Philipp Kadelke, Nicole Burzan | Rezension |

Unterbezahlt, unsicher, unsichtbar

Rezension zu „Verkannte Leistungsträger:innen. Berichte aus der Klassengesellschaft“ von Nicole Mayer-Ahuja und Oliver Nachtwey (Hg.)

Abbildung Buchcover Verkannte Leistungsträger:innen von Mayer-Ahuja/Oliver Nachtwey (Hg.)

Nicole Mayer-Ahuja / Oliver Nachtwey (Hg.):
Verkannte Leistungsträger:innen. Berichte aus der Klassengesellschaft
Deutschland
Berlin 2021: Suhrkamp
567 S., 22,00 EUR
ISBN 978-3-518-03601-3

„Gut, anfangs haben wir Zeichnungen von Kindern erhalten mit einem Dankeschön, Schokolade oder einen Gutschein. Aber das hat nachgelassen“ (S. 375), berichtet eine Verkäuferin über ihre Erfahrungen im ersten Corona-Lockdown. So disruptiv die Effekte, die der Stillstand des gesellschaftlichen Räderwerks im Frühjahr 2020 zeitigte, so schnell scheint die Normalität zurückzukehren. Nachdem der Klang des Klatschens für die sogenannten systemrelevanten Berufe rasch verhallte, bieten nun Nicole Mayer-Ahuja und Oliver Nachtwey mit ihrem Herausgeberband denjenigen Leistungsträger:innen einen Resonanzraum, die „den Laden“ vor, während und auch nach der Pandemie am Laufen halten (S. 13). Dazu tragen sie 22 qualitative, in unterschiedlichen Forschungskontexten entstandene Beiträge zusammen, die sie unter der Chiffre Verkannter Leistungsträger:innen bündeln. Wir lernen unter anderem Bettenschubser im Krankenhaus (S. 191), Pizzabelegerinnen in der Produktion von Fertiggerichten (S. 241 f.) und Schlüpferschnüffler bei Retouren im Versandgewerbe (S. 402) kennen; Berufsgruppen, „die für die Reproduktion der Gesellschaft unverzichtbar sind“ (S. 13), da sie die menschliche Arbeitskraft „verfügbar machen“, „wiederherstellen“, „aufrechterhalten“, „reproduzieren“ und „sichern, pflegen und bewegen“.

Klasse – Leistung – Anerkennung

Die Herausgeber:innen stellen den gesammelten Erfahrungsberichten eine Einleitung voran, in der sie die Reportagen klassentheoretisch rahmen. Denn es geht ihnen um jene, die von ihrem Lohn, den „sie für den Verkauf ihrer Arbeitskraft bekommen, ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen“ (S. 25). Wir erfahren von Frauen und Männern mit und ohne Kinder, Jungen und Alten in der Stadt und auf dem Land, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, Menschen mit und ohne Ausbildung, Mietern und Eigentümern, gewerkschaftlich Organisierten und Unorganisierten. Laut Mayer-Ahuja und Nachtwey haben die verschiedenen Erzählungen gemeinsam, dass ihre Protagonist:innen Benachteiligung erfahren bezüglich der Organisationsweise der Arbeitswelt, gesellschaftlicher Chancenstrukturen oder individueller Eigenschaften.[1] Darüber hinaus ergänzen die Herausgeber:innen in der Einleitung drei gegenwartsdiagnostische Elemente: eine spezifische Deutung des Leistungsprinzips, der zufolge die soziale Stellung das Ergebnis individueller Leistungen ist, die Zunahme prekärer Beschäftigung und ein Mangel an sozialer Anerkennung. Die beschriebenen Entwicklungen ließen sich knapp als Neoliberalisierung beschreiben, aber die Herausgeber:innen vergeben dieses Label überraschenderweise nicht. Kurz gefasst geht es in den Beiträgen um Menschen, die auch aufgrund der arbeitsmarktpolitischen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte unterbezahlt, unsicher und unsichtbar (geworden) sind.

