Stephanie Kappacher, Leon Wolff, Hannah Schmidt-Ott, Karsten Malowitz | Veranstaltungsbericht | 02.10.2026
Mainzer Splitter IV: Donnerstag
Bericht vom 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Mainz
Burn, burn, burn
„Jede fünfte Studentin wird an der Uni belästigt“, „Mobbing von PostDoc durch Tenure-Track Professorin“, „#MeToo-Fall an Berliner Humboldt-Uni“, „Sexismus, Machtmissbrauch und Streit um X-Post: Uni Leipzig unter Druck“ – mit gefühlt zahllosen solcher Meldungen startete Manuela Tischler (München) ihre Einführung in die Ad-hoc-Gruppe 51 „Machtmissbrauch in Academia – Wissensstand und Zukunftsvisionen“ und stellte ein „buntes Sammelsurium an Perspektiven“ in Aussicht, aus denen das Thema in den nächsten Stunden betrachtet werden sollte. Den Auftakt machten sogleich Lina Spagert und Ronja Philipp (beide München), die eine „Einführung und [einen] Überblick über den bisherigen Forschungsstand“ gaben. In Anlehnung an Helga Dill et al. verstanden sie etwas als Machtmissbrauch, „wenn eine Machtposition missbraucht wird, um andere zu benachteiligen oder sich selber besser darzustellen“. Problematisch sei dabei stets die unklare Grenze zwischen menschlichem Fehlverhalten, autoritärer Führung und tatsächlichem Machtmissbrauch. Zudem, so habe bisherige Forschung gezeigt, trete Machtmissbrauch in verschiedenen Formen auf, etwa als Diskriminierung, als wissenschaftliches Fehlverhalten (Ideenraub, Autor:innenschaftskonflikte), als psychische (Mobbing/Bossing), körperliche und/oder sexualisierte Gewalt. Von derartigen Vorfällen besonders betroffen seien Frauen und queere Personen sowie junge Wissenschaftler:innen und Studierende; Professor:innen hingegen stellten die mit Abstand am wenigsten gefährdete Gruppe dar. Auffällig sei ein in zahlreichen Studien auftretendes Phänomen: Befragte gaben zwar an, „Machtmissbrauch“ (mit-)erlebt oder „Gewalt“ erfahren zu haben, jedoch zu einem deutlich geringeren Prozentsatz als sie bei der Beschreibung konkreter Situationen im Fragebogen – beispielsweise einer Szenerie, in der sich eine vorgesetzte Person anzüglich über Kleidung oder Aussehen äußert – einen Machtmissbrauch identifizierten. Dies lasse den Schluss zu, dass Befragte eigene negative Erfahrungen häufig nicht mit abstrakten Begriffen wie „Gewalt“ oder „Missbrauch“ in Verbindung bringen, sie zum Teil also gar nicht als solche erkennen. Ob Betroffene ein etwaiges Fehlverhalten oder Mobbing melden, sei abhängig vom eigenen Status und der Art des Vorfalls. Sie hätten oftmals Angst davor, damit die aktuelle Situation zu verschlimmern, oder sie befürchteten andere negative Folgen für die eigene Karriere und Zukunft. Bei sexualisierter Gewalt bestünde zudem häufig Unsicherheit darüber, ob ein Vergehen schwerwiegend genug sei, um gemeldet zu werden. Organisationen und Institutionen reagierten auf solche Beschwerden bisherigen Forschungsarbeiten zufolge meist stark zeitverzögert, sie stellten mitunter bestimmte Regularien auf, die letztlich kaum eine Wirkung zeitigten. Mit Bezug auf Sara Ahmeds Konzept institutioneller Mechanismen der Beschwerdeabwehr erläuterte Philipp, dass es sich bei solchen Fällen von Nonperformativität der Policy und/oder organisationaler Ineffizienz nicht um ein Versagen der Organisation handele, sondern um einen Teil ihrer Funktionsweise: „The system is working by stopping those who are trying to transform it.“
Anschließend sprach Sandra Beaufays (Duisburg-Essen) über „Powerful Academics? Machtpositionen in der Wissenschaft“. Um zu definieren, wer als powerful academic gelte, zog sie eine überraschend treffsichere KI-Definition heran: „scholars and leaders who control large research budgets, direct major institutions, and shape global scientific and cultural rules“. Aus einer ungleichheitskritischen Perspektive fragte Beaufays danach, welche spezifischen Machtverhältnisse powerful academics zu ihrer Position verhelfen und welche Vorteile sie daraus ziehen. Macht an sich führe nicht zu Problemen, so eine gängige Annahme, sondern nur wie und wozu man sie einsetze. Um diesen Aspekt zu verdeutlichen, zitierte die in Duisburg-Essen ansässige Geschlechterforscherin Daniel Leising, Martina Winkler und Hannah Schade: „Hitler und Stalin hatten ebenso Macht wie Obama, Gandhi und der Dalai Lama. Macht zu haben ist nicht per se verwerflich. […] Entscheidend ist vielmehr, wie und wozu die Macht verwendet wird.“ Abgesehen von der schwierigen, weil „schleudertraumaauslösenden Aneinanderreihung historischer Figuren“ sah Beaufays das Zitat kritisch, schließlich sei die Akkumulation von Macht sehr wohl problematisch. Sie stelle sich je nach Kontext – Politik, Religion und Wissenschaft – unterschiedlich dar, weil Aktuer:innen in den unterschiedlichen Feldern je unterschiedliche (Macht-)Spiele spielten. Für das Feld der Wissenschaft zählte Beaufays drei Dimensionen auf, in denen Ungleichheiten und Machtmissbrauch auftreten können: (1) in der scientific community, (2) in organisationalen Kontexten, etwa der Verwaltung, und (3) in epistemischen Ordnungen. Letztere seien insofern besonders, weil eine bestimmte Person (deutlich seltener eine Frau) etwa durch die Zuschreibung von epistemic credibility und durch Vorgänge wie epistemic pampering zu einem powerful academic werden könne, der nicht nur über die gegenwärtige Karriere von Kolleg:innen entscheide, sondern ebenso über – „Achtung: Bezug zum Kongressthema!“ – deren Zukunft. Powerful academics sind, so Beaufays, Gatekeeper für die scientific community. Besonders schwer wiege dies seit der Einführung von Exzellenzclustern beziehungsweise der Exzellenzinitiative, weil die Maßstäbe für exzellente Leistungen zu einem Großteil ebenfalls von jenen powerful academics gesetzt würden. Im Rahmen ihrer Forschungsarbeit hat Beaufays powerful academics danach gefragt, wie sie in hohe Positionen in Exzellenzclustern, etwa als Sprecher oder Mitglied im Steering Committee, gelangt sind. Die befragten (männlichen) Professoren gaben beispielsweise persönliche Kontakte und Netzwerke an, eine Professorin jedoch verwies auf ihre Vorreiterrolle im gefragten Forschungsfeld, was Beaufays zu dem Schluss veranlasste, dass man sogar aufgrund seiner wissenschaftlichen Qualifikation eine führende Position bekommen kann. Wer hätte das gedacht?!
