Lukas Beckmann, Sebastian Suttner | Veranstaltungsbericht |

Kontingenz als Passion

Bericht zur Konferenz „Luhmann 100. Zur Gegenwart eines Theorieprogramms“ vom 9. bis 12. Juni 2026 an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen

Biografische Anlässe für soziologische Debatten erscheinen vor der dezidiert anti-individualistischen Haltung der Soziologie durchaus irritierend. Das gilt in besonderem Maße, wenn es sich um die Biografie Niklas Luhmanns handelt, der sich stets der lebensgeschichtlichen Erzählung über ihn verweigerte und darauf beharrte, dass sich seine Biografie keineswegs in seiner Theorie widerspiegele.[1] Dazu passt, dass sich DIRK BAECKER (Friedrichshafen) in seiner Eröffnungsrede der Konferenz Luhmann 100. Zur Gegenwart eines Theorieprogramms in Friedrichshafen erinnerte: „Die Feiern zu seinem 60. und 65. Geburtstag in Bielefeld hat Luhmann damals eben so hingenommen.“ Manch einer mag in dem Umstand, dass man nichtsdestotrotz eine Konferenz zu Ehren von Niklas Luhmanns 100. Geburtstag abhält, ein Symptom einer Theorieerschöpfung sehen, der zunehmenden Ablösung der Großtheorie durch diverse turns und oberflächennahe Versatzstücke, die durch Autorennennung aufgerufen werden.[2] 100 Jahre Niklas Luhmann, das heißt auch: 30 Jahre Die Gesellschaft der Gesellschaft, ein Werk, dessen Erarbeitung seinerseits 30 Jahre in Anspruch nahm und dabei – so versicherte Luhmann jedenfalls selbst – keinerlei Kosten verursachte. Vor dem Hintergrund der beiden Jubiläen drängt sich die – polemisch formulierte – Frage auf, ob „100 Jahre Niklas Luhmann“ jenseits der Reflexion auf den wohl produktivsten soziologischen Theoretiker der nachkriegsdeutschen Geschichte auch als Abgesang auf den wohl prominentesten deutschen Entwurf einer Gesellschaftstheorie der Soziologie zu verstehen ist.

Dieser Verdacht erhärtet sich, wenn man bedenkt, dass die Luhmann-Tagung in einem institutionellen Kontext stattfand, in dem gegenwärtige Sparmaßnahmen insbesondere geistes- und sozialwissenschaftliche Institute und Studiengänge treffen, teils universitätsweite Stellensperren verhängt werden und die Drittmittelakquise zur Kernkompetenz wissenschaftlicher Arbeit hochstilisiert worden ist. Vermutlich sind diese Tendenzen gegenwärtig an kaum einem anderen Ort so stark zu spüren wie an der Zeppelin Universität Friedrichshafen, wo die Gesellschaftsreflexion zukünftig keinen Platz mehr haben wird. Im Angesicht der Abwicklung des gesamten Forschungsbereichs ‚Kultur‘ in Zeiten sinkender Immatrikulationszahlen und „sich wandelnde[r] Markt- und Kundenbedürfnisse“[3] entwickelte das Lob der Systemtheorie des Vizepräsidenten JAN SÖFFNER (Friedrichshafen) im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung einen eigenwillig paradoxalen Unterton.

Neben diesen institutionellen constraints schlägt der Systemtheorie auch im multiparadigmatischen Fach derzeit kalter Wind entgegen. In disziplinweiten Publika wird wieder behauptet, es existiere eine sprach-, theorie- und wertunabhängige Welt, deren Erkenntnis approximativ erreicht werden könne.[4] Jenes Schwundstufenverständnis von Theorie, das auf dem wissenschaftstheoretischen Debattenstand der 1930er-Jahre (Popper) verweilt, oder gar auf demjenigen Leopold von Rankes, der sich wünschte, sein „Selbst gleichsam auszulöschen, und nur die Dinge reden“ zu lassen,[5] artikuliert epistemologische Hegemonialansprüche nicht nur für empirische Methoden, sondern will auch „Gütekriterien für die Soziologie [eigene Herv.]“ benennen. Wie kaum ein anderer Theorieentwurf steht das nicht zuletzt qua intensiver Begriffsarbeit bis an die Grenze der philosophischen Reflexion reichende systemtheoretische Werk Luhmanns dieser Wissenschafts- und Realitätsauffassung entgegen.

