Paul Buckermann | Essay |

Guilty Pleasures als Geltungskonsum?

Kulturelle Omnivore, Snobismus und das Faible für authentischen Trash

[1] Guilty Pleasures benötigen keine genaue Bestimmung, um Gesprächen und Kolumnen auf die Sprünge zu helfen und eine Diskussion über Geschmack, Scham und Lust in Gang zu halten. Die vermeintlich schambesetzten, aber eigentlich recht harmlosen Praxen bieten sich zur Einleitung von Offenbarungs- oder Ablehnungsnarrativen an, denn „[w]e know them when we see them”[2]: vorhersehbare RomComs und seichte Feel-Good-Movies, unappetitlicher Promi-Tratsch, demütigendes Reality-TV, kitschige Kink-Romane, exzessive Gore- und Horrorfilme, ungesundes Fast Food und verantwortungslose Billigflüge und Fast Fashion. „Trash“, „Schund“, „Junk“ oder „Schrott“ sind naheliegende Begriffe, um diese ganz unterschiedlichen Kulturerzeugnisse, Gebrauchsgegenstände und Praxen zu disqualifizieren. Nichtsdestotrotz wird oft und gern (halb-)öffentlich zugegeben, dass hier ein Lustgewinn zu verbuchen ist.

Um zu verstehen, wie diese Inszenierung von angeblichen Geschmacksverirrungen und ostentativen Eingeständnissen funktioniert und was sie bewirkt, bietet sich eine kultursoziologische These an: Nur Snobs haben Guilty Pleasures. Das Sprechen über Schuldgefühle, die der lustvolle Konsum von lowbrow und trash auslöst, ist unschwer als Akt der Distinktion zu erkennen. Denn die Schuldgefühle wegen des Genusses eines Wodka-Red Bulls beim Schunkeln zu Ballermann-Hits von Mia Julia oder Lorenz Büffel sind nur möglich, weil das sprechende Subjekt eigentlich auf einem anderen, angemesseneren und prestigeträchtigeren Terrain zu Hause ist: in der Hochkultur und der Welt des feinen Geschmacks. Auch im Fall von Guilty Pleasures gilt: „Geschmack klassifiziert – und nicht zuletzt den, der die Klassifikation vornimmt“,[3] wobei die Unterscheidungen der Klassifizierenden verschwimmen, wenn massenkulturelle Güter als Müll diskreditiert werden, ihr Konsum mit Scham und Schuld belegt, der statusunangemessene Genuss an ihnen aber zugleich gern zugegeben wird. Nur der Snob, der ein hohes kulturelles Niveau anstrebt oder verteidigt, indem er distinguierte Kunst demonstrativ bevorzugt und auf das als minderwertig Klassifizierte herabblickt, kann also Guilty Pleasures haben. Die Masse der Massenkultur dürfte sich hingegen nicht allzu schuldig fühlen, wenn sie den „Schrott“ genießt, der auf ihren vulgären Geschmack zugeschnitten sein soll.

Während Snobismus in einer Welt, die sich formell Inklusion, Toleranz und Respekt verpflichtet hat, wiederum selbst ein Guilty Pleasure sein kann,[4] verfolgt der vorliegende Text die snobistischen Aspekte der inszenierten Scham bei lustvollem Konsum von sogenanntem Schund. Dabei beschränke ich mich auf den Typ des öffentlich inszenierten Guilty Pleasure, den ich als eine verdrehte Form des demonstrativen Geltungskonsums in Zeiten kultureller Omnivorizität fasse. Schließlich beleuchte ich das Verlangen des Snobs nach authentischem Trash als strategische Option, um Statusunsicherheit zu begegnen und einer Verunglimpfung von instrumentellem Geltungskonsum entgegenzuwirken.

