Stephanie Kappacher, Jens Bisky, Karsten Malowitz | Veranstaltungsbericht |

Mainzer Splitter V: Freitag

Bericht vom 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Mainz


Zwischen Wissenschaft und Literatur

Obwohl es sich beim Schreiben um eine routinierte Praxis mit standardisierten Zeichen handelt, so eröffnete Herbert Kalthoff (Mainz) die von ihm und Elke Wagner (Würzburg) organisierte Ad-hoc-Gruppe 36 „Genre-Grenzen des soziologischen Schreibens“, ist es doch viel mehr als das. Schließlich gehe es nicht nur um die Worte, die am Ende auf dem Papier stünden. Es sei ein Hantieren mit Gedanken, ein „thinking with your fingers“ und ein mühsames Ausprobieren von Ideen. Dabei könnten Worte widersinnig sein, stets sei unklar, wohin der Text uns treibe. Mit Bezug auf Bourdieus Theorie der unbewussten Eigendynamik des Schreibens verwies Kalthoff darauf, dass ein guter Text am Ende nicht nur die Leser:innen, sondern auch seine:n Autor:in überrasche.

Die folgenden Vorträge kreisten um das soziologische Schreiben beziehungsweise um das Verhältnis von Soziologie und Literatur, um Genregrenzen und einen Genremix, der in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten vermehrt zu beobachten ist: die Autosoziobiografie. In solchen Werken bringen Autor:innen ihre persönlichen Erfahrungen mit sozialtheoretischen oder soziologischen Theorien zusammen und verweben diese zu einer Erzählung, meist über den sozialen Aufstieg der Protagonist:innen. Dabei werden literarisches Schreiben und soziologische Analysen kombiniert, Genregrenzen überschritten, verwischt oder gar gesprengt. Kalthoff verwies beispielsweise auf die Arbeiten Annie Ernaux’, die eine „Soziologisierung literarischen Schreibens“ vornähmen, während etwa Didier Eribons Rückkehr nach Reims (2009) oder Édouard Louis’ Die Freiheit einer Frau (2023) die literarische Aufarbeitung eigener Erfahrungen mit soziologischen Aspekten verbänden.

Sina Farzin (Oldenburg) eröffnete die Vortragsrunde und sprach über „Authentische Erfahrung und gegenwartsdiagnostische Generalisierung“. Sie habe sich, so begann Farzin ihren Vortrag, über die Einladung zur Veranstaltung gefreut, weil ihr dies die Gelegenheit gegeben habe, grundsätzlich über das Thema „Genre“ nachzudenken. Den Begriff des Genres beschrieb Farzin als „doppelgesichtig“ – einerseits klassifiziere er Texte, gehe jedoch auch mit einer gewissen Erwartung der Leser:innen an das geschriebene Werk einher. Im Folgenden stellte Farzin das populärste soziologische Genre, die Gegenwartsdiagnose, den nicht minder erfolgreichen Autosoziobiografien gegenüber.

Erstere sei ein erfolgreiches Public-Sociology-Format mit dem Anspruch einer wissenschaftsbasierten Gegenwartsdiagnose der Gesellschaft, weshalb der letztgenannte Begriff typischerweise auch im Titel auftauche. Als Beispiele für Bücher über solche „Bindestrich-Gesellschaften“ nannte Farzin etwa Andreas Reckwitz’ Gesellschaft der Singularitäten (2017), Gerhard Schulzes Die Erlebnisgesellschaft (1992) oder Oliver Nachtweys Die Abstiegsgesellschaft (2016). Vorbild und Orientierungspunkt für derartige Werke sei stets Ulrich Becks Risikogesellschaft, dessen Erscheinen sich jüngst zum 40. Mal jährte. Diese besondere Form der wissenssoziologischen Beschäftigung ist für Farzin ein typisch deutsches Phänomen; sie zeichne sich durch eine objektivierende Sprache aus und beinhalte eine epochale Dramatisierung.