Diese Situation doppelter, nämlich institutioneller und disziplinärer Prekarisierung verstärkt nicht nur die Unwahrscheinlichkeit systemtheoretischer Forschung, sondern avancierter Theorieentwürfe im Allgemeinen. In Anlehnung an Philipp Felsch drängt sich gegenwärtig die Rede vom (Spät-)Herbst der Theorie geradezu auf.[6] Vor diesem Hintergrund muss sich eine Tagung zu Ehren der Systemtheorie unweigerlich der Frage aussetzen, ob sie noch genug Brennholz liefern kann, damit das Haus der soziologischen Theorie auch im Winter noch warm bleibt.

Konkret bestand die Suche nach solchem Brennholz, wie der Untertitel der Tagung ankündigte, in der Identifikation von Anschlüssen und blinden Flecken in der gesamten Phase der Theorieproduktion. So ergab es doch Sinn, die kontingente Lebensspanne des Autors ins Zentrum zu setzen, die allerdings nicht auf sein physisches Dasein beschränkt bleibt; denn nicht nur handelt es sich bei Luhmann um einen Autor, der immer noch über den Nachlass kommuniziert und die Gegenwart so weiterhin irritiert, sondern es gibt offensichtlich auch das Bedürfnis, mit und an der sowie über die Theorie zu arbeiten. Dies kann nicht verwundern, ist doch mit der Einstellung der Zeitschrift Soziale Systeme im Jahr 2024 zugleich das zentrale Forum abhandengekommen, in welchem Fragen genuin systemtheoretischer Bauart besprochen und diskutiert werden konnten.

Dem Desiderat einer vertieften Diskussion entsprachen die Organisatoren und Organisatorinnen jedenfalls durch die großzügig bemessene Länge der Tagungsbeiträge. Die 30-minütigen Vorträge und die anschließenden ebenso langen Diskussionen ebneten den Weg für intensive Diskussionen. Ein nur oberflächliches Gleiten über die Themen-, Theorie- und Begriffszusammenhänge wurde damit effizient unterbunden. Die Entscheidung, die Beiträge in zwei parallellaufende, aber thematisch nicht klar eingrenzbare Panels einzuteilen, spiegelt die vielfältigen Zugänge und Perspektiven der Vorträge, welche wiederum die Irreduzibilität der Systemtheorie auf einzelne Begriffe oder Beobachtungsformen bezeugen. Man wollte es, so Dirk Baecker, zudem dem Zufall überlassen, auf welche Themen sich die Diskussionen einlassen.

Der Zufall in der Theorie

Dirk Baecker eröffnete die Veranstaltung, die er und MAREN LEHMANN (Friedrichshafen) nicht nur ausrichteten, sondern auch alleinig moderierten und die mit der organisatorischen Hilfe von JONAS JUTZ (Friedrichshafen) und YANNICK ALLGEIER (Friedrichshafen) durchgeführt wurde, mit einem Rekurs auf den Zufall. Denn nicht nur Luhmanns Geburtstag, so begann Baecker, sei vielleicht nicht nur Produkt des Zufalls, aber in jedem Falle hochgradig kontingent. Keine Theorie mache den Zufall in vergleichbarer Weise zum Element wie die Luhmann’sche Systemtheorie. Auch die Differenzierung beginne „irgendwo und irgendwie“, der Zufall sitze „mitten im System“ und es sei deshalb Aufgabe der Theorie, die Kontingenz gesellschaftlicher Entwicklung strukturell zu rekonstruieren. Um auch überraschende Anschlüsse zuzulassen, setze man angesichts einer „mehr als nervösen Gesellschaft“ und „herausgeforderten Organisationen“ auch bei der Konferenz auf solche Zufälle und Unberechenbarkeiten – gemäß dem Bonmot, dass auch der Zufall gut geplant sein will. Zum Schluss ließ Baecker noch vom kürzlich verstorbenen Jürgen Habermas grüßen – versöhnliche Töne im Rückblick auf ein spannungsvolles Verhältnis. Er sei als Referent angefragt worden, sagte jedoch mit Verweis auf sein fortgeschrittenes Alter ab. Allerdings schien er gerührt über die Anfrage. Man konnte sehen, dass dies einigen Anwesenden naheging, schließlich gehören öffentlichkeitswirksame Theoriediskussionen auf dem Niveau jener zwischen Habermas und Luhmann schon lange der Vergangenheit an.

