Claudia Peter | Rezension |

Ewige Spiegelung

Rezension zu „Das unersättliche Selbst. Phänomenologie des Narzissmus“ von Thomas Arnold und Thomas Fuchs

Thomas Arnold / Thomas Fuchs:
Das unersättliche Selbst. Phänomenologie des Narzissmus
Deutschland
Berlin 2026: Suhrkamp
250 S., 28 EUR
ISBN 978-3-518-58847-5

Der Mythos: Abgrund der eigenen Leere

Die Warnung des Sehers Teiresias in Ovids Metamorphosen, Narziss solle sich niemals selbst erkennen, wirkt zunächst rätselhaft. Ist Selbsterkenntnis nicht per se gut?, könnte man fragen. Doch die entscheidende Besonderheit, die Narziss betrifft, ist da noch nicht erwähnt: Der Jüngling ist unfähig, Andere zu lieben und zu begehren, er weist auch deren Liebe zurück. Nur von sich selbst ist er angetan: In der Spiegelung einer Wasserquelle entdeckt er einen schönen jungen Mann und verliebt sich unsterblich in ihn. Als er erkennt, dass er selbst das ist, beginnen seine Qualen, die ihn letztlich in den Tod führen. Denn er begehrt sich selbst, kann sich jedoch nicht berühren. Was er in der Wasseroberfläche sieht, ist ewige Spiegelung: keine echte Interaktion, kein echter Austausch, letztendlich: ohne Inhalt. Wer auf sich selbst fixiert bleibt, erreicht die Anderen nicht, genauer: Er bleibt in einem vorsozialen Stadium. Narziss am Wasser – das ist die Metapher für die Leere, in der Narziss verharrt, ihm fehlt „das wirkliche Gegenüber“ (S. 26). Und: Wo kein Gegenüber ist, wo keine echten Anderen sind, kann kein echtes Selbst gedeihen.

Narzissmuskonzepte von Freud bis Arnold/Fuchs

Die griechische Sage diente dem Sexualforscher Havelock Ellis als Namensgeber, um eine „Narziss-ähnliche Tendenz“ von übertriebener Selbstliebe und Selbstbewunderung als psychologisches Phänomen zu beschreiben, bevor Freud den Begriff mit seiner Einführung des Narzissmus 1914 bekannt machte. Über Narzissmus glauben wir alle einiges zu wissen. Gerne werden auch gewisse Typen als ‚Narzissten‘ bezeichnet, manchmal allzu schnell und mit einer gehörigen Prise Küchenpsychologie, manchmal zu Recht. Diesem allgemeinen Verständnis steht die kontinuierliche Weiterentwicklung von wissenschaftlichen Narzissmustheorien gegenüber, die ihre eigenen Gründe hat, das Konzept immer wieder zu revidieren und an die jeweiligen gesellschaftlichen Zustände anzupassen. Theoriestationen dieser Denklinie sind mit Namen wie Sigmund Freud, Otto Kernberg, Christopher Lasch, Isolde Charim und anderen verknüpft. Nun haben Thomas Fuchs, der phänomenologisch orientierte Heidelberger Psychiater, und sein Mitarbeiter Thomas Arnold einen eigenen Vorschlag vorgelegt, einen „Essay“ (S. 197), wie sie es selbst nennen, der sich zur Aufgabe macht, eine Leerstelle in den bisherigen Narzissmustheorien zu adressieren, nämlich eine phänomenologisch-existenzialphilosophische Lesart dieses Phänomens. Was arbeiten sie heraus, was bisher unberücksichtigt blieb? Und können sie mit ihrem Vorschlag etwas anbieten, das uns die Genese und Funktionalität von Narzissmus besser begreifen lässt, sowohl auf der Ebene des einzelnen Individuums, das diese Persönlichkeitsstruktur ausbildet, als auch auf der Ebene gesellschaftlicher Bedingungen, die dieses Phänomen ermöglichen und begünstigen?