Die Diskussion um eine mögliche Re-Snobisierung eklektischen Konsums dreht sich jedoch nicht nur um die von Virginia Woolf aufgeworfene Frage „Am I a snob?“. [5] Im Gegenteil geht es mir dezidiert darum, soziologische Einsichten in die Rolle von Distinktion bei der Verfestigung und Legitimierung kultureller und materieller Ungleichheitsstrukturen zu problematisieren. Denn, wie Theodor W. Adorno es ausdrückte: „Noch der subtilste Snobismus hat nichts vom dégoût gegen seine objektive Voraussetzung, sondern dichtet gerade gegen deren Erkenntnis sich ab.”[6]

Geltungskonsum

Im Hinblick auf die tradierte soziologische Verknüpfung von sozialem Status, kulturellem Kapital und Bildungskapital, der Legitimität von Geschmack, dem Wert künstlerischer Kategorien sowie Macht fallen Guilty Pleasures nicht unter die soziologisch etablierten Distinktionsformen durch guten Geschmack für gute Dinge. Auf paradoxe Weise stellen Guilty Pleasures jedoch trotzdem das dar, was Thorstein Veblen[7] als „Geltungskonsum“ (conspicuous consumption) bezeichnet hat: eine bestimmte Art des Konsums von bestimmten Gütern, der als „means of reputability”[8] primär darauf abzielt, jenen Überfluss an Ressourcen und Kompetenzen zu demonstrieren, der über die Sicherung des nackten Lebens hinausgeht. Der Konsum von Guilty Pleasures zeigt hier deutliche Unterschiede zum klassischen demonstrativen Konsum. Während Veblen diesen auf wertvolle und exklusive Güter beschränkte,[9] beziehen sich die heutigen Guilty Pleasures auf das genaue Gegenteil: erschwingliche und leicht zugängliche Massenware, industriell produzierter Kitsch und vulgäre Unterhaltungsprodukte. Wie ist es also möglich, dass Freude an Temptation Island, It Follows oder den Backstreet Boys als Signal für hohen sozialen Status dienen kann?

Kulturelle Allesfresser

Laut älteren soziologischen Erkenntnissen handelt es sich bei Konsument*innen mit hohem Status um „univore“ Snobs, die anerkannte Hochkultur bevorzugen. In den 1990er-Jahren stellte die Kultursoziologie jedoch fest, dass Individuen mit hohem kulturellem Status Präferenzen hegen, die sowohl vertikale Klassifizierungen (high, mid, low) als auch horizontale Unterscheidungen zwischen Kunstgattungen und Genres unterlaufen. Dieses eklektische Profil kultureller Wertschätzung wird als „cultural omnivore”[10] beschrieben.

Daran anschließend könnten Guilty Pleasures eine Möglichkeit sein, eine immense Bandbreite kultureller Interessen zu demonstrieren, wenn neben Dokumentarfilmen in Leipzig eben auch Das Sommerhaus der Stars Freude bereitet. Doch wenn sich kulturelle Allesfresser von zwei Typen des Univoren unterscheiden – den Proletarier*innen und den elitären Snobs –, warum beziehen sich Guilty Pleasures dann immer noch dezidiert auf ein Gefühl der Schuld?

Frühe Erklärungen für Omnivorizität verwiesen auf einen breiteren kulturellen Wandel, hin zu einer Aufwertung von Inklusion und Toleranz durch westliche Eliten.[11] Die Schuldkomponente der Guilty Pleasures lässt diese Interpretation jedoch wenig überzeugend erscheinen. Vielmehr wirkt das Sprechen über die eigenen Guilty Pleasures, so meine Annahme, kulturellen Klassifizierungen und sozialen Hierarchien keineswegs entgegen – etwa indem belegt wird, dass hoher Status grundsätzlich auch mit dem Genuss von lowbrow-Kulturgütern einhergeht. Im Gegenteil: Die Inszenierung des Guilty Pleasure fungiert als zeitgenössische Form der Distinktion, die den kultivierten Geschmack gerade im Umgang mit Kunst unter Beweis stellt, deren Image, Zielpublika und Verwertungsweisen dezidiert nicht mit Eliten in Verbindung gebracht werden.