Autosoziobiografien nun verstand Farzin als eine Unterform von Gegenwartsdiagnosen, die in einer Schnittmenge von Wissenschaft/Soziologie und Medien angesiedelt sei. Hier würden – ausgehend von persönlichen Erfahrungen und Lebenssituationen – Schlüsse hinsichtlich gesellschaftlicher Zustände und Entwicklungen gezogen, Selbst- und Gesellschaftsanalyse miteinander verzahnt. Die Autosoziobiografie erreiche durch Mittel wie autobiografische Dramatisierung und subjektivierende Sprache, meist in Form einer Ich-Erzählung, eine besondere (möglicherweise nur suggerierte, dennoch einnehmende) Authentizität. Farzin führte hier das Konzept des Literaturwissenschaftlers Philippe Lejeune an, der Autobiografien als spezifische Konstellation zwischen Leser:in, Text und Autor verstand und diese als „autobiografischen Pakt“ beschrieb. Leser:innen gingen stets von einer Übereinstimmung von Autor:in, Erzähler:in und Protagonost:in aus, verstünden sie als Einheit. Doch könne man sie, so Farzins Hinweis, auch „auseinanderziehen“ – ein Stilmittel, dem sich Autor:innen wie etwa Annie Ernaux oder Édouard Louis in ihren Werken zum Teil bedienten. Darüber hinaus würden Leser:innen mit der Erwartung eines geteilten Erfahrungshorizonts an die Lektüre gehen, sie attestierten der Form das „Wahrheitsversprechen eines referenziellen Weltbezugs“.

Farzin verwies auf eine interessante Leerstelle in der bisherigen Auseinandersetzung mit solchen Texten: deren Rezeption. Da Autor:innen ihre Werke nicht explizit in einem Genre verorten, bleibt dies den Leser:innen überlassen. Die Musik spiele hier, so Farzin, im Autobiografischen und der emotional affizierten Inbezugsetzung und Reflexion eigener Erfahrungen der Leser:innen. Dazu führte sie eindrückliche Laienrezeptionen an: „Dieses Buch ist mir zur Bibel geworden!“ oder „Ich habe erstmals meine eigene soziale Herkunft reflektiert.“ Der autobiografischen Rezeption stellte Farzin eine ethnografische gegenüber, bei der Leser:innen zwar nicht ähnliche Erfahrungen gemacht haben, die Erzählungen jedoch als authentische Inhalte werten und für ihr eigenes Verständnis nutzen („Hätte ich als Westdeutsche früher lesen sollen! Horizonterweiternd!“). Durch diese spezifische Rezeptionskonstellation, so Farzin, entstehe überhaupt erst das Authentische in den Texten. Die Literatursoziologin bedauerte an dieser Stelle die Abwesenheit des im Programm angekündigten Carlos Spoerhase (sein Vortrag musste aufgrund privater Betreuungsaufgaben ausfallen), weil dessen Disziplin, die Literaturwissenschaft, anders auf Texte – insbesondere deren Konstruktionsbedingungen – blicke und ein Austausch darüber vielversprechend sei.

Eine weitere wichtige Erfolgsbedingung von Autosoziobiografien, so ergab die anschließende Diskussion, sei der geteilte Erfahrungsraum einer Generation, hier speziell die breite Aufstiegserfahrung, die viele Leser:innen durch die Bildungsinflation erlebt hätten. Dieser Umstand ermögliche eine hohe Anschlussfähigkeit und eröffne einen großen Resonanzraum.

Anschließend setzte sich Dominik Bartmanski (Berlin) unter dem Titel „Zwischen Interpretationskunst und Existenzwissenschaft“ mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Literatur auseinander. Er nahm die Zuhörenden mit auf einen anspruchsvollen Parforceritt durch verschiedene theoretische Positionen, beispielsweise Kurt Wolffs soziologische Existenzwissenschaft als phänomenologische Hingabe (Hingabe und Begriff, 1968), Sennetts How I Write: Sociology as Literature (2009), Andrew Abbotts Against Narrative: A Preface to Lyrical Sociology (2007) und viele mehr. In seinem Vortrag verstand Bartmanski die Soziologie in Anlehnung an Wolf Lepenies als „dritte Kultur“, die zwischen zwei Polen gefangen sei: Naturwissenschaft und Literatur. Stets wolle die Soziologie die epistemische Autorität der Naturwissenschaft für sich reklamieren, die objektives, wertfreies Wissen generiert. Sie schreibe sich aber genauso das „literarische Anliegen der gelebten Erfahrung“ auf die Fahne, wolle das Flair literarischer Erzählungen – ein Widerspruch, den die Soziologie bislang nicht aufgelöst habe, der sie teils lähme, sie andererseits aber auch „unbequem“ mache, weil sie Genregrenzen infrage stelle und diese überschreite. In der anschließenden Diskussion kamen – wie in anderen Veranstaltungen des diesjährigen Kongresses ebenfalls – die Konkurrenz und die Kämpfe der verschiedenen Paradigmen in den Sozialwissenschaften zur Sprache. Durch die Verwendung bestimmter Termini und Theoriebezüge oute man sich stets indirekt, welchem Lager man angehöre. Dies sei auch beim Schreiben der Fall: Die Art und Weise, wie man seine Texte verfasse, sei Teil des Outings. Die Forderung, diese Lager aufzulösen und Grenzen zu überwinden, stieß, so machte es an diesem Freitagmorgen den Eindruck, auf breite Zustimmung.

