Dorothee Spannagel | Rezension |

Überwältigende Ungleichheit

Rezension zu „Gewalt der Ungleichheit. Würde und Widerstand“ von Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser :
Gewalt der Ungleichheit. Würde und Widerstand. Plädoyer für mehr Gerechtigkeit und eine bessere Verteilung der Vermögen
Deutschland
Ditzingen 2025: Reclam
160 S., 22,00 EUR
ISBN 978-3-15-011533-6

„In einer gewaltsamen Gesellschaft kann nur ein Leben des gewaltlosen Widerstands ein gutes Leben sein.“ (S. 139). Einen solchen Satz in einem Buch über Ungleichheit zu finden, ist überraschend. Er bildet dennoch die Essenz von Christian Neuhäusers neuester Monografie Gewalt der Ungleichheit. Würde und Widerstand. Der Philosoph richtet darin einen weiten Blick auf Ungleichheit und verfolgt zwei zentrale Anliegen (S. 11): Einerseits geht er der Frage nach, wann Ungleichheit zu Gewalt wird – und damit zu einem Problem, das es zu bekämpfen gilt. Zum anderen möchte er veranschaulichen, warum es sich lohnt, gewaltförmige Ungleichheit als strukturelles Phänomen zu betrachten. Das Buch, das angesichts der Größe des Themas überraschend dünn ausfällt, gliedert sich in drei Kapitel, die den Gang der Argumentation widerspiegeln. So beginnt Neuhäuser im ersten Kapitel mit einer Darstellung seines Verständnisses von sozialer Ungleichheit. Daraufhin entwickelt er in Kapitel zwei Argumente dafür, wann solche Ungleichheiten als gewalttätig anzusehen und welche Reaktionen auf diese Gewalt denkbar sind. Abschließend widmet sich der Autor in Kapitel drei der Frage, wie eine moralisch überlegene Antwort auf die Gewalt der Ungleichheit aussehen könnte.

Eine erste Erweiterung des Blickwinkels erwartet Leser:innen gleich zu Beginn des Buches, wenn Neuhäuser sein Verständnis von sozialer Ungleichheit entwickelt. Er spricht jeglicher Form von Ungleichheit stets auch eine soziale Natur zu – eine Perspektive, die über das vorherrschende sozialwissenschaftliche Verständnis hinausgeht. Er begründet diesen weit gefassten Ansatz damit, dass jegliche Ungleichheit entweder erst durch soziale Prozesse entstehe oder in gesellschaftlichen Erzählungen mit sozialer Bedeutung aufgeladen werde. Als Beispiel führt er individuelle Talente an. Was auf den ersten Blick als natürlich gegebene individuelle Eigenschaften erscheinen mag, entstehe in Wirklichkeit erst durch soziale Bewertungen, die bestimmte Charaktermerkmale als Begabungen auszeichnen. So gelten beispielsweise kognitive Fähigkeiten in einer Wissensgesellschaft als Begabung, während in einer Kriegergesellschaft „eher martialische Fähigkeiten gefragt“ wären (S. 23). Wann aber ist soziale Ungleichheit dann auch ungerecht? Neuhäusers Antwort: Ungerecht wird soziale Ungleichheit dann, wenn sie einen strukturell verankerten Angriff auf die Würde und Gleichrangigkeit – nicht die Gleichheit – der Menschen darstellt. Ausgehend davon entwickelt der Autor insgesamt neun Kategorien sozialer Ungleichheit: wirtschaftliche Lage (1), formaler Bildungsstand (2), Religionszugehörigkeit (3), Staatsbürgerschaft (4), geschlechtliche Identität (5), sexuelle Orientierung (6), Race (7, Herv. im Original), äußere Merkmale (8), Behinderung beziehungsweise chronische gesundheitliche Beeinträchtigungen (9). Drei Merkmale sieht Neuhäuser für diese Ungleichheiten als fundamental an: dass sie strukturell in sozialen Prozessen verankert sind, dass sie sich in sozialen Praktiken niederschlagen und dass sie durch gesellschaftliche Erzählungen untermauert werden. Entgegen der meisten wissenschaftlichen oder politischen Ungleichheitsdiskurse stellt sich der Autor gegen die Vorstellung eines Primats ökonomischer Ungleichheit. Er erachtet alle neun Dimensionen als gleichrangig.

