Jan Niklas Collet | Rezension | 04.06.2026
Revival kritischer Politischer Theologie
Rezension zu „What Is Political Theology?” von Luke Bretherton, Vincent W. Lloyd und Valentina Napolitano
Am 30. Januar 2025, nur wenige Tage nach der Übernahme der Regierungsgeschäfte durch die zweite Trump-Administration, versuchte sich der US-amerikanische Vizepräsident JD Vance an einer moralischen Rechtfertigung der angekündigten (und mittlerweile in die Tat umgesetzten) restriktiven Asyl- und Migrationspolitik der neuen US-Regierung. Mit dem klassischen theologischen Begriff ordo amoris (Ordnung der Liebe) behauptete er, die Auffassung einer normativen Rangordnung der Nächstenliebe – in der Zugewanderte auf den hinteren Plätzen rangierten – sei theologischer Konsens.[1] Mit Äußerungen wie diesen ist es dem konvertierten Katholiken Vance gelungen, so die Politikwissenschaftlerin und Historikerin Carlotta Voß,
„[…] zentrale Referenzpunkte seiner politischen Theologie in den medialen Diskurs einzuspeisen und die Referenzpunkte im Diskurs um Migration im Sinne dieser politischen Theologie zu verschieben.“[2]
Vances nationalkonservative bis rechtsradikale Auslegung des Katholizismus ist nur eines von vielen Beispielen, die die Aktualität Politischer Theologie – nicht nur, aber insbesondere in den Vereinigten Staaten – unterstreichen. Das bedeutet jedoch nicht, dass nur solche Einwürfe an Popularität gewinnen, die zumindest im Geruch der politischen Instrumentalisierung von Religion stehen. Seit einigen Jahren lässt sich diesseits und jenseits des Atlantiks ebenfalls eine Wiedergeburt der kritischen Auseinandersetzung mit politischen Theologien beobachten.[3] In dieses Revival reiht sich auch das Buch What is Political Theology? ein, das der britische Theologe Luke Bretherton (Oxford), der US-amerikanische Theologe Vincent W. Lloyd (Villanova) und die kanadische Anthropologin Valentina Napolitano (Toronto) gemeinsam verfasst haben. Ihnen geht es darin jedoch nicht um eine Analyse der religiösen Rechten oder um die reine Kritik an einer autoritären Politischen Theologie. Vielmehr vertreten sie eine eigenständige, theoretisch fundierte und in aktuellen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen engagierte Form einer Politischen Theologie an der Seite marginalisierter Gruppen und Bewegungen.
Dazu hat jede:r der drei Forscher:innen ein eigenes, für sich stehendes Kapitel verfasst, die durch inhaltlich grundlegende Überzeugungen zusammengehalten werden. Diese werden in einer gemeinsamen Einleitung (S. 1–36, bes. S. 33–34) mit einer historischen (S. 10–20) und systematischen (S. 20–33) Einordnung der Politischen Theologie artikuliert. Im Hauptteil des Buches entfalten die Autor:innen ihr jeweiliges Verständnis von Politischer Theologie, wobei sie unterschiedliche Stand- und Startpunkte einnehmen (S. 37–206). Abgerundet wird der Band durch kompakte Überblicke der drei Autor:innen über die Anwendung Politischer Theologie in ihren Disziplinen und Forschungsfeldern.