Der Distinktionseffekt kann hier weitaus größer sein als bei der bloßen Zurschaustellung von adäquatem Goutieren der Salzburger Festspiele, der Bibliothek Suhrkamp und der Venedig Biennale. Während dieses Argument an die Omnivorizitätsthese anknüpft, scheinen Guilty Pleasures auch eine Re-Snobisierung des Kulturkonsums zu markieren, da sie lowbrow und instrumentelle Unterhaltungskultur gleichermaßen als schambesetzt diskreditieren. Wenn durch die Freude an Maxton Hall, YumYum-Instantnudeln und Capital Bra die Diversität des eigenen Konsumprofils zwar vorgeführt wird, verweisen die gleichzeitig geäußerten Schuldgefühle das Produkt und seine eigentlichen Abnehmer*innen jedoch auf seine unvorteilhaften Plätze in kulturellen und sozialen Hierarchien. Erweist sich das Argument der gesteigerten Distinktionsleistung von Guilty Pleasures als stichhaltig, sind sie eine besondere zeitgenössische Möglichkeit zur Legitimierung und Verstärkung kultureller und sozialer Ungleichheiten. Grundlegend ist dabei jedoch die Frage, welche Art von Guilty Pleasures überhaupt für snobistische Distinktion dienen kann.

Öffentliche und private Guilty Pleasures

Mit Freude unbekleidet im eigenen Bett zu liegen und sich dabei von einem Föhn ins Gesicht blasen zu lassen,[12] scheint kaum berichtenswert. Dennoch äußert eine junge Berlinerin öffentlich Schuldgefühle wegen dieses Vergnügens, weil die Empfindung von Bettlaken auf der Haut und warmer Luft im Gesicht so „komisch und unausgeglichen“ [13] wirken müsse. Relativ gesehen scheint die Rede von Guilty Pleasures hier unpassend, weil so eine unschuldige Freude eigentlich keine ernsthaften Schuldgefühle hervorrufen kann, insbesondere wenn man sie mit rassistischem, sexistischem und autoritärem Lustgewinn vergleicht, die tödliche Migrationsregime, Krieg und organsierter Menschenhandel zu erzeugen vermögen scheinen. Dementsprechend antwortet Fran Lebowitz auch in ihrem 2021 von Martin Scorsese gedrehten Netflix-Porträt „Pretend It’s a City“[14] auf die Frage nach ihren Guilty Pleasures:

„I think it’s unbelievable that there’s a phrase such as ,guilty pleasure’. Unless your pleasure is killing people. My pleasures are absolutely benign, by which I mean, no one dies. No one is molested. No, I don’t feel guilty for having pleasure. We live in a world where people don’t feel guilty for killing people. People don’t feel guilty for putting babies in cages at the border. I should feel guilty, for what? For having two bowls of spaghetti?”

Dieser Vergleich nimmt den moralischen Druck von den ungesunden, frivolen oder unproduktiven kleinen Freuden auf Spotify, RTL Zwei oder joyn. Allerdings sind das gezielte Töten von Menschen einerseits und das exzessive Verschlingen von Pasta andererseits hinsichtlich ihrer Schuldquellen inkommensurabel, wie Drew Dalton bezüglich Guilty Pleasures feststellte:

„The origin of the kind of ,guilt’ at issue does not stem then from anything which is morally transgressive in their content, nor is it the allure of the forbidden which draws us to them or makes our indulgence in them somehow shameful. Instead, the kind of ,guilt’ in question here […] is, oddly, epistemological […]. [T]his ,guilt’ stems from an expectation we have concerning the proper function of our aesthetic experiences; namely, that they should do more than merely entertain, distract, or delight us, but should instead confront us with some ,truth’ about the nature of our existence, and/or guide us to some ,reality’ concerning the state of our world.“[15]

Selbst wenn Guilty Pleasures in diesem Sinne auf den ästhetischen Konsum beschränkt werden, erweist sich eine weitere Unterscheidung als zentral: Erfolgt der Genuss lediglich im Verborgenen oder wird er öffentlich thematisiert? Lebowitz' Spaghetti-Genuss ist privat – anders als anspruchsvolle Restaurantbesprechungen, die Mac and Cheese als authentisches Gericht preisen.[16]

