Klaus Kraemer | Essay | 04.11.2026
Vom Feuerwetter zum Waldbrand
Warum wir eine soziologische Attributionsforschung brauchen
Es gehört mittlerweile zu den vertrauten Deutungsmustern sommerlicher Waldbrandkatastrophen, dass die Bilder brennender Wälder und evakuierter Ortschaften mit einer ebenso raschen wie eindeutigen Erklärung verbunden werden: dem Klimawandel. Je größer die Feuer, desto selbstverständlicher scheint die Kausalität. In der medialen Berichterstattung ist aus der noch vor wenigen Jahren vorsichtig formulierten Aussage, der Klimawandel erhöhe unter bestimmten Bedingungen die Gefahr schwerer Waldbrände, zunehmend eine kompakte Ursachenerzählung geworden. Waldbrände erscheinen als sichtbare Manifestationen einer sich erwärmenden Erde. Die brennende Landschaft wird zum Evidenzbild des Klimawandels. Diese Deutung ist nicht falsch, aber verkürzt. Steigende Temperaturen verändern die atmosphärischen Bedingungen, unter denen Vegetation austrocknet. Längere Hitzeperioden können die Brennbarkeit erhöhen, geringe Luftfeuchtigkeit und Wind können die Ausbreitung eines einmal entstandenen Feuers erheblich beschleunigen. All dies ist gut belegt. Problematisch wird die Erzählung erst dort, wo aus der empirisch begründeten Aussage über veränderte meteorologische Bedingungen eine Erklärung des konkreten Brandereignisses wird.
Wie leicht sich diese Verschiebung vollzieht, lässt sich an der Berichterstattung über die sogenannte Attributionsforschung beobachten. Im Juli 2026 berichtete etwa die Tagesschau über eine aktuelle Untersuchung des Forschungsverbundes World Weather Attribution (WWA) unter der Überschrift Welche Rolle spielt der Klimawandel bei Waldbränden?. Im Vorspann wurde das Ergebnis mit dem Satz zusammengefasst, der Klimawandel erhöhe das „Risiko für Waldbrände deutlich“. Der Beitrag erläutert später durchaus korrekt, dass die betreffende Studie nicht die Waldbrände selbst untersucht, sondern das „Feuerwetter“ – also meteorologische Bedingungen, unter denen ein bereits entstandener Brand besonders schwer zu kontrollieren ist. In einem erläuternden Abschnitt findet sich sogar der unmissverständliche Satz: „Der Klimawandel entzündet keine Feuer.“[1]
Gerade diese sorgfältige Einschränkung macht die epistemische Verschiebung bemerkenswert. Es handelt sich weniger um eine falsche Information als um eine kausale Zuschreibung: Untersucht wird Feuerwetter, kommuniziert wird Waldbrandrisiko, politisch gedeutet wird schließlich die Brandkatastrophe als Folge des Klimawandels. Zwischen diesen Aussagen bestehen Zusammenhänge. Identisch sind sie nicht. Der große Brand von Volissos auf der griechischen Insel Chios in der östlichen Ägäis vom August 2025 bietet die Möglichkeit, diese Differenz genauer zu untersuchen.
