Ansgar Martins | Veranstaltungsbericht |

Der Kongreß-Skeptiker

Bericht von der „Internationalen Siegfried Kracauer-Konferenz“ vom 19. bis 21. Mai 2022 in Frankfurt

Ende Mai 2022 veranstaltete das Frankfurter Institut für Sozialforschung eine „Internationale Siegfried Kracauer-Konferenz“.[1] Sie war schon einige Jahre in Planung und zuletzt wegen Corona zweimal verschoben worden. Dass eine so große Kracauer-Veranstaltung in Frankfurt, konkret am Institut für Sozialforschung stattfindet, kommt in der lokalen Rezeptionsgeschichte fast einer kleinen Revolution gleich – wie ALMUT POPPINGA (Frankfurt am Main) gleich im Einleitungsvortrag ins Gedächtnis rief. Denn erstens hatten Kracauer und das Institut für Sozialforschung ein von wechselseitigen Konflikten geprägtes Verhältnis. Einer der Punkte, der auf der Tagung immer wieder angeschnitten, aber nie länger adressiert wurde, war Theodor W. Adornos herablassende Abfertigung seines vormaligen Lehrers, die eine äußerst selektive Kenntnisnahme von Kracauers Werken in den Kreisen der Frankfurter kritischen Theorie zur Folge hatte. Zwar hat das heutige Institut für Sozialforschung nur noch bedingt mit der älteren kritischen Theorie und ihren berühmt-berüchtigten Akteuren zu tun. Der Gestus der Kracauer-Rehabilitierung, der von dem imposanten Programm der Konferenz ausging, wirkte insofern eher wie eine historische Reminiszenz. Die Kracauerforschung und-rezeption ringt aber noch immer mit Adornos Verdikt.

Zweitens und grundsätzlicher war Kracauer, langjähriger Feuilletonist der Frankfurter Zeitung in der Weimarer Republik, nie im engeren Sinne universitär angebunden und eher ironischer Kritiker als glühender Fan wissenschaftlicher Kongresse. Beispielhaft zitierte Almut Poppinga die folgende Passage aus einem seiner kongresskritischen Zeitungstexte:

„Um die Kongreßtage auszufüllen, werden Vorträge gehalten, die sich mit der Welt und ihren Einrichtungen befassen. Von den Anfängen der Welt bis zum Redner; ein anderer Gegenstand wäre nicht würdig. Wenigstens kündigen sie es an, aber es ist zuviel vorher zu erledigen. […] Über dieser Frage vergessen die Redner die Welt mit ihren Einrichtungen […]. Inzwischen rollt die Welt draußen unerkannt weiter; sie könnte verloren gehen. Bei dem nächsten Kongreß soll sie dann bestimmt erkannt werden, die Redner versprechen es.“[2]

Einer der vielen Reize von Kracauers Schriften besteht darin, intellektuelle Routinen und institutionalisierte Veranstaltungsformate in Frage zu stellen, ohne dabei in plattes antiintellektuelles Ressentiment zu verfallen. Beide Konflikte, Kracauers schwieriges persönliches Verhältnis zum Institut wie seine scharfzüngige Kritik an akademischer Selbstgenügsamkeit, wurden im Verlauf der drei prall gefüllten Konferenztage immer wieder touchiert. Poppingas Einleitungsvortrag war jedoch der einzige, der sich hierzu prägnant positionierte.

Einheit oder Zerstreuung?

Die Tagung legte einen deutlichen Schwerpunkt auf Kracauers soziologische und sozialphilosophische Texte, auf Kosten etwa der literarischen Werke oder seiner Darstellung der Weimarer Filmgeschichte als Weg From Caligari to Hitler. Viele Vorträge brachen jedoch aus dieser soziologischen Rahmung aus. Ansonsten wechselten sich Plenar-Veranstaltungen mit Workshop-Phasen ab, die eine dichtere Arbeit an Kracauer-Texten ermöglichen sollten. In einigen der Workshops kam es auch zu produktiven Diskussionen, die zu den lohnendsten Momenten des Kongresses gehörten: SABINE BIEBL präsentierte in der ersten Workshop-Runde Kracauers dem Ruf nach kryptischstes Werk Der Detektiv-Roman (1922–1925), BERND STIEGLER (Konstanz) Kracauers Analyse der angestellten „Mittelschichten“ in der Weimarer Republik Die Angestellten (1930), NIA PERIVOLAROPOULOU widmete sich Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit (1937), FELIX TRAUTMANN (Frankfurt am Main) behandelte eine Auswahl von Kracauers Feuilletontexten über die Weimarer Unterhaltungs- und „Zerstreuungs“-Kultur. In der Workshop-Phase am letzten Tagungstag präsentierte GÉRALD RAULET (Paris) Kracauers (von Adorno abgewürgte) Studien zur „totalitären Propaganda“, SUSANNE MARTIN (Gießen) behandelte seinen vielleicht berühmtesten Text Das Ornament der Masse (1927) und VINZENZ HEDIGER (Frankfurt am Main) beleuchtete eine Auswahl aus den Kleinen Schriften zum Film.

