Stephanie Kappacher | Zeitschriftenschau |

Aufgelesen

Die Zeitschriftenschau im März 2026

Seit Beginn der #Metoo-Bewegung, besonders aber seit der von Gisèle Pelicot formulierten Forderung, die Scham müsse die Seite wechseln, trauen sich immer mehr Frauen, ob prominent oder nicht, über ihre persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse mit sexualisierter Gewalt zu sprechen. Fälle wie Weinstein, Trump, Pelicot und Epstein sind nur die bekanntesten, die Zahl der Betroffenen liegt um ein Vielfaches höher. Auch wenn das ganze Ausmaß nicht absehbar ist, lässt sich doch schon jetzt feststellen: Wir erleben derzeit einen misogynen Backlash. Dieser reiht sich ein, so schreiben die Herausgeberinnen im Vorwort der März-Ausgabe der Texte zur Kunst (TZK), in eine lange Tradition geschlechtsspezifischer Diskriminierung und Gewalt, wird aber durch eine Reihe neuerer Entwicklungen wie den weltweiten Vormarsch rechter politischer Bewegungen und die Verbreitung Sozialer Medien und digitaler Plattformen zusätzlich befeuert. Misogynie, das Thema des Heftes, verstehen die Herausgeber:innern im Anschluss an Kate Manne als kulturübergreifendes Phänomen, in dem eine oft unbewusste frauenverachtende Haltung zum Ausdruck kommt (S. 6). Ausgehend von diesem Verständnis fragen die Beiträge nach den Gründen für die „aktuelle Konjunktur frauenfeindlicher Dynamiken und Topoi in Kunst und Popkultur unter Berücksichtigung veränderter medialer und soziopolitischer Bedingungen“ (ebd.).

Unter dem Titel „Brotbäckerinnen/Brötchenverdienerinnen“ diskutieren die Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer, die Kunsthistorikerin Friederike Sigler und die Künstlerin Petra Cortright in einem von TZK-Redakteur:innen moderierten Roundtable über das Phänomen der Tradwives. Dabei handelt es sich um einen in den Sozialen Medien schon seit Längerem zu beobachtenden Trend, bei dem Frauen die scheinbare Hausfrauenidylle der 1950er-Jahre und damit die konservative Geschlechterrolle der Frau als fürsorgliche, sich für die Familie aufopfernde Mutter und Hausfrau zelebrieren, natürlich perfekt gestylt. Wie der Titel des Beitrags schon andeutet, gehen die Gesprächsteilnehmerinnen über die in den Videoclips präsentierte und in den Mainstream-Debatten über das Phänomen häufig reproduzierte persönliche Ebene – Tradwife als Lebensmodell – hinaus. Stattdessen richten sie ihre Aufmerksamkeit auf hinter den Inszenierungen liegende Aspekte, insbesondere die ökonomische Dimension und das konservative politische Programm.

Tatsächlich, so die Diskutantinnen, verkörperten die Tradwives einen elementaren Widerspruch. So propagierten die Influencerinnen in ihren Videos mit konservativem Content, keiner Lohnarbeit nachzugehen und in der ausschließlichen Versorgung von Heim und Kindern ihr privates Glück zu finden, während sie mit ebendiesen Clips, in denen sie Hausarbeit performen, sehr wohl Geld in der kapitalistischen Plattformökonomie verdienen. In Wirklichkeit, so ließe sich der Sachverhalt pointieren, handelt es sich bei den angeblichen Tradwives also um findige Businesswomen, oder, um es in den Worten Cortrights zu sagen, um „Trickbetrügerinnen“ (S. 73).

