Die Themen liegen auf der Straße

Vorabdruck aus "Kleine Soziologie des Studierens" von Swantje Lahm und Thomas Hoebel (Hg.)

Bei dem folgenden Text handelt es sich um einen Auszug aus dem Buch "Kleine Soziologie des Studierens", herausgegeben von Swantje Lahm und Thomas Hoebel, das am 23. November 2020 im Verlag Barbara Budrich erscheint. Wir danken dem Autor sowie dem Verlag, vorab diesen Aufsatz veröffentlichen zu dürfen.

- Die Redaktion

 

[1] Der Ökonom und Hochschuldozent Stefan Zimmermann hat an Sarkasmus nicht gespart, als er vor einigen Jahren seine „perfekte Anleitung für schlechte Studienarbeiten“ veröffentlichte.[2] Der Text ist großartig. Interessierte Leserinnen erfahren präzise, was Prüflinge an deutschen Hochschulen auf keinen Fall auslassen sollten, um garantiert eine erfolglose Hausarbeit oder Thesis zu schreiben. „Gehen Sie bloß nicht in die Bibliothek!“, „Bleiben Sie vage!“ oder „Bleiben Sie bei der Arbeit am Rechner stets online, halten Sie das Soziale Netzwerk Ihrer Wahl jederzeit offen!“ sind nur einige Ratschläge aus einem Potpourri der Möglichkeiten. Der Subtext des Essays steht einem allerdings genauso klar vor Augen. Aus Zimmermanns Sicht folgen viel zu viele Studierende ‚seiner‘ Anleitung.

Wenn Lehrende über Studierende urteilen (und andersherum ist es meiner Erfahrung nach genauso), wird oftmals ein zäher Brei aus Pauschalisierungen („Der Studierende an sich …“) und Attributionsfehlern („… ist gemeinhin unfähig“) angerührt und abschließend mit einem Schuss Social Proof gewürzt (bestätigendes Nicken, bestätigende Anekdoten). Durch ihre induktiv gewonnenen Erkenntnisse meinen Dozenten einiges über ihre Schützlinge zu wissen – was in scharfem Kontrast dazu steht, dass es sozialwissenschaftlich gesehen recht wenig Belastbares über die zahlreichen Variationen gibt, wie die Kommilitoninnen aktuell tatsächlich studieren. Sicher, es gibt Studierende, die Texte abgeben, deren Lektüre zwar nicht ganz den Tatbestand der Körperverletzung erfüllt, mindestens aber der Verschwendung von Lebenszeit.

Aus soziologischer Sicht macht es sich jedoch jeder Versuch, das Problem schlechter Texte direkt und einseitig ‚den Studierenden‘ zuzurechnen, zu leicht – auch wenn er wie im Falle Zimmermanns exzellent geschrieben ist. Denn der Entstehungsprozess der Texte verschwindet dabei voreilig hinter der Person der jeweiligen Autorin, die nicht umhinkommt, sich zu dem Ergebnis bekennen zu müssen. Ihr Name steht schließlich auf dem Deckblatt.

Legt man dagegen das Augenmerk auf den Prozess selbst, erschließen sich ganz andere Möglichkeiten, um die Produktion schlechter Studienarbeiten zu begreifen. Ich möchte an dieser Stelle eine These wagen, für die ich meine, auch dank der Berichte von Kolleginnen, einige Evidenz zu haben. Eine zentrale Bedingung der Möglichkeit, dass ein prüfungsrelevanter Text total in die Hose geht, liegt darin, dass die Themenfindung nicht konsequent mit der Formulierung einer sowohl orientierenden als auch motivierenden Fragestellung abgeschlossen wird. Während ‚orientierend‘ dabei bedeutet, dass der Autor einigermaßen Klarheit darüber gewonnen hat, welche Problemstellung er in einer bestimmten Frist, in einem begrenzten Zeichenumfang und vor allem mit knappen mentalen und körperlichen Ressourcen bearbeitet, bezieht sich ‚motivierend‘ darauf, dass der Autor sich zumindest für die Bearbeitungsphase in einem Zustand befindet, in dem er Spaß daran hat, auf ein eigenes Argument zu der gewählten Frage hinzuarbeiten. Bewusst scharf formuliert heißt das: Scheitert die angemessene Zuspitzung einer Fragestellung, kann man die Sache gleich vergessen – nicht zu verwechseln damit, dass sich die Fragestellung während des Schreibens durchaus noch verändern kann. „Es liegt in der Natur der Sache, daß ein Forscher erst weiß, was er untersucht, wenn er es erforscht hat“, wie Gregory Bateson schreibt.[3] Doch ohne eine hinreichend konkrete Fragestellung kann die Reise erst gar nicht beginnen.