Anschließend ging es bei der Germanistin Carolin Rocks (Hamburg) und der Soziologin Elgen Sauerborn (Berlin) um „Emotionen in autosoziobiografischen Texten“. In solchen Erzählungen überlagerten sich zwar zahlreiche unterschiedliche Emotionen, jedoch machten die beiden Scham als zentrale Emotion in Autosoziobiografien aus. Die darin ausgebreiteten Lebensgeschichten liefen üblicherweise nach einem typischen Schema ab: Die Hauptfigur erlebt einen Klassenaufstieg und schämt sich für ihre Herkunft. Weil ihr der Habitus der Ankunftsklasse fehlt, sie die dort üblichen Codes nicht kennt, flammt die Emotion ständig wieder auf. Die ungewohnten Erfahrungen in der neuen Welt lassen die Hauptfigur zudem noch mal anders auf die eigene Vergangenheit und Herkunft blicken, was wiederum neue Scham erzeugt. Dass Scham über die eigene Herkunft trotz eines gesellschaftlichen Wandels auch heute noch derart dominant ist, erklärten Sauerborn und Rocks mit dem Begriff des Emotionsrepertoires. Dieses bestimme, welche Emotion als sozial anerkanntes Fühlen in bestimmten Situationen gelte. Darin zeige sich auch der normative Charakter von Scham, quasi eine „gebotene“ Scham, die keine andere Emotion zulasse. Wie Scham literarisch hergestellt wird, erläuterten die beiden beispielsweise anhand von Daniela Dröschers Zeige deine Klasse (2018), die Scham als Folie der Selbstbeobachtung verwende, oder Christian Barons Ein Mann seiner Klasse (2020). In den letzten Jahren beobachteten Sauerborn und Rocks einen neuen Trend, nämlich Publikationen, in denen die Hauptfiguren sich für ihre Mütter schämen, etwa Édouard Louis’ Die Freiheit einer Frau (2023), Daniela Dröschers Lügen über meine Mutter (2024) oder Königin der Nacht von Lukas Bärfuss (2026). All die genannten Bücher seien an keiner Stelle explizit soziologisch, ihr gesellschaftlicher Gehalt jedoch unbestritten hoch, so die beiden Vortragenden. Wer wollte dem widersprechen? 

(Stephanie Kappacher)


Tschüss, Mainz! (© Stephanie Kappacher)

Zukunft im Film

Was immer die Zukunft bringen mag, vieles von dem, was da kommt, dürften wir im Kino oder an heimischen Bildschirmen schon gesehen haben. Seit George Méliès 1902 Die Reise zum Mond drehte, gehören mögliche Welten und Zukünfte, ob ersehnt oder gefürchtet, zu den klassischen Film-Sujets. Wie es heute damit steht, inwiefern sich „Filmische Dystopien und Utopien als Gegenwartsdiagnosen“ verstehen lassen, wurde am Freitagvormittag in der Ad-hoc-Gruppe 32 gefragt, die Carsten Heinze (Hamburg) und Jan Weckwerth (Göttingen) organisiert hatten.

Anja Peltzer (Gießen) stellte mit The Beast (2023) einen Film vor, in dem Zeitlichkeit und Bedingungen der Bildentstehung zum Thema werden. Der Regisseur Bertrand Bonello habe, so Peltzer, in seiner Adaption der Henry-James-Erzählung The Beast in the Jungle die Verschränkung einer rückwärtsgewandten Zukunft und einer vorwärtsgewandten Vergangenheit inszeniert. Drei Zeitebenen lassen sich unterscheiden. Im Paris des Jahres 2044 entschließt sich die Hauptfigur Gabrielle Monnier, ihre DNA nach den Anweisungen einer KI reinigen zu lassen. Ihre Emotionen müssen eliminiert werden, wenn sie einen besseren Job bekommen will. Monniers Erinnerungen führen zurück ins Jahr 1910, kurz vor dem großen, historisch verbürgten Seine-Hochwasser. Damals war Gabrielle mit einem Puppenfabrikanten verheiratet. Im Jahr 2014 arbeitet sie in Los Angeles. Der Film arbeitet nicht mit konventionellen Rückblenden, vielmehr gehen die Zeitebenen fließend ineinander über.