Ein Brand und seine Ursache
Am 12. August 2025 brach etwa zwei Kilometer nördlich des Dorfes Nea Potamia im dünn besiedelten Nordwesten der Insel ein Feuer aus. Es breitete sich innerhalb kurzer Zeit über die Region Amani aus, bedrohte Volissos und mehrere Küstensiedlungen und erstreckte sich schließlich über eine verbrannte Fläche von knapp 69 Quadratkilometern. Ganze Dörfer mussten evakuiert werden. Häuser, landwirtschaftliche Betriebe, Olivenhaine, Weideflächen und Infrastruktur wurden beschädigt oder zerstört.[2]
Während eines solchen Ereignisses ist die Suche nach der Ursache naturgemäß von Unsicherheit geprägt. Für Brände kommen Blitzschlag, Fahrlässigkeit, landwirtschaftliche Arbeiten, vorsätzliche Brandstiftung, Fahrzeuge, technische Anlagen und Stromleitungen in Betracht. Erst die Untersuchung des Ausgangspunktes kann zwischen diesen Möglichkeiten unterscheiden. Für Volissos liegt inzwischen ein bemerkenswerter, allerdings noch nicht durch ein veröffentlichtes Gutachten überprüfbarer Befund vor. Die Chioser Zeitung Politischios/Politis berichtete im März 2026 unter Berufung auf ihr vorliegende Informationen, das Brandursachengutachten der Feuerwehr von Chios lokalisiere den Ausgangspunkt an einem Mast des Stromverteilungsnetzes des Betreibers DEDDIE. Brandspuren, technische Befunde und die Untersuchung des unmittelbaren Entstehungsbereichs sprächen demnach für einen elektrischen Lichtbogen als Zündquelle. Andere technisch plausible Zündquellen im betreffenden Bereich seien ausgeschlossen worden. Spätere Recherchen stützen die Beteiligung des Stromnetzes, das Gutachten selbst ist jedoch weiterhin nicht öffentlich zugänglich und die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen sind nicht abgeschlossen.[3]
Damit ist selbstverständlich noch nicht geklärt, ob jemand straf- oder zivilrechtlich verantwortlich ist. Aus einem technischen Defekt folgt keine Fahrlässigkeit. Hierfür müsste nachgewiesen werden, dass Wartungs-, Kontroll- oder Freihaltungspflichten bestanden, dass sie verletzt wurden und dass diese Pflichtverletzung dem Brand kausal zugerechnet werden kann. Juristisch ist zwischen technischer Verursachung und normativer Zurechnung zu unterscheiden. Für die soziologische Frage genügt zunächst ein einfacherer Befund: Der Klimawandel hat dieses Feuer nicht entzündet. Wenn das Gutachten zutrifft, wurde es durch ein Ereignis in einer technischen Infrastruktur ausgelöst.
Diese Feststellung ist trivial und dennoch folgenreich. Denn sie verweist auf einen Umstand, der in der öffentlichen Rede über „klimabedingte Waldbrände“ leicht verschwindet. Elektrische Versorgungsnetze sind keine Naturphänomene. Sie werden gebaut, betrieben, gewartet, kontrolliert und in Landschaften hineingelegt. Ob ein Defekt entsteht und ob aus einem Funken ein Vegetationsbrand wird, hängt auch von institutionellen Zuständigkeiten, Wartungspraktiken und Vegetationsmanagement entlang von Leitungen ab. Der Brand von Volissos war insofern schon in seiner Entstehung ein soziotechnisches Ereignis.
Warum aber brannten fast 70 Quadratkilometer?
Mit der Feststellung der Zündursache ist lediglich erklärt, warum es an einem bestimmten Ort zu brennen begann, nicht aber, warum das Feuer anschließend einen erheblichen Teil des Nordwestens von Chios erfasste. Hier gewinnt die klimatologische Attributionsforschung an Bedeutung. Am 12. und 13. August 2025 herrschten starke Winde, die Luftfeuchtigkeit war niedrig, die Vegetation trocken. Feuer breitet sich unter solchen Bedingungen schneller aus und ist schwerer zu bekämpfen. Allerdings ist Trockenheit im August auf Chios keine meteorologische Ausnahme, sondern mediterrane Normalität. Erklärungsbedürftig ist deshalb nicht die bloße Tatsache sommerlicher Trockenheit, sondern ob und in welchem Ausmaß die konkrete Kombination aus Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Wind außergewöhnlich war – und welchen zusätzlichen Erklärungsbeitrag sie gegenüber Zündung, Brennstoffstruktur und Landnutzung besitzt. Das ist kein Einwand gegen einen möglichen Einfluss der Erderwärmung: Auch ein ohnehin trockenes Sommerklima kann sich weiter verändern und extreme Feuerwetterlagen können häufiger werden. Aber der zusätzliche Klimaeffekt ist nicht mit der Erklärung des Brandereignisses insgesamt gleichzusetzen.