Auch Neuhäusers Gewaltbegriff, Kernstück des zweiten Kapitels, fordert Leser:innen zum Umdenken auf. Der Autor definiert Gewalt als „das Erfahren einer Verletzung durch eine überwältigende Kraft“ (S. 63). Diese „überwältigende Kraft“ bildet den definitorischen Kern seines Gewaltbegriffs. Dabei müsse die Perspektive der Opfer eingenommen werden, um zu bestimmen, wann eine solche Verletzung vorliege. Grund hierfür sei, dass „Gewalt […] vor allem wegen des Leids der Opfer ein Übel [ist] und nicht aufgrund der Schuld der Täter.“ (S. 61). Der Autor räumt ein, dass dieser Gewaltbegriff damit sehr weit geht, da er neben physischer und psychischer auch die Identität betreffende Gewalt umfasse. Neuhäuser baut sein Argument weiter aus, indem er zwei Formen von Gewalt unterscheidet: direkte und indirekte. Direkte physische Gewalt in der Dimension ökonomischer Ungleichheit beschreibt er am Beispiel der starken Gewalt gegen wohnungslose Frauen. Als Beispiel für indirekte physische Gewalt führt der Autor soziale Segregation an. Sie zwinge Menschen aufgrund fehlender finanzieller Mittel dazu, in unsicheren Wohngegenden mit hohen Kriminalitätsraten zu leben. Direkte psychische Gewalt könne beispielsweise die Form der Diskriminierung von Hauptschülern im Bildungssystem annehmen. Indirekte psychische Gewalt erleben laut Neuhäuser unter anderem Menschen, die in der Plattformökonomie arbeiten, beispielsweise Uber-Fahrer:innen. Um gute Bewertungen im Internet zu erhalten, würden sich viele von ihnen fast alles gefallen lassen, etwa Pöbeleien von Fahrgästen und Ähnliches. Neuhäusers dritte Kategorie von Gewalt ist die Verletzung der Identität. Er bezeichnet damit Fälle, in denen Menschen aufgrund sozialer Strukturen daran gehindert werden, ihre Identität zu entfalten. Auch hier wieder ein Beispiel aus dem Buch: Gibt es im öffentlichen Raum nur Toiletten für Männer beziehungsweise Frauen, kann das nicht-binäre Menschen indirekt in ihrer Identität verletzen. Als direkte Form liegt solche Gewalt vor, wenn Angehörigen einer religiösen Minderheit beispielsweise gesagt werde, sie gehörten nicht richtig zur Gesellschaft, in der sie leben.

Konsequent kommt Neuhäuser im letzten Kapitel zum Fluchtpunkt seiner Argumentation: dem Ideal einer gewaltfreien Gesellschaft, die der Gewalt der Ungleichheit gewaltlosen Widerstand entgegensetzt. Ein voraussetzungsvolles Unterfangen, wenn man sich vor Augen hält, wie weit gefasst Neuhäusers Gewaltbegriff ist. Doch kann gewaltloser Widerstand eine adäquate, moralisch überlegene Reaktion auf die von Neuhäuser als allgegenwärtig beschriebene Gewalt der Ungleichheit sein? Der Autor bejaht diese Frage und begründet dies wie folgt: Erstens seien bisherige Reaktionen auf Ungleichheit oft reine Gegengewalt und damit illegitim (er führt hier Aufruhr, Hassrede und Protestwahl als Beispiele an). Zweitens reichten politische Reformen oder deliberative Prozesse schlichtweg nicht aus, um die Gewalt der Ungleichheit zu beenden. Doch wie hat man sich eine Gesellschaft vorzustellen, die gewaltfreien Widerstand leistet? Die in einer solchen Gesellschaft lebenden Bürger:innen wären keinen überwältigenden Kräften mehr ausgesetzt und alle Gewalt begünstigenden Strukturen wären überwunden. Neuhäuser gesteht ein, dass wir von einem solchen Zustand weit entfernt sind. Er beschreibt ihn als utopisch, als idealen Orientierungspunkt, um sich vor Augen zu führen, was letztendlich gegen die Gewalt der Ungleichheit zu unternehmen sei. Politik müsse dazu „diskursiver und partizipativer“, Wirtschaft „kooperativer und egalitärer“ und Kultur „vielfältiger, bunter und spielerischer“ werden (S. 135). Was also tun, um sich diesem Ideal einer gewaltfreien Gesellschaft anzunähern, fragt Neuhäuser sich und die Leser:innen auf der vorletzten Seite des Buches, ohne eine konkrete Antwort darauf zu geben. Er plädiert lediglich dafür, die von der Gewalt der Ungleichheit betroffenen Menschen diese Frage beantworten zu lassen. Ihren Stimmen werde bislang in öffentlichen Debatten zu wenig Gehör geschenkt. Der Schritt zum gewaltfreien Widerstand, so das Schlusswort des Autors, müsse von jedem selbst unternommen werden. Veränderung sei möglich, wenn die Würde aller Menschen sowie Fragen der Gerechtigkeit zu einer „Herzensangelegenheit“ (S. 140) für jede:n werde.