Narzissmus – ein fehlgeleiteter Umgang mit der eigenen Verletzlichkeit und Kränkbarkeit

Ein Grund für die nicht nachlassende Relevanz, sich mit dieser Art von Persönlichkeitsstruktur auseinanderzusetzen, liegt darin, dass Narzissmus als ein fehlgeleiteter Umgang mit Erfahrungen der eigenen Verletzlichkeit, Kränkbarkeit, Mittelmäßigkeit und Angewiesenheit auf Andere angesehen werden kann, bei dem die grundständige Bedürftigkeit einseitig und ausschließlich als Schwäche ausgelegt wird. Statt diese Erfahrungen zuzulassen und ihnen mit sozial reifen Formen, sprich angemessenen, reflektierten Verhaltensweisen und Interaktionsmustern, zu begegnen, werden sie mit Strategien einer hohlen Selbstermächtigung beantwortet, die kompensatorisch sind und diese ‚Zumutungen‘ wie ein Bollwerk abwehren sollen.

Narzissmus hat deshalb im Kern eine intersubjektive Thematik: Es geht um das „Selbst- und Weltverhältnis“ (S. 14) narzisstischer Personen, um die Beziehungen zwischen ihnen und den Anderen. Denkt man über Narzissmus nach, muss man auch über Intersubjektivität, Sozialisierung, Beziehungsfähigkeit nachdenken und darüber, wodurch deren Entstehen misslingen kann.

Um „die narzisstische Problematik der Intersubjektivität“ (S. 36) auszuloten, nutzen Arnold und Fuchs zum einen phänomenologische Leiblichkeits-, Alteritäts- und Zeitlichkeitskonzepte, zum anderen ein existenzialphilosophisches Verständnis der „Grundbedingungen der Conditio humana“ (S. 14). Mit dieser Perspektivierung gründet Narzissmus – so ihre These – in einem Mangel an Selbstwert. Die narzisstische Subjektivität ist durch eine innere Leere charakterisiert, durch „einen Mangel an eigenem Sein, an ‚Sich-selbst-Sein‘: Selbstgefühl, Selbstwert, aber auch Selbstkongruenz, im Sinne einer Übereinstimmung mit sich selbst, man könnte auch sagen: eines Mit-sich-selbst-befreundet-Seins.“ (S. 15)

Statt in echtem gegenseitigen Austausch mit seiner Mitwelt zu sein, ist das narzisstische Selbst auf sich fixiert: auf sein ‚Spiegelbild‘, oder zeitgemäßer formuliert auf seine Außendarstellung, sein Image. Statt erfüllt zu sein, reich an Erfahrungen und sozialer Reife, ist das narzisstische Selbst mit einer „inneren Heimatlosigkeit“ (S. 47) konfrontiert, die affektiv mit unterschiedlichsten Stimmungen korrespondieren kann, mit Unruhe, aber auch mit Langeweile oder Gier. Narzisst:innen entwickeln kompensatorisch ein „exzessives Bedürfnis nach Besonderheit“, zeigen aber vor allem eine „verminderte Fähigkeit zur Empathie“ (beide: S. 73 f.). Nach Arnold und Fuchs erkennt man Narzissmus nicht so sehr an einem bestimmten Verhalten, sondern an der Motivation und Funktion dieses Verhaltens: Es geht „nicht nur um das Was, sondern [auch um] das Wie und das Wozu“ (S. 72). Eine solide Analyse narzisstischer Strukturen hat folglich dort anzusetzen.

Narzissmus und Unterwerfung

Auch wenn narzisstischen Menschen die Fähigkeit abgeht, in Tuchfühlung mit der Welt zu sein, so leben sie in ihr, müssen sich in ihr orientieren, mit ihr auseinandersetzen. Wie also wird zwischen Selbst und Welt vermittelt? Arnold und Fuchs entwerfen hierfür – auch durch die Studie von Isolde Charim (2022) inspiriert – eine triadische Struktur bestehend aus Selbst – Ideal – Welt; das Ideal(bild) bestimmt dabei das Verhältnis zwischen Selbst und Welt.