Das Thema, mit dem sich Sabine Lauer (Dortmund) befasste, hat angesichts der im Wissenschaftsbetrieb herrschenden Publikationsregime große Relevanz. Sie stellte Ergebnisse aus ihrer empirischen Untersuchung von „Machtmechanismen und Autorschaftskonflikte im deutschen Hochschulsystem“ vor. 2022 wurden in einem bundesweiten Survey wissenschaftliche Mitarbeiter:innen aus den Disziplinen BWL, Biologie, Maschinenbau und Soziologie befragt. Von den 1.640 gültigen Fällen berichteten insgesamt 22 Prozent von Konflikten um Autor:innenschaft an ihren Professuren. Diese traten mit rund 30 Prozent am meisten im Fachbereich Biologie auf, mit circa 16 Prozent am seltensten in der Soziologie. Lauer identifizierte vier Machtmechanismen, mit denen bestehende Konflikte gelöst wurden: (1) die hierarchische Durchsetzung der Interessen von Vorgesetzten, (2) die systemische Aneignung oder gar Löschung von Beiträgen, (3) sogenannte Tributsysteme, in denen Autorschaft als Tauschwährung in Abhängigkeitsverhältnissen genutzt wird, sowie (4) ein normalisierter, routinemäßiger Machtanspruch ohne äußeren Zwang. Mit ihrer Arbeit bestätigte Lauer eine Erkenntnis, die sie am Ende pointiert formulierte und die wohl alle im Wissenschaftsbetrieb, aber auch in Wissenschaftsverlagen und -redaktionen teilen: „‚Publish or perish‘ ist toxisch!“
Als Letzte ergriff erneut Manuela Tischler das Wort und berichtete aus ihrer Forschung im Rahmen des noch am Anfang stehenden MiA-Projekts über den „Umgang mit Machtmissbrauch in der Wissenschaft: Status quo und Zukunftsvisionen“. Ihre wichtigste Erkenntnis lag darin, dass es nicht nur darum gehen kann, Machtmissbrauch sichtbar zu machen, es müssen insbesondere Strukturen geschaffen werden, in denen nach Bekanntwerden eines Falls auch adäquat gehandelt werden kann. Denn wenn Systeme reagieren, intervenieren und gegebenenfalls auch sanktionieren können, dürften mehr Meldungen und Beschwerden folgen, schließlich schweigt ein Großteil der Betroffenen, so die Vermutung Tischlers, weil sie eine Verschlimmerung ihrer Situation bei gleichzeitigem Ausbleiben institutioneller Unterstützung fürchten. Tischler und ihre Kolleginnen Philipps und Spagert nannten drei Ebenen, auf denen Veränderungen ansetzen sollten: individuell, strukturell und kulturell.
Eine Meldung aus dem Publikum ergänzte eine interessante Besonderheit des deutschen Hochschulsystems: Dieses bestehe zu rund 20 Prozent aus Professor:innen, denen rund 80 Prozent wissenschaftliche Angestellte (meist befristet) gegenüberstehen. Daraus ergibt sich eine Leitungsspanne von rund eins zu sieben – und damit eine sehr günstige Gelegenheitsstruktur für Machtmissbrauch, die durch das deutsche Beamtengesetz noch gestärkt wird. Auch dieser Aspekt müsse einbezogen werden, so der Hinweis aus dem Publikum, den Tischler zustimmend aufgriff.