The Beast beginnt mit einer Green-Screen-Szene. Gabrielle steht vor grünem Hintergrund und tut, was ihr der Regisseur aus dem Off sagt: Sie geht in die Mitte, streicht ihre Haare nach hinten, schaut nach links, findet ein Messer, bekommt Angst, ergreift es, um sich gegen eine Bedrohung zu wehren. Diese Eröffnungsszene entzaubere die Inszenierung, zeige einen Raum ohne Welt, so Peltzer. Und sie kehrt mehrfach wieder: 2014 greift Gabrielle nach dem Messer; 2044 fordert die KI sie dazu auf, sich daran zu erinnern. Katastrophen und Unglück liegen in der Vergangenheit, das ist die „Zeitformel der Reinigung“. Der Schrecken liege im Verlust der Fähigkeit zu fühlen – so das Ergebnis von Peltzers detailversessener, in der Kürze der Zeit kaum vollständig abzuschließender Analyse. In seiner suggestiven, immer auch rätselhaften Inszenierung versuche Bertrand Bonello, Verfestigungen aufzulösen, andere Wahrnehmungen freizusetzen. Es gehe ihm darum, den Zusammenhang der Zeiten, das Überzeitliche anders zu denken.

Knapp und überzeugend deutete Jörn Ahrens (Gießen) die Serie The Walking Dead (2010–2022) mit ihren immerhin elf Staffeln als Erzählung von scheiternden Vergesellschaftungsversuchen. Die Handlung spielt nach einem Ende, nach der Aufhebung von Gesellschaft. Ein Virus hat große Teile der Menschheit ausgemerzt. Die Übriggebliebenen versuchen, erstens zu überleben und zweitens eine neue Gesellschaft aufzubauen, wieder so etwas wie Normalität zu erlangen. Den Zombies als Opponenten komme dabei eine „rein ornamentale Funktion“ zu. Das wirkliche Gegenüber, die tatsächlichen Gegner seien stets die anderen Menschen.

Die Serie zeige eine Heuristik sozialer Interaktionen. Sicherheit stehe dabei notwendig in deren Zentrum, sie werde am besten in autoritären, ja totalitären Zusammenhängen gewährleistet. Unter dem Primat der Selbsterhaltung verlören die Menschen allerdings die Fähigkeit, sich anzupassen. Als Grund des Scheiterns der Versuche, Gesellschaft wiederherzustellen, nannte Ahrens den Verlust von Kultur – Kultur im Sinne von Triebverzicht und normativer Selbstbindung. Statt Kultur herrsche Kult, Kohäsion werde mittels Terrors erzeugt. Zwar entwickle die letzte Staffel eine andere Lösung, doch sei diese wenig überzeugend. Folgt man Ahrens’ Deutung, so spiegelt The Walking Dead aktuelle Ängste um sozialen Zusammenhalt und den Bestand der politischen Ordnung wider, ist in der Tat Gegenwartsdiagnose im dystopischen Gewand.

Gut daran anschließend rekapitulierte Dagmar Hoffmann (Siegen) am Beispiel der Serie Black Mirror (sieben Staffeln seit 2011), wie Zukunftstechnologien Angst vor gesellschaftlicher Desintegration auslösen und zum Symbol werden, diese Sorgen zu adressieren. In der ersten Folge der ersten Staffel, „National Anthem“, wird ein Mitglied der königlichen Familie entführt und soll nur dann freigelassen werden, wenn der Premierminister im Fernsehen live Sex mit einem Schwein hat. Nach anfänglichem Widerstreben stellt die Öffentlichkeit schließlich das Leben der Entführten über die Würde des Politikers. Als er vor laufenden Kameras den Akt mit dem Schwein vollzieht, sind die Einschaltquoten außergewöhnlich hoch – als wäre dies nur ein Film. Die Lust am Spektakel triumphiert über Scham und Mitgefühl. In der Folge „Nosedive“ aus dem Jahr 2016 versucht eine Frau, ihren Bewertungsscore – jede Interaktion wird mithilfe eines Augenimplantats und mobiler Geräte bewertet – zu verbessern, um ein neues Appartement billiger zu bekommen. Gewiss würde es helfen, auf der Hochzeit einer hochangesehenen Freundin als Trauzeugin aufzutreten. Doch auf dem Weg dorthin häufen sich Pannen und Ärgernisse, sie wird immer schlechter bewertet. Ihr Score sinkt und sinkt.