Wer im August durch Nord-Chios fährt, sieht keine geschlossene Waldlandschaft, sondern eine eigenartige Mischung aus Phrygana, Macchia, Grasflächen, Gehölzen, ehemaligen Äckern, Olivenhainen, Terrassen, Weiden und kleinen Siedlungen. Gerade diese Landschaft hat sich während der letzten Jahrzehnte tiefgreifend verändert. Der strategische Entwicklungsplan der Gemeinde Chios diagnostizierte bereits 2020, lange vor dem Brand, ausdrücklich die schrittweise Aufgabe landwirtschaftlicher Kulturen, besonders in Nord-Chios. Im selben Zusammenhang werden die Alterung der in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung, die Zersplitterung landwirtschaftlicher Grundstücke und ungeklärte Eigentumsverhältnisse angeführt. Für die Region Amani konstatiert das Dokument eine erhebliche Bevölkerungsschrumpfung und einen hohen Anteil älterer Bewohner.[4] Diese demografischen Veränderungen sind für Waldbrände keineswegs nebensächlich.
Landwirtschaft produziert nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch Landschaft. Felder werden gepflügt, Gras wird gemäht, Tiere fressen Vegetation ab, Olivenhaine werden von Unterwuchs freigehalten, Terrassen und Wirtschaftswege bleiben offen. Eine traditionelle mediterrane Kulturlandschaft besteht deshalb aus einem Mosaik unterschiedlich genutzter Flächen, das die Kontinuität brennbarer Vegetation unterbrechen kann. Wenn solche Nutzungen aufgegeben werden, verbuschen Grasflächen und ehemalige Felder. Olivenhaine werden von Unterwuchs durchzogen, vormals offene Flächen verbinden sich mit angrenzender Macchia. Aus vielen kleinräumig getrennten Brennstoffinseln kann mit der Zeit eine großflächige Brennstofflandschaft entstehen.
Dieser Zusammenhang ist kein nachträglich konstruierter Einwand gegen die Klimaforschung. Er gehört mittlerweile zum gesicherten Wissen der europäischen Waldbrandforschung. Die OECD bezeichnet die Aufgabe ländlicher Flächen ausdrücklich als einen wichtigen Treiber des Waldbrandrisikos im Mittelmeerraum. Wo Landwirtschaft und Beweidung zurückgehen, verschwinden jene landwirtschaftlichen Strukturen, die die Ausbreitung eines Feuers begrenzen können.[5]
Wie stark meteorologische Gefährdung und tatsächliches Brandgeschehen auseinanderfallen können, zeigt bereits der europäische Langzeitvergleich. Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur ist der meteorologisch bestimmte Fire Weather Index in Europa, besonders im Süden und Osten, zwischen 1980 und 2012 gestiegen. Die tatsächlich verbrannte Fläche in den fünf klassischen mediterranen Brandländern – Portugal, Spanien, Frankreich, Italien und Griechenland – ist seit 1980 dagegen leicht zurückgegangen. Die EEA wertet diese gegenläufige Entwicklung ausdrücklich als Hinweis auf die Bedeutung von Brandmanagement und Brandbekämpfung. Ein wachsendes meteorologisches Brandpotenzial übersetzt sich also keineswegs unmittelbar in wachsende Brandflächen. Dazwischen liegen gesellschaftliche Praktiken und institutionelle Kapazitäten.[6]
Für Volissos stellt sich die Frage spiegelbildlich. Wo Entvölkerung, Landaufgabe und nachlassende Bewirtschaftung die Brennstoffkontinuität erhöhen, kann dieselbe meteorologische Gefährdung größere Folgen entfalten. Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung von 11.403 Sommerbränden in Südeuropa zeigt, dass sich sehr große Feuer aus dem Zusammenwirken kurzfristig ungünstigen Feuerwetters mit bereits vorhandenen, trockenen und räumlich zusammenhängenden Brennstoffen entwickeln. Die Autoren verweisen ausdrücklich auf Landaufgabe und Brennstoffakkumulation als relevante Bedingungen und betonen die Bedeutung der „fuel continuity“ für die weitere Ausbreitung eines einmal etablierten Feuers.[7] Ein vergleichbares klimatisches Gefährdungssignal kann deshalb in einer intensiv bewirtschafteten, fragmentierten Landschaft zu weniger Brandfläche und in einer entvölkerten, verbuschten Landschaft zu erheblich größeren Bränden beitragen. Die meteorologische Gefahr ist nicht mit dem gesellschaftlichen Ereignis identisch.
