Ricardo Kaufer | Rezension | 18.01.2022
Raumforschung von unten
Rezension zu „anarchistische geographien“ von germaine f. spoerri und Ferdinand Stenglein (Hg.)
Der Sammelband anarchistische geographien basiert auf einer Kooperation von anarchistischen Aktivist*innen und Forschenden an staatlichen Universitäten, deren gemeinsames Ziel es ist, die anarchistische Perspektive in der Geographie zu stärken. Obwohl sich die Beiträge einer übergreifenden Begriffsbestimmung ebenso verweigern wie der Beantwortung der Frage nach dem Wesen des Anarchismus (und stattdessen wiederholt von „Anarchismen“ sprechen), stellen sie in spannender Detailschärfe gegenwärtige anarchistische und anarcha-feministische Raumprojekte und Perspektiven vor. Anarchistische Geographie muss, so die ebenso erwartbare wie zeitgemäße Zielbestimmung, „ihren Blick auf die Arten und Formen der Unterdrückung“ (Beitrag von Camille & Dominique) sowie auf die anarchistischen und anarcha-feministischen Alternativen zur verstaatlichten Raumproduktion richten. Mit dem expliziten Fokus auf widerständige oder radikale Projekte „von unten“ stellt der vorliegende Sammelband eine für das deutsche Sprachgebiet notwendige Ergänzung der sozialwissenschaftlichen Raumforschung dar. Zugleich fehlt eine detaillierte Gegenüberstellung der zu kritisierenden Geographie und der anarchistischen oder anarcha-feministischen Ansätzen. Eine Ausnahme bildet der Beitrag von Timo Bartholl („Listen, radical geographer!“: Soziale Kämpfe, Anarchismus und Geographie in Bewegung“). Darin skizziert Bartholl die Auseinandersetzungen zwischen Anhänger*innen einer anarchistischen Perspektive in der Geographie, zum Beispiel Simon Springer, und Vertreter*innen einer marxistischen Perspektive, hier David Harvey.
Der anarchistischen Leitidee der kollektiven Wissensproduktion entsprechend, wird der Sammelband durch ein Interview mit den Herausgeber*innen germaine f. spoerri und Ferdinand Stenglein eröffnet. Diese Form der Heranführung an das gemeinsame Buchprojekt und an das kollektive Schreiben hat Charme und zeugt von der Ernsthaftigkeit des Anliegens. Zugleich fordert die Lektüre aufgrund der Zuspitzungen und Übertreibungen der Herausgeber*innen heraus. So deklariert germaine f. spoerri, dass der „Anarchismus nach diesem Verständnis schlicht die privilegienbehaftete Ideologie ist, die überwiegend von weißen, männlich sozialisierten Autor*innen, die sich damit von anderen „-ismen“ abgrenzen, verschriftlicht wird“ (S. 21). Dabei handelt es sich freilich weder um eine ernsthafte Auseinandersetzungen mit dem Anarchismus noch mit aktuellen Publikationen.[1] Zur historischen Wirklichkeit des Anarchismus zählt schließlich, dass sich zahlreiche weibliche Lohnabhängige (nicht nur in Europa) offensiv zu ihm bekannt und an seiner sprachlich-schriftlichen Entwicklung und Verbreitung mitgewirkt haben. Zu erwähnen sind etwa Emma Goldman (Anarchism and Other Essays, 1911), Takamure Itsue (A Vision of Anarchist Love, 1928), Lucy Eldine Gonzalez Parsons (A Word To Tramps, 1884) oder Louise Michel (La Commune, 1898). Auch ist unzutreffend, dass der Anarchismus als Philosophie, Bewegung und Ideologie nur von weißen Männern hervorgebracht worden sei. So haben Liu Shifu (Goals and methods of the anarchist-communist party, 1914), Sam Mbah und I. E. Igariwey (African Anarchism: The History of a Movement, 2001) oder Arif Dirlik (Anarchism in the Chinese Revolution, 1993) aufgezeigt, dass der Anarchismus als Ideologie des Klassenkampfes und des Kampfes gegen Ungleichheiten eben nicht nur eine Erfindung weißer Männer ist. An anderer Stelle wird behauptet, dass die akademische Beschäftigung mit Anarchismus genuin widersprüchlich sei, da es sich bei der Universität um eine Institution handle, „deren Hauptideologie Gewinnmaximierung und weltweite Zerstörung aller Lebensgrundlagen ist…“ (S. 16). Die Engführung wissenschaftlicher Tätigkeiten auf die Produktion von Ideologien samt der Akzeptanz von weltweiter Zerstörung kann ich ausgehend von der breiten Palette sozialwissenschaftlicher Kapitalismus- und Staatskritik sowie den diversen Analysen der kapitalistischen Destruktivkräften nicht nachvollziehen.[2] Die existierende Fülle an Publikationen zum Anarchismus negiert auch Jonathan Eibisch, der in seinem Beitrag Im Spannungsfeld von Politik und Anti-Politik behauptet, dass es in Deutschland „nahezu vollständig an kompetenten Ansprechparnter*innen“ (S. 87) zum Thema Anarchismus respektive einer politischen Theorie desselben fehle. Als Gegenbeispiele zu erwähnen sind etwa Vera Bianchi, Jule Ehms, Peter Seyferth, Helge Döring, Wolfgang Eckhardt, Philippe Kellermann oder Holger Marcks.
