Demian-Noah Niehaus | Rezension |

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Rezension zu „Religion in the Market Era. The Rise of Market Islam, the Revenge of Confucius, and other Stories from a Global Age“ von François Gauthier

Abbildung Buchcover Religion in the Market Era von Gauthier

François Gauthier:
Religion in the Market Era. The Rise of Market Islam, the Revenge of Confucius, and Other Stories From a Global Age
Großbritannien
London 2025: Routledge
352 S., 175,00 EUR
ISBN 978-0-367-68221-7

Religion verändert sich im globalen Kapitalismus radikal – und umgekehrt ist Religion ein zentrales Medium für dessen kometenhaften Aufstieg.[1] Dies ist, in a nutshell, François Gauthiers Befund in seinem neuen Buch, dem zweiten Band eines dreibändigen Projekts, das nichts weniger als ein neues religionssoziologisches Paradigma begründen soll.[2] Im ersten Band arbeitet Gauthier die theoretischen Fundamente des Projekts aus, in Abgrenzung zu den grands récits der Subdisziplin – Säkularisierungstheorie, Rational-Choice-Theorie (RCT) sowie postmodernen Ansätzen –, die den Wandel von einer kollektiven hin zu einer „personalised and unchurched religion“ (S. 322) Gauthier zufolge nicht adäquat erfassen könnten. Die erste Säule von Gauthiers Paradigma ist ein an Durkheim angelehntes Drei-Ebenen-Modell der Religion: auf der Mikro-Ebene individuelle Religiosität, auf der Meso-Ebene Religion stricto sensu (Kirchen, Gemeinden etc.), auf der Makro-Ebene das Religiöse, das, „tied to social functions of foundation, legitimation, naturalisation, totalisation, integration, production, and reproduction of social structures, imaginaries, and identities“, gleichsam als ‚Grammatik‘ der zwei anderen Ebenen fungiere (S. 14). Die zweite Säule ist eine Periodisierung zweier idealtypischer Regime, also sozialer Seinsweisen der Moderne: des nationalstaatlichen sowie des globalmarktlichen Regimes. In der Ära des Nationalstaats entwickelt sich dieser Gauthier zufolge zum transzendentalen Ordnungsprinzip und Garanten von Ratio und Fortschrittsglaube. Die zuvor in jedem Lebens- und Gesellschaftsbereich verstreuten religiösen Praktiken und Dispositive finden nun in der Sozialsphäre „Religion“ statt und sind damit in die vertikale Machtapparatur des Nationalstaats eingelassen, der selbst eine religiöse Dimension annimmt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setze sich – aufgrund der globalen Verbreitung neoliberaler Ordnungsprinzipien und eines expressiv-individualistischen Ethos des Konsums – das globalmarktliche Regime durch. Dessen Modus operandi sei „horizontal, democratised, pragmatic, experiential, anti/non-institutional, personalised, de-territorialised, and transnational“.[3] Religion werde, so Gauthier weiter, dabei radikal umgestaltet: „The Global-Market regime […] favours cosmological rather than transcendent-vertical religiosities, forcing the latter to immanentise […].“ (S. 329) Gauthiers wissenssoziologischer Coup besteht darin, die bisher dominanten religionssoziologischen Paradigmen jeweils einer historischen Periode zuzuordnen: die Säkularisierungstheorie dem nationalstaatlichen, RCT sowie postmoderne Ansätze dem globalmarktlichen Regime. Die Theorien setzten die Charakteristika der Religion in ihrer jeweiligen Ära fatalerweise absolut, so seine Kritik im ersten Band.