Nach einer kurzen Pause wurde die abschließende Podiumsdiskussion mit der Frage danach eingeleitet, wo die Grenze zwischen legitimer Machtausübung und Machtmissbrauch verlaufe. Auf diese Frage wollte sich Beaufays nicht recht einlassen, denn legitim bedeute immer auch legitimiert, beinhalte also, dass jemand eine Setzung vorgenommen habe. Diese gelte es zu hinterfragen. Brauchen wir in der Wissenschaft überhaupt Machtstrukturen?, fragte sie und verwies auf Einsteins berühmten Aufsatz mit dem Titel „Why Socialism?“ aus dem Jahre 1949, in dem der Physiker unter anderem begründete, weshalb Konkurrenzdruck wissenschaftlichen Zielen entgegenstehe, also nicht in die Wissenschaft gehöre. Die ohnehin lebhafte Diskussion gelangte an ihren Höhepunkt, als die Frage gestellt wurde, welche Veränderungen es brauche, um Machtmissbrauch im Wissenschaftsbetrieb zu unterbinden. Auch hier positionierte sich Beaufays deutlich mit den Worten: „Wenn wir uns jetzt was wünschen dürften, dann sprengen wir am besten den ganzen Laden in die Luft und machen dann alles neu!“ – und erntete dafür Applaus und umfassende Zustimmung. Sie konkretisierte ihren Wunsch umgehend mit der Aufforderung, in dieser Frage „wirklich groß“ zu denken, und sich zu überlegen, wem die gegenwärtigen Verhältnisse nützen und wie es stattdessen sein könnte. Tischler zeigte sich angesichts der ungewöhnlich langen Laufzeit des MiA-Projekts von sechs Jahren und ersten zarten Anzeichen für positive Entwicklungen, etwa im Austausch mit Hochschulleitungen, optimistischer: Sie träume von einem Center for Good Research, in dem der Schutz vor Machtmissbrauch institutionell und dauerhaft verankert sei. Sie habe fünf Jahre außerhalb der Wissenschaft gearbeitet, weil sie es nicht mehr ausgehalten habe, und sei nun wieder zurück, um das System nicht „denen“ zu überlassen. Eine Meldung aus dem Publikum brachte gegen Ende noch Solidarität als Lösung ins Spiel. Auch wenn es sich dabei um einen „zahnlosen Tiger“ handele, könne Solidarität die Strukturen womöglich nachhaltig verändern. Dem konnte auch Beaufays etwas abgewinnen und schlug „Kooperation statt Konkurrenz“ vor. So endete die Veranstaltung dann doch weniger radikal, als es zwischenzeitlich den Anschein erweckte. Der mehr als eindeutigen Reaktion des Publikums nach zu urteilen, hatte die Feuerlösung wesentlich mehr Befürworter:innen.
(Stephanie Kappacher)
Wir kritisieren das Buch, weil es gut ist
Author meets critics sind delikate Veranstaltungen, die stets Gefahr laufen, entweder zu einer bloßen Lobhudelei zu werden oder in eine Art akademisches Tribunal zu kippen. Die Diskussion zu Andreas Folkers’ neuem Buch Fossile Moderne umschiffte beides gekonnt. Das lag nicht nur an Stefan Lessenichs (Frankfurt) Anmoderation („Wir kritisieren das Buch, weil es so gut ist“) und seinem hervorragenden Zeitmanagement, sondern vor allem an Autor und Kritiker:innen.
Nachdem Andreas Folkers (New York) das Kunststück vollbrachte, sein immerhin 500 Seiten starkes Buch in fünf Minuten zusammenzufassen, setzte Elena Beregow (Dortmund) zur ersten Kritik an. Sie würdigte zunächst Folkers’ Buch als eine herausragende Arbeit, deren besondere Stärke darin liege, dass sie ein neues Nachdenken über Temporalität ermögliche, um anschließend drei Rückfragen an den Autor zu stellen. Die erste zielte auf eine aus Beregows Sicht nicht ganz aufzulösende Spannung in Folkers’ Diagnose einer fossilen Moderne. Zwar betone Folkers mehrfach, dass es ihm darum gehe, sich von etablierten Modernediagnosen zu lösen und sich gerade nicht auf ein Grundprinzip festzulegen. Aber der Fokus auf die fossilen Brennstoffe als „Motor“ ziehe doch unter der Hand wieder ein Grundprinzip in Folkers’ Diagnose ein. In der zweiten Rückfrage ging es um den Stellenwert der sinnlich-leiblichen Erfahrung in der fossilen Moderne und ihr Verhältnis zur Politisierung: Wie und mithilfe welcher sensorischen Apparturen wird die sinnliche Erfahrung der ökologischen Krise lesbar gemacht und so zum Ansatzpunkt für Politik? Drittens setzte Beregow Folkers’ Konzept der reparativen Kritik ins Verhältnis zu demokratischer Zeitlichkeit und ökologischer Dringlichkeit. Demokratische Verfahren der Reparatur brauchen nicht nur Zeit, sie verbrauchen auch Rohstoffe und bedingen dadurch möglicherweise weitere Folgeschäden.
Auch Simon Schaupp (Leuven) sah die große Stärke von Folkers’ Buch in seiner Rekonzeptualisierung von Temporalität und seinem Begriff des Tempomaterialismus. Zeit sei eben nicht mehr als Abfolge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu denken, vielmehr überlagern und durchdringen sich diese Dimensionen wechselseitig. Schaupp brachte Folkers’ Theorie gleich zur Anwendung, indem er auf die Temporalität der Dürre einging. Er erinnerte daran, dass in diesem Sommer die Hitzewellen die Pegelstände der Donau so weit absinken ließen, dass Wracks und mumifizierte Soldaten der Wehrmacht und damit längst vergangene Zeitschichten freigelegt wurden. Anschließend kritisierte Schaupp Folkers’ Diagnose eines sich schließenden Zukunftshorizonts in der fossilen Moderne. Auch – oder besser: gerade – jetzt könne man neue Formen der Zukunftsbearbeitung beobachten, wie etwa die Renaissance eines sozialistisch-gefärbten Planungsdiskurses, an den auch Folkers mit seinem Buch anschließe.