Da Narzisst:innen kein sicheres eigenes Selbst haben und nicht auf echte sedimentierte Erfahrungen zurückgreifen können, spielen übernommene Werte zur Orientierung im eigenen Leben eine große Rolle. Dabei sind es nicht die Werte an sich – Erfolg, Ruhm, Schönheit, Macht und dergleichen –, die Narzisst:innen anziehen, sondern ihre Bedeutung in der Welt. Eine narzisstische Person unterwirft sich diesen Werten, idealisiert sie und erhebt sie zum eigenen Leitstern. Reale Sozialbeziehungen werden ebenfalls durch die Brille dieser idealisierten Werte betrachtet und in ihrer Relevanz taxiert und eingeordnet, so dass jegliches Sozialleben diesen Idealen unterworfen ist und an ihnen bemessen wird.

Im Unterschied zu anderen Menschen, für die Werte selbstverständlich auch Orientierungscharakter haben, erfährt das narzisstische Idealbild keinerlei Entwicklung: Es ist weder leiblich verankert, noch wächst und verändert es sich entsprechend konkreter Lebenserfahrungen und -bedingungen, es ist und bleibt starr. Fixiert auf Werte und Ideale kann ein solches Leben nicht zugleich ein Leben sein, das die Realität wahrnimmt, an ihr interessiert ist, sich für diese engagiert und ihr verpflichtet ist.

Kein Spüren, kein Verweilen

Wenn Arnold und Fuchs durch die phänomenologische Perspektivierung herausarbeiten, dass bei Narzist:innen eine innere Leere, ein Mangel an Selbstwert vorliegt, ist damit nicht in erster Linie die mangelnde Fähigkeit zur Selbstreflexion gemeint. Vielmehr geht es den Autoren um ein Sich-selbst-Spüren, um die leiblich-affektiven Komponenten der Selbstwahrnehmung, die bei Narzisst:innen unterentwickelt sind oder gar gänzlich fehlen. Der eigene Körper wird kaum gespürt, stattdessen wie ein „Projekt“ (S. 83) betrachtet und entsprechend den präferierten Idealen funktionalisiert. Die Phänomenologie hat herausgearbeitet, dass Werte auch gespürt werden. Das aber kann der Narzisst kaum: Er nimmt Werte instrumentell wahr, sie sind ihm bloße Ressourcen zur Erfüllung der eigenen Pläne. So kommt es, dass konsumiert wird – manchmal viel und intensiv – ohne dabei echte Erfahrungen zu machen oder eine nachhaltige Bedürfnisbefriedigung zu erleben. Auch Bildungsprozesse beispielsweise sind immer schon vorgeplant, nie mit offenem Ziel entworfen; das eigene Wachsen und Werden wird auf diese Weise derart kanalisiert, dass es immer schon beschnitten ist. So zeichnet sich ein narzisstisches Leben durch affektive Labilität und Flachheit bei gleichzeitiger Starre in den (Lebens-)Zielen und Idealen aus.

Das Zeiterleben und die Orientierung in der Zeit, also Vergangenheitsbezüge, Gegenwartspräsenz, Zukunftserwartungen und Ähnliches, sind ebenfalls auf spezifische Weise verändert. Narzisst:innen bringen kaum Aufmerksamkeit und Wertschätzung für zyklische Zeitlichkeiten wie etwa Jahreszeiten, Lebensrhythmen auf. Zeit ist für sie im Wesentlichen linear: als Stufen einer Karriere, als Meilensteine eines Plans, als Lebensabschnitte und -entscheidungen einer längst geschriebenen Biografie. Auch hierin liegt wieder Starrheit. Vorzeigbare Lebensläufe werden angestrebt, Abweichungen davon nur schwer verkraftet; der Sinn für unkonventionelle oder ungeplante Lebenswege und Unvorhergesehenes fehlt dagegen.