Damit war der Übergang zu RUDOLF STICHWEHS (Bonn) Eröffnungsvortrag gesetzt. Der drehte sich um die Frage, ob die Systemtheorie Transitionen im Sinne historischer Verläufe zu erklären vermag. Nach einer luziden, aber doch in vielerlei Hinsicht grundlegenden Einführung in die Evolutions- und Differenzierungstheorie auf Basis der Gesellschaft der Gesellschaft von 1997 widmete er sich den historischen Differenzierungsprozessen, welche aus einer stratifizierten in die funktional differenzierte Gesellschaft führten. Kritisch gegenüber seinem Lehrer merkte Stichweh an, dessen Verständnis von Stratifikation fehle das Bewusstsein für das „gesamte Spektrum asymmetrischer Abhängigkeiten, für Dienstbarkeit, Leibeigenschaft oder Sklaverei“. Mit Luhmann könne man sich aber dennoch besonders für die historisch singuläre Durchsetzung funktionaler Differenzierung in Europa interessieren. Die Singularität bestehe, so hält Luhmann in der Gesellschaft der Gesellschaft fest, darin, dass „[a]nders als in China […] in Europa eine Reichsbildung am kirchlichen Widerstand, an der Ablehnung einer politischen Theokratie gescheitert [ist]; und damit […] auch eine politische Kontrolle weiträumiger Wirtschaftsbeziehungen […] ausgeschlossen“ war.[7] Erst durch das Scheitern einer solchen Vereinheitlichung wurde in Europa das ‚Experimentieren‘ mit funktionaler Differenzierung möglich. Dass Stichweh inhaltlich mit den Worten: „Europa ist Vielfalt, ist Scheitern einer Reichsidee, ist Diversität“ schloss, lässt sich dabei beinahe gleichermaßen als Theorievorschlag wie auch als Kommentar zur gegenwärtigen politischen Lage lesen.

Theorie und Empirie

Damit begann die Tagung, zu der ein Sammelband für den tatsächlichen 100. Geburtstag Luhmanns im Jahr 2027 geplant ist. Im Folgenden sollen einzelne Beiträge als Schlaglichter auf drei zentrale Fragen dienen, welche die Tagung begleitet haben und die gegenwärtigen Anforderungen an die Systemtheorie konkretisieren: Wie wird gegenwärtig mit ihr empirisch gearbeitet? Wo werden heute grundlagentheoretische Aktualisierungen unternommen und Grundsatzdebatten geführt? Und schließlich: Wie wird die Systemtheorie beobachtet?

Zahlreiche Beiträge loteten aus, inwiefern man mit der Systemtheorie empirisch arbeiten kann. ALBERTO CEVOLINI (Modena) etwa thematisierte das Versicherungswesen – welches sich von kurativen Programmen in Richtung Prävention in der Lebensführung entwickele – unter Zuhilfenahme funktionalistischer Überlegungen. In dieser Perspektive kollidieren im Versicherungsalltag die notwendigerweise lückenhaften organisationalen Planungslogiken mit gesellschaftlichen Evolutionseffekten. THORSTEN BONACKER (Marburg) interpretierte kenntnisreich die Dekolonisationsbemühungen des UN-Treuhandrats als „Effekt organisierter Selbstbeobachtungen des politischen Systems der Weltgesellschaft“. Diese und andere Vorträge zeigten eindrücklich, dass sich empirischer Detailreichtum und tiefgehendes Theorieverständnis nicht ausschließen.

Ein spannendes Beispiel für Arbeit mit und zugleich an der Theorie lieferte der Vortrag von WOLFGANG L. SCHNEIDER (Osnabrück). Er versuchte, die beiden in Luhmanns Theorie angelegten Krisentheorien der Gesellschaft miteinander zu versöhnen: die frühe, Krise maßgeblich aus der Differenzierungstheorie ableitende, und die späte, die über Michel Serres‘ Metapher des Parasiten die Sortierfunktion funktionssystemischer Codes nivelliert. Sehr anschaulich zeigte Schneider deren Unterschiede am totalen Krieg und an der Pandemie. Das funktionale Unvermögen des Krankenbehandlungssystems in der Pandemie führte zur kurzfristigen Kompensation durch andere Systeme – die Politik entlastete etwa das Krankensystem durch rechtliche Vorgaben. Demgegenüber sei im Krieg das Nichtentscheiden zwischen Machtüberlegenheit und Machtunterworfenheit im politischen System verortet. Folgeprobleme zeigten sich im Wirtschaftssystem, in welchem Bedürfnisbefriedigung nicht garantiert werden könne und rechtlich (durch Rationierung) kompensiert werden müsse. Es komme also jeweils zu „Problemüberwälzungen“.

