNER (Würzburg) deklinierte Geschlecht in seinem Vortrag mit dem Titel „Geschlecht als Semantik und die Stellung des Individuums in der funktional differenzierten Gesellschaft“ konsequent aus einer systemtheoretischen Perspektive durch, merkte aber eingangs sogleich an, dass Geschlecht für die Systemtheorie grundsätzlich eine untergeordnete Rolle spiele. Im Anschluss daran bestimmte er Geschlecht als eine Semantik individueller Selbstbeschreibung und verortete sie im Kontext der Kommunikation über die Einheit des Individuums. Das geschlossene Theoriemodell, das diesen Vortrag leitete, warf in der anschließenden Diskussion weniger theorieimmanente Fragen zur möglichen Öffnung der Systemtheorie als grundsätzliche Fragen zu den Grenzen und Möglichkeiten von Höfners Ansatz auf. Insbesondere die Frage nach dem Stellenwert von sozialer Ungleichheit verdeutlichte pointiert, dass Systemtheorie und gesellschaftskritische Geschlechterforschung auch gegenwärtig nicht leicht zueinander finden. Ungleichheit wurde von Höfner als starke Selbstbeschreibung und moralisch aufgeladen eingeordnet, was den Dialog zwischen intersektionalen sowie herrschaftskritischen Ansätzen und der Systemtheorie begrenzt. Gerade deshalb lud Höfners Beitrag dazu ein, diese Debatten ausführlich weiterzuverfolgen, nicht zuletzt aufgrund des großen Einflusses, den systemtheoretische Gesellschaftsdiagnosen in der Soziologie haben.
Im Kontrast zu weiteren system- und differenzierungstheoretisch ausgerichteten Beiträgen der Tagung wandte TINE HAUBNER (Bielefeld) sich in ihrem Vortrag „Die >doppelte Militanz< von Theorien sozialer Reproduktion. Ein dynamisches Feld feministisch materialistischer Gesellschaftstheorie“ Theorietraditionen zu, die – wie sie es nannte – mit Marx über Marx hinausdenken. Im Fokus ihrer theoretischen Suchbewegungen standen feministische Reproduktionstheorien, die auf eine Analyse kapitalistischer Gesellschaften zielen und dabei eine Erweiterung des Ausbeutungsbegriffs anstreben sowie die Theoriebildung zu sozialer Reproduktion und Care voranbringen. Haubner rekonstruierte und systematisierte verschiedene Theorieansätze, akzentuierte deren Unterschiede. Mit ihrer Reflexion der Theoretisierungen von Reproduktion und Care öffnete sie den Blick für Grenzen und Reichweite des untersuchten Theorierepertoires. Ihre Analyse spitzte sie auf zwei unterschiedliche Theoriestränge zu: eine kapitalzentrierte Perspektive auf soziale Reproduktion und eine lebensorientierte/lebenszentrierte Perspektive. Abschließend schlug Haubner eine Integration beider Ansätze vor. Sie plädierte für eine Ontologie der menschlichen Arbeitskraft ‚als Leben, das in einer Ware verkörpert wird‘. In der anschließenden Diskussion wurden unter anderem Fragen nach dem Natur-Kultur-Verhältnis und der Vergeschlechtlichung von sozialer Reproduktion gestellt. Haubners Beitrag verdeutlichte, wie produktiv eine Arbeit an Theorie für die weiterführende Arbeit mit Theorie für ein tieferes Verständnis des Verhältnisses von Gesellschaft und Geschlecht sein kann.
Eine weitere Ausprägung von Theoriebildung als reflexivem Prozess vermittelten SYLKA SCHOLZ und AARON KORN (beide Jena) in ihrem Beitrag „Soldatische Körperpanzer im Anmarsch? Theweleits Männerphantasien geschlechtertheoretisch weiterentwickeln“. Vor dem Hintergrund des sich international zunehmend verstärkenden Rechtsextremismus, der augenscheinlich mit einem Diskurs über Männlichkeiten in der Krise und Konstruktionen wehrhafter, gewaltbereiter Männlichkeiten korrespondiere, griffen die beiden auf Klaus Theweleits Männerphantasien (1977/78) zurück. Gemeinsam mit Studierenden hatten sie dessen Ansatz mit Hilfe eines close reading dekonstruiert und fragten gleichzeitig nach dem Erklärungspotenzial einer kulturwissenschaftlich und psychoanalytisch sensiblen Theoriebildung zum Verhältnis von Männlichkeit und Autoritarismus, auch unter Bezug auf Arbeiten des Sozialpsychologen Rolf Pohl. Im Fokus des Interesses stand die Weiterentwicklung von theoretischen Erklärungsansätzen, die die affektiven Dynamiken von Gewalt in den Blick rücken. Damit verbunden war die theoretische Erfassung und empirische Rekonstruktion von vergeschlechtlichten Affektstrukturen im Zusammenhang mit einem herrschaftsförmigen Körperverhältnis. In der kurzen Frage-Antwort-Situation im Anschluss an den materialreichen Vortrag wurden einerseits Fragen nach der Bedeutung von Bildern und Metaphern in Theweleits Arbeit, aber auch für die weiterführende Theoriebildung gestellt, andererseits wurde nach der Reichweite von psychoanalytischen Konzepten gefragt. Korn und Scholz erklärten, Theoriearbeit (am Beispiel Theweleits) sei eine Übersetzungsarbeit von starken Metaphern in sozialwissenschaftliche Konzepte.