Diese vermeintlichen Zukunftstechnologien sind, so Hoffmann, Technologien der Gegenwart, sie verstärken Instabilitäten und Desintegrationstendenzen. Über die Gründe der vorhergehenden Erosionen erfahren wir in der Serie wenig. Diese wird, so Hoffmann, in Online-Kommentaren zu aktuellen technologischen Entwicklungen gern als Dystopie herangezogen. Black Mirror, heißt es dann, sei eine Warnung, keine Anleitung. Auch diese Ad-Hoc-Gruppe in Mainz zeigte: Die Zukünfte sind nichts, was uns erst bevorsteht, sie sind bereits mitten unter uns.

(Jens Bisky)


Take this, Sozialstrukturanalyse!

Wenige Minuten vor 12 Uhr deutete im großen Kongresszelt noch kaum etwas darauf hin, dass hier gleich die Abschlussveranstaltung des 43. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie stattfinden würde. Abgesehen von der Anwesenheit der DGS-Vorsitzenden Monika Wohlrab-Sahr (Leipzig) war es vor allem die große Anzahl der versammelten studentischen Hilfskräfte, die einen darauf vertrauen ließ, sich nicht in Ort oder Zeit getäuscht zu haben. Und tatsächlich dauerte es dann auch gar nicht mehr lange, bis sich die eben noch verwaisten Stuhlreihen allmählich zu füllen begannen, wenn auch bedauerlicherweise nur zur Hälfte. Offenbar hatten viele der Kongressteilnehmenden an diesem Nachmittag noch dringende Termine. Diejenigen, die sich noch nicht auf den Weg zum Bahnhof gemacht, sondern den Weg ins Kongresszelt gefunden hatten, sollten ihr Kommen nicht bereuen, stand doch mit der Verleihung des DGS-Preises für ein hervorragendes wissenschaftliches Lebenswerk an Karl Ulrich Mayer (Berlin/Yale) ein „weiterer Höhepunkt“ (Wohlrab-Sahr) auf dem Programm.

Abbildung Leeres Kongresszelt
Die kurz vor Veranstaltungsbeginn noch verwaisten Stuhlreihen im Kongresszelt. (© Karsten Malowitz)

Nach einer kurzen Begrüßung durch die DGS-Vorsitzende war es zunächst an Laudatorin Betina Hollstein (Bremen), die wichtigsten Stationen aus der beeindruckenden Vita des Preisträgers vorzustellen, dessen außerordentliche wissenschaftliche Leistungen sie mit der Formulierung „Begründer der Lebensverlaufsforschung“ nur unzureichend beschrieben sah. Geboren am 10. April 1945 in Eybach und aufgewachsen in Ulm, studierte Mayer von 1964 an Soziologie, Philosophie und Germanistik an der Universität Tübingen, wo er unter anderem als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl von Ralf Dahrendorf arbeitete. Ausgestattet mit einem Fulbright-Stipendium ging er 1965 in die Vereinigten Staaten, aus denen er 1967 mit einem an der Fordham University erworbenen Mastertitel zurückkehrte. Anschließend arbeitete Mayer als wissenschaftlicher Assistent bei Wolfgang Zapf, einem der akademischen Shootingstars jener Jahre, an der Frankfurter Goethe-Universität. 1973 wurde er an der Universität Konstanz mit der Arbeit Ungleichheit und Mobilität im sozialen Bewußtsein promoviert, die zwei Jahre später als 24. Band der „Studien zur Sozialwissenschaft“ im Westdeutschen Verlag erschien. Nach einem Wechsel an die Universität Mannheim folgte 1977 die Habilitation Fluktuation und Umschichtung. Von 1979 an wirkte Mayer zunächst als Programmdirektor und bald darauf als Geschäftsführender Direktor am 1974 gegründeten Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA), einer der Vorläuferorganisationen des heutigen GESIS – Leibniz Instituts für Sozialwissenschaften, bevor er 1983 als Direktor an das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB) in Berlin berufen wurde. Einen Schwerpunkt seiner Tätigkeit am MPIB, wo er bis 2005 den Forschungsbereich „Bildung, Arbeit und gesellschaftliche Entwicklung“ leitete, bildete die Analyse von Lebensverläufen auf Basis der von ihm begründeten Deutschen Lebensverlaufsstudie, einer Langzeitstudie, die detaillierte Lebensläufe von über 12.000 Personen verschiedener Geburtsjahrgänge zwischen 1919 und 1971 umfasst. Nach über zwanzig Jahren an der Spitze des MPIB nahm er 2003 einen Ruf an die renommierte Yale University an, wo er als Gründungsdirektor maßgeblichen Anteil am Aufbau des Center for Research on Inequalities and the Life Course (CIQLE) hatte und von 2005 bis 2010 als Chair des Department of Sociology fungierte. 