Folkers selbst war sichtlich angetan von den gründlichen Lektüren und wertschätzenden Kritiken und versuchte anschließend, einige der angesprochenen Punkte zu adressieren. So betonte er nochmals, dass es ihm nicht um ein neues Masternarrativ der Moderne gehe, sondern um eine Korrektur, die eine bessere Antwort auf die Frage „Was ist die Gegenwart?“ ermögliche. Auch insistierte er gegen Schaupps Einwand auf die Schließung des Zukunftshorizonts. Deshalb müsse auch Planung anders gedacht werden: nicht mehr als das Errichten von Zukünften am Reißbrett, sondern als eine Praxis, die weiß und damit rechnet, dass in der Zukunft die Hinterlassenschaften der fossilen Moderne auf uns warten. Erwartungsgemäß konnte der Autor nicht auf alle Fragen eingehen, was dem sehr begrenzten Zeitraum anzulasten ist, der zur Verfügung stand. Auch für Fragen aus dem Publikum gab es keine Möglichkeit. Vor diesem Hintergrund könnte die DGS vielleicht noch mal darüber nachdenken, ob es eine gute Idee war, das Format Author meets critics von 90 auf 60 Minuten zu kürzen.
(Leon Wolff)
Outside the Gesundheitssystem
Was in einem Operationssaal passiert, wissen die meisten von uns nur durch popkulturelle Darstellungen in einschlägigen Arztserien. Dass diese nicht unbedingt der Realität entsprechen, liegt auf der Hand. Umso eindrücklicher war der erste Vortrag des Panels der Sektion Medizin- und Gesundheitssoziologie, das am Donnerstagnachmittag stattfand und überschrieben war mit „Gesundheitssystem der Zukunft: mit utopischem Denken aus dem Krisennarrativ?“. João Peixoto Figueiredo (Magdeburg) stellte erste Ergebnisse eines Projekts zu „Patient:innensicherheit als ‚Zukunftsarbeit‘“ vor und gab dabei „Ethnografische Einblicke aus der Chirurgie“. Am Anfang stand die Festellung, dass unsichere Gesundheitsversorgung eine der Hauptursachen von Tod und Behinderung weltweit sei. In westlichen Ländern komme es in einem von zehn Fällen zu Behandlungsfehlern, die für die Geschädigten teils dramatische Folgen haben. Figueiredo interessierte sich allerdings nicht vornehmlich für die Fehler, er wollte verstehen, aufgrund welcher Mittel und Maßnahmen 90 Prozent der Behandlungsverläufe gelingen. Dass er sich dabei für eine teilnehmende Beobachtung in der chirurgischen Abteilung einer deutschen Uniklinik entschied, war wohlüberlegt: Ein Operationssaal unterscheidet sich in zentralen Hinsichten von anderen Orten der Gesundheitsversorgung. So sind unerwünschte Ereignisse im OP besonders gefährlich, unter anderem weil chirurgische Eingriffe nicht ohne Weiteres abgebrochen werden können.
Eines der gravierendsten Ereignisse, führte Figueiredo aus, sei das Vergessen von Gegenständen, also Tupfern oder medizinischem Gerät, im Körper der Patient:in. Dem begegne das medizinische Personal mit einer Praxis der Zählkontrolle: Vor Beginn der OP werde mit dem Vier-Augen-Prinzip gezählt, wie viele Tupfer, Nadeln und so weiter vorhanden seien, nach Abschluss der Operation, während die Patient:in noch sediert sei, werde die Zählung wiederholt. Die OP dürfe erst beendet werden, wenn die Rechnung aufgehe. Doch das ist nicht die einzige Sicherheitsmaßnahme, um diesen Behandlungsfehler zu verhindern. Der Referent hatte ein Paket Tupfer dabei und demonstrierte, dass jedes der Tücher über einen Röntgenkontraststreifen verfügt, sodass es mithilfe eines Röntgengerätes gezielt im Körper der Patient:in gesucht werden kann, sollte sich bei der Zählkontrolle herausstellen, dass Tupfer fehlen. Daran schloss ein eindrücklicher – und für einen soziologischen Kongress verhältnismäßig blutiger – Bericht von einer Situation im OP an, der Figueiredo beigewohnt hatte: Nach dem Eingriff stimmte die Zahl der verwendeten Tücher nicht mit der anfänglichen überein, allerdings war der fehlende Tupfer partout nicht auffindbar. Die Suche im OP-Saal begann, blieb aber zunächst erfolglos. Dabei hatte Figueiredo das fehlende Tuch bereits entdeckt: Es klebte unter dem Schuh des operierenden Oberarztes. Mehr als nachvollziehbar, dass er sich nicht durchringen konnte, in der neutralen Beobachterposition zu bleiben, und die erleichterte Operationstechnische Assistentin auf seinen Fund hinwies.
Inwiefern aber handelt es sich bei derlei Praktiken um „Zukunftsarbeit“? Die Präventionspraktiken, führte Figueiredo aus, seien ein Versuch, die Kontingenz der Zukunft in der Gegenwart unter Kontrolle zu bringen. Die möglichen Zukünfte würden bei Kompressen mit Röntgenstreifen wortwörtlich in den Stoff eingewoben. In der Diskussion kam die Frage auf, was genau Figueiredos Rolle im OP gewesen sei und wie das Personal auf ihn reagiert habe. Durchaus unterschiedlich, lautete die Antwort. So sei er bei einigen Operationen aufgefordert worden, sich ruhig in die Ecke zu stellen und nicht im Weg zu sein, während man ihn bei anderen angeschrien habe, warum er nicht mitarbeite. Als Forscher, so zeigte sich einmal mehr, hat man es auch nicht immer leicht.