Sauer verweist in diesem Zusammenhang auf Veränderungen am Arbeitsmarkt, konkret darauf, dass sich neben der traditionell schlechteren Bezahlung von Frauen beziehungsweise der geringeren Vergütung von als weiblich definierten Tätigkeiten auch die berufliche Situation vieler Männer gewandelt habe. Ihre Stellung sei „zunehmend prekär“ (S. 67), so dass das von den Tradwives verbreitete Ideal des male breadwinners für Arbeiter und Angestellte mit geringem Einkommen schlicht nicht finanzierbar sei. Sauer versteht den Hype um das Phänomen der Tradwives, der nach der Krise des Neoliberalismus einsetzte und das Bild einer finanziell sorglosen Hausfrau und Mutter transportiert, als Beleg dafür, dass hierbei nicht nur Geschlechterverhältnisse, sondern auch Klassenverhältnisse eine Rolle spielen (ebd.).

Die Entscheidung gegen die Partizipation am Arbeitsmarkt und für die Erfüllung der konservativen Frauenrolle erfolgt nach Siglers Einschätzung aus einer „aktiv antifeministischen Haltung heraus“ (S. 61). Darin stimmen die Diskutantinnen überein; Cortright bezeichnet Tradwives gar „als Backlash gegen den Feminismus“ (S. 59). Denn selbstverständlich gehe es bei der Performance von Tätigkeiten im Haushalt nicht um deren tatsächliche Verrichtung, so Sigler. Vielmehr sei beabsichtigt, „eine ganz spezifische, ideologisch aufgeladene Vorstellung von Frausein“ zu idealisieren und medial zu vermitteln (S. 61). Die hyperästhetische Inszenierung verfolge das Ziel, „ein Bild von einer Frau in Einklang mit einer neurechten oder neokonservativen Weltanschauung zu zeichnen“ (ebd.). Dabei handele es sich um eine „ganz alte Strategie politischer Propaganda“ (ebd.). Und weil sich Tradwives in aller Regel nicht politisch äußern, seien sie für die Neue Rechte interessant geworden, „um kulturelle Hegemonie zu beanspruchen und so ihre politische Agenda zu verbreiten“ (S. 63). Mit der Glorifizierung einer scheinbar idyllischen, in jedem Fall besseren Vergangenheit werde ein falsches Geschichtsbild reproduziert – ein typisches Charakteristikum der Neuen Rechten, so Sigler.

Aus politikwissenschaftlicher Perspektive ergänzt Sauer, dass Tradwives auch deshalb für Vertreter und Anhänger rechtskonservativer Politik interessant seien, weil Letztere eine Bevölkerung wollen, die keinerlei staatliche Unterstützung in Anspruch nimmt, sondern sich selbst versorgt. Dafür, so Sauer, seien traditionelle Familienbilder – wie sie Tradwives ästhetisch inszenieren und propagieren – unabdingbar. Insofern handele es sich bei dem Phänomen um „ein kleine[s] Teil eines größeren Puzzles, das auf den Rückbau von Staat und Demokratie hinauslaufen könnte“ (S. 71), den die Neue Rechte anvisiert. So zeigt sich, dass sich hinter einem vermeintlich harmlosen Internetphänomen handfeste politisch-ideologische Interessen verbergen.