Neben seiner Forschungstätigkeit war Mayer zudem über viele Jahren hinweg auch wissenschaftspolitisch aktiv, so unter anderem von 1993 bis 1999 als Mitglied des Wissenschaftsrats und von 1996 bis 1999 als Vorsitzender der Wissenschaftlichen Kommission. Er initiierte die Gründung des Max-Planck-Instituts für demografische Entwicklung in Rostock, dessen Gründungskommission er von 1995 bis 1998 leitete, und wirkte von 2001 bis 2003 als Vorsitzender des neugegründeten Rates für Sozial- und Wirtschaftsdaten. Nach seiner Rückkehr aus den USA stand er schließlich von 2010 bis 2014 als erster hauptamtlicher Präsident an der Spitze der Leibniz-Gemeinschaft. 

Nur kurz und der Vollständigkeit halber wies Hollstein darauf hin, dass sich die beeindruckenden Eckdaten von Mayers wissenschaftlicher Biografie um zahlreiche weitere Angaben zu Gastprofessuren, Ehrendoktorwürden und Mitgliedschaften in Akademien und wissenschaftlichen Vereinigungen ergänzen ließen. Auch sah sie davon ab, einzelne Werke aus der nicht weniger als vierzig Bücher umfassenden Liste der Veröffentlichungen des Preisträgers näher vorzustellen. Stattdessen würdigte sie Mayers außerordentliche Verdienste um die Soziologie, indem sie zum Ende ihrer Rede sowohl dessen methodisch-empirische als auch theoretisch-konzeptionellen Leistungen herausstellte. Mit der maßgeblich von ihm entwickelten und vorangetriebenen Lebensverlaufsforschung habe Mayer Teildisziplinen wie die Familiensoziologie, die Bildungs- und Arbeitssoziologie sowie die Ungleichheitsforschung und Sozialstrukturanalyse geradezu „revolutioniert“ und im wahrsten Sinne des Wortes auf eine völlig neue empirische Grundlage gestellt. Hinzu kämen zahlreiche methodische Innovationen im Bereich der Datenanalyse sowie bedeutende theoretische Beiträge zur Ungleichheitsforschung, die sich vorrangig der Frage widmeten, wie Ungleichheiten im Lebensverlauf entstehen, aufrechterhalten und reproduziert werden und welche Rolle Institutionen dabei spielen. 

Und last but not least sei Mayer auch als akademischer Lehrer erfolgreich gewesen, habe er doch zahlreiche Schüler hervorgebracht, von denen etliche heute Lehrstühle innehaben oder mit wichtigen Publikationen hervorgetreten sind. Bezugnehmend auf den Titel des DGS-Kongresses schloss Hollstein ihre Laudatio mit der ebenso unprätentiösen wie zutreffenden Bemerkung, Mayer habe „erheblich dazu beigetragen, unser Fach für die Zukunft zu rüsten“. Das sahen die versammelten Vertreter:innen des Faches genauso und begleiteten die folgende Preisverleihung mit herzlichem und langanhaltendem Applaus.