Das Programm bewegte sich umgekehrt chronologisch durch Kracauers Werk. Das erste Panel war seinem letzten Buch gewidmet, dem nie fertiggeschriebenen und erst 1969 posthum erschienenen History. The Last Things Before the Last. STEPHANIE BAUMANN, die 2014 eine umfangreiche Dissertation zu History vorlegte, musste absagen, und so sprachen und diskutierten die Historiker TILL VAN RAHDEN (Montréal) und JÖRG SPÄTER (Freiburg), Kracauers Biograf. Das Tagungsprogramm betitelte die Schrift als „Poetik der Geschichte“ – und die Frage, ob es im Buch eher um Praxis, Ästhetik oder Ethik der Geschichtsschreibung, Geschichtsphilosophie oder doch historiografische Ideenpolitik gehe, stellten auch die beiden Referenten. Später begann mit der Feststellung der ausgebliebenen Rezeption des Buches, betonte aber, es sei trotzdem nicht aus der Zeit gefallen, denn Kracauers Stärke bestehe in der originellen Weise, Einzelnes und Allgemeines zu vermitteln. Der Dialektik-Skeptiker Kracauer breche diese Vermittlung absichtsvoll darstellerisch ab, vergesse aber darüber die Reflexion auf das Allgemeine nicht. Beinahe im Gegensatz dazu unterstrich van Rahden vor allem den mikrologischen Zug als Stärke des Buchs, die Verweigerung gegenüber universalgeschichtlichen Versuchungen und systematischer Übertheoretisierung. Dafür griff er Walter Benjamins Titulierung Kracauers als „Lumpensammler“ auf. In der Diskussion gerieten diese beiden Standpunkte auf produktive Weise aneinander: Später befürchtete einen „Lumpen-Kult“ („denn heute haben wir ja nicht das Problem: zu große Thesen und Fragen, sondern kleine Fragen und belanglose Thesen“), van Rahden dagegen sah Kracauer nach wie vor in heilsamer Opposition zu den im Historikerdiskurs dominanten „Herren mit großen Gesamtdarstellungen“.

Während die Natur sich am Ende des ersten Tagungstags in ein abendliches Hitzegewitter hineinsteigerte, erklärte der vormalige Institutsdirektor AXEL HONNETH (New York) in seinem großen Abendvortrag, dass sie nach Kracauer eigentlich nicht existierte. Die „Einheit in der Vielheit“ von Kracauers Schriften bestehe in seiner konsequenten Infragestellung von „Naturalisierungs“-Prozessen, das heißt der Selbstverabsolutierung sozioökonomischer Strukturen zur unhinterfragten zweiten Natur. Damit positionierte Honneth sich implizit zu Adornos Kracauerkritik, indem er genau die hegelmarxistische Stoßrichtung, die Adorno Kracauer abgesprochen hatte, zum innersten Kern von dessen Werk erklärte. Als Beispiele für eine solche Kritik an „Naturalisierung“ nannte Honneth Kracauers berühmte kapitalismuskritischen Essays der späten 1920er Jahre, die herrschaftskritischen Ausführungen in Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit sowie das Plädoyer für „Verflüssigung“ in Kracauers später Filmtheorie. Das Motiv der Verflüssigung stand dabei in merkwürdiger Spannung zu Honneths Konstruktion einer Kracauer’schen Werkeinheit. Die anschließende Diskussion drehte sich folgerichtig schnell darum, diese Einheitsbehauptung wiederum in Frage zu stellen und dabei auf den anthropologisch-materialistischen Naturbegriff Kracauers hinzuweisen.

