Matthias Duller | Rezension |

Das gewöhnliche Produkt ungewöhnlicher Umstände?

Rezension zu „Bauman. A Biography“ von Izabela Wagner

Abbildung Buchcover Bauman von Izabela Wagner

Izabela Wagner:
Bauman. A Biography
Großbritannien/USA
Cambridge/Oxford/Boston 2020: Polity Press
500 S., 35,00 $
ISBN 978-1-509-52686-4

Der polnische Soziologe Zygmunt Bauman (1925–2017) war und ist noch immer das, was nicht vielen Wissenschaftlern gelingt: eine Person von enormem öffentlichem Interesse. Der internationalen akademischen Welt bekannt geworden durch sein Buch Modernity and the Holocaust (1989), wurde er im Alter von 75 Jahren mit Liquid Modernity (2000) zu einem globalen Bestsellerautor und vielgelesenen Theoretiker der Postmoderne.[1] Ungeachtet dessen war Bauman jedoch vor allem in Polen mit Vorwürfen über seine Tätigkeit als Politoffizier in der polnischen Armee und als Informant des stalinistischen Geheimdiensts konfrontiert. Da er sich weigerte, sich für seine kommunistische Vergangenheit zu entschuldigen oder die Rolle des Geläuterten zu spielen, entzündete sich an seiner Person eine intensive Debatte über politische Verantwortung und Erinnerung. Izabela Wagners 500 Seiten starke Biografie ist eine Intervention in diese Debatte. Ihr Anliegen ist es, der ihrer Meinung nach lückenhaften und verzerrten öffentlichen Darstellung Baumans dessen Lebensgeschichte in ihrer historischen Komplexität entgegenzustellen.

Das Leben Zygmunt Baumans gibt tatsächlich einiges her. 1925 in eine von Verarmung bedrohte jüdische Mittelstandsfamilie in Posen geboren, war seine Kindheit vom Antisemitismus in seiner Heimatstadt und dem Versuch, bei den nicht-jüdischen Polen Anerkennung zu finden, geprägt. 1939 floh die Familie Bauman unter den Luftangriffen der Wehrmacht nach Osten und erreichte mit Glück zuerst das sowjetisch besetzte und multiethnisch bewohnte Mołodeczno/Maladsetschna nordwestlich von Minsk. 1941 kam sie schließlich in die russische Provinzstadt Schachunja, wo der stets glänzende Schüler Bauman seine Schulausbildung abschließen konnte.

Diese frühen Kapitel sind die eindrücklichsten des Buches. Gestützt unter anderem auf unveröffentlichte autobiografische Manuskripte, die Bauman in den 1980er- und 1990er-Jahren für seine Töchter geschrieben hat, entfaltet Wagner hier ein genaues und persönliches Porträt der Vorkriegs- und Kriegsjahre aus der Sicht eines Heranwachsenden, der sich unter dem Druck seiner schwierigen Identitätsfindung als polnischer Jude zu dem selbstbewussten und entschlossenen Sozialisten entwickelte, der er zeitlebens blieb.

Als 18-Jähriger trat Bauman in die Rote Armee ein und kam mit den polnischen Truppen bis nach Polen und bei Kriegsende nach Berlin. Aufgrund seiner exzellenten Bildung und seines politischen Talents wurde er bereits im Krieg als Redner und Verfasser von Propagandatexten eingesetzt. Nach der Befreiung von den Nazis blieb Bauman in der Armee und wurde als politischer Offizier dem Korps für Innere Sicherheit (Korpus Bezpieczeństwa Wewnętrznego) zugewiesen. Als solcher war er auch Informant für den Geheimdienst. Trotz mehrerer Beförderungen äußerten die Berichte über Bauman immer wieder Zweifel an dessen politischer Zuverlässigkeit, was 1953 zu seiner Entlassung aus der Armee führte. Stattdessen ermöglichte man ihm eine akademische Karriere, die Bauman bereits seit 1947 mit einem Abendstudium bei dem Parteiideologen Adam Schaff an der Akademie für Politische Wissenschaft begonnen hatte.

Wagner geht in diesen ebenfalls sehr bildreich geschilderten Passagen explizit auf verschiedene Vorwürfe ein, die Bauman später gemacht wurden. Die Autorin stützt sich hier wie im Rest des Buches auf eine Vielzahl von Quellen, darunter Akten der polnischen Geheimpolizei, und kontextualisiert diese sehr sorgfältig. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Akten keine Hinweise auf von Bauman begangene Verbrechen oder Gewalttaten enthalten. Sein Eintreten für den Kommunismus und für die Bekämpfung von dessen Gegnern macht sie aus seiner Biografie sowie den historischen Umständen heraus verständlich und nachvollziehbar. Wagners Methode, sich in die Gedankenwelt ihres Protagonisten hineinzufühlen, wirkt an manchen Stellen vielleicht etwas beschützend. Im Lichte der virulenten Kontroversen ist ihre transparente Argumentation aber ausdrücklich zu begrüßen.