Sehr eindrucksvoll sind dagegen etwa die Schilderungen der Gewalttätigkeit des französischen Staates gegenüber den Aktivist*innen der Zone à Defendre (ZAD) in Notre-Dame-des-Landes im Jahr 2018, die der Beitrag Aufstandsbekämpfung und Repression anarchistischer Welten: Die ZAD im Frühling 2018 von Camille & Dominique beinhaltet. Die Autorinnen stellen dar, wie der französische Staat unter Emmanuel Macron die Landbesetzer*innen mit kriegerischen Mitteln – innerhalb von 8 Tagen wurden mehr als 11.000 Granaten, unter anderem 8.000 CS-Gas-Granaten sowie 3.000 offensive GLI-F4-Granaten abgefeuert – angegriffen und damit nicht nur innerhalb der europäischen Werteunion illegitim gehandelt, sondern zugleich eine politische Bankrotterklärung abgegeben habe – insbesondere mit Blick auf das strittige Projekt, bei dem es sich lediglich um den Bau eines Flughafens handelte. Allein dieses Beispiel macht deutlich, wie wichtig ein anarchistischer Blick auf geographische Entwicklungen ist, der die räumlichen und menschlichen Konsequenzen der Staatstätigkeit analysiert und sie der öffentlichen Auseinandersetzung zugänglich macht.
Auch die anderen empirisch orientierten Kapitel, etwa zur anarchistischen Perspektive auf Grenzen (Karl Heyer) oder zur Bedeutung von Besetzungen im Rahmen einer anarchistischen Stadtpolitik (Kim Schmitz, Maxi Anders, Charlie Winter), zeigen die Stärken des Sammelbandes auf: dichte Beschreibungen anarchistischer Politiken und Organisationsansätze von unten, gelungene Zusammenführungen von theoretischen Überlegungen zur anarchistischen Raumproduktion mit konkreten Praxisbeispielen und eine interdisziplinäre Orientierung, die über Geographie im engen Sinn hinausgeht und die gesellschaftliche Tragweite von Raumfragen deutlich macht.
Der vorliegende Sammelband ist empfehlenswert für alle Sozialwissenschaftler*innen und Aktivist*innen, die einen Einblick in illegitime Staatstätigkeit und alternative Raumproduktionen durch anarchistische und anarcha-feministische Bewegungen erhalten wollen.
Fußnoten
- Vgl. Olaf Briese, Anarchismus im 21. Jahrhundert. Ein Literaturbericht, in: PVS 58 (2017), 1, S. 124–148; Stephan Geuenich, Pädagogische Ansätze im historischen Syndikalismus, Wiesbaden 2018; Ruth Kinna, The Government of No One. The Theory and Practice of Anarchism. Pelican Books 2019; Carl Levy / Matthew S. Adams (Hg.), The Palgrave Handbook of Anarchism, Cham 2019, Klaus Mathis / Luca Langensand (Hg.), Anarchie als herrschaftslose Ordnung? Berlin 2019, Christian Fröhlich, Schlüsselfiguren zeitgenössischer Anarchie-Bewegungen, in: FJ SB 4 (2013), S. 58–64
- Vgl. Steven Hirsch / Lucien van der Walt (Hg.), Anarchism and Syndicalism in the Colonial and Postcolonial World, 1870–1940, Leiden 2010; Ruth Kinna / Alex Prichard/Thomas Swann, Occupy and the Constitution of Anarchy. Cambridge 2019; Carl Levy / Saul Newman (Hg.), The Anarchist Imagination. Anarchism Encounters the Humanities and the Social Sciences, London/New York 2019; Anders Sandström, Anarchist Accounting: Accounting Principles for a Participatory Economy, London 2021; James C. Scott The Art of Not Being Governed: An Anarchist History of Upland Southeast Asia, New Haven 2009; Peter Seyferth, Den Staat zerschlagen! Anarchistische Staatsverständnisse, Baden-Baden 2015; Costas Panayotakis, The capitalist mode of destruction. Austerity, ecological crisis and the hollowing out of democracy, Manchester 2021. Neben diesen und unzähligen weiteren Beispielen der Kapitalismusanalyse zeigen auch diverse naturwissenschaftliche Studien die Folgen der ungebremsten Güterproduktion auf.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.
Kategorien: Kapitalismus / Postkapitalismus Stadt / Raum Zivilgesellschaft / Soziale Bewegungen
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