Menschen erleben Zeit in der Regel affektiv: Man genießt etwa den arbeitsfreien Tag in voller Länge, erwartet ungeduldig und mit Herzklopfen eine Nachricht oder zählt die langen Minuten bis zum Ende einer langweiligen Lehrveranstaltung. Das narzisstische Selbst hat ein spezifisch geprägtes affektives Zeiterleben: Narzisst:innen empfinden oft Ungeduld, oder anders gesagt: Sie sind nicht im Moment, sondern immer schon vorneweg.[1] Das Verweilen in der Gegenwart oder in Erinnerungen, Muße, Melancholie oder „die befriedigende Sedimentierung realistisch eingeschätzter Erfolge“ (S. 99) gehören nicht zu ihren Stärken. Denken sie an die Zukunft, ist diese immer schon verplant, ihrer Offenheit und Überraschungspotenziale beraubt; es gibt kein Abwarten, keine Spontanität. Das hat auch Auswirkungen auf das Sozial- oder Beziehungsleben, denn Narzisst:innen mangelt es an einem „Zugriff auf vergangene positive Beziehungserfahrungen“ (S. 98), wie Arnold und Fuchs an Kernbergs Theorie anschließend formulieren. Was vergangen ist, ist vergangen und unwichtig – kluges Resümieren oder Bilanzieren als wichtige soziale Fähigkeit für ein gelingendes Zusammenleben mit Anderen gehört nicht zu den Fähigkeiten narzisstisch strukturierter Personen.

Der Persona verpflichtet um jeden Preis

Die Ausführungen der Autoren zur selektiven und einseitigen (Lebens-)Zeitwahrnehmung von Narzisst:innen haben es in sich, wenn man sich deren soziale wie gesellschaftliche Implikationen und Konsequenzen vor Augen führt. Arnold und Fuchs erläutern zwei Fälle, die in Hochstapelei und Mord endeten, weil deren Protagonist:in starr am eigenen Lebensentwurf festhielt und unfähig war, adaptiv auf Misserfolge im eigenen Leben zu reagieren. Beide Fälle lassen sich dem sogenannten erweiterten Suizid zuordnen. Arnold und Fuchs zeigen, dass dieser als narzisstischer Ausdruck gelesen werden kann, weil die Tatpersonen auch im Scheitern an ihrem Lebensentwurf festhalten, gleichzeitig ihre Angewiesenheit auf Andere leugnen, und den Anderen nicht zugestehen, ohne sie (welch Kränkung!) weiterhin ein sinnvolles Leben führen zu können, so dass Partner:in und/oder Kinder ebenfalls getötet werden.

Diese Beispiele mögen extrem sein, machen aber deutlich, was ein dem eigenen Ideal verpflichtetes und ausschließlich darauf fixiertes Leben ausmacht: Es ist ein Leben in Schein und Lüge, eine Maskerade, die um jeden Preis aufrechterhalten werden muss, statt ein Leben in offener Entwicklung zu führen, im Austausch mit Anderen und darum wissend, auf Andere angewiesen und der Welt grundsätzlich ausgesetzt zu sein. Diese Menschen entwerfen oft grandiose Lebenspläne und jagen diesem Ideal hinterher, auch wenn sich erhebliche Diskrepanzen zwischen Realität und Lebensplan auftun. Beispiele für solche Arten von Doppelleben mit idealisierter Persona und verstecktem Privatleben gibt es viele. Die Autoren selbst nennen Hitler und Trump, man kann aber auch an Politiker wie Jörg Haider oder Silvio Berlusconi, an Hochstapler:innen wie Frank Abagnale Jr., Jan Marsalek, Anna Sorokin oder Elisabeth Holmes oder an Maskulinisten wie die Tate-Brüder, die sogenannten Hustle-Bros oder den Influencer Abdelhamid denken. Welche Verheerungen narzisstisch strukturierte Personen in ihrem Beziehungsumfeld anrichten können, lässt sich erahnen.