Bemerkenswerterweise findet sich derselbe Befund auch in der WWA-Studie zu den Bränden in Griechenland, Zypern und der Türkei im Sommer 2025. Dort wird darauf hingewiesen, dass sich die Waldfläche Griechenlands seit 1945 deutlich vergrößert habe und dies unter anderem auf Landflucht sowie den Rückgang extensiver Viehhaltung zurückzuführen sei. Seit den 1970er-Jahren, so heißt es ausdrücklich, hätten ländliche Entvölkerung und die sukzessive Aufgabe landwirtschaftlicher Flächen zur Akkumulation von Brennstoff und zu verändertem Feuerverhalten beigetragen.[8]
Das Problem besteht also nicht darin, dass Attributionsforscher gesellschaftliche Faktoren überhaupt nicht kennen. Es liegt tiefer: Diese Faktoren nehmen innerhalb des kausalen Designs der Untersuchung einen anderen epistemischen Rang ein. Das Feuerwetter wird modelliert und mit einer Wahrscheinlichkeitszahl versehen. Landflucht, Aufgabe von Weidewirtschaft, fragmentierte Eigentumsverhältnisse, Vegetationsmanagement oder technische Infrastrukturen erscheinen dagegen unter „Vulnerability and Exposure“. Sie bilden den qualitativen Kontext einer quantitativ attribuierten klimatischen Ursachenanalyse. Damit entsteht eine epistemische Hierarchie: Was modelliert wird, erhält den Status der attribuierten Größe. Landnutzung, Infrastruktur oder institutionelle Bedingungen werden dagegen als Faktoren von „Vulnerability and Exposure“ mitgeführt, ohne selbst Gegenstand der Attributionsanalyse zu werden.
Was attribuiert die Attributionsforschung?
Dies lässt sich an der WWA-Untersuchung zum östlichen Mittelmeer besonders gut zeigen. Sie wurde am 28. August 2025 veröffentlicht und in der begleitenden Darstellung ausdrücklich mit den großen Sommerbränden in Griechenland, der Türkei und Zypern verbunden. Auch der Brand auf Chios vom 12. August wurde dort erwähnt. Das viel zitierte Ergebnis lautete: Die meteorologischen Bedingungen, die zu den Bränden geführt hätten, seien durch den anthropogenen Klimawandel ungefähr zehnmal wahrscheinlicher geworden. Was bedeutet diese Zahl?
Der zugrunde liegende wissenschaftliche Bericht untersucht allerdings nicht die Wahrscheinlichkeit eines Brandes wie jenes von Volissos. Die Forscher definieren vielmehr eine große Region, die Teile Griechenlands, der Ägäis, der Türkei und Zyperns umfasst, und erfassen dort mehrtägige Kombinationen aus Hitze, trockener Luft, Wind und ausgetrockneter Vegetation. Vereinfacht gefragt: Wie häufig treten Wetterbedingungen auf, unter denen ein einmal entstandenes Feuer besonders schwer zu kontrollieren ist? Und wie häufig wären vergleichbare Bedingungen in einer Welt ohne die bisherige anthropogene Erwärmung aufgetreten? Dafür werden meteorologische Indizes und Klimamodelle verwendet. WWA kommt in der Gesamtsynthese zu dem Ergebnis, dass eine solche Feuerwetterlage durch den anthropogenen Klimawandel ungefähr zehnmal wahrscheinlicher geworden sei. Das bedeutet jedoch gerade nicht, dass der Brand von Volissos zehnmal wahrscheinlicher geworden wäre. Attribuiert wird eine großräumig definierte meteorologische Konstellation, nicht das konkrete Feuer.