Nun ist der zweite Band erschienen, in dem sich Gauthier eine „global, macro-level history of how religion has changed in the past four decades“ (Titelei) vorgenommen hat. Dazu entwickelt er vergleichende Fallstudien zum globalen Islam, der Orthodoxie und China, die auf einem umfangreichen Quellenapparat mit Fokus auf ethnografische Studien fußen. Er beginnt mit dem „Rise of Market Islam“. Mit der Gründung der Nationalstaaten sei der Islam so zugerichtet worden, dass er rationalistischen Idealen entspreche: ein von ‚Aberglaube‘ und Ritual ‚gereinigter‘, stärker aufs Privatleben beschränkter, „modernity-compatible, enlightened, rational faith“ (S. 59). Dies habe den Islam politisiert, besonders in „regions and social classes that were left at the periphery of the modernisation project“ (S. 60). Im nächsten Schritt untersucht Gauthier den Einzug des Neoliberalismus am Beispiel von Turgut Özals Türkei (1983–1993). Saß bis dato eine säkulare urbane Elite an den Schalthebeln der Macht, so bestand die Klientel der Neoliberalisierung aus Provinzeliten sowie der unteren Mittelschicht, die eine „increased visibility for Islam and economic liberalisation“ (S. 65) verkörperten. Hinzu kam die Deregulierung der Medien: Das neue Privatfernsehen sendete TV-Prediger, die erfolgreich eine individualisierte, auf Alltag und Ethik fokussierte, sozialkonservative Religiosität verbreiteten. Auch anhand der Themen Kopftuch und Mode macht Gauthier fest, dass Religion Teil individueller (Konsum-)Entscheidungen wird. Die transnational verankerte Gülen-Bewegung, Gauthiers nächstes Beispiel, verbinde internationale (Finanz-)Wirtschaft mit Religion und repräsentiere „an entrepreneurial brand of ‚applied Sufism‘ that is conducive of a ‚market rationality‘ and promotes successful living in the here and now“ (S. 70). Auch der Dschihadismus stehe für eine ultraindividualistische Form von Religion, die an der Errichtung eines Staatswesens gar nicht interessiert sei, sondern für ihre Konvertit*innen als letzte Hoffnung in deren schwierigen Biografien diene. Schließlich analysiert Gauthier im Detail das Begriffspaar halal und haram. In einer von Konsumentscheidungen strukturierten Lebenswelt habe es sich in theologisch innovativer Weise zum Generalschlüssel erlaubt/verboten gewandelt.

Im Orthodoxie-Kapitel arbeitet Gauthier die Rolle der Religion bei den Staatengründungen in Osteuropa heraus. Die Orthodoxie sei hierbei zentral gewesen, indem sie protonationale Ableger gründete, aus denen die modernen Nationalstaaten entstanden seien. In der kommunistischen Ära sieht Gauthier eine Fortsetzung des nationalstaatlichen Regimes: „Orthodoxy was either politicised […], i.e., made to serve the communist […] regime, or de-politicised. Orthodoxy was subordinated to the political religion constructed by these regimes.“ (S. 157) Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde der Umbau von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft hin zum neoliberalen Kapitalismus vorangetrieben. Im Zuge der Vermarktlichung, ein Prozess, der bis heute andauert, wandelt sich die Orthodoxie, wird erfahrungs- und emotionslastiger; auch halten New-Age-Religion sowie Selbsthilfe- und Coaching-Diskurse Einzug – für westliche Leser*innen vertrautes Terrain. Spannend sind die Analysen zu osteuropäischen Sinti*zze und Rom*nja, die seit 1990 in beachtlicher Zahl zum evangelikalen Christentum übergetreten sind. Dessen Sozialform überschreibe traditionelle, auf Verwandtschaftsbeziehungen basierende Strukturen und biete ihnen eine Form von individuellem „empowerment“ (S. 184). Auch halte mit dem Evangelikalismus ein stärker auf die Zukunft ausgerichteter unternehmerischer Habitus Einzug.

In den China-Kapiteln zeigt Gauthier zunächst, wie radikale Reformer das Land in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Nationalstaat umbauten, wobei sie alle Ideale der westlichen Hochmoderne importierten. Die traditionelle chinesische Religion erschien ihnen als rückständig, weshalb sie sie anhand der neu geschaffenen, westlich inspirierten Kategorien Religion (zongjiao), säkular (shisu) und Aberglaube (mixin) neu ordneten und umgestalteten: „Lived religion had to become exclusive and belief-based; it needed to foster certain identifiable types of morality and modes of conduct. Religion was interiorised and individualised to a new extent.“ (S. 217) Im Kommunismus (seit 1949) wurde zongjiao verboten, alle Tempel geschlossen, der ‚Große Führer‘ Mao zugleich als gottgleich verehrt. Die alten Religionen wurden damit durch eine politische Religion ersetzt, die eine Heilslehre und mit ihren politischen Massenveranstaltungen einen Ersatz für die „hot and noisy sociality“ (S. 282) des Dorftempels – seit Urzeiten ein Zentrum des Soziallebens – bot. Gauthier liest den Mao-Kult mit seiner extremen Sakralisierung des Staates dabei als Fortsetzung des vertikal angelegten nationalstaatlichen Regimes.

