Timur Ergen | Rezension |

Ein meisterhaftes Stück Wissens- und Wissenschaftssoziologie

Rezension zu „Veblen. The Making of an Economist who Unmade Economics“ von Charles Camic

Abbildung Buchcover Veblen von Camic

Charles Camic:
Veblen. The Making of an Economist who Unmade Economics
USA
Cambridge, MA 2020: Harvard University Press
504 S., 37,00 EUR
ISBN 978-0-674-65972-8

Die Einleitung von Charles Camics Veblen hat einen Beigeschmack von Etikettenschwindel. Für viele Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler gehört Thorstein Veblen zu den kanonisierten Klassikern des Fachs. Veblen wurde zwar von einem Soziologen geschrieben, doch geht es hier um Veblen als Forschungsgegenstand, nicht wirklich um Veblens Werk als Teil soziologischer Theoriebildung und Gegenwartsdiagnose. Eine zweite offensichtliche Einordnung, dass es sich dann also um eine von einem Soziologen geschriebene Biografie handeln muss, ist ebenfalls irreführend. Denn das Buch übergeht die genretypisch ausschweifenden Abstecher in das Privat- und Liebesleben des einflussreichen Denkers ebenso wie seine letzten 25 Lebensjahre.

Veblen: The Making of an Economist who Unmade Economics ist stattdessen ein meisterhaftes Stück Wissens- und Wissenschaftssoziologie. Camics Ziel ist es, eine historische Rekonstruktion der sozialen Konstitution von Thorstein Veblen als ressourcenreichem Wissensproduzenten und Innovator zu entwickeln, dessen Handeln und Wirken historisch, sozial und räumlich eingebettet zu verstehen ist.

Das theoretische Argument, das dieser historischen Rekonstruktion zugrunde liegt, stützt sich in hohem Maße auf das, was in dem Buch als knowledge-making practices bezeichnet wird. Indem er ihn durch die entstehenden Felder der US-amerikanischen Forschungsuniversität und der US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaften verfolgt, zeigt Camic, wie Thorstein Veblen die intellektuellen Werkzeuge erwarb, um der ikonoklastische Gelehrte und Sozialkritiker zu werden, der im 20. Jahrhundert kanonisiert wurde. Der Mechanismus des Praxiserwerbs wird repetition-with-variation bezeichnet. In verschiedenen Kontexten, Wissensgebieten, Institutionen und akademischen Beziehungen wurde Veblen mit einem Kernbestand an intellektuellen Praktiken konfrontiert, die sich allmählich zu dem verfestigten, was Camic eine academic second nature nennt, „die der angehende Wissenschaftler zunehmend als die richtige Art und Weise ansieht, Wissen zu konstruieren, unabhängig von dem jeweiligen Problem" (S. 41, meine Übersetzung, T.E.).

Die Darstellung des ländlichen norwegischen Einwanderers, der einen scharfen Blick für die Idiotie der Sitten seiner ‚Aufnahmegesellschaft‘ entwickelt, entstand in den 1930er-Jahren und wurde selten auf ihre Richtigkeit überprüft.

Der Hauptgegner von Camics Darstellung ist die seit Langem prominente Erklärung, wonach Veblens intellektueller Stil aus seiner Außenseiterposition in der akademischen Welt der Jahrhundertwende im Speziellen und in der US-amerikanischen Gesellschaft im Allgemeinen resultierte. Die Darstellung des ländlichen norwegischen Einwanderers, der einen scharfen Blick für die Idiotie der Sitten seiner ‚Aufnahmegesellschaft‘ entwickelt, entstand in den 1930er-Jahren und wurde selten auf ihre Richtigkeit überprüft. Camic nennt diesen Typ biografischer Erklärung „Überhang-Erzählung“ und findet sie in einer Reihe wichtiger Biografien. Er stellt sie infrage, indem er sowohl zeigt, wie sehr Veblen ein akademischer ‚Insider‘ war, der mit vielen der einflussreichsten Denker seiner Zeit zusammenarbeitete, als auch nachzeichnet, wie zentrale Stilelemente von Veblens Denken in seinem Umfeld allgegenwärtig waren.

Das Buch besteht aus sechs großen empirischen Kapiteln, die durch eine programmatische Einführung und ein theoretisches Kapitel sowie einen kurzen Schluss gerahmt werden, der sich hauptsächlich mit Veblens späteren Jahren und seinem Vermächtnis befasst. Die empirischen Kapitel wechseln nahtlos zwischen Darstellungen von Veblens persönlichem Leben, seinem Bildungs- und Berufsweg sowie der Entwicklung der US-amerikanischen Gesellschaft und des sozioökonomischen Denkens. Allein die Leichtigkeit der Darstellung und die Fülle an Informationen machen das Buch zu einem Lesevergnügen. Vor allem die Rekonstruktionen der Bildungserfahrungen sind von beeindruckender Tiefe und Detailgenauigkeit, bis hin zu einzelnen Lehrplänen und Seminarmitschriften.