Auch die Journalistin und Kulturkritikerin Sophie Gilbert geht davon aus, dass popkulturelle Phänomene über eine „enorme Softpower“ verfügen, die einen nicht zu unterschätzenden Einfluss darauf hat, wie wir über andere und uns selbst denken (S. 27). Ihr mit „Ein Backlash gegen den Backlash“ überschriebenes Gespräch (S. 27–42) mit der Philosophin Kate Manne und TZK-Redakteurin Kersty Grether dreht sich um die von Regression und Misogynie geprägte Gegenwart. Die drei Frauen schauen aber auch auf zurückliegende popkulturelle Erscheinungen, die ihre persönliche Entwicklung insbesondere seit dem Beginn der 2000er-Jahre geprägt haben. Mit der Verbreitung des Internets und der zunehmenden Nutzung von Community-Plattformen seien plötzlich unzählige weibliche (Selbst-)Darstellungen verfügbar gewesen, nicht zuletzt explizit pornografisches Material habe sich rasant im Netz verbreitet, so Gilbert, und erinnert etwa an das geleakte Sexvideo der Schauspielerin Pamela Anderson (S. 31).[1] Schon damals sei es eine „sehr visuell geprägte Zeit [gewesen], in der Frauen schnell die Kontrolle über ihr eigenes Bild verloren“ (ebd.). Hinzugekommen seien Phänomene wie etwa Upskirt-Fotos, die massenhaft in Chats geteilt wurden.[2] Später seien Reality-TV-Formate wie Big Brother gefolgt, die nur sehr geringe Produktionskosten verursachen, dafür aber ein großes Publikum ansprechen. So sei eine wahre „Abwärtsspirale“ in Gang gekommen, führt Gilbert aus; auch heute noch gehe es vor allem darum, immer provokantere Konzepte zu entwickeln (S. 35). Ein Ergebnis dieser Entwicklung seien Makeover-Shows gewesen, in denen nicht nur Hair- und Makeup-Styling, sondern gleich noch plastische Chirurgie als Mittel der Wahl normalisiert wurden, um das eigene Erscheinungsbild an das geltende Schönheitsideal – Stichwort „Paris-Hilton-Ästhetik“ (S. 35) – anzupassen. „Wenn Frauen nicht so aussahen, […] galt das quasi als moralisches Versagen“, so Gilbert. Manne teilt diese Sicht und verweist auf ihre moralphilosophische Theorie zur Logik der Misogynie.[3] Während Männer bedingungslos nehmen dürften und ihrer Auffassung nach gar einen Anspruch auf Liebe, Fürsorge, Aufmerksamkeit, Sex, Bewunderung und Pflege hätten, werde Frauen der gebende Part zugeschrieben. Aufgrund dieser jahrtausendealten Rollenverteilung hätten Frauen auch heute noch „ein Gefühl der Verpflichtung verinnerlicht“ (S. 29), Männern all diese Annehmlichkeiten bereiten zu müssen. Dazu gehöre auch der verinnerlichte Anspruch, für den Mann attraktiv zu sein, erläutert Manne. Dabei gehe es gar nicht so sehr darum, „die tendenziell idiosynkratischen Geschmacksvorstellungen oder Wünsche eines bestimmten Mannes zu erfüllen, sondern vielmehr darum, ihm das soziale und sexuelle Kapital zu verschaffen, das ihm seiner Meinung nach zusteht“ (S. 35).[4] Widersetze sich eine Frau dieser Logik, weigere sie sich, aktuellen ästhetischen Standards zu entsprechen oder sei sie gar queer, werde das „als Verrat an ihrer moralischen Verpflichtung interpretiert, die Gebende zu sein“ (ebd.). Unnötig zu erwähnen, dass Frau mit Verachtung und Hass von männlicher Seite rechnen muss, sollte sie sich deviant verhalten.

Bezugnehmend auf jüngere und gegenwärtige Entwicklungen wie etwa die sogenannten Incels führt Manne weiter aus, dass die männliche Anspruchshaltung insbesondere dann besonders brutal durchzusetzen versucht werde, wenn feministische Projekte erfolgreich sind (S. 37) – etwas, das wir gerade vielerorts beobachten und erleben könnten. Angesichts der derzeit in etlichen Ländern rückläufigen Entwicklungen plädiert die Philosophin dafür, pragmatisch zu sein und ungeachtet aller Meinungsverschiedenheiten und unterschiedlicher Überzeugungen an grundsätzlichen Forderungen festzuhalten, etwa Chancengleichheit und Gleichberechtigung (S. 41) für Menschen jeglichen Geschlechts. Gegenwärtig, so Manne, nehme sie ein „Gefühl tiefer Trauer und Ermüdung“ (S. 31) wahr, sehe darin jedoch auch das Potenzial für eine „Art von feministischer Revolution“. In Anbetracht aktueller insbesondere politischer Entwicklungen hoffe sie, „dass je schlimmer es wird, desto mehr junge Frauen dagegen Sturm laufen werden“ (ebd.). Es wäre zu wünschen, dass die aktuell in mehreren Großstädten Deutschlands stattfindenden Demonstrationen gegen sexualisierte Gewalt den Anfang einer solchen Bewegung markieren, sie wäre dringend nötig.