Das Interesse der Autor:innen gilt dezidiert den unteren Klassen, die aus ihrer Sicht im Kontext der soziologischen Ungleichheitsforschung zu wenig Beachtung finden. Nicht nur aufgrund der Aufmerksamkeit, die zuletzt dem Klassenmodell von Andreas Reckwitz zuteilwurde, lässt sich ein solch pauschaler Vorwurf unserer Ansicht nach nicht halten.[2] So kann man den Band durchaus in einen langen Diskurs über prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse einordnen.[3] Dass man Klasse „am besten von unten“ erkennt (S. 32), irritiert angesichts eines relationalen Klassenmodells und zementiert darüber hinaus die zögerliche soziologische Beschäftigung mit privilegierten Lagen.

Die Stärke des Buches liegt darin, dass die einzelnen Aufsätze auch andere Berufe als die viel zitierte Krankenschwester porträtieren, etwa Arbeiter:innen in der Fleischindustrie, im Reinigungs- oder Gaststättengewerbe. Die Reportagen gewähren branchenübergreifende Einblicke in den Wandel von Aufgabenbereichen und Anforderungsprofilen, verdeutlichen, mit welch mannigfaltigen Herausforderungen sich die Protagonist:innen im Zuge von Rationalisierung und Digitalisierung konfrontiert sehen, und sensibilisieren für Akte symbolischer Missachtung. Der ungleichheitssoziologisch ausgerichtete Band gibt dabei auch Anregungen für ein breiteres Publikum. Die Vielzahl der Perspektiven ist allerdings zugleich seine Schwachstelle, da die 22 Porträts – so interessant sie für sich genommen sind – in ihrer Gesamtkomposition unstimmig wirken.

Um wen geht es genau?

Es entsteht der Eindruck, dass sich die drei u’s (unterbezahlt, unsicher, unsichtbar) mal auf die beruflichen Tätigkeiten beziehen, und mal auf die Personen, die diese ausüben. Scheinbar müssen nicht alle drei Merkmale erfüllt sein, um zur hier porträtierten Gruppe zu gehören, allerdings fehlt in den einzelnen Reportagen eine klare Zuordnung, welche der u’s auf den jeweiligen Beruf zutreffen. Denn dass es diesbezüglich große Unterschiede gibt, ist unbenommen: So ist etwa eine Verkäuferin sichtbarer als beispielsweise ein Laborant, eine Festanstellung als Fernfahrerin sicherer als journalistische Soloselbstständigkeit. Ob wiederum Sozialarbeiter:innen unterbezahlt sind, ist im Vergleich zu anderen Fallbeispielen fraglich.

Zwar handelt das Buch von Leistungsträger:innen, aber Mayer-Ahuja und Nachtwey machen nicht ausreichend deutlich, wodurch sich Leistung auszeichnet (S. 19 f.). Auch die Definition systemrelevanter Berufe als Tätigkeiten zur Reproduktion von Arbeitskraft und gesellschaftlichen Beziehungen (S. 13) ist vage und überzeugt etwa im Fall von Flugbegleiter:innen wenig. Die Feststellung: „Auf die Krankenschwester können wir nicht verzichten, auf […] die Produktion von Autos zeitweise schon“ (S. 24), erscheint uns hinsichtlich komplexer Verflechtungszusammenhänge in einer arbeitsteiligen Gesellschaft fragwürdig. Die Systemrelevanz etwa von Kulturschaffenden fällt zudem aus dem Raster. In ihrem Bestreben, entsprechende Debatten anzustoßen, versäumen die Herausgeber:innen, gesellschaftliche Grenzziehungen zwischen höherer und niedrigerer Systemrelevanz hier und mehr oder weniger hoher Anerkennung da in ihrem Konnex auf Basis der Fallbeispiele tiefer auszuloten.

Anerkennung für was und durch wen?