Lyrische Mikrosoziologie zwischen Frankfurt und Chicago

Der zweite Tag machte bei Kracauers vorletztem Buch weiter: mit einer Plenarveranstaltung zu Kracauers Theory of Film. The Redemption of Physical Reality (1960). Darüber sprachen und diskutierten INGA POLLMANN (Chapel Hill, NC) und JOHANNES VON MOLTKE (Ann Arbor, MI). Das Tagungsprogramm schlug durch den Titel „Die Gesellschaftlichkeit des Films“ eine soziologische Lesart dieses Buches vor, die Vorträge Pollmanns und Moltkes trafen sich aber eher im Begriff des Mediums und der Medialität. Dabei arbeitete Pollmann Kracauers Konzepte von Medialität und Vermittlung („mediation“) sowie des Menschen als „median being“ heraus. Durch die Arbeit an diesem Wortfeld gelang Pollmann ihrerseits eine originelle, ja wegweisende Vermittlung von Kracauers Früh- und Spätwerk, auf die im Verlauf der weiteren Tagung immer wieder Bezug genommen wurde. Moltke beschrieb Kracauers Medienanthropologie, wobei die „neuen Medien“ zunächst als Krise alter Menschenbilder eingeführt und seine Bemühungen um Film, Anthropologie und Humanismus als neue Verhältnisbestimmung verständlich wurden. Anhand von Kracauers Vorliebe für Slapstickmotive zeigte Moltke beispielsweise, wie hier ein dezentriertes menschliches Subjekt zur nichtmenschlichen Welt in ein neues Verhältnis trete. In dieselbe Richtung weise auch Kracauers Konzeption von Fotografie als „memory without meaning“, das verankerte Gedächtnisformen mit der brachialen Präsenz nicht-intentionaler physischer Strukturen konfrontiere.

Nach der ersten Runde Workshops stellte das Panel „Mikrosoziologie des Umbruchs“ den Soziologen FERDINAND SUTTERLÜTY (Frankfurt am Main), ein weiterer ehemaliger Direktor des Instituts für Sozialforschung, der Literaturwissenschaftlerin und Kracauer-Herausgeberin INKA MÜLDER-BACH (München) gegenüber. Kracauers Soziologie beschrieb Sutterlüty unter Berufung auf Andrew Abbott als „lyrische“ (statt „narrative“) Soziologie und hob dabei Kracauers Vorliebe für kaleidoskopische „Montagen von Momentaufnahmen des Neuen“ gegenüber systematisch ausgebauter Theorie hervor. Dieses Motiv verbinde ihn mehr mit der „Chicago School“ als mit der „Frankfurter Schule“, so Sutterlüty. Der Vortrag konzentrierte sich inhaltlich weniger auf Kracauers konkrete Sozialkritiken als vielmehr auf seine Vorgehensweise und skizzierte so eine kleine Typologie dieser Kritiken. Grundsätzlich stünden sich gegenstandsimmanente und gegenstandsübergreifende Vergleiche gegenüber, in letzteren lege Kracauer unterschiedliche gesellschaftliche Handlungsebenen darstellerisch über- und ineinander, um beispielsweise die Verschränkungen von gesellschaftlichen und privaten Folgen der ökonomischen „Rationalisierung“ zu zeigen.

Der Vortrag von Inka Mülder-Bach arbeitete sich anhand des thematischen Leitfadens „Zerstreuung, Zersplitterung, Zertrümmerung“ durch Kracauers „journalistische Prosa“ der 1920er Jahre. Als „Zersplitterung“ und „Zertrümmerung“ ließen sich dabei sowohl Phänomene der von ihm beschriebenen politischen, gesellschaftlichen und alltagskulturellen Veränderung betiteln als auch als seine Darstellungsmethoden. Mülder-Bach verwies auf verschiedene zentrale Motive wie das Thema Öffentlichkeit (und die von ihr ablenkende öffentliche „Zerstreuung“) und das Attribut des „Kleinen“ und „Kleinsten“ (kleine Leute, kleine Formen, kleine Verhängnisse), in dem Kracauer die großen Schrecken seiner Zeit zu bündeln versuchte. Ausgangs- und Endpunkt von Mülder-Bachs Betrachtung war der Nationalsozialismus, dessen Gefährlichkeit Kracauer sehr viel früher und hellsichtiger erkannt habe als viele seiner intellektuellen Zeitgenossen. In der Diskussion stellten beide Redner:innen gegenseitig ihre Kernthesen infrage: Mülder-Bach problematisierte Sutterlütys Begriff des „Lyrischen“ und legte nach, dass Kracauer ohnehin kein soziologischer Autor sei, sondern ein anderer Typus Schriftsteller. Sutterlüty dagegen bezweifelte, dass Kracauer die Vermittlung des „Kleinsten“ mit dem Allgemeinen gelänge, worauf jedoch Mülder-Bach ähnlich wie zuvor Jörg Später beharrte.