Spiegelungen, keine Begegnungen – das Ignorieren der Andersheit des Anderen

Arnold und Fuchs eröffnen das Kapitel zur Intersubjektivität mit folgenden Sätzen:

„Der Narzissmus hätte nicht die ihm zukommende gesellschaftliche Bedeutung, wenn er nicht massive Auswirkungen auf die Intersubjektivität hätte. Er hat seinen Grund im Selbst, aber seine drastischsten Folgen in Beziehungen. Der Narzissmus zeichnet sich nämlich dadurch aus, dass er die Beziehung zu Anderen so modifiziert, dass das Andere im Grunde seine Andersheit verliert. […] Damit stellt er auch ein ethisches Problem dar.“ (S. 115; Herv. i.O.)

Was ist mit dem Verlust der Andersheit gemeint? Und warum ist das ethisch dimensioniert? Intersubjektivität ist ein Begriff mit bewegter Geschichte: zentral in der (Sozial-)Philosophie und unentbehrlich für die Bezugsdisziplinen. Das Intersubjektivitätsverständnis von Arnold und Fuchs ist phänomenologisch, genauer: alteritätstheoretisch grundiert. Ohne weiteres Theoriewissen diesbezüglich vorauszusetzen, gelingt es ihnen, den abstrakten Zusammenhang zwischen Narzissmus – Intersubjektivität – Andersheit sehr anschaulich zu erläutern.

Wie also steht das narzisstische Selbst zu Anderen? Narzisst:innen unterwerfen sich ihrem Ideal. Die Beurteilung der Anderen machen sie ebenfalls davon abhängig, wie diese zum Ideal stehen: Entsprechen sie ihm nicht, werden sie übersehen; entsprechen sie ihm, sind sie für das narzisstische Selbst interessant: jedoch nicht um ihrer selbst willen, sondern lediglich in der Funktion, die sie für das narzisstische Selbst haben. Der Andere wird als Spiegel benutzt, um das prekäre, narzisstische Selbstbild zu bestätigen oder zu stabilisieren. Anerkennung der Andersheit von Anderen hieße auch, die eigene Angewiesenheit auf Andere zu akzeptieren (etwa weil diese etwas können, was man selbst nicht kann). Narzisstische Personen ersetzen dies, indem sie nicht auf Andere, aber auf das Sich-Spiegeln in ihnen angewiesen sind. Narzisst:innen sind häufig sehr kommunikative, ja sogar charmante Menschen, nicht selten verfügen sie über ein üppiges Beziehungsnetz. Ihnen jedoch geht es um die Funktion der vielen Bekanntschaften, Partys, Smalltalks, Treffen, Meetings, um das eigene Ideal zu erfüllen, um sich zu spiegeln, um die Anderen für eigene Zwecke zu nutzen.

Wichtig ist hier die Unterscheidung zwischen Spiegelung und Begegnung. Spiegelung meint, den Austausch mit Anderen zu nutzen, um das prekäre – weil leere – Selbst zu bestätigen. Jemand, der sich kaum leiblich spürt, braucht die Spiegelung im Außen. Er instrumentalisiert die Anderen, um sich aufzuwerten und Bestätigung zu finden. Echte Begegnungen dagegen sind getragen von einer Neugier auf Andere, gerade weil sie anders sind als man selbst. Ganz von sich absehend, ist man beim Anderen, bestaunt das Anders-sein-als-man-selbst, fühlt sich angeregt, irritiert und bereichert. Durch Andere über den eigenen Tellerrand zu schauen, sich in Frage stellen zu lassen, deutet schon auf die ethische Struktur von Begegnungen hin. Denn solche Begegnungen sind Keime, in denen Sozialität gestiftet, eventuell Gemeinschaft geschaffen werden kann – von ihnen her adressiert, sich selbst dabei dezentrierend, entsteht etwas Neues. Zu solchen Begegnungen mit Anderen sind Narzisst:innen nicht fähig, weil sie sich nicht dezentrieren, also nicht von sich selbst absehen können. Sie verharren stattdessen oft in einer „Kontra-Dependenz, […] einer allergischen Vermeidung von Abhängigkeit“ (S. 127). Statt sich zu begegnen, werden die Anderen eher manipuliert, sie werden überhöht oder abgewertet, als bloßes Publikum genutzt oder durch Technologien nur noch simuliert.