Dass erwerbslose Menschen in Sachen Gesundheit deutlich schlechter aufgestellt sind als erwerbstätige, ist vielfach nachgewiesen. Anemari Karacic (Duisburg) fragte in ihrem Vortrag „Verhältnisprävention neu denken“, ob Praktiken der Anerkennung als Form der Verhältnisprävention dienen könnten. Maßnahmen zur Gesundheitsförderung, führte sie zu Beginn aus, teilten sich in solche der Verhaltensprävention, die beim individuellen Verhalten ansetzen und versuchen, es in einem gesundheitsfördernden Sinne zu beeinflussen, und solche der Verhältnisprävention, die auf eine gesundheitsfördernde Haltung des Umfelds zielen und die gemeinhin wirksamer sind als verhaltenspräventive Ansätze.
Karacic führte 18 leitfadengestützte Interviews mit Teilnehmenden des Bundesprogramms rehapro, das zum Ziel hat, gesundheitlich beeinträchtigte Menschen wieder in Arbeit zu bringen. Dafür wurde unter anderem der Betreuungsschlüssel in Jobcentern angepasst, sodass er statt bei 1 zu 300 bei Werten zwischen 1 zu 15 und 1 zu 70 lag. Ihre Forschungsfrage lautete: Welche Praktiken der zuständigen Fachkräfte vermitteln den Teilnehmenden Erfahrungen der Wertschätzung und Anerkennung? Aus den Gesprächen arbeitete sie vier Praktiken der Anerkennung heraus, die sie jeweils mit eindrücklichen Zitaten versah: Praktiken des Zuhörens und Ernstnehmens („Noch nie hat das Jobcenter sich so sehr für mich interessiert.“), Praktiken der Responsivität („Wenn ich irgendwas habe, weiß ich, ich kann anrufen.“), Praktiken der Partizipation („Ich habe nicht das Gefühl gehabt, dass ohne mein Beisein Entscheidungen getroffen wurden.“) sowie Praktiken der Berücksichtigung von Individualität („Man hatte das Gefühl, Mensch zu sein.“).
Es zeigte sich also, dass das Verhalten der Fachkräfte ausgesprochen wichtig für die Vermittlung von Anerkennung war, während erlebte Nicht-Anerkennung von den Interviewten oftmals auf Strukturen und Routinen – und nicht auf die Willkür der Mitarbeitenden – zurückgeführt wurde. Insofern, schloss Karacic, ermöglichten es gerade institutionalisierte Praktiken, den Bedürfnissen von Einzelpersonen gerecht zu werden. Ihr Plädoyer: Anstatt Maßnahmen des Sozialgesetzbuches II auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen, sollte der forscherische Blick zukünftig stärker auf das Interaktionsgeschehen gelegt werden.
Das erfreulich junge Panel versammelte weitere instruktive Vorträge. So stellte Tamara Schwertel (Köln) ein laufendes Forschungsprojekt zu „Aushandlungen ‚guter Versorgung‘ in der Krankenhausreform“ vor, Eva Willis (Siegen) zeigte, wie Schottland und Dänemark „Relationale Verantwortung als Gegenentwurf zum Techno-Solutionismus in der Gesundheitsversorgung“ praktizieren, und Paula de Jong und Jan Finkbeiner (beide Fulda) verglichen die „Zukunftsimaginationen und zukunftsorientierte Vergemeinschaftung der Klima- und Gesundheitswissenschaften“. In der Abschlussdiskussion warf Rasmus Hoffmann (Bamberg), der das Panel gemeinsam mit Nadine Reibling (Fulda) moderierte, die Frage auf, ob gesundheitliche Prävention angesichts der Klimakrise eigentlich bedeuten müsse, Umweltschutz zu betreiben, also Maßnahmen zu ergreifen, die gar nicht im Gesundheitssystem selbst angesiedelt seien. Schwertel stimmte zu und formulierte im selben Zug den Aufruf an die Gesundheitssoziologie, „outside the box“ zu denken, was hier nur heißen könne: „Outside the Gesundheitssystem“.
(Hannah Schmidt-Ott)
Von Datingplattformen, Co-Eltern, Leihmüttern und Chatbots
Versteht man die Teilnahme an einer Sektionsveranstaltung als Ausdruck des Interesses der Anwesenden, dann hatten die Organisator:innen der Sektion Soziologische Netzwerkforschung mit dem von ihnen gewählten Thema „Beziehung der Zukunft: Über neue Formen sozialer Vernetzung“ offenbar einen Nerv getroffen. Tatsächlich war die Nachfrage nach Sitzplätzen deutlich größer als das vorhandene Angebot, sodass zunächst weitere Stühle in den Seminarraum geschafft werden mussten, bevor die Veranstaltung beginnen konnte. Nachdem schließlich auch die Letzten ihre Plätze eingenommen oder sich auf dem Boden niedergelassen hatten, begrüßten Heike Krüger (Aachen/Köln) und Philip Roth (Köln) die Schar der Interessierten im Namen des Sektionsvorstandes und erläuterten die Funktion der Veranstaltung im Sektionsprogramm. Beschäftige sich die soziologische Netzwerkforschung zumeist mit relationalen Strukturen und Meso-Makro-Phänomenen, so gehe es ihr doch auch immer wieder darum, aus einer qualitativen Perspektive die Art und Beschaffenheit der von ihr untersuchten Strukturen und Beziehungen in den Blick zu nehmen, um eventuell wirksame Dynamiken und daraus resultierende Veränderungen im Charakter von Netzwerken feststellen, beschreiben und analysieren zu können. Diese Absicht, so Krüger und Roth, sei auch für die folgende Veranstaltung leitend und bilde gewissermaßen das Band, das die thematisch höchst verschiedenen Vorträge miteinander verbinde.