Abbildung Preisträger Karl Ulrich Mayer und Laudatorin Betina Hollstein
Preisträger Karl Ulrich Mayer und Laudatorin Betina Hollstein. (© Karsten Malowitz)

Ohne Sakko, aber keineswegs hemdsärmelig eröffnete der frischgekürte Preisträger sodann seinen Festvortrag nicht nur mit einem Dank an die DGS, sondern auch an alle Mitforschenden früherer Tage, ohne deren Unterstützung die meisten seiner Arbeiten nicht denkbar gewesen wären. Das Thema von Mayers Vortrag hatte es in sich, bestand es doch genaugenommen aus drei verschiedenen Themen: seinen Anfängen in der Soziologie, der Entfaltung seines Forschungsprogramms und der gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland bis zur Gegenwart. Der Titel „Gesellschaft und Demokratie – 60 Jahre später“ gab dabei bereits einen Hinweis darauf, an welches Werk Mayer dabei anzuknüpfen gedachte, nämlich an Ralf Dahrendorfs klassische Studie Gesellschaft und Demokratie in Deutschland von 1965, die er als „eine, wenn nicht die herausragende Gesamtanalyse der deutschen Nachkriegsgesellschaft“ charakterisierte. Im Anschluss an Dahrendorfs Analyse der sozialen Voraussetzungen einer liberalen Demokratie sowie unter Rekurs auf zahlreiche weitere seither erschienene Studien wollte Mayer eruieren, wie sich die gesellschaftliche Lage in Deutschland seither entwickelt hat, wobei ihn insbesondere die Fragen der sozialen Mobilität und der Bildungschancen interessierte. Damit nicht genug, wollte er seine Ausführungen zugleich verstanden wissen als einen Kommentar zu der zwischen einerseits Armin Nassehi und Irmhild Saake sowie andererseits Stephan Lessenich und Sarah Nies entbrannten Kontroverse über den vermeintlich linken und ungleichheitskritischen Bias der Soziologie. 

Zur Verwirklichung dieses ehrgeizigen Ziels nahm Mayer die Anwesenden mit auf eine Disziplinen wie Jahrzehnte übergreifende Tour de Force durch die Geschichte der Bundesrepublik im Spiegel ihrer sozialwissenschaftlichen Forschung. Ausgehend von den Befunden Dahrendorfs, dessen selbstgetipptes Manuskript von Gesellschaft und Demokratie in Deutschland er als studentische Hilfskraft zu fotokopieren hatte, verglich Mayer im Folgenden die Ergebnisse zahlreicher Erhebungen zu sozialer Mobilität und Aufstiegsmöglichkeiten, referierte Analysen zu Bildungsteilhabe und Bildungschancen, präsentierte Studien zu Berufseintritt und Statusverläufen oder rekurrierte auf Untersuchungen zur subjektiven Wahrnehmung und Bewertung sozialer Ungleichheit. Zur Veranschaulichung wie zur Untermauerung seiner Ausführungen zeigte er Verlaufskurven zum Grad der sozialen Geschlossenheit, erläuterte Diagramme zur intergenerationalen Mobilität mit Migrationshintergrund („Ein Dichtemaß zeigt linksschief ein Überwiegen von Aufstiegen und rechtsschief ein Überwiegen von Abstiegen“) und interpretierte Grafiken zu Berufsstatusverläufen unterschiedlicher Jahrgangskohorten. 

So wie Mayer es im Laufe seines Vortrags nie versäumte, in sich nach Zeit, Region und Geschlecht differenzierte Antworten auf die von ihm jeweils untersuchten Problemzusammenhänge zu geben, so scheute er an dessen Ende auch nicht vor einer resümierenden Einordnung der vorgestellten Befunde zurück. Das Urteil, zu dem er dabei gelangte, war ein zweigeteiltes. Mit Blick auf die in Gesellschaft und Demokratie in Deutschland verhandelte Ausgangsfrage nach den sozialen Bestandsvoraussetzungen einer liberalen Demokratie konstatierte Mayer zunächst, dass sich Dahrendorfs Befürchtungen hinsichtlich blockierter Mobilitätchancen und extremer Bildungsprivilegien nicht bestätigt hätten. Die ausgewerteten sozialwissenschaftlichen Befunde, die tendenziell eine Zunahme sozialer Aufstiege sowie die Ausweitung und Anhebung der Bildungsteilhabe zeigten, lieferten hierfür keine Anhaltspunkte. Allerdings gestand er zu, dass die mit dem Ungleichheitsparadigma verbundene Sorge vor einem Anwachsen potenziell demokratiegefährdender Strukturdefizite damit nicht gänzlich erledigt sei. Zur Begründung verwies er auf die anhaltende „Ungleichheit der Bildungschancen“ und „die sich verschlechternden Bildungskompetenzen“, die vor allem Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien träfen, sowie „Anzeichen steigender sozialer Abstiegsraten“, aus denen einer jüngeren Studie zufolge die Alternative für Deutschland (AfD) Kapital schlagen könnte. 