Werden Guilty Pleasures auf die öffentliche Erzählung von Konsum eingegrenzt, ist ein weiterer Aspekt zentral: die distinguierte Art des Konsums. Beispielhaft ist hier Slavoj Žižeks Einleitung zu seiner Liste von Guilty Pleasure-Filmen für das Magazin Film Comment:

„The problem is that I never feel guilty about enjoying films that are generally dismissed as trash. I would have felt truly guilty only for enjoying pretentious art frauds like Antonioni's Zabriskie Point or Bergman's Cries and Whispers – two candidates for the worst film of all time. So the films listed here are not only films that I enjoy immensely, but films that – although considered as insignificant commercial trash, political propaganda, artistic failures, or, in the best case, charming commercial films not to be taken seriously – are to be taken seriously.“[17]

Hier klassifiziert ein Intellektueller massenkulturelle Produkte als genussbringend und „ernsthaft“, doch mehr noch: Er wertet den Genuss von bestimmten Produkten, die der E-Kultur zugerechnet werden, als peinlich ab. Er tut das im Rahmen eines öffentlichen Statements, das, so mein Argument, als zeitgenössischer Ausdruck von Geltungskonsum betrachtet werden muss. Diese spezielle Ausdrucksform beruht auf der Unterscheidung zwischen omnivoren Eliten (die Klassifizierungen und Genres demonstrativ überschreiten) und univoren Snobs (die exklusiv und expressiv anerkannte Kultur bevorzugen). Es bleibt zu klären, warum der Konsum eines Produkts, das ästhetisch und intellektuell als mittelmäßig oder gar minderwertig gilt, einen (realen oder angestrebten) hohen kulturellen Status anzeigen kann.

Guilty Pleasures als demonstrativer Geltungskonsum?

Veblens Begriff conspicuous consumption kann hier weiterhelfen. Konsum kann – insbesondere in Verbindung mit Freizeitaktivitäten – auch dazu dienen, einen Überfluss an Mitteln und Zeit zur Schau zu stellen: „the means of showing pecuniary strength [in highly organized industrial societies], and so of gaining or retaining a good name, are leisure and a conspicuous consumption of goods”.[18] Eine solche „waste of time and effort”[19] ist elementar in der Idee von Guilty Pleasures, so dass auch sie als Zeichen von Überfluss fungieren können: „in order to be reputable it must be wasteful”[20] – und was könnte verschwenderischer sein als, anstatt die neueste Inszenierung von Hamlet zu sehen, Geld, Aufmerksamkeit und Zeit für 144 Folgen von Buffy the Vampire Slayer aufzuwenden?

In kanonischen Klassikern treffen nach Veblen „standards of virtues – archaism and waste” auf „scholastic respectability”.[21] Kunsthistorisch über jeden Zweifel erhabene Werke dienen ebenso wie die Beherrschung bestimmter Fremdsprachen „the decorative ends of leisure-class learning better than any other body of knowledge, and hence they are an effective means of reputability”. Im Fall von Guilty Pleasures fungiert aber gerade nicht Hochkultur, sondern ihr vulgäres Gegenstück als Vehikel der Reputation.

Wie Žižeks Liste zeigt, geht es aber nie nur um das Objekt des Konsums, sondern vielmehr um die Art und Weise des Konsumierens. Auch für Veblen basierte Geltungskonsum fundamental auf dem distinguierten Genuss: „Closely related to the requirement that the gentleman must consume freely and of the right kind of goods, there is the requirement that he must know how to consume them in a seemly manner.”[22] In Tischgesprächen[23] über den feministischen Gehalt von Buffy the Vampire Slayer spiegeln sich die verschiedenen Dimensionen der Guilty Pleasures wider, die auf vermeintliche Zeitverschwendung, Müßiggang und einen Überfluss an intellektuellen Mitteln hindeuten: „The cultivation of the aesthetic faculty requires time and application”[24] – etwa für die Anwendung feministischer Konzepte auf sieben Staffeln und einen Film eines zahlungspflichtigen TV-Unterhaltungsformats über eine junge Vampirjägerin. Nicht der von standardisierten Horror- und Mystery-Elementen erzeugte Schauder ist hier Quelle von Genuss, sondern die übernatürliche Coming-of-Age Geschichte gewinnt erst durch die intellektuelle Interpretation an Wert.

