Claudia Peter | Nachruf |

Bernhard Waldenfels

Ein Nachruf

schwarz/weiß-Portrait Bernhard Waldenfels
Bernhard Waldenfels, © Uwe Dettmar / Suhrkamp Verlag

Im Modus der Erfahrung

Das Soziale zu verstehen, darum bemüht sich nicht nur die Soziologie. Vor und neben ihr sind es auch andere Fächer und Wissenschaften (gewesen), die in diesem Interesse miteinander konvergieren. Die Phänomenologie gehört zu ihnen, wobei sich ihr Interesse spezifizieren lässt: Ihr geht es um Erfahrungen, um die Erfahrbarkeit der Welt, des Anderen und des Selbst. Sie ist „eine Denkweise, die sich nicht nur auf Erfahrungen stützt, sondern aus der Erfahrung erwächst und ihr zum Ausdruck verhilft“, schrieb der kürzlich verstorbene Phänomenologe Bernhard Waldenfels.[1] Ihm ist dieser Nachruf gewidmet.

Wie das Soziale selbst erfahren wird, war eines der Lebensthemen von Bernhard Waldenfels. Seine Antwort darauf ist die responsive Phänomenologie, die den Menschen als gesellig-ungeselliges Wesen fasst, als Homo respondens[2]:

„Antworten bedeutet, dass wir auf Fremdes eingehen, das sich nicht mit den vorhandenen Mitteln des Eigenen und Gemeinsamen bewältigen lässt.“[3]

Im Folgenden wird dieses bedeutenden Phänomenologen gedacht. Insbesondere in der jüngeren Generation von Soziolog:innen werden seine Bücher gerne gelesen, weil seine Themen der Leiblichkeit, Andersheit, Trauma(sensibilität), Interkulturalität und Widerfahrnis neuer Technologien so ansprechend wie anschlussfähig sind. Mit seinen Schriften hat er zudem dazu angeregt, mit neuen Formen der Forschung zu erkunden, inwieweit Responsivität mit dem beforschten beziehungsweise begleiteten Feld möglich ist. Indem Forschende in ihren Arbeiten auch Momente der Fremdheit, der Affizierung oder Bezeugung thematisieren, praktizieren sie eine Sozialforschung, die den Forschungsprozess als eigenen Erfahrungsmodus mitdenkt und sichtbar macht.[4]

Ein europäischer Denker zwischen Paris und Bochum

Waldenfels gehört der sogenannten „stillen Generation“ an, deren Kindheit durch das nationalsozialistische Deutschland und dessen Zusammenbruch geprägt war. 1934 in Essen geboren, erlebte er die Bombardierung der Städte im Ruhrgebiet und konnte erst 1954 etwas verzögert sein Abitur ablegen. Er schloss ein fünfjähriges Studium der Philosophie, Psychologie, der klassischen Philologie, Geschichte und Theologie an, das – breit angelegt und mit drei Studienorten – eine gewisse Suchbewegung erahnen lässt.

Nach zwei Abschlüssen – der Promotion 1959 in München und dem Staatsexamen für Griechisch, Latein und Geschichte 1960/61 – sind die 1960er-Jahre für ihn Aufbrüche ins Neue. 1961 geht er nach Paris, um die dortigen Philosophen, insbesondere Maurice Merleau-Ponty und Paul Ricœur, zu hören und die französische Debattenatmosphäre kennenzulernen. Nach Familiengründung und einjähriger Erfahrung als Gymnasiallehrer führt sein Weg 1968 wieder an die Universität München und in die Lehre zurück. Hier entsteht sein Frühwerk, in dem sich mit Zwischenreich des Dialogs (1971) bereits sein Lebensthema ankündigt: Um zu sich selbst zu finden, bedarf es des Anderen, eines Zwiegesprächs, das beide hervorbringen.