Ab 1978 transformierte Deng Xiaoping Staat und Gesellschaft grundlegend: Die Wirtschaft wurde in Teilen kapitalistisch, von den Menschen wurde Eigeninitiative gefordert, der Staat galt immer weniger als Versorger. China entwickelte sich zu einer Konsumgesellschaft, in der das Ethos der Authentizität Einzug hielt. Im Übergang ins globalmarktliche Regime veränderte sich die Vorstellung von Religion erneut. Qi Gong etwa war zunächst eine invented tradition: Ehemals religiöse Praktiken wurden unter Mao ‚von Aberglauben gereinigt‘, um reine Körperübungen zu erhalten, die den Namen Qi Gong erhielten und der Gesundheitsförderung dienen sollten. Ab den 1970er-Jahren scharten private Lehrende in städtischen Parks Übende um sich, gaben Bücher und Videokassetten heraus und brachten es teils zu erheblichem Reichtum und Ruhm. Hintergrund war der erschwerte Zugang zum Gesundheitssystem – Qi Gong zu üben, war günstiger als ein Arztbesuch im neoliberalen China. Der Staat schritt erst gegen das „qigong fever“ (S. 272) ein, als einflussreiche Lehrende begannen, apokalyptische religiöse Lehren zu predigen – das bekannteste Beispiel ist Falun Gong.

Schließlich diskutiert Gauthier den „rise of nationalist populist movements and authoritarianism“ (S. 325). Er nimmt dabei den möglichen Einwand gegen seine Periodisierung vorweg, dass das globalmarktliche Regime in Zeiten von Nationalismus und Autoritarismus auf sein Ende zugehe. Für Gauthier handelt es sich bei der Ausbreitung dieser Phänomene gerade um „one of [the] main effects and features“ (ebd.) des Neoliberalismus, wie er bereits im ersten Band klarstellt:

„Critical of political and cultural liberalism, they are much less critical of economic liberalism and free-market reforms. Rather than signal a dépassement of the neoliberal age, the rise of populisms, which are often championed by successful entrepreneurs from the business world or former television and movie stars, is better understood as the very consequence of the shift from the National-Statist to a Global-Market regime.“[4]

Dabei spiele Religion eine zentrale Rolle: „Neo-fundamentalist movements (including religious radicalism) and populist-nationalist movements are two faces of the same coin, and build on each other’s momentum.“[5] Gauthier schließt mit einem Ausblick auf den dritten Band des Projekts, in dem es um Weltregionen gehen soll, die einen schwächeren, weniger allgegenwärtigen Nationalstaat erlebt haben – etwa Afrika südlich der Sahara oder Papua-Neuguinea –, sowie mit einem theoretischen Fazit:

„[R]eligion has been a major factor in how these countries have adopted capitalism while contesting Western morality and hegemony. Contesting Western-style modernity, conservative reactions have paradoxically acted to indigenise and acculturate the structure of the Global-Market regime, namely expressive individualism, utilitarianism, entrepreneurialism, and the search for authenticity.“ (S. 323)

Ist das Projekt des Bandes, die Anwendung des globalmarktlichen Paradigmas auf die drei Weltregionen – islamische Welt, Osteuropa und China – insgesamt als erkenntnisreich zu bewerten? Ja, denn in jeder der drei Fallstudien kann Gauthier überzeugend aufzeigen, dass sich das jeweilige religiöse Feld mit dem Eintritt zunächst in das nationalstaatliche, dann in das globalmarktliche Regime grundlegend verändert hat.

Rückfragen an Gauthiers Projekt betreffen zunächst die theoretische Ebene, genauer das Drei-Ebenen-Modell der Religion aus dem ersten Band: Ist es je nach Regime der Staat beziehungsweise der Markt allein, der ‚das Religiöse‘ als transzendentales Ordnungs- und Legitimationsprinzip ausmacht? Oder verbindet sich Staat/Markt je nach Situation mit einer politischen Religion, die, wie der Mao-Kult, traditionelle Religion bekämpft oder gar ersetzt, einer Zivilreligion, die das politische System stützt, etwa das generalisierte Christentum der USA, oder einer traditionellen Religion? Hier wäre mehr Klarheit in der Theoriearchitektur wünschenswert.