Die Re-Snobisierung des kulturellen Omnivoren

Die These der eklektischen kulturellen Allesfresserei lautete, dass „omnivorousness is replacing snobbishness among Americans of highbrow status”.[25] Dieser Wandel „from snobbish exclusion to omnivorous appropriation” bedeutet nicht, dass tatsächlich alles konsumiert würde. Vielmehr wird eine generelle Bereitschaft signalisiert, potenziell alles wertzuschätzen. Auch hier kann es nicht nur um das Objekt gehen, sondern insbesondere um die Art seiner Aneignung. Im Vergleich zum Normalverbrauchenden kontrastiert der Omnivore mit hohem Status „unreflective consumption for personal enjoyment with intellectualized appreciation”. Um Populärkultur etwa als bedeutungsvoll oder feministisch anerkennen zu können, braucht es ästhetisches Verständnis und intellektuelles Vermögen. Deshalb wertschätzen und kritisieren Omnivore etwa Country-Music „in the light of some knowledge of the genre, its great performers, and links to other cultural forms, lowbrow and highbrow.” Omnivore markieren durch solche Rezeptionsweisen symbolische Grenzen zu Gelegenheitshörern. Wenn die Freude an Country außerdem noch als Guilty Pleasure präsentiert wird, erhält der Geltungskonsum eine weitere Dimension: Der Genuss am Produkt kann trotz nicht erfüllter hochkultureller Anforderungen vielleicht noch kunsthistorisch aufgefangen werden, bleibt durch die Form eines Geständnisses jedoch mit Schuld belegt.

Während frühe Studien zur Omnivorizität die neue (zumindest im globalen Westen feststellbare) Offenheit durch einen mit einem Ende des 20. Jahrhunderts einsetzenden allgemeinen Trend zu Inklusion und Toleranz erklärten, wurde diese Einordnung zunehmend infrage gestellt. [26] So gibt es etwa die These, dass kultureller Eklektizismus auch als Ausdruck gesellschaftlicher und kultureller Mobilität[27] in Anschlag gebracht wird und damit eine Kompetenz belegt, die auf bestimmten Arbeitsmärkten die Employability steigert.

Auch wenn Guilty Pleasures mit unterschiedlichen Dimensionen der Omnivorizitätsforschung zusammengebracht werden können, unterscheiden sie sich von anderem Statuskonsum doch durch die angebliche Schuld. Die besonderen Mechanismen dieses Geltungskonsums lassen sich abschließend durch soziologische Befunde zur Rolle von Authentizität[28] erschließen. Das high status-Verlangen nach ‚echter‘ low status-Kultur, die sich nicht um kunsthistorische Anerkennung schert, kann in einer fundamentalen Unsicherheit wurzeln, die mit dem heutigen Hochkulturkonsum zusammenhängt. Der Konsum von Statusprodukten ist riskant, da ein quasi-soziologisches Wissen über demonstrativen Geltungskonsum vorherrscht: Jemand könnte demonstrativen distinguierten Geschmack als bloße Inszenierung „to gain the extrinsic rewards (social and material) attached to the status attained”[29] erkennen. Snobismus wird laut aktueller soziologischer Befunde zu kulturellen Eliten[30] verachtet, abgelehnt oder zumindest mit Spott bedacht.