1976 nimmt er den Ruf auf die Professur für praktische Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum an. Über diese Zeit des langsamen Wandels und der Öffnung der akademischen Philosophie erinnerte er sich im Gespräch mit Petra Gehring und Andreas Gelhard:

„Ich wurde nicht wegen, sondern trotz meiner Phänomenologie berufen. Allmählich wurde dies anders. Später kam das zwischen Bochum und Wuppertal eingerichtete Graduiertenkolleg Phänomenologie und Hermeneutik hinzu. Es war ein langes Arbeiten, für viele war dies importierte Philosophie. So bekam ich zu hören: Ach, Sie machen die Franzosen? Ich antwortete: Ich mache die Franzosen, aber was machen denn die Franzosen? Sie machen Husserl, Heidegger, Hegel, Freud, Nietzsche. Wo ist das Problem?“[5]

Geht man die Themen seiner Bochumer Vorlesungen und Seminare durch, erscheinen sie – für Nachgeborene wie mich – wie ein einziges Übersetzen und Brückenbauen zwischen verschiedenen Philosophien, zwischen verschiedenen Fächern, zwischen verschiedenen Ländern und Zeiten. So ist einerseits das Anknüpfen an tradierte Themen der Philosophie zu erkennen, andererseits kündigt sich Waldenfels‘ Bedürfnis nach neuen Denkwegen an, ein Streben ins Offene.[6]

Blickt man auf die einzelnen Werkphasen von Waldenfels, gewinnt seine eigene Art, Phänomenologie zu betreiben, gegen Ende seiner Bochumer Professur ihr unverwechselbares Profil: Die responsive Phänomenologie mit den beiden Hauptwerken Antwortregister (1994) und Bruchlinien der Erfahrung (2002) entsteht. Diese Phänomenologie ist sein Erbe für die Geschichte der Phänomenologie und nachfolgende Generationen von Forschenden – als eine Phänomenologie, die deutsche und französische Ansätze untrennbar ineinander verflicht.

Wie bedeutend Waldenfels für die Phänomenologie ist, sieht man auch an seinen zahlreichen Gastprofessuren und weltweiten Vortragsreisen, an den umfangreichen Übersetzungen seiner Werke und an der Einrichtung eines ihm eigens gewidmeten Archivs unter dem Dach des Freiburger Husserl-Archivs. Seine Schüler:innen – etwa Burkhard Liebsch, Iris Därmann, Kathrin Busch, Thomas Bedorf, Andreas Gelhard und andere – sind zahlreich und setzen inzwischen eigene Akzente.

Fremdheit, Responsivität und die „Geburt des Sozialen aus dem Pathos bzw. Ethos“

Wodurch zeichnet sich nun das phänomenologische Denken von Waldenfels originär aus? Vor Augen führen muss man sich dazu die Zeit seines Schaffens: Es ist die Zeit nach den Verheerungen des 2. Weltkriegs, nach der umfassenden Gewalt und der langsam nachlassenden Erstarrung. Es ist auch die Zeit der Krise der Philosophie ob des fraglichen eigenen Versagens und gedanklicher Neuanfänge. Dringlich wurden Fragen wie: Wann beginnt totalitäres Denken und worin genau besteht es? Was kann es heißen, jemand Anderem, jemand Fremdem zu begegnen, ohne sich davor fürchten zu müssen, unter totalisierenden Kategorien betrachtet, bewertet und eingeordnet zu werden? Solche Fragen trieben die Philosophie um. Jacques Derrida und Emmanuel Levinas legten mit ihren Alteritätsethiken radikal neu gedachte Entwürfe dazu vor. Waldenfels verfolgte diese Debatten. Eingehend studierte er das Denken von Derrida und Levinas und brachte sie – als erster – in philosophische Diskurse in Deutschland ein.[7] Dabei war er nicht unkritisch, fand mit der Zeit seine eigene Position und entwickelte seine Antwort auf die Herausforderung, wie Sozialität und Alterität sowie deren Verhältnis zueinander ethisch zu denken sind. Er begann das Fremde als Urphänomen zu untersuchen und legte seine Studien zur Phänomenologie des Fremden in vier Bänden[8] vor. Waldenfels begriff den Menschen als pathisches Wesen, das der Welt ausgesetzt ist, in der ihm Andere begegnen, zu denen er sich verhalten muss und deren ethische Ansprüche unabweisbar sind.

Seine responsive Phänomenologie ist eine Sozialphänomenologie, die ausgehend von den Grundbegriffen Responsivität, Fremdheit (Alienität) und Alterität entwickelt wird. Nicht wir begegnen der Welt, sondern diese begegnet uns, so seine Auffassung. Dabei begegnet uns ständig etwas, dass wir nicht verstehen, dass uns erstaunt, verschreckt oder irritiert. Es ist uns fremd, dennoch können wir es nicht ignorieren. „Es [gibt] keine Welt […], in der wir völlig heimisch sind, und […] kein Subjekt […], das Herr im eigenen Hause wäre.“[9] Als in der Philosophiegeschichte bisher nicht ernstgenommenes Phänomen untersucht er aufwändig das Urphänomen Fremdheit.