Am Philosophischen Seminar der Universität Warschau entwickelte sich Bauman schnell zu einem der meistbeachteten jungen Intellektuellen und beliebten Vortragenden. Bauman beschrieb dieses Milieu später als das anregendste und dynamischste intellektuelle Umfeld, das er jemals kennenlernte. Insbesondere nach der Entstalinisierung 1956, als auch Professoren aus der Zwischenkriegszeit wieder ungehindert wirken konnten, wurde Warschau zu einem äußerst produktiven Biotop, in dem etablierte Persönlichkeiten wie Stanisław Ossowski und Julian Hochfeld neben jüngeren wie Leszek Kołakowski oder Bauman einen engen persönlichen und intellektuellen Austausch pflegten. Wieder liefert Wagner hier über einige Kapitel hinweg ein dichtes und lebendiges Bild der Warschauer Intellektuellenszene, in das sie immer wieder ausführliche Schilderungen des Privatlebens der Familie Bauman und ihres Umfelds einflicht. Dabei wird auch deutlich, welch aktive Rolle Baumans Frau Janina im intellektuellen Leben des Paares spielte. Zygmunt Baumans Wandlung von einem kommunistischen Hardliner zu einem führenden Vertreter des humanistischen Marxismus gipfelte schließlich 1968 in seinem de-facto-Rauswurf aus Polen im Zuge einer antisemitischen Hetzkampagne infolge der März-Unruhen an den Universitäten des Landes.

Damit beginnt die dritte Phase im Leben der Baumans. Nachdem sie zunächst nach Israel emigriert waren, zogen sie 1971 nach Leeds, wo Zygmunt Bauman eine lange Phase relativer Stagnation erlebte. Bemerkenswert ist hier vor allem seine Weigerung, sich als Osteuropa-Experte und Dissident zu etablieren. Wagner zitiert dazu ihren Protagonisten: „I had no intention of living the second half of my life off the first (as things looked then, I could have lived quietly and happily ever after on my ‘dissident past’). I wanted to remain what I was, a sociologist, and re-establishing myself in that role in new surroundings was to me a matter of personal honesty and self-respect.“ (S. 312f.)

Erst nach seiner Pensionierung begann jene Phase in Baumans Leben, die ihn zu Weltruhm brachte. Neben aufschlussreichen Schilderungen des Kontrasts zwischen dem lebendigen Intellektuellenleben in Warschau und dem ziemlich tristen Alltag eines Soziologen in Leeds sind hier auch an der Arbeitssoziologie Wagners geschulte Analysen der täglichen Arbeit Baumans und ausführliche Passagen zu Baumans Frau Janina sowie deren Kindern zu finden. Janinas literarische Verarbeitung ihrer Erfahrungen während des Holocausts im Warschauer Ghetto, die 1986 publiziert wurden,[2] bezeichnet Wagner gar als die ethnografische Grundlage für Baumans kurz darauf erschienenes Buch Modernity and the Holocaust.

Wie Wagner in ihrem lesenswerten Nachwort (S. 403–409) offenlegt (es sollte unbedingt zuerst gelesen werden!), sieht sich die Autorin in der Tradition der Chicagoer Schule der Soziologie und ist somit weniger an Baumans Werk interessiert als daran, dessen Lebenswelt so dicht und persönlich wie möglich zu beschreiben. Bauman erscheint dabei als ein hochgradig kreativer und produktiver Intellektueller mit einem tiefsitzenden moralischen Anspruch, der aber gerade in seinen späteren Lebensjahren gelegentlich auch zynisch und unnahbar wirkte. Selbst Keith Tester, ein ehemaliger Schüler und Freund in Leeds, der eine Biografie Baumans plante, sagte zu Wagner: „I don’t think I knew Zygmunt – I don’t think there was a ‘Zygmunt to know’" (S. 333). Bauman selbst hat sich gerne als das ziemlich gewöhnliche Produkt ungewöhnlicher historischer Umstände dargestellt. Wiewohl man das für einen Fall von Understatement halten möchte, spielt die Geschichte in dieser Biografie tatsächlich eine größere Rolle als ihr zentraler Protagonist.

Wagner gelingt es durch ihren persönlichen Zugang, die vielschichtigen und konfliktreichen Konstellationen, die Baumans Biografie kennzeichneten, auf lebendige Weise zu entfalten. Ihr Buch ist eine soziologisch geschulte Geschichte eines Mannes und seiner Familie, die tiefe Einblicke in das Leben eines heranwachsenden jüdischen Polen der 1920er- und 1930er-Jahre, in seine politische Sozialisation dort und in der Sowjetunion und vor allem in die dynamische Intellektuellenszene in Warschau zur Zeit des Tauwetters erlaubt. Wer immer ein Interesse an den sozialgeschichtlichen Bezügen eines dieser Schauplätze hat, wird mit dieser Biografie reich belohnt.

 

  1. Zygmunt Bauman, Modernity and the Holocaust, Cambridge 1989; ders., Liquid Modernity, Cambridge 2000.
  2. Janina Bauman, Winter in the Morning. A Young Girl’s Life in the Warsaw Ghetto and Beyond 1939–45, Bath 1986.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Florian Peters.

Kategorien: Geschichte der Sozialwissenschaften Moderne / Postmoderne Rassismus / Diskriminierung Wissenschaft

Abbildung Profilbild Matthias Duller

Matthias Duller

Matthias Duller ist Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (APART-GSK) am Department of History der Central European University in Wien. Seine Forschungsinteressen liegen in der vergleichenden historischen Soziologie, der Geschichte der Sozialwissenschaften und der Ost- und Südosteuropaforschung.

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