Dieser Angst vor einer Verunglimpfung kann jedoch mit Authentizität und einem gewissen ostentativen Desinteresse begegnet werden. Hahl et al. [31] argumentieren, dass Guilty Pleasures zwar in einem allgemeinen Trend zur Omnivorizität gründen, sie aber auch Zeichen einer Re-Snobisierung sind: „Public demonstration of appreciation for authentic (lowbrow) culture can help address lurking suspicions of authenticity. Because such culture was not developed to impress elite audiences, the elite consumer who appreciates such culture appears to be authentic as well.”[32]

Echtes Vergnügen an trash und industrieller Massenkultur kann dann auf Authentizität hindeuten, wenn „elite audiences can generally assume it was produced in a spirit of disinterestedness with respect to highbrow standards.”[33] Dennoch spiegelt die inszenierte Schuld weiterhin ein Gefühl der Statusunsicherheit wider. „Vom Snob zum Parvenu ist es nur ein Schritt“[34] – und so ist das Sprechen über Guilty Pleasures nicht nur Ausdruck von Geltungskonsum und snobistischer Distinktion. Die Darstellung von echter Freude und unmittelbarem Genuss am Wodka-Energy auf der Après-Ski-Party (anstatt der Turbo-Mate bei der Post-Club-Performance oder dem Glas Chablis auf der Vernissage) wird als gebeichtetes Guilty Pleasure zu einer strategischen[35] Möglichkeit, um den Verdacht von Elitismus und Snobismus beiseitezuwischen.