Narzisst:innen sind in der gegenwärtigen Gesellschaft nicht gerade selten, entsprechend häufig treffen sie auch aufeinander. Arnold und Fuchs widmen sich im Kapitel zur Intersubjektivität (S. 115–139) auch „narzisstischen Partnerschaften“ (S. 117), die eine Konstellation gegenseitiger Funktionalisierung hervorbringen, die sich durch „vorbeugende Verdinglichung“, „Rivalität“ (S. 117) und „Unfähigkeit zur Normalität“ (S. 118) auszeichnet.

Man kann diesen Gedanken weiterführen, über derartige Partnerschaften hinaus, für die so manche ‚Liebesbeziehung‘ von Stars oder Celebrities ein Beispiel ist, und nach weiteren Formen von Passungen suchen, in denen sich narzisstisch strukturierte Subjekte oder Kollektive zusammenfinden. Denkt man an die akademische Welt, fühlt man sich an manches Verhältnis zwischen Schüler:innen und Lehrer:innen erinnert, in denen die jüngere Person die ältere verehrte, deren Verhaltensweisen nachahmte und Gedankengänge kopierte, anstatt eigene (Geistes-)Wege zu gehen – und zumeist dafür belohnt wurde.

Denkt man an „narzisstische Kollektive“ (S. 177), fallen einem derzeit vor allem Parteien und ihr Wahlvolk ein. Andreas Püttmann hat das an der AfD und ihrer Wählerschaft durchdekliniert.[2] Man könnte diese von Arnold und Fuchs inspirierte Analyse erweitern und fragen, mit welchen Idealen, mit welchen Zeitlichkeitsvorstellungen die jeweiligen Parteien agieren beziehungsweise welche Zeitdimensionen in Parteiprogrammen hervorgehoben werden. Für die AfD lässt sich erkennen, dass sie sich wenig mit der Gegenwart befasst: Statt sich auf aktuelle Probleme einzulassen, weicht sie diesen aus und flüchtet sich in Bilder einer Zukunft, die ihren und den Idealen ihrer Anhängerschaft entspricht – ein verlockendes Angebot für narzisstische Wähler:innen. Aber auch andere Parteien halten Ideale hoch, die nicht immer mit der Zeit gehen: Abtreibungsverbote, keine Unterstützung der Ukraine, eine eigenartige Russlandverklärung, „hocheffiziente Verbrenner“, es lassen sich weitere Beispiele finden. Wenn das Festhalten am starren Ideal wichtiger ist als die gegenwärtige Realität, kann von narzisstischen Strukturen ausgegangen werden, und zwar auf beiden Seiten, Partei wie Wählerschaft. Wenn man die sich schnell verändernden Realbedingungen nicht einigermaßen in einer adäquaten Geschwindigkeit zu registrieren bereit und fähig ist, droht zum einen Realitätsverlust, zum anderen zeigt sich darin auch eine Art Pendant zur Verleugnung der Andersheit der Anderen. Wie das narzisstische Selbst mehr auf sich als auf Andere ausgerichtet ist, sind narzisstische Kollektive mehr ihrem Ideal als der Welt verpflichtet. Von sich selbst absehen können, sich für die Anderen, für die Welt zu interessieren, in der so viel nicht in Ordnung ist, – darin liegt das ethische Moment und der Beweis dafür, ob die Fähigkeit zur Intersubjektivität, die die Andersheit mitdenkt, vorhanden ist.

Der Kapitalismus als guter Nährboden für Narzissmen

Arnold und Fuchs zählen eine Fülle an Beispielen leerlaufender Selbstbespiegelung und Selbstgefangenheit auf – die „Virtualität des Finanzkapitalismus“, die „Spiegelspiele der Sozialen Medien“, „die Filterblasen und Echokammern des Internets“ (alle: S. 18) –, die sie zu dem Schluss führen, „in gewissem Sinne können auch eine Gesellschaft, eine Wirtschaftsform oder ein Medium narzisstisch sein“ (S. 15). „Die gegenwärtige Kultur“ (S. 151) beziehungsweise der Kapitalismus biete einen guten Nährboden für die Ausbildung narzisstischer Strukturen; Narzissmus sei „ein dominanter Persönlichkeitsstil der Spätmoderne“ (S. 151).