Das ist eine legitime Forschungsfrage. Sie ist nur nicht identisch mit der Frage: Warum brannte Volissos? Zwischen beiden Fragestellungen liegen mehrere Kausalschritte. Damit ein Waldbrand entsteht, braucht es zunächst eine Zündung. Damit aus dieser Zündung ein Großbrand wird, braucht es ausreichend brennbares Material und räumliche Brennstoffkontinuität. Die Geschwindigkeit der Ausbreitung hängt von Wind, Topografie, Vegetation und deren Feuchte ab. Ob das Feuer früh unter Kontrolle gebracht werden kann, hängt zusätzlich von Erreichbarkeit, Löschinfrastruktur und verfügbaren Einsatzkräften ab. Ob schließlich eine Katastrophe entsteht, ist wiederum eine Frage von Besiedlung, Eigentumsverhältnissen, wirtschaftlichen Nutzungsformen, Evakuierung und institutioneller Resilienz. Einer der von der WWA verwendeten Feuerwetterindizes, das Daily Severity Rating (DSR), erfasst davon nur einen wichtigen Ausschnitt – nicht die gesamte Kausalkette.
Hinzu kommt eine beträchtliche statistische Unsicherheit. Die eingängige Formel „zehnmal wahrscheinlicher“ ist eine Punktschätzung, keine präzise gemessene Verhältniszahl. Beim zentralen Feuerwettermaß reicht der statistisch mit den Daten vereinbare Bereich von einem nur knapp nachweisbaren Anstieg bis zu einer mehr als hundertfachen Zunahme. Auch die Auswertung der Beobachtungsdaten allein ergibt einen deutlich schwächeren und unsichereren Effekt als die anschließende Zusammenführung mit Klimamodellen. Erst diese Modellsynthese führt zu der kommunizierten Größenordnung von ungefähr Faktor zehn. Die Autoren verbergen diese Unsicherheit keineswegs, sondern weisen sie im wissenschaftlichen Bericht transparent aus.[9] Gerade daran lässt sich jedoch beobachten, was auf dem Weg von der wissenschaftlichen Analyse in die öffentliche Kommunikation geschieht. Aus einer Modellrechnung mit erheblicher Unsicherheit wird die prägnante Aussage „zehnmal wahrscheinlicher“. Aus einer Aussage über eine meteorologische Feuerwetterlage wird eine Aussage über „Bedingungen für Waldbrände“. Und im medialen Resonanzraum kann daraus schließlich die Erklärung konkreter Feuerkatastrophen werden.
Das Problem der Ereignisdefinition
Attributionsforschung muss ihr Ereignis definieren, bevor sie es attribuieren kann. Genau darin liegt eine methodologische Schwierigkeit, die über statistische Fragen hinausgeht. Ein reales Ereignis wie der Brand von Volissos besitzt keine von selbst gegebene analytische Grenze. Ist das Ereignis die Zündung am 12. August? Die verbrannte Fläche bis zum 15. August? Die außergewöhnliche Windlage? Die Trockenheit der Vegetation? Das dreitägige Maximum eines Feuerwetterindexes? Die gesamte Waldbrandsaison im östlichen Mittelmeer? Oder die Summe der Schäden? Je nachdem, welche dieser Größen als „Ereignis“ ausgewählt wird, verändert sich auch die Frage, auf die die Attributionsanalyse eine Antwort geben kann. Dies ist kein spezifischer Fehler von WWA. Es ist ein allgemeines Problem jeder modellgestützten Ereignisattribution. Die Wirklichkeit muss zunächst in eine analysierbare Variable übersetzt werden. Diese Übersetzung ist methodisch notwendig, aber niemals neutral. Sie entscheidet darüber, welcher Ausschnitt der komplexen Kausalkette sichtbar wird.
Bei Waldbränden ist diese Differenz besonders folgenreich. Ein Index wie der DSR abstrahiert gerade von den soziohistorisch entstandenen Landschaften, in denen Feuer tatsächlich brennen. Zwei Regionen können nahezu identische meteorologische Feuerwetterwerte aufweisen und dennoch völlig unterschiedliche Brandverläufe erleben: weil in der einen Region bewirtschaftete Felder, Weiden und Feuerkorridore das Brennmaterial unterbrechen, während in der anderen jahrzehntelange Landaufgabe eine zusammenhängende Strauchvegetation hervorgebracht hat.