Ganz sicher, ob Luhmann damit nicht bestandsfunktionalistisch gewendet würde, schien man sich im Publikum nicht zu sein. RUDOLF SCHLÖGL (Konstanz) vermutete hinter dem Begriff der „Problemüberwälzung“ ein Vertuschungsmanöver. Schneider winkte ab; es handele sich um eine „klug platzierte analytische Unschärfe“. Man lachte – aber Schneider ging es darum, dass hier ein semantischer Platzhalter für konkrete empirische Untersuchungen vorliegt. ANDRÉ KIESERLING (Bielefeld) indes unterfütterte Schneiders Theorie mit dem Beispiel (und der steilen These), dass die Frankfurter Schule das „Metaphysilieren ihrer Themen“ als funktionale Kompensation für Religion darbiete, seitdem die Kirche für „intellektuell anspruchsvolle Menschen nichts mehr zu bieten“ habe.

Die Historikerin BARBARA STOLLBERG-RILLINGER (Berlin) führte hingegen vor, wie anschlussfähig die Systemtheorie sich für die Geschichtswissenschaften erweist. Die in der historischen Forschung bestehende Verwunderung über den Reichstag im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ließe sich mit Luhmann zumindest teilweise ausräumen. Die Geschichtswissenschaft sei weiterhin irritiert über ein institutionalisiertes Entscheidungsgremium, das jedoch beinahe ausschließlich über Rangfragen zu diskutieren schien (‚Welche Sitzkissenfarbe ist für die Angehörigen welcher Position angemessen?‘), sich in ewigen Konflikten verlor und nicht zur Entscheidung kam. Das lässt sich mit Luhmann als ein Festhalten der Ständeordnung an ihrer im Angesicht funktionaler Differenzierung überholten Form beobachten.

Hier fragte RAMY YOUSSEF (Basel) kritisch nach, ob man gerade mit Luhmann hier nicht Gefahr laufe, alles durch die Brille fortschreitender funktionaler Differenzierung zu sehen. Stollberg-Rillinger verneinte dies. Mit Luhmann sehe man, dass die Stratifizierung an sich selbst gescheitert sei. Rudolf Schlögl nutzte die Gelegenheit, um in seinen am Folgetag stattfindenden Vortrag einzuführen, und konstatierte, dass die Nichtbeachtung von Luhmanns Theorie eine folgenschwere Entscheidung der Geschichtswissenschaft gewesen sei. Statt für Luhmanns habe man sich dort explizit für Habermas‘ Geschichtsverständnis entschieden. Stichweh schloss daran an und erklärte: Luhmanns Theorie sei dem Denken des – von ihm, wie Stichweh hervorhob, übrigens sehr geachteten – Reinhart Koselleck in vielerlei Hinsicht zu ähnlich gewesen, um als theoretische Alternative zu dienen. Die „Theoriebedürftigkeit“ der Geschichtswissenschaften[8] sei aber auch deshalb nicht mit Luhmann zu kurieren, weil dies die disziplinäre Arbeitsteilung unterwandert, ja der Soziologie den Vorzug vor der Geschichtswissenschaft gegeben hätte. Stichweh warf noch einmal einen Blick auf die Luhmann’sche Begriffsbildungspraxis. Denn das Besondere, führte er aus, sei ja, dass Luhmann keine Begriffe aus der Luft zog oder sich an den gegenwärtigen Trends der Massenmedien orientierte, sondern sich in die Sozial- und Ideengeschichte sowie in die philosophischen Zusammenhänge der Begriffe einarbeitete – ja beinahe einnistete – und erst, nachdem er jeden Winkel der geschichtlichen Zusammenhänge ausgeleuchtet hatte, Begriffe in Theoriebegriffe transformierte.