Die letzten Kapitel ihres Essays sind deshalb jenen Dimensionen gewidmet, die als begünstigende Kontexte der Genese individueller Narzissmen angesehen werden können. So beschäftigen sich die Autoren mit dem Geschlecht – derzeit werden deutlich mehr Männer als Frauen mit narzisstischer Persönlichkeitsstruktur diagnostiziert, auch wenn der Typus ‚vulnerable Narzisstin‘ besonders Frauen betrifft –, mit der nie sättigenden Konsumweise, mit Singularisierung, neuen Technologien und virtuellen Welten sowie extremistischen Tendenzen, seien sie religiös, politisch oder maskulinistisch motiviert. Diese Ausführungen sind anregend, stellen aber eher Probebohrungen dar, denen akribische Phänomenanalysen folgen müssten. Die Autoren liefern jedoch mit ihrem phänomenologisch-existenzialen Ansatz schon erste wertvolle Stichworte und Ansatzpunkte.

Narzisstische Kooperation als Pseudo-Gemeinschaft

Abschließend soll der Zusammenhang zwischen Narzissmus und Extremismus, den Arnold und Fuchs für religiös, politisch oder maskulinistisch motivierte extremistische Gruppierungen diskutieren, noch genauer beleuchtet werden. 

„Manche Züge dessen, was mitunter als ‚toxische Männlichkeit‘ diskutiert wird, fallen geradezu mit typisch narzisstischen Verhaltensmustern zusammen und können sich jedenfalls in narzisstischen Strategien manifestieren: der Fokus auf Dominanz und Wettbewerb, asymmetrische oder rein sexuelle Verhältnisse zu Frauen sowie die Unterdrückung aller Gefühle, die irgendwie mit Schwäche assoziiert sein könnten“ (S. 149).

Auffällig ist, dass alle heutigen extremistischen Gruppen sich in virtuellen Gemeinschaften organisieren. Sie nutzen das Internet, kommunizieren in eigenen Foren und Plattformen. Auch scheinbar einzeln agierende Amokläufer referieren auf Vorbilder, haben ihre Vorhaben vorab oder per Livestream veröffentlicht und ordnen sich einer Bewegung zu.[3] Beispielsweise hat der IS über Videos kommuniziert, Breivik mit seinen Manifesten Gleichgesinnte adressiert, verabredeten sich auf coco.gg an Vergewaltigung interessierte Männer (siehe der Fall Pelicot) und tauschten sich auf motherless.com Männer darüber aus, wie sie Frauen sedieren können, um sie zu vergewaltigen. Arnold und Fuchs bezeichnen solche Gruppen als Pseudo-Gemeinschaften, die in narzisstische Kooperation treten – Pseudo-, weil die Intersubjektivität innerhalb der Gruppe nur in entfremdeter Form existiert.

Die Motivation, sich solch einer Gruppe anzuschließen, speist sich aus drei Quellen. Erstens ist die Gruppenzugehörigkeit exklusiv und wertet Andere ab, was die narzisstischen Bedürfnisse nach Selbstüberhöhung und Auserwähltheit befriedigt. Zweitens erfährt der Einzelne auch durch die Exklusivität der Gruppe und die Abgrenzung vom Mainstream (von den gemäßigten Gläubigen, den ‚Losern‘, den ‚Schlafschafen‘ usw.) eine Selbstwertsteigerung. Ist das eigentliche Leben womöglich trist, lässt es sich in der Welt einer besonderen Gruppe interessanter gestalten. Drittens gibt es in diesen Gruppen auch Führerrollen und -figuren, so dass man sich hervortun und Anerkennung erfahren kann – eine attraktive Währung für Narzisst:innen. Die Loyalität zu diesen Gruppen ist meist größer als zu Sozialbeziehungen in der realen Welt, den Deutungsimperativen der Gruppe traut man mehr: je stärker der Gruppendruck, je mehr Abgrenzung oder Ablehnung der Außenwelt, desto mehr nehmen Extremität und Gewaltbereitschaft dieser Gruppen und die Polarisierung zu. So bereiten diese Gruppen auch einen emotionalen Nährboden für Gewaltaffekte wie Ressentiment, Wut, Hass und Rache.