Mit Blick auf das von Kate Manne geforderte Festhalten an grundsätzlichen Dingen wie Chancengleichheit und Gleichberechtigung ist ein Beitrag der Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp in der März-Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik interessant. Sie befasst sich mit der Frage, [w]ie weibliche Freiheit im postpatriarchalen Chaos erstritten werden kann. Am Beispiel politischer Parteien und des bundesdeutschen Parlamentarismus zeigt sie auf, was für viele andere Bereiche des alltäglichen Lebens ebenso gilt: Die bestehenden Strukturen sind nicht geschlechtsneutral, sondern „historisch aus patriarchalen Verhältnissen hervorgegangen und weiterhin auf die Wünsche und Bedürfnisse von Männern zugeschnitten“ (S. 69). Auch nach den 16 Jahren der Kanzlerschaft Angela Merkels sei Parteipolitik noch immer „männlich kodiert“; daran habe sich in den vergangenen 100 Jahren, in denen Frauen in der Politik „mitmachen dürfen“ (ebd.), nur wenig geändert.

Über ihren Fokus auf das System der repräsentativen Demokratie hinaus verweist Schrupp auf den wichtigen Unterschied zwischen Gleichberechtigung und Gleichstellung. Denn aus dem Umstand, dass allen Menschen ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer Religionszugehörigkeit oder Herkunft usw. qua Gesetz gleiche Rechte zugestanden werden (=Gleichberechtigung), folge noch nicht, dass sie auch über die gleichen effektiven Chancen und Lebensumstände verfügen (=Gleichstellung). Schon Simone de Beauvoir, auf die Schrupp sich in diesem Zusammenhang bezieht, hatte zur Beantwortung der Frage, warum die gesetzlich garantierte Gleichberechtigung keine nachhaltigen Veränderungen im Geschlechterverhältnis bewirkt habe, auf die Beharrungstendenzen der Kultur verwiesen, in der die Zweitrangigkeit und Unterordnung alles Weiblichen fest verankert sei. Daher brauche es für echten Wandel weit mehr als gleiche Rechte. Vielmehr bedürfe es, so Schrupps Schlussfolgerung, weitreichender Maßnahmen, „um all den patriarchalen Prägungen entgegenzuarbeiten und eine gerechte Gesellschaft aufzubauen“ (S. 70).

Simone de Beauvoir habe die Menschen, und insbesondere die Frauen selbst noch ausdrücklich dazu aufgerufen, eigenständig Praxen auf kultureller, gesellschaftlicher und persönlicher Ebene zu entwickeln, mittels derer Ungerechtigkeiten „aktiv verlernt, aufgelöst, entmachtet“ (S. 71) und schließlich überwunden werden können. Seit den 1980er-Jahren jedoch, so Schrupp, habe sich der Fokus der Gleichstellungspolitik immer mehr von „Frauen als Akteurinnen ihrer gesellschaftlichen Besserstellung auf den Staat beziehungsweise gesellschaftliche Institutionen“ (ebd.) verschoben. Diese Entwicklung habe zwar in vielen Bereichen eine bessere staatliche Finanzierung etwa von Frauenhäusern zur Folge, sei aber zugleich in zweierlei Hinsicht riskant: Erstens könnten staatliche Zuwendungen, wie jüngst in den USA zu beobachten, mit erschreckender Leichtigkeit von einer Sekunde auf die andere gestrichen und erzielte Fortschritte damit zunichtegemacht werden; zweitens bestätige die Forderung des Zugangs zu Institutionen patriarchalen Ursprungs deren Bedeutsamkeit und Autorität. Letzteres, so Schrupp, spreche zwar nicht automatisch gegen entsprechende Forderungen, doch müsse man sich fragen, ob Universitäten, Aufsichtsräte & Co. überhaupt geeignet sind, eine freie gleichberechtige Welt zu gestalten, oder ob dafür nicht eher gänzlich neue Institutionen geschaffen werden müssten (ebd.).