Im anschließenden Panel „Kracauer und die Soziologie“ kam das soziologische Überthema der Tagung endlich ganz zur Geltung: CHRISTIAN FLECK (Graz) fasste zunächst zusammen, dass Kracauer auf drei zutiefst unterschiedliche Weisen an die akademische Soziologie anknüpfte: mit einem systematischen Ansatz in Soziologie als Wissenschaft (1922), in den empirisch-essayistischen Untersuchungen zu den „Angestellten“ um 1930 und schließlich durch seine stärker am Methodendiskurs der Sozialwissenschaften orientierten qualitativ-soziologischen Arbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg. Der nachfolgende Redner SIGHARD NECKEL (Hamburg) begann mit der Feststellung, dass Kracauer in der Soziologie kaum (mehr) rezipiert werde. Sein Werk habe auch nicht von dem kurzzeitigen Aufwind profitiert, den die Autoritarismus-Analysen der „Frankfurter Schule“ nach der Wahl Donald Trumps erfahren hätten. Nach dieser wohl von den meisten Konferenzteilnehmer:innen geteilten Diagnose demonstrierte Neckel eine mögliche Aktualität von Kracauers Ansätzen am Beispiel seiner Propaganda-Analysen: Darin sei zutreffend beschrieben, wie der Faschismus selbst die „Masse“ schaffe, derer er sich bediene – unter Vortäuschung einer Wirklichkeit, die die alte Realität nicht einfach nur verdränge, sondern ersetze, um in die psychophysische Verfassung der Menschen selbst einzugreifen. Diesen bleibe unter Bedingungen der so erzeugten Alternativwirklichkeit keine Entspannungsmöglichkeit mehr als die, sich der Propaganda hinzugeben.

Im Anschluss zeigte BARBARA THÉRIAULT (Montréal/Erfurt), dass auch Kracauers Stil, seine Einheit von Schreib- und Forschungspraxis, nicht leichtfertig als bloß historisch abgetan werden kann. Kracauers Stellung im soziologischen Diskurs entwickelte sie anhand des Begriffs der „Zeitungssoziologie“ und unter Bezugnahme auf Kracauers zeitweiligen Lehrer Georg Simmel: Es ging um essayistische Formen, die nicht für ein Fachpublikum, sondern für die Öffentlichkeit geschrieben waren. Eher nebenbei ließ Thériault noch einige sehr aufschlussreiche Bemerkungen zum Charakter von Kracauers Schriften fallen. So trat sie dessen (Selbst-)Charakterisierung als „Flaneur“ entgegen: Obwohl Kracauer entspannt durch Paris spaziert sei, handle es sich doch bei den meisten seiner Stadt- und Alltagsanalysen um eine getriebene, „rasende Soziologie“-Form. Nicht zuletzt konnte Thériault auch handfeste Beispiele für die gegenwärtige Brauchbarkeit einer kracauernden Soziologie präsentieren, und zwar aus ihren eigenen Stadtstudien über „die Bodenständigen“[3] in Erfurt sowie in der Präsentation der von ihr gegründeten Zeitschrift siggi, die sich einem methodisch-praktischen Anschluss an Kracauers Zeitungssoziologie verschreibt. Die abschließende Diskussion dieser drei Vorträge im Plenum ging allerdings in einer Debatte über Honneths Zweifel an der heutigen Haltbarkeit von Kracauers Kapitalismuskritik unter.