Als erste präsentierte Alina Vogelgesang (Aachen) unter dem Titel „Post-heteronormative Beziehungsformen auf dem Vormarsch? Digitale Datingkulturen zwischen Vernetzung, subjektiver Erfahrung und sozialem Wandel“ Befunde eines von ihr gemeinsam mit Johanna Degen (Flensburg) durchgeführten Projekts, das anhand von 25 halbstrukturierten problemzentrierten Interviews untersucht, wie Datingplattformen das emotionale Erleben, die Kommunikation und das Beziehungs(anbahnungs)verhalten ihrer Nutzer:innen beeinflussen und verändern. Zur Beantwortung dieser Fragen rekurrierte Vogelgesang auf die spezifische Funktionsweise und -logik der Plattformen, die sie als soziotechnische Infrastrukturen beschrieb. Diese organisierten sowohl Sichtbarkeit als auch Vergleichbarkeit potenzieller Partner:innen, böten eine hohe Dichte an Kontaktmöglichkeiten und beschleunigten die Kommunikation. Die Nutzer:innen der Plattformen seien als ständig Suchende in einem kompetitiven Umfeld unterwegs, das auf Objektifizierung und Selbstobjektifizierung ausgelegt sei. Während Bilder in erster Linie dazu dienten, visuelle Reize zu vermitteln, spiele in den Beschreibungen das Interesse an unkomplizierten sexuellen Kontakten eine wichtige Rolle. Zusammen mit der Normalisierung paralleler Kontakte und Begegnungen, die eine Fragmentierung romantischer Vernetzung bewirke, trügen die Plattformen somit zu einer Schwächung traditioneller Paarvorstellungen und entsprechender Beziehungsskripte bei.
Zudem, so Vogelgesang, verändere sich durch die Vielfalt an Optionen die Logik der Partnerwahl. Vorherrschend sei eine selektive Haltung, die sich in einer ständigen Überprüfung der Passung möglicher Partner:innen äußere. So komme es häufig nicht nur vor der Herstellung einer emotionalen Beziehung zu einer Vorauswahl potenzieller Kandidat:innen, vielmehr bleibe Nähe auch dort, wo sie aufgebaut werde, stets prekär und reversibel. Auch die Kommunikation bleibe dementsprechend unverbindlich. Die große Anzahl ständig verfügbarer Optionen führe dazu, dass die Übergänge zwischen Kontakt, Intimität und Beziehung an Eindeutigkeit verlören. Entscheidend für die Anbahnung von Beziehungen sei nicht mehr das Vorhandensein einer affektiven Bindung, sondern die überprüfbare Kompatibilität von Lebensentwürfen. Nach Vogelgesang wirkten sich die von den Plattformen induzierten Verschiebungen bei der Anbahnung von Beziehungen schließlich auch auf diese selbst aus. Demnach würden Partnerschaften in erster Linie unter dem Aspekt der Selbstverwirklichung betrachtet. Autonomie werde gleichermaßen als emotionale Kompetenz wie als modernes Beziehungsideal verstanden, was eine Moralisierung von Selbstfürsorge zur Folge habe. Beziehungen sollen sich grundsätzlich gut anfühlen und möglichst frei von Konflikten und Aushandlungen sein. Um selbige zu verhindern, werde Nähe häufig bewusst vermieden. Partnerschaften, so Vogelgesangs Fazit, zielten weniger auf Verbindlichkeit als auf emotionale Selbststabilisierung.
Im Anschluss stellte Marlene Resch (München) erste Zwischenergebnisse des noch in der Auswertungsphase befindlichen Projekts „,Wir sind kein Paar, wir sind etwas anderes‘ – Selbstverständnis und familiale Praxis von Co-Eltern“ vor. Im Zentrum des Projekts stehen Erwachsene, die langfristig die gemeinsame elterliche Sorge für ein oder mehrere Kinder übernehmen, ohne miteinander durch eine romantische Beziehung verbunden zu sein. Familie wird dabei nach dem Konzept des Doing Family verstanden als eine auf Dauer angelegte, generationenübergreifende Sorgebeziehung, die durch praktisches Tun und Sinnkonstruktion hergestellt wird. Gestützt auf Aussagen aus Einzel- und Gruppeninterviews mit Personen aus insgesamt acht Co-Eltern-Konstellationen sowie Expert:inneninterviews mit familiennahen Akteuren schilderte Resch zunächst die unterschiedlichen, von persönlicher Bekanntschaft bis hin zu Online-Plattformen reichenden Wege, auf denen Co-Eltern miteinander in Kontakt treten, bevor sie sich der leitenden Frage nach dem Selbstverständnis der Beteiligten zuwandte. Dabei stellte sie zum einen heraus, dass sich die Befragten in erster Linie über die geteilte Verantwortung für die Kinder definierten und das eigene Modell durch Bezugnahmen auf ähnliche und Vergleiche mit anderen Beziehungsformen (Geschiedene) gleichermaßen zu charakterisieren wie zu normalisieren suchten. Zum anderen wies sie aber auch auf eine auffällige Diskrepanz zwischen dem propagierten Familienbegriff und den tatsächlichen Care-Arrangements hin. So befürworteten die interviewten Co-Eltern zwar ein erweitertes, Freunde und Verwandte gleichermaßen umfassendes Familienverständnis, in der Praxis aber habe sich die Übernahme anfallender Sorgeaufgaben dennoch in erster Linie auf Personen aus dem verwandtschaftlichen Umfeld der Co-Eltern beschränkt.