Zugegebenermaßen lässt dieser Schluss Leser:innen eher ratlos zurück. Gerade im letzten Abschnitt bleibt Neuhäuser oft unbestimmt. Die Lektüre der ersten beiden Kapitel weckt Erwartungen dahingehend, wie die moralisch überlegene Antwort des Autors auf die von ihm so eindrücklich und drastisch beschriebene Gewalt der Ungleichheit ausfällt. Am Ende wird man leider etwas enttäuscht. Allerdings ist es wohl auch nicht die Aufgabe des Buches, konkrete Handlungsanweisungen gegen soziale Ungleichheit zu formulieren. Dennoch regt das Buch im allerbesten Sinne dazu an, bisherige Vorstellungen von sozialer Ungleichheit zu überdenken. Durch die klare Sprache, vor allem aber durch die stringente, anhand zahlreicher Beispiele anschaulich vermittelte Argumentation, ist der Band auch für eine interessierte Öffentlichkeit gut lesbar. Neuhäuser baut seine Argumente sehr systematisch auf, darin liegt eine Stärke dieses Buches. Für seine neun Ungleichheitsdimensionen dekliniert er die direkten und indirekten Formen der Gewalt (physische, psychische Gewalt und die Verletzung der Identität) anhand eingängiger Beispiele durch. Sein Plädoyer ist ein wichtiger Impuls angesichts der zahlreichen Beiträge aus der Ungleichheitsforschung, die sich allzu oft im empirischen Dickicht zu verlieren drohen und bei denen der politischen Relevanz des Themas häufig wenig Bedeutung beigemessen wird.

Gibt es in kapitalistischen Gesellschaften wirklich kein Primat ökonomischer Ungleichheit? Können Gewalterfahrungen in einer Dimension womöglich durch eine gute Ausstattung in anderen Dimensionen kompensiert werden? Selbst wenn man Neuhäuser nicht in allen Punkten seiner Argumentation zustimmt – etwa, weil er manche Begriffe doch sehr weit fasst –, nachvollziehbar sind seine Gedanken in jedem Fall. Das Buch ist nicht zuletzt auch ein Plädoyer, zu handeln: Neuhäuser ruft alle Menschen zur Solidarität mit den von der Gewalt der Ungleichheit Betroffenen auf, um den überwältigenden, strukturell verankerten und gewaltförmigen Ungleichheiten den gewaltfreien Kampf anzusagen. Eine solche „Basisbewegung des gewaltfreien Widerstands“ (S. 135) mag utopisch sein; warum sie dennoch wünschenswert ist, erklärt Neuhäusers Buch überzeugend.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Noah Serve, Stephanie Kappacher.

Kategorien: Gesellschaftstheorie Gewalt Soziale Ungleichheit

Dorothee Spannagel

Dorothee Spannagel leitet seit 2014 das Referat für Verteilungsanalyse und Verteilungspolitik im Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Armuts- und Reichtumsforschung sowie die Bereiche soziale Ungleichheit und Sozialpolitik. (Foto: Stephen Petrat)

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