Was also ist das Fremde? Es ist etwas, das bereits auf uns wirkt – oder in phänomenologischem Vokabular: uns affiziert –, bevor wir es gedanklich erfasst und begriffen haben. Es fordert uns auf, sich ihm zu stellen, es stellt Eigenes infrage und eröffnet neue Erfahrungen. Damit zeigt Waldenfels, wie Sozialität und Alienität sich gegenseitig bedingen: Sozialität in ihrem Entstehen und Vergehen wird durch Fremdes in Bewegung gehalten und bringt immer neue historische Formen des Umgangs, der Ordnungen, der Antworten hervor.

„Das Fremde zeigt sich, indem es sich uns entzieht. Es sucht uns heim und versetzt uns in Unruhe, noch bevor wir es einlassen oder uns seiner zu erwehren trachten.“[10]

Waldenfels hebt den Menschen als ein auf das Fremde antwortendes Wesen hervor, als ein Subjekt, das sich auf die Welt und ihre Angelegenheiten responsiv bezieht. Während die Soziologie in ihrer Fachgeschichte lange das Handeln und damit den Akteur prämierte, sich neuerdings diesem Aktivitätsbias[11] stellt und stattdessen den Patheur, das erleidende, passive, ausgesetzte Individuum, installiert, unterläuft Waldenfels dieses Entweder-oder-Denken und macht darauf aufmerksam, dass Responsivität sich als „Doppelereignis aus Pathos und Response“[12] darstellt. Zunächst fällt uns etwas auf, werden wir auf etwas gestoßen, bevor wir – verzögert – darauf reagieren, indem wir handeln, sprechen, uns körperlich zur Wehr setzen. Waldenfels‘ Grundfigur Pathos – Diastase – Response zeigt an, dass Pathisches und Aktives Anteile eines sozialen Geschehens sind. In der zeitlichen Diastase geht etwas auseinander, wird aber nicht getrennt. Responsiv zu sein, verlangt danach, pathisch empfänglich zu sein; im Pathischen nicht dauerhaft verbleibend bahnen sich Wege des Antwortens auf das Erlittene an, auf jene Ereignisse, mit denen wir konfrontiert waren.

Waldenfels verschiebt damit die Aufmerksamkeit, indem er zeigt, dass das Soziale in den Urmomenten der Widerfahrnis entsteht. In Momenten des Ausgesetztseins wurzelt Sozialität, die Antwort und Ethik zugleich ist – das Soziale wird geboren im Moment des Leidens, der Überforderung, der Überwältigung.

Sozialität neu denken: Die Geburt des Sozialen aus dem Pathos

Die Waldenfels‘sche Sozialphänomenologie mag für manche Soziolog:innen als Sozialtheorie provozierend, ungewohnt oder radikal erscheinen, wenn das im Mittelpunkt steht, was sich bei gleichzeitiger affektiver Anziehung dem Verstehen entzieht. Aber ist es nicht frappierend, wie viele Beispiele einem einfallen, wenn man diesen Gedanken weiterverfolgt? Führen wir uns etwa die weltpolitische Lage vor Augen, lässt sich vieles Fremde finden, das irritiert, verunsichert, schockiert, etwa die Geschehnisse in den USA, das Treiben der United States Immigration and Customs Enforcement, kurz: ICE, die Epstein-Files. Die Verunsicherung in Europa darüber, ob die Ordnung des Westens noch besteht oder ob sie gerade zerbricht. Mit Waldenfels lesen wir die Lage so: Die europäischen Länder sind erschüttert, noch im Pathischen gefangen. Ihre Reaktion, das Antworten, lässt auf sich warten. Die derzeitige Verhaltenheit, mit der Europa auf diese Geschehnisse reagiert, ist nicht als bloße Ohnmacht oder Konfusion zu verstehen. Sie ist gerade kein Moment der Irresponsivität, sondern reanimiert jene Werte, derer es sich jetzt zu versichern gilt, um eigene europäische Antworten zu finden.

Es gibt also gute Gründe für die Soziologie, sich in diesen Umbruchszeiten mit dem Werk von Waldenfels zu beschäftigen und sich im Responsivitätsdenken zu üben. Versteht man den Menschen wie Waldenfels als ein nach Antworten suchendes Wesen, wird deutlich, wie wichtig die Zeit des Pathischen, der Suche und der Response ist: In all diesen Momenten entsteht Sinn, keimt Sinnhaftes.