Eine weitere Frage betrifft Gauthiers Beschreibung der für die Gegenwart charakteristischen Religion als „personalised and unchurched“ (S. 322). Dabei ist, so mein Einwand, der Aspekt der ‚Gemeinschaft‘ ein ganz zentraler Faktor in großen religiösen Bewegungen wie dem globalen Evangelikalismus. Es gibt einen zweiten, für das Global Market regime durchaus typischen Trend: die Bildung religiöser „Neo-Gemeinschaften“ (Andreas Reckwitz), die der wegen Individualisierung und Neoliberalisierung zunehmenden Einsamkeit entgegenwirken sollen.[6]

Schließlich fehlt Gauthiers Projekt ein stärkerer Fokus auf Sozialstruktur, Klasse und ökonomische Ungleichheiten. Bereits im theoretischen Teil nimmt der Autor die dem Neoliberalismus inhärente Ungleichheit in der Verteilung von Wohlstand – extremer Reichtum am oberen, Prekarisierung am unteren Ende der Sozialstruktur – nur marginal zur Kenntnis. Mit Ausnahme weniger, dafür sehr erhellender Momente – etwa der Analyse der evangelikalen Sinti*zze und Rom*nja – drehen sich die Fallstudien meist um die Religion der Mittelklassen. Zur chinesischen Industriemetropole Shenzhen heißt es etwa lapidar: „Migrant workers are too busy surviving and working to engage in such introspection.“ (S. 292) Dabei wäre es für das Verständnis des globalen Kapitalismus doch von zentraler Bedeutung, zu verstehen, wie sich dieser über das Medium Religion bei den Marginalisierten und Prekarisierten legitimiert – und welche Lücken und Brüche dabei möglicherweise entstehen.

Im Gesamteindruck liegt hier ein akribisch recherchiertes und sorgfältig argumentierendes Werk vor. Gauthier überschreitet die oft allzu engen Grenzen seiner Subdisziplin produktiv. Religion in the Market Era bietet in seinen besten Momenten einen religionssoziologisch geschulten Blick auf die Gegenwart, der zentrale Aspekte des globalen Kapitalismus auf überraschende Weise erhellt. Damit ist der Band nicht nur für Spezialist*innen eine lohnenswerte Lektüre, sondern auch für alle, die sich für die jeweiligen Regionen sowie für globalen Kapitalismus und Neoliberalismus interessieren. Es bleibt zu hoffen, dass das Buch in der religionssoziologischen Debatte nachhaltig Akzente setzen und zu produktiven Diskussionen führen wird.

  1. Zum Titel: Angehörige des in den 1980er-Jahren von Evangelikalen missionierten Volks der Baruya baten den Anthropologen Maurice Godelier, ihre Namen in biblische Namen zu übersetzen. „This had the consequence of cutting these people from their lineages and history, which was contained in their names. Asked why they wished to do such a thing, the answer that came was: ‚To be modern.‘ ‚And what does it mean to be modern?‘ the anthropologist asked. ‚To be modern, a young man answered, is simple. Behainim Djisa, makim bisnis: Follow Jesus, do business.‘“ (S. 327 f.)
  2. Vgl. den ersten Band: François Gauthier, Religion, Modernity, Globalisation. Nation-State to Market, Abingdon 2020.
  3. Ebd., S. 10.
  4. Ebd., S. 9.
  5. Ebd., S. 8.
  6. Vgl. Anton Jäger, Hyperpolitik. Extreme Politisierung ohne politische Folgen, Berlin 2023.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Henriette Liebhart.

Kategorien: Globalisierung / Weltgesellschaft Gruppen / Organisationen / Netzwerke Kapitalismus / Postkapitalismus Religion

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Demian-Noah Niehaus

Demian-Noah Niehaus ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der TU Darmstadt und promoviert zum Evangelikalismus in Deutschland. Weitere Forschungsinteressen sind Kritische Theorie, sozialwissenschaftliche Depressionsforschung und Soziologie der Nachhaltigkeit.

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