Meteorologisch ist das Feuerwetter gleich. Soziologisch ist die Feuerlandschaft eine andere. Der Volissos-Brand macht diese Differenz besonders anschaulich. Schon während des Brandes zeigte eine satellitengestützte Kartierung des Copernicus Emergency Management Service (CEMS) der EU, dass ein großer Teil der durchlaufenen Flächen nicht aus geschlossenem Hochwald bestand, sondern aus Strauch- und Krautvegetation, Weiden und landwirtschaftlichen Flächen. Satellitenanalysen des National Observatory of Athens zeigen außerdem, dass Teile von Nord-Chios bereits 2007 und 2011 gebrannt hatten.[10] Die Vegetationsstruktur des Jahres 2025 ist damit auch vor dem Hintergrund früherer Brände und anschließender Sukzession zu betrachten. Die Feuerlandschaft von Amani ist deshalb nicht einfach „Natur“. Sie ist das sedimentierte Ergebnis von Landwirtschaft und deren Aufgabe, demografischem Wandel, Eigentumsverhältnissen, früheren Bränden, Wiederbewuchs, staatlicher Forstpolitik und unterlassener oder praktizierter Landschaftspflege. Sie besitzt eine Geschichte.
Die soziale Produktion der Naturkatastrophe
Hier liegt die eigentliche soziologische Pointe. Soziologie sollte den Klimawandel weder leugnen noch zu einer konkurrierenden Erklärung unter vielen herabstufen. Sie sollte vielmehr danach fragen, wie eine klimatische Veränderung überhaupt in ein gesellschaftlich folgenreiches Ereignis übersetzt wird. Katastrophen entstehen selten aus einer einzigen Ursache. Sie entstehen aus Kausalketten, in denen physische, technische und soziale Prozesse miteinander verschränkt sind. Für Volissos lässt sich eine solche Kette zumindest schematisch rekonstruieren: Eine technische Störung im Stromnetz erzeugt eine Zündung. Diese Zündung trifft auf im Hochsommer trockene Vegetation. Wind beschleunigt die Ausbreitung. Die historisch entstandene Kontinuität von Gras-, Busch- und Gehölzvegetation ermöglicht dem Feuer, große Distanzen zu überwinden. Die schwierige Topografie und die Insellage erschweren die Brandbekämpfung.
Keiner dieser Faktoren ist für sich allein die Katastrophe. Gerade die veränderte Landnutzung verweist allerdings auf einen Prozess, der sich mit dem Begriff „Klimawandel“ nicht beschreiben lässt. Warum werden Olivenhaine aufgegeben? Warum verschwinden kleinbäuerliche Betriebe und eine extensive Weidewirtschaft? Warum leben in manchen Dörfern nur noch wenige ältere Menschen? Warum bleiben Eigentumsverhältnisse ungeklärt, Flächen fragmentiert und Vegetationsmanagement kostspielig? Hier beginnt genuin soziologische Erklärung. Sie führt zu demografischem Wandel, regionalen Ungleichheiten, landwirtschaftlichen Märkten, staatlicher Infrastrukturpolitik, Eigentumsordnungen und Zentrum-Peripherie-Verhältnissen. Der Klimawandel hat die landwirtschaftliche Struktur von Amani nicht geschaffen. Er erklärt nicht die Landflucht. Er erklärt nicht die Wartung des Stromnetzes. Und er erklärt nicht die prekäre institutionelle Organisation der Brandprävention. Er verändert aber die Bedingungen, unter denen die Folgen all dieser gesellschaftlichen Prozesse sichtbar werden.