Schrupp beschreibt außerdem einen Wandel von der feministischen, also explizit auf Frauen ausgerichteten Politik der 1980er-Jahre hin zur heute dominierenden Gleichstellungspolitik. Letztere verfolge nicht den Anspruch, weibliche Perspektiven in von Männern dominierte Bereiche zu integrieren, um die Welt freiheitlicher zu gestalten. Vielmehr fokussiere Gleichstellungspolitik das Geschlechterverhältnis, das egalitärer werden soll, setze also Frauen in Relation zu Männern. Damit würden Frauen aber nicht mehr als Subjekte betrachtet, so Schrupp: „Die Logik der Gleichstellung lässt somit die grundlegenden Ungerechtigkeiten der Welt unangetastet“, schreibt die Politikwissenschaftlerin, und bezieht sich dabei etwa auf die wahlweise abgewertete oder gänzlich unsichtbar gemachte Care-Arbeit sowie ungleich verteilte Einkommens- und Vermögenswerte usw. (S. 72).

Zudem habe sich gezeigt, so Schrupp ernüchtert, dass die kleinen Erfolge jener Frauen, die es in patriarchale Institutionen geschafft haben und sich dort behaupten, nicht von Dauer sind. Die Autorin belegt diesen Umstand am Beispiel von Bärbel Wartenberg-Potter, einer der ersten Bischöfinnen Deutschlands, die nach dem Ende ihrer Amtszeit resümierte, trotz feministischer Ambitionen kaum gegen die bestehenden Strukturen der Kirche angekommen zu sein. Sobald Frauen aus Positionen wieder ausschieden, so Schrupps Feststellung, „gingen die Institutionen umstandslos auf den Status quo ante zurück, so als wären diese Frauen nie da gewesen“ (S. 73). Das habe insbesondere die Entwicklung der CDU seit dem Ende der Ära Merkel auf besonders eindrückliche Weise gezeigt.

Doch lässt sich nicht nur hierzulande ein beängstigender Gender Backlash beobachten. Auch in zahlreichen anderen Ländern dieser Welt werden hart erkämpfte feministische Errungenschaften zurückgenommen und zerstört – sei es die brutale Unterdrückung von Frauen im Iran, die seit 2022 immer größere Ausmaße angenommen hat; sei es der Austritt der Türkei aus der Istanbul-Konvention zum Schutz vor Gewalt gegen Frauen 2021; sei es die Abschaffung von reproduktiven und anderen Rechten etwa in Polen, Ungarn und den USA. Seit Beginn der zweiten Amtszeit geht die Trump-Regierung noch deutlich weiter, hat Quotenregelungen und DEI-Maßnahmen nicht nur abgeschafft, sondern sogar kurzerhand zur unzulässigen Diskriminierung erklärt.

Mit Blick auf die westliche Welt hält Schrupp fest, wie schnell sich Unternehmen, Medien & Co. an die sich verändernden politischen Rahmenbedingungen angepasst hätten, insbesondere die sich einst zumindest teilweise als frauen- und queerfreundlich gerierenden Tech-Bros aus dem Silicon Valley. Tatsächlich könne man sich nur schwer des Eindrucks erwehren, ihre Befürwortung und Unterstützung diversitäts- und gleichstellungspolitischer Maßnahmen seien „nur dem Zeitgeist geschuldete Lippenbekenntnisse gewesen, nicht Ausdruck echter Überzeugungen“ (S. 74). Die Politikwissenschaftlerin interpretiert dieses Verhalten als Gleichgültigkeit der Männer; zumindest könne sie sich nur so erklären, „warum die gewaltvoll antifeministische Agenda von Rechtsextremen bei ihnen auf so wenig Widerstand stößt“ (S. 73). Schrupps Fazit: „Wir [Frauen] wissen nun besser, woran wir sind.“ (S. 74)