Künstliche und menschliche Kommunikation

Das Thema Künstliche Intelligenz war ebenfalls Thema auf der Konferenz. MARTIN WARNKE (Lüneburg) vermochte mit der Theorie an gegenwärtige Debatten zu Large Language Models anzuschließen, indem er einen interessanten Vergleich zwischen LLMs und der Auslegungspraxis der Kabbala zog, die meint, aus dem ersten Zeichen der Heiligen Schrift die Gesamtheit ihrer Elemente antizipieren zu können. Dass die stochastische Mehrdimensionenmatrix der LLMs auf ähnlicher Basis operiert, lässt die von den Modellen produzierten inhaltlichen Fehler als Resultat schizophrener Semantikproduktion erscheinen, als „Wort ohne Sachbezug“. Gerade in Anbetracht dieser „Weltlosigkeit der Sprachstruktur“ böte sich die Luhmann’sche Kommunikationstheorie qua ihres Verzichts auf strukturalistische Bedeutungsverweisungen besonders an, um den Komplex zu erhellen. In ganz ähnlicher Weise hob auch SYBILLE KRÄMER (Berlin) die Relevanz von Luhmanns Kommunikationsmodell für das Verstehen von Künstlicher Intelligenz hervor. Sie wurde via Videoanruf zugeschaltet, was noch vor Beginn ihres Vortrags das Medium zum Vorschein brachte: Es ‚rauschte‘. Im Vortrag nutzte sie Luhmann vorrangig als Einfallstor für ihre Überlegungen zur Zweidimensionalität medialer Symbole in einer dreidimensionalen Welt. Es sei die Andersartigkeit dieses Weltbezugs, die sich als medialer Vorteil erweise – und so schloss Krämer mit Luhmann: „Gerade weil künstliche Kommunikation nicht wie menschliche funktioniert, ist sie so erfolgreich.“ Das klingt gut – und passt zu Luhmanns kontraintuitiven Wendungen wie jener, dass das Problem der Technik sei, dass sie eben so zuverlässig ist.[9]

Neben diesen Versuchen, empirisch mit der Theorie zu arbeiten, gab es auch grundlagentheoretische Klärungs- und Aktualisierungsbemühungen. JULIAN MÜLLER (Hamburg) fragte nach der Rolle symbiotischer Mechanismen im Zusammenhang mit symbolisch generalisierter Kommunikation. Mit Blick auf die sich gegenwärtig abzeichnende Veränderung politischer Kommunikation plädierte er für die Betrachtung von Zweitcodierungen und eine für mediale Veränderungen sensible Perspektive. JASMIN SIRI (München) fokussierte in ihrem Beitrag die Rolle sozialer Medien und damit verbundene Anpassungsbedarfe des systemtheoretischen Vokabulars. Die Diagnose vom „Tod der Öffentlichkeit im Singular“ müsse zum Anlass genommen werden, über den Öffentlichkeitsbegriff der Systemtheorie nachzudenken. Die „Gleichzeitigkeit von Teilöffentlichkeiten“ werde in der „Entdifferenzierung von Kontexten“ und der „Verlängerung des Parlamentsraums“ durch Social Media sichtbar. Ohne diese Begriffe im Vortrag theoretisch weiter zu konturieren, mündete dies in der auch vom Publikum mitgetragenen Forderung, „Praktiken der Entnetzung und Entdifferenzierung“ mit der Theorie stärker in den Blick zu nehmen. JAN FUHRMANN (Heidelberg) nahm im letzten Beitrag der Tagung Luhmanns Beobachtungstheorie in den Blick: Einer „Ontologisierung“ binärer Codierungen könne entgegengewirkt werden, indem schon im Beobachtungs- und Unterscheidungstheorem ein konstitutiver Bezug auf „noise“ integriert würde. Die sich anschließende kontroverse Diskussion mündete in die Frage, ob der „frühe“, von Parsons und der Phänomenologie inspirierte, oder der „späte“, beobachtungstheoretische Luhmann die soziologisch gehaltvolleren Beobachtungen ermögliche. Dabei brachte DIRK RUSTEMEYER (Trier) das zugrundeliegende Problem, dass man als Theoretikerin oder Theoretiker letztlich auf der Suche nach einer passenden Sprache für Gesellschaftsbeobachtung sei, mit einem Augenzwinkern auf den Punkt: „Als Soziologe muss man ja eigentlich nur beschreiben können.“

Diese Diskussionen vermochten aufzuzeigen, dass die Systemtheorie keineswegs erschöpft ist und sich auch nicht einzig auf die Rettungsversuche von Theorieentscheidungen des ‚Meisters‘ verlässt. Die Systemtheorie weiterzudenken versuchte auch FRANZ HOEGL (Nürnberg). Im Anschluss an Eugen Finks Phänomenologie der Phänomenologie formulierte er einen Versuch der Systemtheoretisierung der Systemtheorie, die, wie vom Publikum hervorgehoben wurde, den Boden der Systemtheorie damit auf ähnliche Weise verließ, wie Finks Versuch den Boden der Phänomenologie. ACHIM BROSZIEWSKI (Kreuzlingen) plädierte in seinem Vortrag dafür, die Frage nach dem Medium der Erziehung erneut zum Thema zu machen. Immer wieder hob Brosziewski hervor, dass man den Blick verstelle, kapriziere man sich bei der Suche nach dem Medium auf Organisationen (Kindergärten, Schulen, Universitäten) – „die Organisation rigidisiert das Erfolgsmedium!“ In der angeregten Diskussion wurden zwar Vorschläge genannt, Brosziewski wirkte jedoch zunehmend resigniert: Man sprach letztlich immer wieder über Organisationen. Er hatte es prognostiziert.