Kapitel 3 skizziert die Geschichte der Einwanderung der Veblens in die USA und ihr Familienleben als Farmer im US-amerikanischen Nordwesten. Es geht schnell weiter zu Thorstein Veblens Schuljahren und dem gerade gegründeten Carleton College, wo Veblen ausgiebig bei dem an deutschen Universitäten ausgebildeten Wirtschaftswissenschaftler John Bates Clark studierte. Camic skizziert, wie das Studium der Klassiker die Studierenden mit konfrontativen intellektuellen Stilen und dem historischem Denken vertraut macht. Darüber hinaus brachte Carleton Veblen, einen außergewöhnlich guten Studenten, dazu, die sich professionalisierenden Naturwissenschaften und das aufkommende evolutionäre Denken zu studieren. Die Kapitel 4, 5 und 6 zeichnen dann Veblens Bildungsweg über Carleton, einen kurzen Lehraufenthalt in Madison, die Johns Hopkins und Yale University nach.

Während er sich zunehmend auf die Philosophie und die politische Ökonomie als thematische Schwerpunkte konzentrierte, kam Veblen in intensiven Kontakt mit einigen der einflussreichsten Intellektuellen des Landes. Wie Camic hervorhebt, waren viele der ‚typisch Veblen‘schen‘ Züge seines späteren Denkens in diesem intellektuellen Feld allgegenwärtig: die Wertschätzung der Erzeugung neuen Wissens, ein historisches Verständnis von Wirtschaft und Gesellschaft, evolutionäre Konzepte institutioneller Entwicklung, eine konfrontative Denk- und Argumentationsweise und die selbstverständliche Unterscheidung zwischen gesellschaftlich nützlichen und unnützen Tätigkeiten.

In Kapitel 7, dem wahrscheinlich informativsten Teil des Buchs, wird Veblens Weg von der Cornell University, an der er ein zweites Mal promovierte, zu einem Lehrauftrag an der neu gegründeten University of Chicago ausgeleuchtet. Camic beschreibt Veblens in Chicago stattfindende Verwandlung zu einem professionellen Wissensproduzenten, der vorerst zwischen den Fronten der sich formierenden US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaften arbeitete. Kapitel 8 erklärt, wie Veblen seine erworbenen Praktiken nutzte, um in intellektuelle Felder einzugreifen, nun selbst ‚Theorie‘ zu machen und etablierte Wissensbestände anzugreifen. Während er sich auf die Theory of the Leisure Class und die Theory of Business Enterprise konzentriert, bildet Veblen eben die Fähigkeiten aus, so Camic, die ihn schließlich zu einem einflussreichen Denker und Gesellschaftskritiker werden lassen. Dass sie als das Ergebnis Tausender von Stunden geschichteter praktischer Erfahrungen verstanden werden sollten, stellen Camics Recherchen heraus.

Das als Biografie getarnte Buch verfolgt die Entstehung des einflussreichen Ökonomen Veblen durch die Kontingenzen seiner Sozialisation hindurch, anstatt erklärende Episoden unter dem Blickwinkel des finalen Ausgangs zu präsentieren.

Veblen: The Making of an Economist who Unmade Economics ist als biografische Abhandlung ausführlich rezensiert worden. Ein flüchtiger Blick in diese Rezensionen lässt auf eine allgemein sehr positive Rezeption schließen. Dem als Biografie getarnten Buch wurde attestiert, ein geradezu mustergültiges Stück historischer Soziologie zu sein, da es Geschichte, wie es in Andrew Abbotts Besprechung heißt, „from the past“ erzählt: Es verfolgt die Entstehung des einflussreichen Ökonomen Veblen durch die Kontingenzen seiner Sozialisation hindurch, anstatt erklärende Episoden unter dem Blickwinkel des finalen Ausgangs zu präsentieren. Ich möchte einen dritten Vorzug hinzufügen, der sich auf die Eckpfeiler der Sozialtheorie bezieht, die sich in Camics Veblen finden lässt. In früheren Arbeiten ist Charles Camic ein Verfechter der Befreiung des Begriffs der „habits“ aus der behavioristischen Verengung auf quasimechanistische Routinen gewesen. Wie heute oft vergessen, charakterisierte etwa John Dewey habits mit Vokabeln wie dynamisch, energisch und projektiv. Die übliche Gegenüberstellung von repetitiver Starre erlernter Routinen und dem kreativen Handeln, die sich seit Schumpeter insbesondere in der sozialwissenschaftlichen Innovationsforschung findet, stößt in der Rekonstruktion des Werdegangs Veblens an offensichtliche Grenzen. In Camics Darstellung zeigt sich Veblen als innovative, strukturbrechende Figur, indem sie erworbene Gewohnheiten innovativ (re-)kombiniert und schöpferisch auf neue Probleme anwendet. Veblen könnte für Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler aller Spezialisierungen von Interesse sein, hat er doch einen Weg gewiesen, über die habituellen Grundlagen von Innovation und sozialem Wandel nachzudenken.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer, Wibke Liebhart.

Kategorien: Geschichte der Sozialwissenschaften Gesellschaftstheorie Wissenschaft

Timur Ergen

Timur Ergen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören der Wandel von Energiesystemen sowie Innovationsprozesse, die Entwicklung postindustrieller Gesellschaften und das Wettbewerbsrecht.

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