Die Crux ist, dass das Studium der Soziologie, was das Suchen und Finden von Themen angeht, besonders anspruchsvoll ist. Zum einen müssen hier im Vergleich zu vielen anderen Studiengängen häufig Texte geschrieben werden. Zum anderen besteht in der Regel und weitgehend unabhängig von einzelnen Lehrenden die Erwartung, dass die Studierenden eigenständig Problemstellungen entwickeln. Soziologie zu studieren ist gerade in diesen Punkten reichlich riskant. Es ist vermutlich nicht übertrieben zu behaupten, dass gerade diejenigen Kommilitonen ein erfolgreiches Studium absolvieren, denen es gelingt, Fragen zu ‚bringen‘, die sowohl den Geschmack ihrer Betreuerinnen finden, als auch so zugeschnitten sind, dass sie überhaupt im Rahmen der genannten Restriktionen bearbeitet werden können.

Ebenfalls ist es nicht übertrieben zu behaupten, dass unter vielen Studierenden der Soziologie erhebliche Unsicherheit darüber herrscht, was sich überhaupt als Thema eignet. Ihnen hilft es vielleicht erstmal recht wenig, wenn ich hier schreibe: Eure Themen liegen auf der Straße! Doch liegt gerade darin eine Erleichterung. Andrew Abbott hat das auf die Formel gebracht, dass die Soziologie nicht besonders gut darin sei, sich nicht um ein Thema zu kümmern. Die Disziplin zieht Themen an wie Glühlampen die Mücken, „always aquiring them, seldom losing them“.[4] Diesen Mangel an Selektivität mag mancher als Problem sehen. Aus studentischer Sicht liegt darin gleichwohl ein erheblicher Vorteil. Die Themenfindung kann so ohne Weiteres am eigenen Alltag ansetzen! Die Nutzung von Fahrstühlen,[5] der Aushilfsjob am Fließband,[6] die Lebenssituation des Viertels, in dem man wohnt[7] oder die Mitarbeit in Parteigremien[8] – alle Beobachtungen, die hier gemacht werden, können zu Ausgangspunkten eigener Analysen werden.

Gleichzeitig muss ich in diesem Zusammenhang immer wieder an ein eindrückliches Sprechstundengespräch mit einer Studentin denken. Es hat mir verdeutlicht, dass es womöglich wenig hilft, sich hier hinzustellen und die Ausbeutung eigener Alltagserfahrungen zu propagieren. Um im Bild zu bleiben: Dass die Themen auf der Straße liegen, ist das eine. Sie tatsächlich einzusammeln, das andere. Die Sache ist alles andere als trivial. Besagte Studentin fragte ich seinerzeit, warum sie sich denn für Organisationssoziologie interessiere. Sie interessiere sich gar nicht so richtig dafür, müsse aber irgendetwas belegen, antwortete sie überraschend offen. Stirnrunzeln meinerseits. Ob sie denn selbst ‚Organisationserfahrung‘ habe? Nein, gar nicht, meinte sie, ohne allerdings zu bedenken, dass sie seit einigen Semestern in einer Einrichtung, die man durchaus für eine Organisation halten könnte, eingeschrieben ist. Um es abzukürzen: Schließlich stellte sich heraus, dass sie unentgeltlich im Betrieb ihrer Eltern mitarbeitete, was immer wieder zu Konflikten führte. Ruckzuck war die Idee für eine Hausarbeit geboren, die sie dann, nach kurzem Zögern, in den Folgewochen relativ zügig und in sehr gelungener Weise schrieb. Ihr war zuvor allerdings überhaupt nicht klar, dass sie ihr Studium in dieser Weise mit ihrem Alltag verknüpfen kann. Diese Verknüpfung herzustellen scheint tatsächlich eine Hürde zu sein, um ein Thema, das vor einem liegt, auch tatsächlich einzusammeln.

Eine zweite Hürde ist wesentlich höher. Themen auf der Straße einzusammeln heißt ja, alltägliche Dinge, die uns oft selbstverständlich erscheinen, aus einem soziologischen Blickwinkel zu betrachten und Alltagsnormen sowie Routinen zu hinterfragen. Genau darin liegt aber die Schwierigkeit. Ziel ist ja keine alltägliche Betrachtung des eigenen Alltags – kein Alltagsalltag. Das kann man abends in der Kneipe machen. Ziel ist vielmehr eine soziologische Betrachtung, eine Soziologie des Alltags. Es kommt daher auf die Art des Fragens an. Denn die Soziologie ist, Abbott deutet es an, nicht über einen bestimmten Gegenstandsbereich definiert. Soziologie ist eine besondere Form des Fragens, nämlich danach, wie ein sozialer Vorgang X funktioniert, ein soziales Ereignis Y entsteht oder sich ein sozialer Zustand Z reproduziert. Getrieben sind diese Fragen dabei nicht primär dadurch, X, Y oder Z zu beurteilen. Vielmehr geht es darum, X, Y oder Z schärfentief zu beschreiben, zu verstehen oder zu erklären.

