Cornelia Schadler | Rezension | 11.06.2026
Queere Reproduktionsarbeit, Normalisierung und Normierung
Rezension zu „Auf dem Weg zur Normalität? LGBTQ+-Familien und ihr Kampf um Anerkennung“ von Julia Teschlade, Mona Motakef und Christine Wimbauer
Dass viele Menschen nicht in einer heterosexuellen Kleinfamilie leben, ist in der breiten Gesellschaft angekommen. Dennoch zeigen Julia Teschlade, Mona Motakef und Christine Wimbauer in Auf dem Weg zur Normalität? eindrücklich, dass die bürgerliche Kleinfamilie bestehend aus cis-geschlechtlichem Vater, cis-geschlechtlicher Mutter und deren Kindern in Deutschland eine Norm bleibt, zu der sich alle in Bezug setzen müssen. In der Einleitung des Buches bezeichnet sich eine Forschungsteilnehmerin selbst als „bunten Hund“ (S. 15). Permanent müsse sie sich erklären, sich als „anders“ outen und immer Rechtfertigungsrhetorik parat haben. Auch auf politisch-juristischer Ebene bleibt der Sonderstatus queerer Familienformen bestehen, Fortschritte lassen auf sich warten. Zugleich werden ambivalente Entwicklungen sichtbar: Neben rechtlicher Anerkennung wie etwa der Öffnung der Ehe bleiben für andere Beziehungsformen und Identitäten Ausschlüsse bestehen, etwa für trans* Eltern oder nicht paarnormative Konstellationen wie Mehrfachbeziehungen (S. 22 ff.). Und, so die Autorinnen, im deutschsprachigen Raum sind wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit Familienkonstellationen jenseits der Norm seltener als im internationalen wissenschaftlichen Diskurs, denn repräsentative Daten fehlen häufig und Diversität wird in Erhebungen oft nicht abgebildet.
Im Fokus des Buches von Teschlade et al. stehen LGBTQ+-Eltern und deren Familienherstellungsprozesse im Alltag (Doing Family) und im figurativen Sinn (Doing Reproduction) (S. 22 ff.). Die empirische Datengrundlage des Bandes bilden Interviews mit diversen in unterschiedlichen Familienformen lebenden Menschen (19 Interviews, 30 Eltern) – von Zweimütter- und Zweiväterfamilien bis hin zu trans* Eltern und Mehrelternkonstellationen, die im Laufe des Buches auch, gut anonymisiert, ausführlich „zu Wort“ kommen (S. 86 ff.). Die Autorinnen verknüpfen dabei den sozialkonstruktivistischen Ansatz des Doing Family mit der Anerkennungstheorie Axel Honneths und der queertheoretischen Normkritik Judith Butlers, um theoretisch Butlers (2002) Frage nach dem „ambivalenten Geschenk“ von politischer und rechtlicher Normalisierung nachzugehen. Der Forschungsfokus der Kolleginnen lautet: Ist diese ‚Normalisierung‘ – gemeint ist die strukturelle Inklusion vielfältiger Beziehungs- und Elternschaftsformen – Voraussetzung oder Preis für die Anerkennung vielfältiger Lebensweisen (S. 69)? Die darin zum Ausdruck kommende Ambivalenz zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch und strukturiert den Blick auf Anerkennungsdefizite und -kämpfe. Genau hier setzt die rekonstruktive Arbeit des Bandes an, in dem die Autorinnen empirische Praktiken der Elternschaft und des Familie-Seins mit diesen theoretischen Rasterungen verbinden.
Doing Reproduction: Elternwerden als langer Aneignungsprozess
Elternwerden passiert in den vorliegenden Familienkonstellationen nicht einfach so, zufällig oder ungeplant (S. 97–135). Elternwerden ist der Prozess, in dem das nicht-heteronormativ-Leben besonders deutlich wird, weil es keine schon selbstverständlichen, erprobten Abläufe gibt. Vielmehr muss jeder Schritt geplant und bewusst gemacht werden. Wer kann Elternschaft überhaupt realisieren, wer nicht? Diese scheinbar einfache Frage ist mit staatlichen Politiken des Kinderkriegens, heteronormativen Vorstellungen und globalen Ungleichheiten verknüpft, die den Zugang zu Gesundheitsversorgung und rechtlicher Absicherung strukturieren. Die im Buch angeführten Fälle sind begleitet von den Fragen: Wie bekommen wir ein Kind? Wer trägt es aus? Wie finanzieren wir das? Leben wir in einer Umgebung, in der wir überhaupt Eltern werden können? Darf ich mich darüber freuen, eine Familie zu haben? Und: Welcher Weg ist nach der Entscheidung gegen eine Adoption und für aufwändige wie schmerzhafte assistierte Reproduktion der „normalere“, um sich nicht noch eine weitere „Abweichung“ anzuheften? All diese Fragen werden in den Falldarstellungen eindrücklich und nachvollziehbar behandelt, während die Fälle gleichzeitig respektvoll und behutsam nachgezeichnet werden (S. 97–135).