Nichts Geringeres als eine Sensation

Eine letzte Reihe von Vorträgen versuchte, die Theorie als Theorie zu beobachten. Dabei rekurrierte man immer wieder auf die bereits angesprochene Differenz zwischen dem „frühen“ Luhmann und dem „späten“ Beobachtungstheoretiker. Daran anknüpfend kündigte André Kieserling als langjähriger Herausgeber des Luhmann-Nachlasses mit aller gebotenen Vorsicht nichts Geringeres als eine „Sensation“ an: Man habe die frühen Manuskripte Luhmanns, in welchen er eine „Soziologie auf phänomenologischer Grundlage“ skizzierte, editorisch bearbeitet und werde diese im Dezember 2027 publizieren. Die Veröffentlichung dieser phänomenologischen Frühschriften reiht sich damit ein in die Edition und Publikation von Monografien wie jüngst Systemtheorie der Gesellschaft[10], Die Grenzen der Verwaltung[11] und Erziehung. Funktion und System[12]. Entlang der Auseinandersetzung mit Husserl illustrierte Kieserling einem gebannten Publikum begeistert den heute weniger bekannten Luhmann, der Begriffe wie Intersubjektivität, Lebenswelt oder Konstitution nicht scheute, sondern funktionalistisch umdeutete. Nicht nur für Kenner der Theorie dürften diese Überlegungen ein neues Licht auf die Systemtheorie werfen; die Auseinandersetzung mit dem Luhmann’schen Œuvre ist also noch lange nicht vorbei. Dank der Schriften aus dem Nachlass geht die Selbstbeobachtung der Theorie weiter, bleibt ihre Fähigkeit, immer wieder neu auf sich selbst zu reagieren,[13] erhalten.

Auch Kritik an der Systemtheorie wurde verschiedentlich kultiviert. So kritisierte CHRISTINA WEISS (Darmstadt) aus philosophischer Sicht die Rede Luhmanns von der Paradoxie und monierte ein Verständnis von Selbstbezüglichkeit, das mit Kant und Hegel und der weiteren Problemtradition unvereinbar sei. Die sich anschließende Debatte war ein – und keineswegs das einzige – Beispiel dafür, wie voraussetzungsreich die Diskussionen, wie gelehrt die Einwände, wie genau die zugrundeliegenden Lektüren waren. Wie Weiss eindrucksvoll aufzeigte, muss ein derartiges Theorieniveau erst einmal erreicht werden, und zwar auch, um Theorieprobleme zunächst überhaupt artikulierbar zu machen – von ihrer Lösung ganz zu schweigen. Andere Vorträge thematisierten die Systemtheorie aus wissenschaftssoziologischer Perspektive. CHRISTIAN MORGNER (Sheffield) verglich unter Bezugnahme auf den systemtheoretischen Reputationsbegriff die Wirkung der Systemtheorie mit der der Schriften Jürgen Habermas‘. Die statistischen Zitationsauswertungen ergaben erstaunliche Befunde. Erst nach Luhmanns Tod nehmen die Referenzen auf die Systemtheorie signifikant zu, wobei einzelne Publikationen über die Zeit herausstechen. Als zentrale, mit der Systemtheorie weiterhin vereinbare Einsicht hielt Morgner fest: „Texts remain stable, meanings change“. Im Publikum wurde der Einfall der Zahlen in die Theorie zwar rege diskutiert, Morgner gelang es aber erstaunlicherweise, Systemtheorie und quantitative Forschung auf einem theoretisch informierten Niveau zusammenzuführen. Eine weitere wissenschaftssoziologische Lektüre unternahm RIKY WICHUM (Zürich). Im Zentrum stand die „Programmiersprache“ der Systemtheorie, wobei der Fokus auf den verwaltungswissenschaftlichen Arbeiten Luhmanns lag. Die historische Situation von Verwaltungen nach dem Zweiten Weltkrieg und der parallele Aufstieg von Maschinenmetaphern führten Wichum zu dem Schluss, Luhmann habe mit seinen verwaltungswissenschaftlichen Arbeiten ein Gegenmodell zu informatischen Programmen vorgelegt. Die Systemtheorie sei ein synthetisches Projekt; sie „verbindet viele Wissensordnungen der Zeit“.