Luke Bretherton entfaltet sein Verständnis von Politischer Theologie aus der Perspektive der konfessionellen christlichen Theologie. Ausgangspunkt und Leitplanke seiner mit Political Theology as Testimony (S. 37–100) überschriebenen Reflexion sind wesentliche Glaubensüberzeugungen, die er im Hinblick auf ihre weltgestaltende Dimension reflektiert. Zu Beginn beschäftigt sich der Autor mit zwei zentralen Gegensätzen, die sich aus den materiellen Gehalten des christlichen Glaubens herleiten und für die Entfaltung einer (christlichen) Politischen Theologie fundamental seien: Die Unterscheidung zwischen Leben und Tod (S. 41–47) sowie die zwischen Ordnung und Chaos (S. 47–54). Davon ausgehend charakterisiert der britische Theologe vier verschiedene Bedeutungsweisen des Politischen und deren Verhältnis zueinander (S. 54–86). Grundlegend ist für ihn dabei die Bestimmung des Politischen als „the art of association“ (S. 60). Diese Formulierung erinnert nicht zufällig an Hannah Arendt und ihr Verständnis von Politik als menschliches Handeln und Pluralität.[4] Für Bretherton geht diese Definition allen anderen voraus und liege ihnen sachlich zugrunde; sei es die Unterscheidung von Freund und Feind (Carl Schmitt, Sylvia Wynter),[5] von Souveränität und Staatlichkeit (Michel Foucault)[6] oder der utopische Entwurf ungeahnter Möglichkeiten des Zusammenlebens im Licht eschatologischer Hoffnungen auf ein erlösendes Ende der Zeit (Ernst Bloch)[7]. Es gelingt dem Text, Schmitts Freund-Feind-Unterscheidung innerhalb der Reflexion über das Politische produktiv aufzugreifen und dabei zugleich ihren unversöhnlichen Charakter des kategorischen Ausschlusses zu überschreiten. Politische Theologie ziele vielmehr auf eine zwar agonistische, aber nichtsdestotrotz gewaltfreie und demokratische Politik ab, „in which enemies can become neighbors“ (S. 69). Vor allem dieser zweite Teil seiner Abhandlung ist anregend zu lesen. Angesichts der Konjunktur autoritärer und neointegralistischer Deutungen, welche eine den Staat dominierende Kirche propagieren, ist Brethertons Entwurf nicht nur für Theolog:innen interessant. Der Abschluss widmet sich der Politischen Theologie als Modernekritik (S. 86–98). Dabei stehen die Kritik technokratischer Politik (S. 88–94) sowie eine pluralistische Überschreitung der konfessionellen Grenzen mithilfe des südamerikanischen Lebenskonzeptes buen vivir (S. 94–98) im Zentrum.
Im anschließenden zweiten Beitrag Political Theology from Below (S. 101–154) skizziert Vincent W. Lloyd eine implizite Theologie sozialer Bewegungen. Der Direktor der Africana Studies an der Villanova University verortet sich zunächst selbst in der Tradition der lateinamerikanischen Befreiungstheologie des 20. Jahrhunderts. Deren Sitz im Leben waren und sind die marginalisierten und unterdrückten „Bevölkerungsmehrheiten“ (Ignacio Ellacuría)[8] in Lateinamerika. Sie versteht sich als eine Theologie von unten und wirft einem unkritischen Säkularismus vor, religiöse (Selbst-)Repräsentationen marginalisierter Individuen und Gruppen fälschlicherweise per se als rückständig und unentwickelt anzusehen.[9] Diese Kritik verbindet die drei Autor:innen miteinander; sie gehört für sie gar zum Fundament Politischer Theologie (S. 34). Neben den befreiungstheologischen Anklängen zeigen sich in Lloyds Theologie sodann Ähnlichkeiten zu Carl Schmitts Programm einer „Soziologie juristischer Begriffe“[10], insofern er seinen Beitrag selbst als eine Art theologische Selbstaufklärung abolitionistischer Bewegung(en) verstanden wissen will:
„if political theology for Schmitt is about analyzing secularized theological concepts that circulate among political elites, […] political theology from below, is about analyzing secularized theological concepts that circulate among communities struggling against domination.“ (S. 123)
Lloyd illustriert diesen Ansatz exemplarisch mittels der Werke des Schriftstellers und Politikers Aimé Césaire und der von ihm mitbegründeten Négritude-Bewegung (S. 124–136) sowie anhand der von der Sklavenbefreiung inspirierten gegenwärtigen abolitionistischen Bewegung in den USA (S. 136–154). Beide Abschnitte sind erhellend, doch insbesondere der Abschnitt zur Politischen Theologie des Abolitionismus dürfte im deutschsprachigen Kontext lesenswert sein: Für die oft beklagte Praxis- und Empirieferne der europäischen Politischen Theologie könnten Lloyds Überlegungen als best practice dienen.[11] Angesichts der Diskussionen über die Radikalität der Disziplin sowie ihr Verhältnis zum Liberalismus ist die Lektüre überaus wertvoll.[12] Dies gilt gleichermaßen für Bewegungsakteur:innen und kritische Sozialwissenschaftler:innen, die sich mit theologieanalogen Sicht- und Denkweisen in emanzipatorischen Bewegungen beschäftigen.