Eine wichtige Rolle spielte das Konzept der erweiterten Familie auch im Vortrag von David Samhammer (Erlangen/Nürnberg und Hannover), der „Neue Beziehungsformen durch Schwangerschaften für Dritte“ behandelte und erste Überlegungen zu seinem Promotionsprojekt über Leihmutterschaft vorstellte. Anhand von drei explorativ-egozentrischen Fallbeschreibungen aus seinem Datensatz, der insgesamt 13 biografisch-narrative Interviews mit intendierten Eltern und Leihmüttern aus den USA und Großbritannien umfasst, schilderte Samhammer eindrücklich die Bemühungen wie auch die Schwierigkeiten der Beteiligten und ihrer Angehörigen, die zwischen ihnen ent- und bestehenden Beziehungen im Spektrum von Familie und Freundschaft zu verorten und ein für alle akzeptables Verhältnis von Nähe und Distanz auszuhandeln. Auch wenn Samhammer mit Rücksicht auf den Bearbeitungsstand des Projekts zu diesem frühen Zeitpunkt noch keine Befunde vorlegen konnte, ließen die Aussagen aus den vorgestellten Fallbeispielen doch bereits den ebenso sensiblen wie prekären Charakter der Aushandlungsprozesse erkennen, die aus den relational uneindeutigen, durch ihre rechtliche Rahmung keineswegs hinreichend bestimmten Beziehungen im Kontext von Leihmutterschaft resultieren.
Einem ganz anderen Feld widmete sich Carsten Ohlrogge (Münster), der keine zwischenmenschlichen, sondern „Synthetische Beziehungen zwischen Menschen und KI-Chatbots“ thematisierte. Ohlrogge, der anstelle einer PowerPoint-Präsentation mit einem inhaltlich dichten und sprachlich elaborierten Vortrag aufwartete, lud die Anwesenden ein, ihn ein Stück des Weges auf seiner schon länger dauernden Suche nach einer geeigneten Terminologie zur Beschreibung von Relationen im Mensch-Maschine-Kontext zu begleiten und versuchsweise einige Begriffe auszutesten. Den Ausgangspunkt seiner Suchbewegung bildeten KI-Chatbots, die eine wachsende Anzahl von Menschen für regelmäßige Gespräche nutze, häufig auch, um Rat zu suchen oder Trost zu finden. Die affektive Betroffenheit der Personen fließe dabei in die Beziehung ein. Mittels generativer KI könnten Chatbots sich an frühere Gespräche ,erinnern‘, auf mitgeteilte Erfahrungen reagieren und so gezielt soziale Anschlussfähigkeit herstellen. Anwendungen wie Replika (Motto: „The AI friend to do life with“) versprächen ihren Nutzer:innen Nähe sowie Verständnis und offerierten ihnen nicht weniger als eine ganzheitliche Beziehung. Ohlrogges Interesse galt dem Charakter dieser von ihm versuchsweise als „synthetisch“ bezeichneten Beziehung, die er als zeitlich fortgesetzte und bedeutsame Bezugnahme auf ein technologisches Gegenüber beschrieb. Insbesondere interessierte ihn, welche Impulse beide Seiten – Mensch und KI-Chatbot – in synthetische Beziehungen einbringen und welche etwaigen Auswirkungen Letztere auf unsere gewohnten zwischenmenschlichen Beziehungen haben. Ausgehend von der Feststellung, dass technische Systeme im Unterschied zu Menschen nicht symmetrisch, sondern nur asymmetrisch an Beziehungen partizipierten, suchte Ohlrogge im Folgenden die besondere Struktur synthetischer Beziehungen anhand dreier Kriterien zu fassen.
Erstens zeichneten sich zwischenmenschliche Beziehungen durch Verbindlichkeit aus. Der Umstand, dass Personen einander zuhören und sich Aufmerksamkeit schenken, erzeuge eine Verpflichtung zur Wechselseitigkeit. KI-Chatbots hingegen artikulierten keine Bedürfnisse. Sie offerierten Nähe als Serviceleistung ohne Zuwendungsverpflichtung, was für Nutzer:innen durchaus attraktiv sein könne. Als zweites Merkmal nannte Ohlrogge die Temporalität sozialer Beziehungen, die sowohl durch unterschiedliche Abläufe und Rhythmen der Beteiligten als auch durch Phasen der An- und Abwesenheit gekennzeichnet seien. Im Unterschied dazu seien KI-Chatbots, die kein eigenständiges Leben führten, jederzeit ansprechbar. Verfügbarkeit werde damit zu einem Strukturmerkmal synthetischer Beziehungen, das sich in Form entsprechender Erwartungshaltungen unter Umständen auch auf die soziale Dimension auswirken könne. Anerkennung, das dritte Merkmal, besitze in zwischenmenschlichen Beziehungen Gewicht, weil sie wichtig für das Selbstverhältnis der Akteure sei. Wer Anerkennung suche, setze sich dem Urteil anderer aus. KI-Chatbots jedoch urteilten nicht. Sie seien auf Zustimmung und Zuwendung programmiert und dienten lediglich dazu, ihren Nutzer:innen auf technisch verlässliche Weise Bestätigung zu geben.