Unter dem Titel „Eine Analyse nichtbinärer Diskurse an der Schnittstelle von trans Theorie und feministischer kritischer Theorie“ entwickelte ERIC LLAVERIA CASELLES (Berlin) Perspektiven einer trans materialistischen Gesellschaftstheorie. Im Fokus standen dabei grundlegende Fragen der Theoretisierung von trans, nicht-binär und Geschlecht als gesellschaftliches Verhältnis. Nach einer theoretisch dichten Zusammenfassung grundlegender Prämissen der trans Studies brachte Eric Llaveria Caselles seine Argumentation und die damit zusammenhängenden Fragen auf eine identitätskritische Perspektive. Erklärtes Ziel war es, die widersprüchliche Konstellation, dass Identität radikal dekonstruiert wird und sich gleichzeitig diskursive Konstruktionen von nicht-binären und trans Identitäten zeigen, gesellschaftstheoretisch aufzuschließen und dabei affirmative Versionen einer individuellen Identität zu vermeiden. Hierfür griff Eric Llaveria Caselles auf dialektische Denkfiguren von Regina Becker-Schmidt zurück und plädierte für eine theoretische Perspektive, die es erlaubt, Identitätsdiskurse und Selbst- wie Fremdzuschreibungen von den eigenen Widersprüchen ausgehend zu denken und entsprechend zu agieren. Im Mittelpunkt der anschließenden Fragerunde standen weitere, auch konkurrierende Bestimmungen von Identität. Abschließend ist das große Anregungspotenzial dieses Beitrags hervorzuheben. Theoriearbeit erwies sich hier als feinsinniges Wechselspiel zwischen aktuellen Einsichten und Setzungen, offenen Fragen und ergebnisoffenen Suchbewegungen.
Wie bereits benannt wurde das Vortragsprogramm durch zwei verschiedene Keynote-Formate gerahmt. Angelika Poferl (Dortmund) beeindruckte mit einem im besten Sinne eigensinnigen, konzeptionell angelegten Vortrag mit dem Titel „Menschenrechte und Geschlecht. Eine kosmopolitische Perspektive“. Im Fokus ihrer weit ausholenden Denkbewegungen stand der Entwurf einer „existentiellen Ästhetik der Menschenrechte“ im Zusammenhang von Würde und Verletzlichkeit. Sie plädierte dafür, das Verhältnis von Menschenrechten und Mensch-Sein weniger normativ, sondern vielmehr als existentielle Ausdruckform zu begreifen. Vorstellungen von Würde seien dabei höchst unterschiedlich und auch daran gebunden, was als entwürdigend und würdevoll zum Ausdruck gebracht werden könne. Mensch-Sein erweise sich dabei als eine symbolische Form des Strebens nach psychischer, physischer und sozialer Integrität.
Am Morgen des zweiten Tages führte Katharina Hoppe als Moderatorin ausführlich in den Keynote-Dialog zwischen Lars Gertenbach und Paula-Irene Villa Braslavsky ein. Das Gespräch war im Programm mit dem Titel „Wissenschaft, Gesellschaft, Geschlecht: Verhältnisbestimmungen angesichts autoritärer Politiken“ angekündigt.
Hoppe hob in ihrer Einführung die gegenwärtigen Angriffe auf Wissenschaft, insbesondere auf gesellschafts- und kulturwissenschaftliche Ansätze, hervor und ordnete Wissenschaftsfeindlichkeit als eine der Säulen rechtsextremer Politik ein. Im Zentrum des anschließenden Dialogs stand zunächst das Verhältnis von Geschlechterforschung und allgemeiner soziologischer Theorie aus Perspektive der Dialogpartner:innen. Sie teilten persönliche Erfahrungen und diskutierten anschließend über die Stellung der Soziologie in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit, über das Verhältnis von Wissenschaft und Politik sowie über wissenschaftsfeindliche Angriffe. Insgesamt mäanderte der ausführliche Dialog zwischen den persönlichen Erzählungen und wissenschaftspolitischen Einschätzungen der Beteiligten, die im Hinblick auf die Gefährdung der Wissenschaft durchaus kontrovers ausfielen. So vertrat Paula-Irene Villa Braslavsky die Einschätzung, Wissenschaft und Forschung, hier insbesondere die Soziologie, seien in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit gegenwärtig höchst gefragt, stießen auf großes Interesse und Soziologie nähme entsprechend Einfluss auf gesellschaftspolitische Diskurse. Zudem gab sie zu bedenken, dass Wissenschaftskritik nicht per se mit rechten Positionen verbunden sei. Die Öffnung der Diskussion ins Plenum erfolgte recht spät, so dass keine vertiefende Diskussion entstehen konnte.
Abschließend lässt sich konstatieren, dass es sich um eine sehr anspruchsvolle Tagung und zugleich eine vielversprechende Kooperation zwischen beiden DGS-Sektionen handelte. Der erfreulich große Zulauf und die vielen Beiträge stimmen dahingehend optimistisch, dass die theoretischen Diskurse fortgesetzt, Theorien weiterentwickelt, wechselseitig geöffnet und fundiert werden. Die tadellos organisierte Tagung bot für offene Diskurse aufgrund der ausschließlich frontalen Kommunikationskultur wenig Raum, was besonders schade war, weil alle Beiträge zum gemeinsamen Weiterdenken und Diskutieren einluden. Diesen Prozess an anderen Orten und in anderen Formen fortzusetzen scheint überaus lohnenswert. Umso erfreulicher ist die Ankündigung, dass die Veranstalter:innen eine zeitnahe Publikation der Beiträge planen, die eine vortreffliche Basis für weitere Debatten sein werden.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.
Kategorien: Affekte / Emotionen Care Diversity Gender Gesellschaft Gesellschaftstheorie Kapitalismus / Postkapitalismus Kritische Theorie Psychologie / Psychoanalyse Queer Systemtheorie / Soziale Systeme Wissenschaft
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