Den Abschluss des Hauptteils bildet Valentina Napolitano mit ihrem Beitrag An Anthropological Political Theology (S. 155–206). Sie führt ihr Verständnis einer anthropologischen Politischen Theologie zunächst am Beispiel des emblematischen Gebets von Papst Franziskus auf dem leeren Petersplatz zu Beginn der Corona-Pandemie im Jahr 2020 ein:
„The mediatized moment of this Urbi et Orbi that the pope’s liturgy sets in motion is an interconnection of apophatic, ethnographic, and theopolitical imaginations. My thesis is that a central element of anthropological political theology is the productive intertwinement of these three registers.“ (S. 157)
Napolitano nähert sich der Verbindung von Anthropologie und Politischer Theologie (S. 163–171) über die Frage der Souveränität (S. 171–181). Sie beschäftigt sich mit dem Begriff der Vulnerabilität (S. 181–188), erörtert alternative Formen politischer Zugehörigkeit jenseits der Staatsbürgerschaft (S. 188–199), und schlägt eine „methodology of the negative“ als Leitlinie für eine anthropologische Politische Theologie vor (S. 199–206).
Stilistisch und inhaltlich bricht ihr Text mit den vorherigen. Napolitano ist nicht an irgendeiner Form von Dogmatik interessiert – weder an einer konfessionell gebundenen (Bretherton, S. 37) noch an der Dogmatik sozialer Bewegungen (Lloyd, S. 139). Wenngleich Napolitano die Perspektive der Politischen Theologie von unten sowie die Kritik am Säkularismus teilt, betont sie: Der anthropologischen Politischen Theologie gehe es nicht um eine „Apologetik“ (ebd., meine Übers., J.N.C.), sondern um deren Unterbrechung. Der argumentative Stil wechselt zu einer ethnografischen Erzählung, der Text verliert an Struktur:
[…] anthropological political theology […] is a storytelling, a mode of listening to incarnated politics, immanent-divine legitimization and delegitimization, liturgical forms, icons’ (contested) emplacements, and relational life forms of the commons.“ (S. 205)
Die postkoloniale Kritik am Säkularismus ist zwar durchaus berechtigt; doch nur, weil etwas nicht säkular ist, ist es nicht automatisch kritisch. Die Kritik am Säkularismus erübrigt nicht die Kritik religiöser Selbst- und Weltdeutungen. Auch die von Napolitano skizzierte Anthropologie muss sich von der Politischen Theologie unterbrechen lassen und bereit sein, nachvollziehbare Kriterien anzulegen, um befreiende von repressiven Geschichten unterscheiden zu können. Diese Vermittlung lässt Napolitanos Beitrag weitgehend vermissen. So wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet: Die berechtigte Kritik am Säkularismus droht in eine unkritische Haltung gegenüber religiösen Selbst- und Weltdeutungen zu kippen. Dies wirft mit Blick auf das Buch insgesamt die Frage auf, ob sich die Ansätze Brethertons, Lloyds und Napolitanos tatsächlich unter der gemeinsamen Überschrift „Politische Theologie“ zusammenfassen lassen – oder ob die eher philosophisch-theologischen Ansätze von Bretherton und Lloyd sowie Napolitanos anthropologischer Zugang nicht doch zu unterschiedlich sind, um unter dem gleichen programmatischen Begriff zu firmieren. Da es sich bei dem Buch erklärtermaßen um ein gemeinsames Projekt der drei Autor:innen handelt, müsste man eigentlich eine mehr oder weniger gemeinsame Antwort auf eine derart zentrale Frage erwarten können. Es ist schade, dass dieses ansonsten äußerst lesenswerte Buch die Antwort am Ende den Lesenden überlässt. Potenzial dafür bietet „What is Political Theology?“ nämlich genug.