Nicht zuletzt stellte sich die Frage, wie Luhmann selbst Theorie betrieb. Neben Stichwehs bereits erwähnter Faszination für die Begriffsarbeit Luhmanns unternahm KURT RACHLITZ (Hannover) eine methodologisch interessierte und inhaltlich versierte Lektüre der Systemtheorie, wobei er die heuristische Unterscheidung von Merkmals- und Problembegriffen vorschlug. Letztere stünden für Luhmanns Form des Theoretisierens, die Rachlitz ganz im Sinne des Workshop-Charakters der Tagung in Auseinandersetzung mit den Diskussionsbeiträgen aus dem Publikum weiter ausarbeitete.

Rückzug als Chance

Im Rückblick kann die Frage der Tagung nach blinden Flecken und Anschlüssen der Luhmann’schen Systemtheorie durchaus auch an die Tagung selbst gerichtet werden. Als Beobachtung zweiter Ordnung fallen Leerstellen auf, die zum Teil von den Diskussionsteilnehmenden benannt wurden: Als Außenstehender erschien einem die Konferenz streckenweise wie ein Klassentreffen, bei dem – wie bei Klassentreffen üblich – auch das Fehlen mancher einschlägiger mit der Systemtheorie verbundener Stimmen auffiel (Elena Esposito, Andreas Göbel, Stefan Kühl, Urs Stäheli); selbst jener, die erst spät in die Luhmann-Klasse wechselten (Benjamin Ziemann). So ist es aber mit kontingenten Anlässen: Sie produzieren kontingente Absagen. Auch mit Blick auf gegenwärtige Theoriebemühungen blieb die Tagung eigenartig still. Der eingangs erwähnte Jürgen Habermas tauchte als (historische) Oppositions-, aber auch Vermittlungsfigur ebenso selten auf wie netzwerktheoretische Theorieangebote, die etwa mit dem Namen Bruno Latour verbunden sind. Gerade vor dem Hintergrund der vielfältigen Anknüpfungs- und Diskussionsmöglichkeiten zwischen Systemtheorie und derzeit flottierenden Theoriealternativen erstaunt diese Leerstelle vielleicht am meisten.

Was passieren würde, wenn sich die von Teilen des Fachs als vom Theorieprogramm infizierte ‚Störenfriede‘ wahrgenommenen Systemtheoretiker und Systemtheoretikerinnen nach langer Zeit wieder einmal an einem Ort versammeln, konnte man eigentlich nur spannungsvoll erwarten. In seinem Vortrag nahm Wolfgang L. Schneider die Erfahrungen der Konferenz mit einer theoriegesättigten Aussage vorweg: „Schulen“, so Schneider, „sind lärmproduzierend – können aber auch, wenn sie sich zurückziehen und unter sich sind, lärmreduzierend sein.“ Erst unter Bedingungen des Rückzugs nämlich lasse sich ungeniert über die „Anwendungskonstellationen“ der jeweiligen paradigmatischen Perspektive kommunizieren. Eben diese Diskussionsatmosphäre ließ sich auch in Friedrichshafen spüren. In Vorträgen, Diskussionen und Einzelgesprächen auf dem Gang brach die Begeisterung für eine Theorie immer wieder hervor, deren Gegenwartsbezug, insbesondere durch den Advent künstlicher Intelligenz und erwarteter gesellschaftsstruktureller Umbrüche, deutlicher ist denn je, die noch immer zur Beschäftigung mit ihren offenen Problemen einlädt und die noch immer das ständige – und teilweise auch das unanständige – Generalisieren und Spezifizieren erlaubt, es gar einfordert.

Neben dem durchweg hohen Niveau der im besten Sinne voraussetzungsreichen Beiträge und Diskussionen ist die Luhmann-Tagung auch dafür zu loben, dass sie die produktiven Möglichkeiten von Theoriearbeit im interdisziplinären und internationalen Kontext sichtbar machte. So nahmen Teilnehmende aus Disziplinen wie Philosophie, Pädagogik, Rechtswissenschaft, Literaturwissenschaft oder Geschichtswissenschaft teil und reisten aus Ländern wie Brasilien, Italien, Großbritannien und der Schweiz an, was auf vielfältige Weise vom Potenzial soziologischer Theorie zeugte, über Fach- und Ländergrenzen hinaus produktive (Selbst-)Irritationen zu generieren. So lässt sich nicht nur eine sehr positive Bilanz für die Konferenz ziehen, sondern auch für ein Paradigma, das zwar nicht mehr auf der von Christian Morgner dargestellten, unmittelbar an Luhmanns Tod anschließenden Zitationswelle reitet, sich aber auch nicht von den gegenwärtigen Theorietrends des Fachs absorbieren lässt und (vielleicht gerade deshalb) seine Relevanz zu behaupten weiß. Die vereinzelt in den sich ausdifferenzierenden Interaktionssystemen vernehmbaren disziplinären Krisendiagnosen ließ man in den Diskussionen hinter sich. Dass von der vermeintlichen Kälte der Luhmann’schen „Theorieatmosphäre“[14] wenig zu spüren war, war jedenfalls nicht dem Ausfall der Klimaanlage geschuldet.