Vor dem Hintergrund all dieser Entwicklungen plädiert die Autorin dafür, sich zwar für den Erhalt feministischer Errungenschaften einzusetzen, um nicht hinter den aktuellen Stand zurück zu fallen. Viel wichtiger sei es angesichts der sich zunehmend verschärfenden Krise jedoch, „das Verhältnis von Staatlichkeit, Institutionen, Parteienpolitik und Geschlecht noch einmal ganz neu zu durchdenken, auf einer grundsätzlichen Ebene“ (ebd.). Nur durch eine genaue Analyse bestehender Maßnahmen und ein Hinterfragen, was bereits etablierte Instrumente leisten können und was nicht, ließen sich neue Zukunftsvisionen und -utopien entwickeln (ebd.). Konkrete Vorschläge liefert Schrupp an dieser Stelle nicht, formuliert aber einen nennenswerten, wenn auch nicht neuen Denkanstoß: Bestandteil einer neuen Strategie müsse es sein, sich nicht an Männern zu orientieren, sondern sich der eigenen Subjektivität bewusst zu werden, einer Subjektivität,

„die nicht nur mitmacht bei einem Spiel, dessen Regeln bereits feststehen, sondern mit eigenen Wünschen und Projekten in Erscheinung tritt. Die die herkömmlichen Schiedsrichter als befangen zurückweist und womöglich nicht nur die Spielregeln ändern, sondern ein ganz neues Spiel spielen möchte. Die das Ziel der ‚Gleichstellung‘ als ungenügend zurückweist“ (S. 73).

Schrupp gibt damit an dieser Stelle zwar keine Antwort auf die im Beitragstitel gestellte Frage, doch liefert ihre kritische Auseinandersetzung mit den Instrumenten der Gleichstellung einen wichtigen Baustein zu einer Erneuerung des Feminismus, der nicht mehr Rechte und Einfluss in einer patriarchalen Ordnung, sondern deren Überwindung anstrebt.

  1. In diese Zeit fällt auch der Fall von Paris Hilton, deren Ex-Freund unter dem Titel „One Night in Paris“ ein intimes Video gegen ihren Willen veröffentlichte. Statt die Veröffentlichung der Aufnahmen als revenge porn, eine Form misogyner Gewalt, anzusehen, wurde Hilton verspottet, ihr gar unterstellt, sie selbst stecke hinter der Veröffentlichung. Jahre später spricht sie über diese und andere Gewalterfahrungen in der Doku „This is Paris“.
  2. Man denke nur an den Pelicot-Fall, der ja nur durch solche Fotos überhaupt aufgedeckt wurde und so zahlreiche weitere ungleich gewaltvollere Straftaten ans Licht brachte. Wie verbreitet derartige Formen sexualisierter misogyner Gewalt über den weltweit bekannt gewordenen Fall hinaus sind, lässt etwa die Recherche „Das Vergewaltiger-Netzwerk auf Telegram“ der STRG_F-Reporterinnen Isabell Beer und Isabel Ströh erahnen.
  3. Kate Manne, Down Girl. Die Logik der Misogynie, übers. von Ulrike Bischoff, Berlin 2019; siehe dazu auch: Hannah Schmidt-Ott, Das gehasste Geschlecht. Rezension zu „Down Girl“ von Kate Manne, in: Soziopolis, 30.4.2019.
  4. An dieser Stelle wird man aus Gründen direkt an das Format „Who wants to fuck my girlfriend“ erinnert, das Christian Ulmen in seiner Rolle als Uwe Wöllner ins Leben rief und moderierte.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

Kategorien: Demokratie Diversity Feminismus Gender Gesellschaft Gewalt Körper Kultur Medien Rassismus / Diskriminierung

Stephanie Kappacher

Stephanie Kappacher ist Soziologin. Sie arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung als Redakteurin der Zeitschrift Mittelweg 36 sowie des Internetportals Soziopolis.

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