Im Wissen um den Unterschied zwischen Pathischem und Pathetischem bleibt zu sagen: Ab jetzt müssen wir ohne ihn (weiter)denken. Bernhard Waldenfels ist am 23. Januar 2026 im Alter von 91 Jahren gestorben.

  1. Bernhard Waldenfels, Sozialität und Alterität. Modi sozialer Erfahrung, Berlin 2015, S. 9.
  2. Ilja Srubar hat die Bedeutung der responsiven Phänomenologie für die Soziologie bereits 2018 gewürdigt: ders., 'Homo respondens' und die soziologische Theorie, in: Soziologische Revue 41 (2018), 1, S. 21–33.
  3. Bernhard Waldenfels, Sozialität und Alterität, S. 19.
  4. Vgl. Claudia Peter / Marc Strotmann / Moritz von Stetten, Affektivität und Sozialität, Wiesbaden 2025; Bettina Hünersdorf / Alina Zils, Zum Grenzregime rekonstruktiver Methodologie. Eine phänomenologische Kritik an dem Gütekriterium der Gegenstandsangemessenheit rekonstruktiver Sozialforschung, in: Nora Friederike Hoffmann, et al. (Hg.), An den Rändern der Methoden, Wiesbaden 2025, S. 41–59; Claudia Peter / Marc Strotmann, Verletzbarkeit und Verletzung erfahren. Ein konzeptueller Beitrag zur qualitativen Forschung zu Verletzungserfahrungen, in: Zeitschrift für Soziologie, 54 (2025), 1, S. 148–165; Claudia Peter / Dennis Wilke, Understanding Experiences of Vulnerability, in: Anna Gonon / Silke Müller-Hermann / Estaban Piñeiro (Hg.): Vulnerable Societies, Zürich 2026.
  5. Bernhard Waldenfels / Petra Gehring / Andreas Gelhard, Phänomenologie braucht einen langen Atem, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 65 (2017), 6, S. 1109–1126., hier: S. 1112.
  6. Siehe Bernhard-Waldenfels-Archiv, Lehre in München und Bochum, online unter https://uni-freiburg.de/husserlarchiv/startseite/bernhard-waldenfels-archiv/#Lehre-in-München-und-Bochum [6.2.2026].
  7. 1983 bringt er „Phänomenologie in Frankreich“ heraus, dem 1995 „Deutsch-Französische Gedankengänge“ und 2005 „Idiome des Denkens. Deutsch-Französische Gedankengänge II“ folgen.
  8. Bernhard Waldenfels, „Topographie des Fremden“, Studien zur Phänomenologie des Fremden, Band 1, Frankfurt am Main 1997; „Grenzen der Normalisierung“, Studien zur Phänomenologie des Fremden, Band 2, Frankfurt am Main 1998; „Sinnesschwellen“, Studien zur Phänomenologie des Fremden, Band 3, Frankfurt am Main 1999; „Vielstimmigkeit der Rede“, Studien zur Phänomenologie des Fremden, Band 4, Frankfurt am Main 1999.
  9. Bernhard Waldenfels, Topographie des Fremden, Studien zur Phänomenologie des Fremden, Band 1, Frankfurt am Main 1997, S. 17.
  10. Ebd., S. 42.
  11. Zu diesem Bias in den Sozial- und Kulturwissenschaften siehe: Kathrin Busch / Iris Därmann, Einleitung, in: dies. (Hg.): »pathos«. Konturen eines kulturwissenschaftlichen Grundbegriffs, Bielefeld 2007, S. 7–31 sowie Robert Seyfert, Beziehungsweisen. Elemente einer relationalen Soziologie, Weilerswist-Metternich 2019.
  12. Bernhard Waldenfels, Sozialität und Alterität. Modi sozialer Erfahrung, Berlin 2015, S. 20.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky, Stephanie Kappacher.

Kategorien: Affekte / Emotionen Handlungstheorie Körper Philosophie

Claudia Peter

Prof. Dr. Claudia Peter ist Soziologin und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Forschung. Gegenwärtig forscht sie zu Spiking, einem Deliktverhalten, bei dem Personen ohne deren Wissen oder Einwilligung psychotrope Substanzen verabreicht werden. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Affektforschung, Gewalt- und Vulnerabilitätsforschung und die methodische Entwicklung einer sensitiven Sozialforschung im Modus der Zeugenschaft.

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