Öffentlichkeit und Medium

Am dritten Tagungstag verlagerte das von ETHEL MATALA DE MAZZA (Berlin) und HENRIK REEH (Kopenhagen) bestrittene Panel „Die Öffentlichkeit der Massen“ den soziologischen Fokus auf die massen- und populärkulturellen Analysen Kracauers: Matala de Mazza begann ihren Vortrag „Der Serienschreiber. Kracauer und die Formate des Populären“ mit der Analyse einer selten zitierten Textserie, die er für das touristisch ausgerichtete „Bäder-Blatt“, eine Beilage der Frankfurter Zeitung, verfasste. Ausgehend von diesem Beispiel zeigte sie unter anderem, wie Kracauer versuchte, die spezifischen Möglichkeiten unterschiedlicher populärer Formate auszuschöpfen – dabei stets orientiert an der politischen Wirkung auf sein Publikum. So diene ihm das an eine aufklärungswillige Öffentlichkeit gerichtete Feuilleton zu einer „Reaktivierung des demokratischen Versprechens“. Die Bewegung durch die Öffentlichkeit thematisierte im Anschluss Henrik Reeh anhand von Kracauers Schilderungen des Pariser Lebens, wobei er seinen Vortrag durch eigene Fotografien ergänzte und dadurch auch Brückenschläge zur Gegenwart versuchte. Reeh ging unter anderem der Frage nach, wie bei Kracauer die touristische Wahrnehmung der leuchtenden Metropole Paris mit der Beobachtung alltäglichen und gesellschaftlichen Lebens von Parisern zusammenging.

Die letzte Podiumsveranstaltung widmete sich Kracauers Verhältnis zur Kunst und den Künsten. GETRUD KOCH (Berlin) eröffnete sie mit einem Vortrag über Kracauers Filmtheorie und der Frage, was für Kracauer die ästhetische Eigen- und Neuheit des Films im Verhältnis zu anderen Künsten ausmache. Durch den Realismus der „Kameraperspektive“ gehe es Kracauer um den Ausbruch aus dem Dilemma „Abbildungsrealismus versus autonome Kunst“. Im Film suche er eine – technisch vermittelte – Öffnung für die materielle Welt, also eine „Entsemiotisierung“ des Ästhetischen durch ein Medium, das die vorgefundene, außersymbolische Wirklichkeit nicht nur nachbildet, sondern tatsächlich aufdecken kann. Als Ausweg aus den naiv-realistischen und romantischen Erblasten dieses Filmkonzepts schlug Koch eine Beschäftigung mit Kracauers Bezug auf Alfred North Whitehead und dessen energetisch-prozessphilosophischer Dynamisierung des Materiellen vor.

Es folgte CHRISTOPH MENKE (Frankfurt am Main) mit einem Close-Reading von Kracauers Aufsatz Die Photographie (1927): Die Möglichkeit von Kunst in der Krise bestehe in der Wiederholung und Zuspitzung der Krise – in der Hoffnung, dass so neue Chancen sichtbar würden. Für Kracauer erfülle die Photographie nicht nur diese Funktion, sondern sie gehe durch ihre unmittelbare Abbildung der „toten“ materiellen Welt eigentlich über die Kunst hinaus. Menke unterstrich die beinahe dualistische Gegenüberstellung von Geist und Natur in Kracauers Text: Nur wo die Welt als tote erkannt werde, könne der Geist sich von ihr befreien – aber diese Befreiung gelinge nicht ohne die Arbeit in und mit dieser Materie. So trat Kracauer am Schluss der Tagung dann doch als Dialektiker auf.

Im letzten Vortrag schließlich behandelte CARSTEN RUHL (Frankfurt am Main) die erste Kunst und Wissenschaft, mit der sich Kracauer professionell beschäftigte: Architektur – sein Studienfach und erster Beruf. Ruhl konnte nicht nur (entgegen einer in der Kracauerforschung weitverbreiteten Unterstellung) zeigen, wie sehr der architektonische Blick das weitere Werk prägte, sondern vermittelte auch einen Eindruck von Kracauers innovativer Sicht auf die Architektur und die Architekten. So habe Kracauer in der Zeit des aufkommenden Stararchitektenkults in seinem autofiktionalen Roman Ginster, dessen Protagonist ebenfalls als Architekt arbeitet, bereits begonnen, Subjektivität zu dekonstruieren. Die Diskussion zu diesem letzten Panel beherrschte eine auf der Tagung ansonsten unerreichte Intensität: Im Verhältnis von Kracauers Photographie-Aufsatz mit seiner Darstellung einer materiellen „Totenwelt“ zum späten Film-Buch, das die materielle Welt als Fluss des Lebens aufschließen will, ging es nochmals um Kontinuitäten und Transformationen seines Werks und um die Frage, worin dessen originärer Beitrag in der Geschichte der Geistes- und Sozialwissenschaften bestehen könnte.