Der Band kartiert allerlei negative Berufserfahrungen als Anerkennungsverweigerung. Die aneinandergereihten Geschichten lesen sich streckenweise wie ein Sammelsurium trauriger Erlebnisse, deren geteilter Kern allerdings unkenntlich bleibt. Beispielsweise empört sich eine Altenpflegerin, dass viele Menschen gar nichts über ihre vielfältigen Aufgaben wüssten. Zwei Möbelfachverkäufer klagen über die Art und Weise ihrer Kündigung (S. 363). Handelt es sich hierbei um einen Mangel an sozialer Anerkennung? Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Wenn etwa von einer falschen Berufswahl (S. 53 f.) oder nicht anerkannten ausländischen Abschlüssen berichtet wird (S. 292 f.), fragt man sich, was diese Erfahrungen theoretisch zusammenhält. Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass auf die großzügige theoretische Rahmung eine gewisse empirische Beliebigkeit folgt. Da diejenigen Fälle dominieren, in denen Einzelne sich trotz aller Restriktionen fleißig aufopfern, lässt die Sammlung zudem Schilderungen von widerständigen Strategien und Praktiken wie auch subtilen und situativen Ausflüchten in Ungehorsam vermissen.

Die Fälle verbindet das Narrativ, dass besserer Lohn oder zumindest gewerkschaftliche Organisation Anerkennungsprobleme verringern könnte. Da der Band jedoch zugleich die Vielgestaltigkeit prekärer Lagen aufzeigt, stellt sich einmal mehr die konzeptuelle Frage nach der Erfassbarkeit beruflicher Anerkennung.

Analysefokus Geschlecht und Migrationsstatus

Das Buch thematisiert in der Einleitung auch die Nichtanerkennung von Frauenerwerbstätigkeit, die durch „notorisch ungute Arbeitsbedingungen“ (S. 34) und mangelndes Ansehen geprägt sei. Allerdings zeigt der Sammelband zum einen selbst, dass prekäre Arbeit keineswegs allein – wenngleich auch – Frauensache ist: Von den 36 Protagonist:innen im Band sind 18 männlich. Wir lesen Geschichten von älteren deutschen Männern, die im Akkord Betten durch Krankenhäuser manövrieren (S. 197), und von jungen nichtdeutschen Männern, die in Restaurants fürs „Heben und Tragen“, „Schrubben und Ausräumen“ zuständig sind (S. 216). Zum anderen ist dieser pauschalen Setzung empirisch zu widersprechen, denn aus Umfragen geht regelmäßig hervor, dass auch den frauendominierten sozialen Berufen hohes Prestige zugeschrieben wird.[4] Männer sind laut Studienlage sogar häufiger schlechten Arbeitsbedingungen ausgesetzt als Frauen.[5]

Die Betonung einer besonderen Benachteiligung von Frauen lässt zudem (Selbstverwirklichungs-)Potenziale in den Hintergrund rücken, die in den Interviews durchaus zum Ausdruck kommen. So betont eine Erzieherin den Einfluss, den sie durch ihren Beruf habe, insofern die Gesellschaft von morgen in den Kitas von heute heranwachse (S. 56 f.). Auch der Migrationsstatus überzeugt als verbindendes Benachteiligungsmerkmal im Buchkontext wenig. So sehen sich der Asylbewerber ohne Rechte (S. 226) oder die Rund-um-die-Uhr-Pflegekraft in privaten Haushalten (S. 131 f.) unterschiedlichen Problemlagen ausgesetzt.

Mit seinem klassentheoretischen Fokus liegt dem Band ein integratives Ungleichheitskonzept zugrunde: Immerhin müssen neun von zehn Personen ihre Arbeitskraft verkaufen. Es bleibt letztlich unklar, warum die Herausgeber:innen ausgerechnet Geschlechterungleichheiten und Migrationsstatus als verbindende Benachteiligungsmerkmale herausstellen. Wir fragen uns also: Um was geht es eigentlich? Um eine Kritik an der Lohnarbeit (unter neoliberalen Vorzeichen)? Um niedrige Löhne? Um ungleiche Selbstverwirklichungschancen? Um Anerkennungsdefizite? Um systemrelevante versus -irrelevante Tätigkeiten?

Ein Augenöffner

Die Einleitung des Bandes fährt schwere theoretische Geschütze auf – Klassentheorie, Leistungsprinzip, Anerkennung –, die die Einzelbeiträge kaum aufgreifen. Als Leser:innen vermissen wir auch einen stärkeren Theorie-Empirie-Bezug, wenngleich dies nicht erklärtes Ziel des Bandes ist. So gesehen verstehen wir das Buch als Sozialreport, der eindrücklich über Verhältnisse „von unten“ (S. 32) informiert. Eine bescheidenere Kontextualisierung hätte der Eindringlichkeit der Schilderungen keinen Abbruch getan.