Fußnoten
- Wolfram Kinzig, „Die Irrlehre vom Ordo Amoris“, in: FAZ, 3.4.2026; online unter: https://www.faz.net/aktuell/wissen/geist-soziales/j-d-vances-irrlehre-vom-ordo-amoris-accg-200687083.html [24.4.2026].
- Carlotta Voß, Die Politische Theologie von J.D. Vance, in: Politik & Ökonomie, 16.4.2025; online unter: https://politischeoekonomie.com/die-politische-theologie-von-j-d-vance/ [24.4.2026].
- Vgl. z. B. Catherine Keller, Political Theology of the Earth. Our Planetary Emergency and the Struggle for a New Public, New York 2018; Lukas Bormann / Ansgar Kreutzer (Hg.), Politische Theologien. Aufbrüche und Neukonzipierungen, Freiburg im Breisgau 2025.
- Hannah Arendt, Vita Activa oder vom tätigen Leben, Stuttgart 1960.
- Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen. Mit einer Rede über das Zeitalter der Neutralisierungen und Entpolitisierungen, Leipzig/München 1932; Sylvia Wynter, The Re-Enchantment of Humanism. Interview by David Scott, in: Small Axe: A Caribbean Journal of Criticism 4/2 (2000), S. 118-208.
- Michel Foucault, Geschichte der Gouvernementalität I. Sicherheit, Territorium, Bevölkerung; Vorlesungen am Collège de France 1977/78, übers. von Michel Sennelart und Claudia Brede-Konersmann, Frankfurt am Main 2004; Ebd., Geschichte der Gouvernementalität II. Die Geburt der Biopolitik, Vorlesungen am Collège de France 1978/79, übers. von Michel Sennelart und Jürgen Schröder, Frankfurt am Main 2004.
- Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung. Bd. 1-3, Frankfurt am Main 1974.
- Der spanisch-salvadorianische Befreiungstheologe und Philosoph Ignacio Ellacuría verwendete diese Formulierung häufig, um darauf aufmerksam zu machen, dass die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung in Lateinamerika und insbesondere in El Salvador in den 1970er- und 1980er-Jahren in (extremer) Armut lebte, während eine winzige Minderheit die wirtschaftliche und politische Macht innehatte. Vgl. z. B. Ignacio Ellacuría, Utopía y profetismo desde América Latina. Un ensayo concreto de soteriología histórica, in: Ders., Escritos teológicos. Bd. 2, San Salvador 2000, S. 233–293, hier S. 252.
- Vgl. Nelson Maldonado-Torres, „Secularism and Religion in the Modern/Colonial World-System. From Secular Postcoloniality to Postsecular Transmodernity”, in: Mabel Moraña / Enrique Dussel / Carlos A. Jáuregui (Hg.), Coloniality at Large. Latin America and the Postcolonial Debate, Durham 2008, S. 360–384.
- Carl Schmitt, Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität, Berlin 2021 [1922], S. 43.
- Vgl. z. B. Ansgar Kreutzer, Politische Theologie für heute. Aktualisierungen und Konkretionen eines theologischen Programms, Freiburg i. Br. 2017, S. 56–59.
- Vgl. Martin Breul, Politische Theologie und kommunikative Vernunft, oder: Drei diskursive Baustellen im Begründungsprogramm der Politischen Theologie, in: Lukas Bormann / Ansgar Kreutzer (Hg.), Politische Theologien. Aufbrüche und Neukonzeptionierungen, S. 33–50.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Noah Serve.
Kategorien: Anthropologie / Ethnologie Lebensformen Religion
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