  1. Dieser Text ist eine übersetzte und überarbeitete Version von Paul Buckermann, Guilty Pleasures as Conspicuous Consumption? Cultural Omnivores, Snobbery, and the Distinguished Taste for Authentic Trash, in: Blog des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, https://blog.kulturwissenschaften.de/guilty-pleasures-as-conspicuous-consumption/ (19.12.2024). Ich danke den Redakteurinnen des Blogs, Laura M. Reiling und Ricarda Menn, für die Unterstützung. Die Übersetzung und Überarbeitung ist gefördert durch die VolkswagenStiftung im Rahmen des Projektes „Towards a Genealogy of Guilty Pleasures. Performing Reflexive Consumption“ (Projektleitung: Paul Buckermann, Morten Paul und Roxanne Phillips).
  2. Higgs, Micaela Marini, ‘Guilty’ Pleasures? No Such Thing”, in: The New York Times, 1.7.2019, https://www.nytimes.com/2019/07/01/smarter-living/guilty-pleasures-no-such-thing.html (07.04.2026).
  3. Und weiter: „Die sozialen Subjekte, Klassifizierende, die sich durch ihre Klassifizierungen selbst klassifizieren, unterscheiden sich voneinander durch die Unterschiede, die sie zwischen schön und häßlich, fein und vulgär machen und in denen sich ihre Position in den objektiven Klassifizierungen ausdrückt oder verrät“. Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Übers. v. Bernd Schwibs und Achim Russer, Frankfurt am Main 1987 [Orig. 1984], hier S. 25.
  4. David Morgan, Snobbery, Bristol 2018, hier S. 146.
  5. Virginia Woolf, Am I a Snob?, in: Dies.: Moments of Being: Unpublished Autobiographical Writings. Hg. v. Jeanne Schulkind, New York 1976 [Orig. 1936], S. 181–198. Deutsch in: Virginia Woolf, Augenblicke des Daseins: Autobiographische Skizzen. Übers. v. Brigitte Walitzek. Gesammelt Werke, Frankfurt/Main 2012, S. 96-120.
  6. Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Gesammelte Schriften Bd. 4. Frankfurt am Main 2003 [Orig. 1951], hier S. 213.
  7. Thorstein Veblen, The Theory of the Leisure Class. An Economic Study of Institutions, New York 1912 [Orig. 1899]. Deutsch: Thorstein Veblen, Theorie der feinen Leute. Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen. Übers. V. Suzanne Heintz und Peter von Haselberg. Frankfurt am Main 2015.
  8. Ebd., S. 75.
  9. Ebd., S. 73–75.
  10. Dieses Konzept wurde von Peterson et al. in den frühen 1990ern geprägt: Siehe Richard Peterson, Understanding Audience Segmentation: From Elite and Mass to Omnivore and Univore, in: Poetics 21 (1992), S. 243–258; Richard Peterson / Albert Simkus, How Musical Tastes Mark Occupational Status Groups, in: Michelle Lamont / Michael Fournier (Hg.), Cultivating Differences. Chicago 1992, S. 152–168; Richard Peterson / Roger Kern, Changing Highbrow Taste: From Snob to Omnivore, in: American Sociological Review 61 (1996), 5, S. 900–907.
  11. Vgl. für zeitdiagnostische Dimension der Omnivorizitätsforschung Oliverli Berli, Varianten der Distinktion: Eine Systematisierung der gegenwärtigen Omnivorizitätsforschung, in: Zeitschrift für Theoretische Soziologie 7 (2018), 2, S. 203–227.
  12. Odeta Cadana, Guilty Pleasures, https://www.odetacatana.com/portfolio/guilty-pleasures/ (07.04.2026)
  13. Charlott Tornow, Teure Kleidung, Drogen, Schokolade – Was sind eure "guilty pleasures"?, https://mitvergnuegen.com/2015/teure-kleidung-drogen-schokolade-was-sind-eure-guilty-pleasures/ (07.04.2026)
  14. Pretend It’s a City, https://www.netflix.com/de-en/title/81078137 (07.04.2026).
  15. Drew Dalton, Pessimistic Aesthetics and the Re-Valuation of Guilty Pleasures: On the Moral and Metaphysical Significance of Escapism, in: Journal of Aesthetics & Culture 16 (2024), 1, S. 1–11.
  16. Josée Johnston / Shyon Baumann, Democracy versus Distinction: A Study of Omnivorousness in Gourmet Food Writing, in: American Journal of Sociology 113 (2007), 1, S. 165–204.
  17. Slavoj Žižek, GUILTY PLEASURES, in: Film Comment, 42 (2006), 1, S. 12–13.
  18. Veblen, Leisure Class, S. 84.
  19. Ebd., S. 85.
  20. Ebd., S. 96.
  21. Ebd., S. 396–397.
  22. Ebd., S. 75.
  23. Für die bis heute anhaltende akademische Diskussion siehe bspw. die Journals, Konferenzen und Awards der Association for the Study of Buffy+ unter https://buffystudies.org/ (07.04.2026)
  24. Veblen, Leisure Class, S. 74.
  25. Zitate aus Peterson / Kern, Snob to Omnivore, S. 900–904.
  26. Will Atkinson, The Context and Genesis of Musical Tastes: Omnivorousness Debunked, Bourdieu Buttressed, in: Poetics 39 (2011), 3, S. 169–186.
  27. Michael Emmison, Social Class and Cultural Mobility: Reconfiguring the Cultural Omnivore Thesis, in: Journal of Sociology 39 (2003), 3, S. 211–230.
  28. Oliver Hahl / Ezra Zuckerman / Kim Minjae, Why Elites Love Authentic Lowbrow Culture: Overcoming High-Status Denigration with Outsider Art, in: American Sociological Review 82 (2017), 4, S. 828–856.
  29. Ebd., S. 829.
  30. Dave O’Brien / Lisa Ianni, New Forms of Distinction: How Contemporary Cultural Elites Understand ‘Good’ Taste, in: The Sociological Review 71 (2023), 1, S. 201–220.
  31. Siehe auch Oliver Hahl, Oliver / Ezra Zuckerman, The Denigration of Heroes? How the Status Attainment Process Shapes Attributions of Considerateness and Authenticity, in: American Journal of Sociology 120 (2014), 2, S. 504–554.
  32. Hahl / Zuckerman / Minjae, Elites, S. 830.
  33. Ebd., S. 832.
  34. Adorno, Minima Moralia, S. 216.
  35. Sie für eine Kontextabhängigkeit einer „strategic authenticity“ etwa im Arbeitskontext Julianna Pillemer, Strategic Authenticity: Signaling Authenticity without Undermining Professional Image in Workplace Interactions, in: Organization Science 35 (2024), 5, S. 1641–1659.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Affekte / Emotionen Digitalisierung Gesellschaft Kapitalismus / Postkapitalismus Konsum Öffentlichkeit Pop Sozialstruktur

Paul Buckermann

Paul Buckermann ist Soziologe. Nach Lehr- und Forschungstätigkeiten in Bielefeld, Paderborn, Luzern und Heidelberg forscht er seit 2024 am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen zu Kunst, Politik und Wissen.

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