In der Gesamtschau der Reportagen kristallisiert sich für uns ein anregender Aspekt heraus, den die Autorenschaft so dezidiert gar nicht hervorhebt, der aber weitere Forschungen motivieren kann: die zeitliche Komponente. In 15 von 22 Beiträgen berichten die Protagonist:innen von extremer Zeitnot, die den Berufsalltag erschwert: „Du bist zu langsam!“ (S. 150), „Warum dauert das so lange?“ (S. 197), „mach, mach, mach“ (S. 268). Zwar ist diese Zeitknappheit auch Effekt der genannten Rationalisierungspolitiken, gleichwohl scheint uns die auffallende Zeitverdichtung nicht ausschließlich externer Zwang zu sein. Sie wurzelt, so unsere Vermutung, auch in veränderten Ansprüchen der Arbeiter:innen an die eigene berufliche Tätigkeit. Viele Interviewte berichten mit Stolz von ihrer Haltung, ihrem Ethos im Beruf. Eine (schnellere) Befriedigung (erhöhter) Ansprüche etwa von Kund:innen oder Patient:innen ist auch ein Zeichen sozialer Anerkennung.

Trotz einiger Schwächen ist der Band von Nicole Mayer-Ahuja und Oliver Nachtwey lesenswert und leistet einen wichtigen Beitrag zur Debatte um prekäre Beschäftigungsverhältnisse und deren soziale Konsequenzen. Wenngleich er also konzeptuelle Zusammenhänge präziser hätte herausstellen können, bietet er interessantes Material, um weiter über berufliche Leistungen, Systemrelevanz und Modi der Anerkennung nachzudenken.

  1. In Anlehnung an Erik Olin Wright, Understanding Class, London 2015.
  2. Andreas Reckwitz, Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, Berlin 2019; siehe außerdem die Diskussion in Leviathan 49 (2021), 1.
  3. Prominent etwa Pierre Bourdieu (Hg.), Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft, Konstanz 1997, Robert Castel, Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit, übers. von Andreas Pfeuffer, Konstanz 2000; Oliver Nachtwey, Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne, Berlin 2016.
  4. Deutscher Beamtenbund (Hg.), Bürgerbefragung Öffentlicher Dienst. Einschätzungen, Erfahrungen und Erwartungen der Bürger, Berlin 2019.
  5. Siehe unter anderem Nico Dragano / Morten Wahrendorf / Kathrin Müller / Thorsten Lunau, Arbeit und gesundheitliche Ungleichheit. Die ungleiche Verteilung von Arbeitsbelastungen in Deutschland und Europa, in: Bundesgesundheitsblatt 59 (2016), 2, S. 217–227; Bundesministerium für Arbeit und Soziales / Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Hg.), Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit – Berichtsjahr 2017. Unfallverhütungsbericht Arbeit, Dortmund 2018.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Arbeit / Industrie Gender Migration / Flucht / Integration Öffentlichkeit

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Philipp Kadelke

Philipp Kadelke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Soziologie mit dem Schwerpunkt soziale Ungleichheiten an der Technischen Universität Dortmund. In seiner Dissertation beschäftigt er sich im Kontext der Wohnsoziologie mit Macht- und Mentalitätsunterschieden zwischen Mietern und Eigentümern sowie deren Auswirkungen auf die Perpetuierung sozialer Disparitäten.

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Nicole Burzan

Nicole Burzan ist Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt soziale Ungleichheiten an der Technischen Universität Dortmund. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind soziale Ungleichheiten, unter anderem aus kultursoziologischer Perspektive (z.B. Statusreproduktion in der Mittelschicht, Ungleichheitsaspekte in Museen, räumliche und soziale Mobilität in der Wissenschaft), Methodenverknüpfungen und Zeitsoziologie. Von 2017 bis 2019 war sie Vorsitzende der DGS.

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