Ein zentraler Verdienst der Studie ist die Rekonstruktion des Doing Reproduction, wenn Elternschaft erst als legitimer Lebensentwurf (wieder-)hergestellt werden muss – besonders dort, wo Queerness diskursiv oder rechtlich mit Kinderlosigkeit verschränkt ist (S. 134 ff.). Stets wird herausgearbeitet, wie rechtliche und medizinische Rahmenbedingungen eine heteronormative Ordnung stabilisieren und queere Subjekte zu zusätzlichen Aushandlungen zwingen (etwa der Fall S. 205 ff.). Auch zeitliche Sequenzen sind von Bedeutung: Vor Entscheidungen stehen oftmals mehrphasige Normalisierungspraktiken entlang eines Kontinuums von Verbergen/Unsichtbarkeit zu Offenlegung/Sichtbarkeit, mit kontextspezifischen Strategien, um rechtlich anerkannt und gesellschaftlich sichtbar zu werden (siehe etwa der Fall der trans* Elternschaft ab S. 130 ff.). Um ihre Vorstellungen zu realisieren, müssen Eltern nicht selten Umwege über komplizierte rechtliche Strukturen nehmen, mitunter in anderen Ländern, oder Vorhaben wie Transitionen hinausschieben, um juristisch abgesichert zu sein (siehe die Fallbeispiele auf S. 105 ff. und S. 114 ff.). Auch mit dem neuen Selbstbestimmungsgesetz bleiben Lücken – etwa wenn gebärende Väter fälschlicherweise weiterhin in Geburtsurkunden als „Mütter“ bezeichnet werden (S. 155 ff., 158).
Diese Fallgeschichten vermitteln nicht nur individuelle Entscheidungen, sondern offenbaren die strukturellen Bedingungen, unter denen Familiengründung stattfindet. Sie dokumentieren die Arbeit, die notwendige Vorbereitung, die Koordination mit Institutionen und die rechtliche Absicherung – alles Tätigkeiten, die heterosexuelle Paare kaum reflektieren müssen, weil ihre Elternschaft in scheinbar selbstverständliche Abläufe eingebettet ist. In dieser Perspektive gewinnt der Begriff reproduktive Gerechtigkeit (S. 99) an Schärfe: Er fragt danach, wer unter welchen Bedingungen die Möglichkeit zur Familiengründung sowie den Zugang zu Gesundheitsversorgung und elterlicher Unterstützung erhält und wer davon ausgeschlossen bleibt. Die Studie zeigt diese Ausschlüsse nicht abstrakt, sondern ganz konkret anhand der Erfahrungen der Interviewten, deren Wege in die Elternschaft zugleich zu Fallstudien gesellschaftlicher Normierung werden.
Doing Normality: Diskriminierung zuvorkommen
Die im Buch angeführten Fallbeispiele zeigen sowohl die vielfältigen Diskriminierungsverläufe, denen Betroffene ausgesetzt sind (168 ff.), als auch ihre Versuche, immer wieder aktiv Familie und Normalität herzustellen. Damit wenden sich die Autorinnen gegen die queertheoretische Kritik, dass das Streben nach Normalität eine bloße Reproduktion bürgerlicher Werte sei. Teschlade et al. argumentieren vielmehr, bei Doing Normality handele es sich auch um die bewusste Prävention von Diskriminierung: Ob man sich outet oder nicht, erfordert situatives Abwägen, die Einschätzung von Risiken und Sicherheitsaspekten, die Abschätzung von Folgen in so zahlreichen Kontexten wie auf der Arbeit, in der Schule oder in der Nachbarschaft. Solche Praktiken sind kein passiver „easy way out“ (S. 198), so der Schluss der Autorinnen. Vielmehr sind sie mit Anstrengungen verbunden, weil sie ständige Selbst- und Umweltbeobachtung erfordern (S. 177 ff.). Der für die Nachbarschaft gebackene Kuchen ist eben nicht nur proaktive Freundlichkeit, sondern eine kalkulierte soziale Handlung. Die Autorinnen bezeichnen solche Strategien treffend als „Hypernormalisierung“ (S. 191): Während einige es sich einfach leisten können, murrige, unfreundliche Nachbar:innen zu sein, ist bei queeren Familien die Sorge um die soziale Legitimität der Familie und die Sicherheit der Kinder zu groß (S. 192 ff.).