Katastrophennarrative und die Sehnsucht nach eindeutiger Kausalität
In meiner Besprechung von Sighard Neckels Katastrophenzeit hatte ich für eine genauere Beobachtung jener Zwischenzone plädiert, in der robuste wissenschaftliche Erkenntnisse, Modellrechnungen und gesellschaftliche Zukunftsdeutungen ineinander übergehen.[11] Die Klimaforschung verfügt über starke Evidenz für die anthropogene Erwärmung. Daraus folgt jedoch nicht, dass alle gesellschaftlich relevanten Folgen dieser Erwärmung denselben epistemischen Status besitzen. Der Brand von Volissos verschiebt diese Frage von der Zukunft in die Gegenwart. Auch retrospektiv kann sich eine Gewissheitsillusion einstellen, wenn komplexe Ereignisse nachträglich in ein bereits vorhandenes Deutungsmuster eingeordnet werden. Singuläre Krisen erzeugen einen starken Bedarf an Sinnschließung. Wenn eine vertraute Normalität plötzlich kollabiert, stellt sich unmittelbar die Frage nach dem Warum. Die Vielzahl möglicher Kausalitäten konkurriert dann mit dem Bedürfnis nach einer kommunizierbaren Ursache. Je komplexer das Ereignis, desto attraktiver werden einfache Narrative.[12] Der Klimawandel besitzt hierfür eine besondere semantische Stärke. Er ist real, global, wissenschaftlich gut institutionalisiert und grundsätzlich geeignet, eine große Zahl heterogener Ereignisse miteinander zu verbinden. Hitze, Trockenheit, Starkregen, Überschwemmungen und Waldbrände lassen sich in eine gemeinsame übergeordnete Erzählung integrieren. Gerade diese Stärke birgt aber die Gefahr eines simple thinking. Nicht weil die Erklärung falsch wäre, sondern weil eine Erklärung, die auf einer bestimmten Kausalebene richtig ist, auf andere Ebenen ausgeweitet wird. Aus einem „contributing cause“ wird eine Masterursache. Lokale Geschichten verlieren gegenüber dem globalen Narrativ an Erklärungskraft. Die Paradoxie liegt darin, dass dadurch ausgerechnet die gesellschaftlichen Ursachen ökologischer Verwundbarkeit aus dem Blick geraten können. Eine klimazentrierte Gesellschaftsdiagnostik kann am Ende weniger gesellschaftlich erklären, als sie vorgibt.
Bei Volissos wäre dies besonders offenkundig. Wer den Brand im Wesentlichen als Klimafolge deutet, lenkt Aufmerksamkeit auf globale Emissionsreduktion – zweifellos ein wichtiges politisches Ziel. Er lenkt sie aber zugleich weg von Fragen, die für den nächsten Brand in Amani möglicherweise unmittelbarer entscheidend sind: Zustand und Wartung der Stromleitungen, Entfernung von Vegetation an technischer Infrastruktur, Reaktivierung von Weidewirtschaft, Pflege aufgegebener Olivenhaine, kontrolliertes Brennen, Feuerkorridore, Erreichbarkeit entlegener Ortschaften und wirtschaftliche Perspektiven einer schrumpfenden ländlichen Region. Eine monokausale Klimadeutung kann so paradoxerweise sogar die Anpassungsfähigkeit schwächen, weil sie diejenigen Ursachen in den Hintergrund rückt, die lokal überhaupt bearbeitet werden können.
Für eine soziologische Attributionsforschung
Die Konsequenz kann nicht darin bestehen, auf Attributionsforschung zu verzichten. Ihre zentrale Frage ist sinnvoll: Wie verändert eine anthropogen erwärmte Atmosphäre die Wahrscheinlichkeit bestimmter meteorologischer Extrembedingungen? Man sollte nur präzise sagen, worauf die Antwort sich bezieht. Im Fall der Brände wäre deshalb zwischen mindestens vier Formen der Attribution zu unterscheiden: der Attribution der Zündung, der Attribution der Ausbreitungsbedingungen, der Attribution der Landschaftsvulnerabilität und der Attribution des Schadens. Für jede dieser Ebenen gelten andere Kausalitäten und andere Methoden. Die erste verlangt Brandanalyse und technische Untersuchungen, die zweite Meteorologie und Klimamodellierung, die dritte historisch-soziologische Landnutzungsforschung und die Analyse politischer-institutioneller Arrangements, die vierte schließlich Katastrophen-, Organisations- und Ungleichheitsforschung. Erst ihr Zusammenspiel ergibt eine Erklärung der Katastrophe. Eine solche mehrdimensionale Attributionsforschung würde Klimamodelle nicht relativieren. Sie würde sie vielmehr an der Stelle einsetzen, an der sie ihre größte Erklärungskraft besitzen. Zugleich würde sie verhindern, dass quantifizierbare Kausalitäten epistemisch höher bewertet werden als historisch-institutionelle und sozio-ökonomische. Gerade hier könnte die Soziologie einen eigenständigen Beitrag leisten. Ihre Aufgabe wäre nicht, den Naturwissenschaften zu erklären, wie Klima funktioniert. Sie müsste jene gesellschaftlichen Prozesse rekonstruieren, durch die meteorologische Ereignisse in Katastrophen verwandelt oder eben abgefedert werden. Vielleicht liegt darin auch eine allgemeinere Aufgabe soziologischer Krisendiagnostik: sich der Versuchung zu widersetzen, gesellschaftliche Katastrophen in eine einzige große Ursache einzuschreiben. Der Klimawandel ist zu bedeutend, um ihn durch kausale Überdehnung analytisch zu trivialisieren. Und Gesellschaft ist zu komplex, um dort zu verschwinden, wo die meteorologische Attribution endet.