Wichtiger als dieses Zugeständnis war Mayer indes die zweite seiner abschließenden Thesen. Demnach sei es nach wie vor richtig, von notwendigen gesellschaftlichen Strukturbedingungen liberaler Demokratien auszugehen, nur hätten sich diese mittlerweile merklich verschoben. So bestehe die zentrale Herausforderung der Politik heute in erster Linie nicht mehr in der Schlichtung von Verteilungskonflikten gegensätzlicher Klassenlagen und -interessen, sondern in der Bewältigung jener Probleme, die aus der zunehmenden Alterung der Gesellschaft resultierten, namentlich steigende Kosten für Gesundheit, Pflege und Rente sowie Fachkräftemangel und Zuwanderungsdruck. Auch wenn die von Mayer zum Ende seiner Analyse präsentierten Zukunftsaussichten damit alles andere als rosig waren, quittierte das Publikum, das dem ebenso dichten wie elaborierten Vortrag bis hierhin konzentriert gefolgt war, die ihm erteilte Lehrstunde in soziologischer Analyse jahrgangs- und geschlechterübergreifend mit Standing Ovations.

Abbildung Übergabe des Staffelstabs
Tobias Boll übergibt den Staffelstab an das Organisationsteam aus Leipzig, das den nächsten DGS-Kongress ausrichten wird. (© Karsten Malowitz)

Viel Applaus gab es schließlich auch noch einmal für das Mainzer Orga-Team um Petra Ahrweiler, Tobias Boll, Sascha Dickel und Marc Mölders, das Wohlrab-Sahr im Anschluss an den Festvortrag auf die Bühne bat. Sichtlich bewegt und im Sekundentakt zwischen Ergriffenheit, Erleichterung und Euphorie schwankend, nutzte Boll die ihm zugedachte Zeit, um all den vielen sichtbaren und unsichtbaren Helfer:innen zu danken, die mit ihrem Engagement und Einsatz vor und hinter den Kulissen maßgeblich zum Gelingen des Kongresses beigetragen hatten. Neben den 80 studentischen Helfer:innen („An alle, die sich mal dazu haben hinreißen lassen, über die Arbeitsmoral der Gen Z zu spotten: Take this!“) und den Mitarbeiter:innen der DGS-Geschäftsstelle erwähnte Boll dabei insbesondere das Team des Kongressbüros und dessen Leiterin Gloria Sherif („Der Puls, das Herz, das Hirn, der Mund, das Ohr, das Auge, die Hand dieses Kongresses“). Man musste weder Soziologie noch Psychologie studiert haben, um an der Innigkeit, mit welcher der Dank dargebracht und entgegengenommen wurde, zu merken, dass hier in den vergangenen Monaten eine ganz besondere Bindung entstanden war – und um erahnen zu können, welche gemeinsam überwundenen Hindernisse und Widrigkeiten dem vorausgegangen waren. Das schwante womöglich auch Thomas Schmidt-Lux (Leipzig), als Boll den Staffelstab, der unter nicht vollständig geklärten Umständen aus den Beständen der Universität Duisburg-Essen in seinen Besitz gelangt war, an seinen ,Nachfolger‘ weiterreichte. Fröhlich lächelnd und mit dem Staffelstab winkend lud Schmidt-Lux die Anwesenden zum nächsten DGS-Kongress 2028 nach Leipzig ein. Und doch hatte man in dem Moment das Gefühl, dass ihm gerade zu dämmern begann, welche Mammutaufgabe er und seine Kolleg:innen damit übernommen hatten. Ob dem so war? 2028 in Leipzig werden wir es vielleicht erfahren.

(Karsten Malowitz)

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Henriette Liebhart.

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Stephanie Kappacher

Stephanie Kappacher ist Soziologin. Sie arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung als Redakteurin der Zeitschrift Mittelweg 36 sowie des Internetportals Soziopolis.

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Jens Bisky

Dr. Jens Bisky ist Germanist und arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung als Redakteur der Zeitschrift Mittelweg 36 sowie des Internetportals Soziopolis. (Foto: Bernhardt Link /Farbtonwerk)

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Karsten Malowitz

Karsten Malowitz, Politik- und Sozialwissenschaftler, arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung als Redakteur der Zeitschrift Mittelweg 36 und des Internetportals Soziopolis.

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