Aufgaben für die Community zu übernehmen, selbst wenn man kein Interesse daran hat und diese einem nicht liegen, ist Teil des Doing Normality. Die soziale Partizipation fungiert als Schutz, als Bekenntnis zur Normalität, als Risikoabsorption. Doing Normality umfasst auch Investitionen in Respektabilität sowie die Sorge, dass Konflikte oder andere in den meisten Familien auftretende Alltäglichkeiten bei queeren Eltern als Beleg für das Scheitern des gesamten Familienmodells gelesen werden könnten (198 ff.). Denn: Wenn etwas nicht funktioniert, so die Befürchtung, könnte dies von außen nicht nur als ein individuelles Problem gedeutet, sondern mit Konstruktionen von diskriminierenden Stereotypen verbunden zum Scheitern von queeren Familien überhaupt hochstilisiert werden (ebd.).
Anerkennung
Dass Anerkennung ungleich verteilt ist, zeigen die Falldarstellungen des Buches nur allzu deutlich; dennoch bedarf es einer theoretischen Einordnung (S. 198–270). Hierzu wählen die Autorinnen das anerkennungstheoretische Paradigma, dessen Stärke darin liegt, Anerkennungsverhältnisse differenziert zu analysieren und die Verflechtung von Defiziten und Teilerfolgen über den Zeitverlauf und Situationen hinweg sichtbar zu machen. Fehlende wie vorhandene Anerkennung lassen sich nicht einfach gegeneinander aufrechnen. Netzwerke und Chronologien von Anerkennung weben ein Bild, das die Lebensverläufe verständlich macht. In diesem Abschnitt werden Themen der vorangegangenen Kapitel zu Reproduktionsgerechtigkeit, Verteilungsgerechtigkeit usw. erneut aufgegriffen und als (fehlende) Anerkennungsleistungen eingeordnet. Dadurch wird klarer, wie Doing Reproduction und Doing Normality in Kämpfe rund um Anerkennung verstrickt sind, die die im Buch zu Wort kommenden Studienteilnehmer:innen täglich auszutragen haben.
Gleichzeitig arbeitet der Band die Ambivalenz von Anerkennung heraus: Rechtliche Gleichstellung erhöht Sichtbarkeit und schafft Inklusion, bringt aber auch neue Ausschlüsse hervor (S. 209 ff.). Berücksichtigt werden bislang vor allem gleichgeschlechtliche cis-Paare, während Lebensformen jenseits von Paar- und Cisnormativität weiterhin ausgeschlossen bleiben (S. 250 ff.). Teschlade et al. diskutieren diese Ambivalenzen ohne Zynismus: „Normalisierung“ kann sowohl nützlich und funktional sein, zugleich aber auch Normativität untergraben; sie ist weder eindeutig emanzipativ noch eindeutig assimilativ.
Doing Family
Das Buch schließt mit einer hervorragenden Zusammenfassung von Doing Reproduction, Doing Normality und Doing Family, die die Fragen des Buches noch einmal bündelt und herausarbeitet, dass Prozesse der Normalisierung in Ansätzen vorhanden sind, aber in vielen Aspekten tief mit Diskriminierung verbunden bleiben (S. 273 ff.). Um diverse Familienmodelle wirklich anzuerkennen, bedarf es nach Ansicht der Autorinnen einer umfassenden rechtlichen Absicherung aller sowie diskursiver Verschiebungen. Wenn Bezeichnungen für alle neutral sind, könnten Outingprozesse wegfallen, Unterschiede in den Hintergrund treten und Betroffene von der andauernden Rechtfertigung entlastet werden. Im abschließenden Kapitel betonen Teschlade et al., welche Kraft Sprache hat, um Anerkennungsprozesse in Gang zu setzen beziehungsweise zu befördern. Dies wird durch die ausführlichen Falldarstellungen und theoretischen Einordnungen in den vorangegangenen Teilen des Buches noch unterfüttert. So ist es Leser:innen möglich, Familie als Praxis dauerhafter Verantwortungsübernahme und Sorge weiterzudenken.