Fußnoten
- Stephan Hübner, Welche Rolle spielt der Klimawandel bei Waldbränden?, in: tagesschau.de, 31.7.2026; World Weather Attribution, Climate change increases likelihood of compounding drivers of severe wildfire conditions in France and Spain, 30.7.2026.
- Copernicus EMS, EMSR834 – Volissos, Delineation MONIT02, 15.8.2025.
- Politischios/Ο Πολίτης, Ηλεκτρικό τόξο από στύλο του ΔΕΔΔΗΕ κατέκαψε την Αμανή, 10.3.2026, unter Berufung auf Informationen aus dem nicht veröffentlichten Gutachten der Feuerwehr von Chios. Danach wurde der Ausgangspunkt an einem DEDDIE-Mast lokalisiert und ein elektrischer Lichtbogen als Zündmechanismus bestimmt.
- Ελληνική Δημοκρατία / Δήμος Χίου, Επιχειρησιακό Πρόγραμμα 2020–2023. Σχέδιο Στρατηγικού Σχεδιασμού Δήμου Χίου, Dezember 2020, insb. S. 57, 177.
- OECD, Taming wildfires in the context of climate change: The case of Greece, in: OECD Environment Policy Papers, No. 43, OECD Publishing, Paris 2024, DOI 10.1787/cfb797a7-en.
- European Environment Agency (EEA), Forest fires in Europe, Indicator CLIM035, Copenhagen, 21.11.2021.
- Farzad Ghasemiazma /Marj Tonini / Paolo Fiorucci, Megafires in Mediterranean Europe: The Compound Role of Fire Weather and Drought, in: npj natural hazards 3 (2026), Art. 33. DOI 10.1038/s44304-026-00197-5.
- Theodore Keeping et al., Weather conditions leading to deadly wildfires in Türkiye, Cyprus and Greece made 10 times more likely due to climate change, in: World Weather Attribution / Centre for Environmental Policy, Imperial College London, 28.8.2025, DOI 10.25560/123302, hier Abschnitt 8.1 „Exposure and land management“.
- Ebd., Tab. 7.1. Für das Daily Severity Rating (DSR3x) weist die Synthese aus Beobachtungsdaten und Klimamodellen ein Probability Ratio von 9,51 aus (95%-Konfidenzintervall: 1,03–142); für das Vapour Pressure Deficit (VPD7x) beträgt der entsprechende Wert 13,3 (95%-Konfidenzintervall: 1,3–246). Die häufig kommunizierte Aussage, entsprechende Feuerwetterbedingungen seien durch den anthropogenen Klimawandel „etwa zehnmal wahrscheinlicher“ geworden, bezeichnet somit die Punktschätzung der Synthese. Bemerkenswert ist die große Spannweite der Konfidenzintervalle. Beim DSR3x schließt die Schätzung aus den Beobachtungsdaten allein mit 4,54 (0,572–47,0) auch die Möglichkeit keiner Zunahme ein.
- BEYOND – National Observatory of Athens, Δασικές πυρκαγιές στην Ελλάδα – Καλοκαίρι 2025, 2025, S. 4–5.
- Klaus Kraemer, Eine soziologische Diagnose am Rand ihrer eigenen Gewissheiten. Rezension zu „Katastrophenzeit“ von Sighard Neckel, in: Soziopolis, 3.2.2026 ().
- Vgl. zur Theorie singulärer Krisen Klaus Kraemer / Joris Steg, When normality collapses from one moment to the next. A sociological theory of singular crisis, in: Frontiers in Sociology 10 (2025).
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.
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