Kracauer und die Sozialforschung: eine schwierige Beziehung

Ansatz und Innovation der Konferenz bestanden darin, Kracauers Verhältnis zur Sozialforschung auszuloten. Dabei gelang eine aufschlussreiche Gegenüberstellung von Soziolog:innen mit Wissenschaftler:innen, die eher die Kracauer-Community repräsentierten, und es wurde immer wieder sichtbar, welche Schwierigkeiten Soziolog:innen mit Kracauer haben – sowie umgekehrt die Kracauerforscher:innen mit den soziologischen Anteilen Kracauers. Für eine direkte soziologische Anknüpfung an Kracauer trug aber nur Barbara Thériault brauchbare Ansätze vor. Die für die Kracauerforschung selbst aufschlussreicheren Diskussionen spielten sich derweil in den Panels zu Geschichte, Film und Kunst ab.

Insgesamt wurde die Wichtigkeit verschiedener Begriffe für das Verständnis Kracauers plastischer, darunter der des „Mediums“ und vor allem der der „Öffentlichkeit“ – zusammen mit dem von Matala de Mazza thematisierten „Populären“. Außerdem traten verschiedene Desiderate für zukünftige Forschungen hervor. Um nur zwei Beispiele zu nennen: (1) Kracauers wechselhaftes Verhältnis zur Politik, gerade zum Marxismus und zu den diversen Spielarten von marxistischem oder theopolitischem Messianismus, bedarf einer weitergehenden Analyse. (2) Besonders die Beiträge von Koch, Menke und Honneth zeigten, welche widersprüchlichen Naturverständnisse sich in Kracauers Werk finden lassen. Die Rekonstruktionen von Kracauers Politik- und Naturzugängen könnten zum einen dabei helfen, mehr Licht in die Debatte über Einheit, Brüche und Kontinuitäten in seiner Werkbiografie zu bringen. Im Zugang zu Natur und Politik scheinen auch zwei Punkte zu liegen, an denen sich die Unterschiede von Kracauers Philosophie zur kritischen Theorie in Adornos und Horkheimers Spielart besonders gut sichtbar machen lassen.

Kracauers Werk erfährt vor allem seit dem Abschluss seiner Werkausgabe 2012 eine langsam, aber stetig zunehmende Resonanz und bringt eine sich allmählich diversifizierende Forschungslandschaft hervor. Die Tagung spiegelte diese nur teilweise wider und präsentierte eher klassische Zugänge: Geladen waren vor allem etablierte Lehrstuhlinhaber, Raum für neuere Forschungsprojekte oder außerakademische Zugänge zu Kracauer – der eben selbst kein im engeren Sinne akademischer Schriftsteller war – gab es nur am Rande. Dem muss allerdings sogleich hinzugefügt werden, dass das Frankfurter Filmmuseum die Tagung durch eine Filmreihe begleite oder dass man am Bücher- und Flyerstand einen viel versprechenden Sammelband mit neuen Interpretationen zu Kracauers Filmtheorie erwerben konnte.[4] Dessen Sichtbarmachung im Rahmen des Hauptprogramms hätte das umfangreiche, aber darum nicht schon erschöpfende Tagungspensum sicher bereichert.

  1. Die Vorträge lassen sich auch auf dem Youtube-Kanal des Instituts für Sozialforschung nachhören: https://www.youtube.com/playlist?list=PLwKB3NO_99vFCPTOrr-t2srJNPNUoWHAm (9.6.2022).
  2. Siegfried Kracauer, Der Kongreß (1925), in: ders., Werke, Bd. 5.2, hrsg. von Inka Mülder-Bach, Berlin Suhrkamp 2011, S. 280–282.
  3. Vgl. Barbara Thériault, Die Bodenständigen. Erkundungen aus der nüchternen Mitte der Gesellschaft, Leipzig 2020.
  4. Leonie Hunter / Felix Trautmann (Hg.), Im Sinne der Materialität. Film und Gesellschaft nach Siegfried Kracauer, Berlin 2022.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Samir Sellami.

Kategorien: Kultur Kunst / Ästhetik Medien Öffentlichkeit Philosophie

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Ansgar Martins

Ansgar Martins ist Doktorand am Buber-Rosenzweig-Institut der Frankfurter Goethe-Universität und Research Fellow an der Hebräischen Universität Jerusalem. Er forscht zu Interaktionen und Transformationen von Philosophie, Religion und Politik in der europäischen Moderne, besonders in Judentum, Okkultismus und Sozialismus.

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