Themen tatsächlich einzusammeln ist in dieser Sicht harte Arbeit, nämlich die Arbeit an Fragen, die zur Voraussetzung haben, sich ‚erstaunen‘ zu können. „Die Fähigkeit des Erstaunens über den Gang der Welt“, so betonte bereits Max Weber, „ist Voraussetzung der Möglichkeit des Fragens nach ihrem Sinn“.[9] Man muss sich folglich über soziale Vorgänge, die man erlebt, über die man hört oder liest, wundern können, um soziologisch zu fragen und vermeintliche Selbstverständlichkeiten ‚aufzuknacken‘. Dann gelingt es auch, diese zweite Hürde zu überspringen. Die Voraussetzung ist eine gewisse empirische Naivität, wie es Sven Kette einmal treffend formulierte.[10]

Diego Gambetta hat besonders klare Vorstellungen davon, was eine soziologische Frage ist. In einer „puzzle bank” hat er empirische Rätsel gesammelt, mit denen er selbst Seminare gestaltet, um soziologisches Fragen zu lehren. „A puzzle is not just a general topic […]. It is a correlation which defies the expectations of common sense or the predictions of some theory.“[11] Er schlägt somit zwei alternative Wege vor, um sich zu erstaunen. Erstens: Misstraue dem Alltagswissen! Zweitens: Bürste gängige Theorien und Thesen gegen den Strich!

 

Tipp zum Weiterlesen

Das Buch Tricks of the Trade von Howard S. Becker.[12] Becker berichtet – aus seiner eigenen Forschungspraxis und in leicht zugänglicher Weise – über zahlreiche Kniffe, um eigene soziologische Untersuchungen durchzuführen. Ganz wunderbar ist die Episode über junge Ärzte, die von „crocks“ reden, und Becker vor das Rätsel stellten, um was es sich da eigentlich handelt. Die Episode ist im Grunde ein Leitfaden, um Themen einzusammeln – erstens: an einen interessanten Ort gehen, zweitens: sich darüber wundern, wie die Menschen, die sich dort aufhalten, miteinander sprechen, drittens: herausfinden, warum sie so miteinander sprechen, wie sie es tun.

Fußnoten

[1] Der Text ist eine leicht überarbeitete Fassung des Beitrags „Die Themen liegen auf der Straße. Doch wie sammelt man sie ein? Über ein leidiges Problem studentischer Arbeiten“, der im Sommersemester 2012 im Themenheft „Alltagssoziologie“ der Bielefelder Studierendenzeitschrift sozusagen erschienen ist.

[2] Stefan Zimmermann, Die perfekte Anleitung für schlechte Studienarbeiten [2.11.2020], in: Spiegel Panorama, 20.2.2008.

[3] Gregory Bateson, Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven, übers. von Hans Günter Holl, Frankfurt am Main 1985, S. 16.

[4] Andrew Abbott, Chaos of Disciplines, Chicago, IL 2001, S. 6.

[5] Stefan Hirschauer, Die Praxis der Fremdheit und die Minimierung von Anwesenheit. Eine Fahrstuhlfahrt, in: Soziale Welt 50 (1999), 3, S. 221–245.

[6] Michael Burawoy, Manufacturing Consent. Changes in the Labor Process under Monopoly Capitalism, Chicago, IL 1979.

[7] Alice Goffman, On the Run. Die Kriminalisierung der Armen in Amerika, übers. von Noemi von Alemann, Gabriele Gockel und Thomas Wollermann, München 2015.

[8] Niklas Luhmann, Probleme eines Parteiprogramms, in: Horst Baier (Hg.), Freiheit und Sachzwang. Beiträge zu Ehren Helmut Schelskys, Opladen 1977, S. 167–181.

[9] Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 3 [1921], Tübingen 1998, S. 221.

[10] Sven Kette, Wie erforscht man Organisationen? Unveröffentlichtes Manuskript, Bielefeld 2011.

[11] Diego Gambetta, Empirical Puzzles for Teaching and Research [2.11.2020].

[12] Howard S. Becker, Tricks of the Trade. How to Think about Your Research While You’re Doing It, Chicago, IL 1998.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.