Fazit
Teschlade, Motakef und Wimbauer gelingt es, die Ambivalenz der aktuellen Anerkennungsordnung präzise freizulegen. Die rechtliche Gleichstellung wird mit Butler als „ambivalentes Geschenk“ gerahmt: Sie schafft Schutzräume, produziert aber gleichzeitig neue Ausschlüsse für jene, die nicht in das paarnormative Raster passen, wie etwa Mehrelternfamilien. Auf dem Weg zur Normalität? ist ein wichtiges Korrektiv zur Erzählung einer linearen sexualpolitischen Erfolgsgeschichte. Es macht deutlich, dass der Kampf um Anerkennung nicht im Gerichtssaal endet, sondern vielmehr im täglichen Aushandeln von Sichtbarkeit und Sicherheit fortgeführt wird – und dass diese Kämpfe angesichts realer Backlashes und Gewalt gegen queeres Leben weiterhin notwendig sind. Für die soziologische Familienforschung liefert der Band unverzichtbare Impulse, um Familie nicht länger als statische Struktur, sondern als eine durch ungleiche Machtverhältnisse geformte Herstellungsleistung zu begreifen.
Das Buch ist all jenen zu empfehlen, die ein tieferes Verständnis für die „gequeerte“ (S. 199) Reproduktionsarbeit gewinnen wollen. Es liefert ausführliche Einblicke in LGBTQIA-Elternschaft und Prozesse des Elternwerdens, die bisher im deutschsprachigen Raum gefehlt haben. Die Vielfalt möglicher Familienkonstellationen wird hier verhältnismäßig selbstverständlich mitgedacht und nicht nur auf eine Familienform fokussiert. Daraus ergibt sich ein umfangreiches Buch, das einerseits Sachverhalte anhand von Fallbeispielen zugänglich macht, andererseits die theoretische Aufarbeitung der Fälle erlaubt. Durch den klaren Aufbau und die zugängliche Schreibweise eignet sich das Buch sowohl für Studierende zur Einführung in das Thema als auch für interessierte Leser:innen außerhalb der Forschungswelt, ohne den wissenschaftlichen Wert der Studie zu untergraben. Ich möchte auch betonen, dass sich das Buch sowohl als ganze Lektüre anbietet, aber auch einzelne Teile sinnvoll zu lesen sind. Der Anspruch, dass einzelne Kapitel aus dem Buch herausgelöst werden können, funktioniert, weil jedes Kapitel in sich stimmig ist und ein klares Ziel verfolgt. Dadurch eignet sich das Buch für die Lehre in verschiedenen Qualifizierungsstufen, vom ersten Semester bis zum Doktorat.
Auf dem Weg zur Normalität? zeichnet sich durch die Kombination aus theoretischer Schärfe und empirischer Nähe aus, die den Band besonders macht: von der Rekonstruktion der mehrphasigen Normalisierungsprozesse hin zu den feinen Linien des Alltags, in denen Diskriminierung antizipiert, abgewehrt, manchmal umgedeutet und mitunter strategisch unsichtbar gemacht wird. Die Autorinnen zeigen, dass Normalisierung nicht Entpolitisierung bedeutet, sondern eine Form von Arbeit ist, die sowohl Schutz als auch Veränderung ermöglicht. Weil die Autorinnen das Doing Family queerer Familien als performative Praxis ernstnehmen, können sie zeigen, wie Letztere normative Erwartungen zugleich nutzen und unterlaufen – und damit stets eine neue Antwort auf die Frage, was Familie ist und sein kann, erforderlich machen.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.
Kategorien: Affekte / Emotionen Diversity Familie / Jugend / Alter Gender Gesellschaft Methoden / Forschung Politik Queer Rassismus / Diskriminierung Recht
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