Einhundert Jahre nach der Geburt ihres Gründers zeichnete die Tagung ein Bild der Systemtheorie, das – frei von unproduktiven Selbstbefragungen oder einer Immunisierung gegenüber empirischen Befunden – die Aktualität des Paradigmas bewies. Und das auf durchaus unterhaltsame Weise: Auch ohne Eklats war es eine aufregende Konferenz, die sich, obschon das eine ständige Gefahr bei Paradigmentreffen ist, nicht im exegetischen Glasperlenspiel verlor: Mit Luhmanns Arbeiten ging man ebenso kritisch ins Gericht wie miteinander. So zum Beispiel, wenn Julian Müller forderte, das Gebäude der Theorie „nicht unter Denkmalschutz zu stellen“, sondern die nach „heutigen Sicherheitsstandards zu wenigen Notausgänge“ zu erweitern. Immer wieder wurden die offenen Flanken und blinden Flecken zum Thema gemacht. Vor dem Hintergrund der mannigfaltigen produktiven Diskussionen, die während der viertägigen Konferenz geführt wurden, erscheint die eingangs erwähnte Einstellung der Zeitschrift Soziale Systeme doch – um einen Schlüsselbegriff der Tagung zu bemühen – kontingent, das heißt vor allem: nicht notwendig.

  1. Oliver Jahraus, Nachwort, in: Niklas Luhmann, Erkenntnis als Konstruktion. Stuttgart 2023, S. 71-123, hier S. 75.
  2. Fabian Anicker, Wohin wenden nach den turns? Eine wissenschaftssoziologische und forschungslogische Betrachtung am Beispiel des ‚Turn to Practice‘, in: Zeitschrift für Soziologie 51 (2022), 4, S. 350-364.
  3. Pressemitteilung der ZU vom 07.11.2025. Abrufbar unter: www.zu.de/newsroom/presse/zeppelin-universitaet-setzt-erforderliche-neustrukturierung-fuer-starke-marktfaehigkeit-um.php.
  4. Gunnar Otte et al., Gütekriterien in der Soziologie, in: Zeitschrift für Soziologie 52 (2023), 1, S. 26-49, hier S. 29.
  5. Ranke, Leopold von, Englische Geschichte, vornehmlich im sechszehnten und siebzehnten Jahrhundert, Bd. 2, Berlin 1860, S. 3.
  6. Philipp Felsch, Der lange Sommer der Theorie. München 2015.
  7. Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main 1997.
  8. Reinhart Koselleck, Über die Theoriebedürftigkeit der Geschichtswissenschaft, in: Ebd. (Hg.), Zeitschichten. Studien zur Historik. Frankfurt a.M. 2021, S. 298-316.
  9. Niklas Luhmann, Über Natur, in: Ebd. (Hg.), Gesellschaftsstruktur und Semantik 4. Frankfurt a.M. 2016, S. 9-30, hier S. 26.
  10. Niklas Luhmann, Systemtheorie der Gesellschaft, Berlin 2017.
  11. Niklas Luhmann, Die Grenzen der Verwaltung, Berlin 2021.
  12. Niklas Luhmann, Erziehung. Funktion und System, Berlin 2026.
  13. Andreas Göbel, Theoriegenese als Problemgenese, Konstanz 2000.
  14. [14] Elena Beregow, Theorieatmosphären. Soziologische Denkstile als affektive Praxis, in: Berliner Journal für Soziologie 31 (2021), S. 189–217.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Digitalisierung Geschichte Geschichte der Sozialwissenschaften Gesellschaft Gesellschaftstheorie Methoden / Forschung Systemtheorie / Soziale Systeme

Lukas Beckmann

Lukas Beckmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft und Soziologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Er promoviert gegenwärtig zur Rolle der Anthropologie in Systemtheorie und Neuem Materialismus.

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Sebastian Suttner

Sebastian Suttner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Theorie und Geschichte der Soziologie, sowie damit zusammenhängenden Fragen der Wissens- und Wissenschaftssoziologie. Seine Dissertation beschäftigt sich mit den Semantiken von Fortschritt und Krise und ihrer Funktion in der Soziologie.

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