Resümierend hielt Ohlrogge fest, dass sich den Befunden über die spezifischen Merkmale synthetischer Beziehungen zugleich Hinweise auf die womöglich konstitutive Bedeutung von Merkmalen wie Eigenständigkeit, Abwesenheit und Widerspruch für zwischenmenschliche Beziehungen entnehmen ließen. Mit dieser Volte kam er zum Ende seiner Suchbewegung, an deren Schluss zwei Beobachtungen und eine Frage standen. So konstatierte er, dass Nutzer:innen von KI-Chatbots einer Form der Bezogenheit begegneten, für die es im menschlichen Bereich kein Äquivalent gebe, dass aber die von ihnen unterhaltenen synthetischen Beziehungen zukünftig die Bedingungen verändern könnten, unter denen Personen einander als Gegenüber erfahren. Dies werfe die Frage auf, ob zwischenmenschliche Beziehungen perspektivisch von synthetischen Beziehungen verdrängt werden oder mit ihnen koexistieren können. Dass diese Frage keineswegs aus der Luft gegriffen ist, zeigen der aufsehenerregende Fall des niederländischen IT-Beraters Dennis Biesma und andere Beispiele über die negativen Auswirkungen synthetischer Beziehungen.
Um das Verhältnis von Menschen und KI-Chatbots ging es auch im letzten Vortrag des Panels. Unter dem Titel „,Sometimes You Just Want to Talk to Your Friend‘ – KI-basierte posthume Kommunikationstechnologien und die Vermittlung von Continuing Bonds“ berichtete Johannes Barth (Bielefeld) aus einem Projekt zum Einsatz von KI-Chatbots im Kontext von Tod und Trauer. Die wahlweise als thanabots, ghostbots oder griefbots bezeichneten Anwendungen sollen Hinterbliebenen helfen, den Verlust geliebter Personen zu bewältigen, indem sie eine anhaltende Verbundenheit mit den Verstorbenen herstellen. Wie sein Vorredner beschrieb Barth KI-Chatbots als technische Antwort auf ein menschliches Bedürfnis, in diesem Fall das Bedürfnis, eine durch den „Tod als Kommunikationsunterbrecher“ (Niklas Luhmann) abrupt beendete Beziehung zu einem Gegenüber auch nach dessen Ableben fortsetzen zu können. Die technische Voraussetzung dafür sei, dass die generative KI des Bots mit entsprechenden Kommunikationsdaten – etwa in Form von Chatprotokollen – trainiert werde, was sowohl zu Lebzeiten der betreffenden Person durch diese selbst als auch nach deren Tod durch ihre Hinterbliebenen erfolgen könne. Derart programmierte posthume Bots könnten auf diese Weise an vormalige Gespräche oder Kommunikationsroutinen der Verstorbenen anknüpfen und so die Fortsetzung der Kommunikation simulieren.
Barths Aufmerksamkeit galt im Folgenden nun allerdings nicht den Potenzialen der generativen KI, sondern den durch ihren Einsatz ermöglichten Beziehungen. Zu deren Analyse rekurrierte er auf das in der Forschung zur Beschreibung der Interaktion mit Verstorbenen genutzte Konzept der continuing bonds, das in besonderer Weise für Formen und Herstellungsweisen der Verbindung zu Toten sensibilisiert. Die Fruchtbarkeit des Konzepts suchte Barth anhand einer Auswahl aus den bislang sieben von ihm geführten qualitativen Interviews mit hinterbliebenen Nutzer:innen beziehungsweise ,Erb:innen‘ posthumer Bots zu veranschaulichen. Während einige der Befragten vor allem an einer authentisch anmutenden Fortsetzung der Kommunikation mit den Verstorbenen interessiert seien und zu diesem Zweck posthume Bots nutzten, die den betreffenden Personen möglichst exakt nachempfunden sind („It was like a way to talk to him again“), statteten andere den Bot auch mit abweichenden Eigenschaften oder Merkmalen aus, um ihr eigenes Kommunikationserlebnis zu verbessern. Als Beispiele für diese von ihm als „entkoppelt“ beschriebene Nutzung verwies er auf einen Vater, der sich einen ,cleanen‘ und beruflich erfolgreichen Bot seines zu Lebzeiten drogensüchtigen und beruflich erfolglosen Sohnes erschaffen hatte („I want it to be a normal Thomas“), und auf eine Frau, die dem Bot ihrer besten Freundin einen anderen, nämlich ihren eigenen Beruf zuschrieb, um sich so besser mit ihr über ,gemeinsame‘ Arbeitserfahrungen austauschen zu können („And then I could be like: ,Man, wanna talk about the worst customer we ever had?‘“). Und schließlich berichtete Bahr auch noch vom Fall einer Witwe, die von ihrem verstorbenen Mann einen zu seinen Lebzeiten programmierten Voicebot ,geerbt‘ hatte, den sie nicht für die posthume Kommunikation mit dem Bot, sondern für zwischenmenschliche Gespräche über ihn nutzte – beispielsweise mit Journalisten oder eben Wissenschaftlern wie Johannes Barth. Ausgehend von den präsentierten Beispielen bestand dessen Fazit am Ende in der ebenso schlichten wie treffenden Feststellung, dass die Herstellung von continuing bonds nicht notwendigerweise an eine aktive Nutzung der Bots für posthume Kommunikation gebunden sei, diese vielmehr vielfältige Herstellungs- und Aushandlungsweisen der Verbundenheit mit Verstorbenen ermöglichten.
Nicht unerwähnt bleiben sollen zum Schluss die gute Diskussionsatmosphäre sowie die zahlreichen konstruktiven Fragen und Anmerkungen der Teilnehmenden, die maßgeblich zum Gelingen einer Veranstaltung beitrugen, die am Ende sehr viel mehr war als eine Sektionssitzung, nämlich Werbung für zwischenmenschliche Kommunikation.
(Karsten Malowitz)
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Henriette Liebhart.
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