Der Suchgang von Arnold und Fuchs durch derart motivierte Gruppen endet bei spirituellen Vereinigungen. Die Autoren widmen sich sowohl neuen spirituellen Gruppen, die etwa Achtsamkeit huldigen, als auch alten religiösen Gruppen wie den Klerus, bei denen die narzisstische Annahme eigener Selbsterwähltheit der gepredigten Demut entgegensteht.

Narzissmus als dominanter Persönlichkeitsstil der Spätmoderne

Das Plädoyer, das Arnold und Fuchs formulieren, lässt sich wie folgt zusammenfassen: Jede Gesellschaftsform bringt ihre eigenen Typen von Subjektivität hervor. Diese praktizieren entsprechende soziale Beziehungsformen und präferieren bestimmte Erlebens- und Erfahrungsweisen. Je oberflächlicher oder simulierter der Austausch mit Anderen ist, desto flacher ist die Sozialisierung, desto fragmentierter droht eine Gesellschaft zu werden, desto mehr können Pseudo-Gemeinschaften echte Gemeinschaften be- und verdrängen. Narzissmus aber kann den Autoren zufolge nur „in der Zweideutigkeit des Erlebens zwischen Realität und Imagination, zwischen Abwesenheit und Anwesenheit, […] zwischen Sein und Schein, Wahrheit und Lüge, Nachricht und Fake“ (S. 185) gedeihen.

In einer Gesellschaftsform mit solchen Sphären, in denen ethische Indifferenz droht, ist der narzisstische Persönlichkeitstyp dominant – diese Erkenntnis ist die wohl wichtigste des Essays. Sie hat es in sich, gerade weil sie von den Autoren als Ellipse formuliert wurde. Arnold und Fuchs überlassen es damit ihren Leser:innen, eigene Schlüsse aus dieser Ellipse zu ziehen.

  1. Dazu passt eine Beobachtung, die Victor Klemperer gemacht hat, als er die Sprache des Nationalsozialismus – die LTI – genauer untersucht hat. Er stellt für den Zeitpunkt, als die Siege auszubleiben beginnen, etwa ab Ende 1941, fest, dass die Reden Hitlers nicht mehr das Präsens formulieren, sondern ins Futur wechseln: „Es wimmelt von Superlativen des Triumphes – aber ein Präsens hat sich in ein Futurum verwandelt“ (Victor Klemperer: LTI. Notizbuch eines Philologen, Leipzig 1996, S. 238).
  2. Andreas Püttmann, Rechtspopulismus. Eine Bewegung von Narzissten, in: Blätter für deutsche und internationale Politik (2026), 6, S. 49–54.
  3. Vergleiche die Arte-Doku World-White-Hate (3 Teile) von Dirk Laabs: https://www.bpb.de/mediathek/suche-mediathek/?global=false&term=World%20white%20hate&local-themen-main=all&local-format-mediathek=all&local-year=all

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Affekte / Emotionen Gesellschaft Kapitalismus / Postkapitalismus Moderne / Postmoderne Psychologie / Psychoanalyse

Claudia Peter

Prof. Dr. Claudia Peter ist Soziologin und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Forschung.

Gegenwärtig forscht sie zu Spiking, einem Deliktverhalten, bei dem Personen ohne deren Wissen oder Einwilligung psychotrope Substanzen verabreicht werden. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Affektforschung, Gewalt- und Vulnerabilitätsforschung und die methodische Entwicklung einer sensitiven Sozialforschung im Modus der Zeugenschaft.

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