Nils Schuhmacher | Rezension |

Ein mühseliges Geschäft

Rezension zu „Solidarität als Praxis. Die Roten und Schwarzen Hilfen in den langen 1970er Jahren“ von Dominik Aufleger

Abbildung Buchcover Solidarität als Praxis von Aufleger

Dominik Aufleger:
Solidarität als Praxis. Die Roten und Schwarzen Hilfen in den langen 1970er Jahren
Deutschland / USA
Frankfurt am Main / New York 2026: Campus
534 S., 55,00 EUR
ISBN 978-3-593-52109-1

Protestbewegungen brauchen ein Netzwerk aus Unterstützer:innen: Sanitätsgruppen, die verletzte Demonstrant:innen versorgen, Ermittlungsausschüsse, die offizielle Darstellungen von Protestereignissen mit davon abweichenden Informationen konfrontieren, Zusammenschlüsse, die von Repression Betroffenen zur Seite stehen. Je mehr eine Soziale Bewegung das gesellschaftliche System herausfordert, desto notwendiger werden solche Unterstützungsstrukturen, um sich als schwächere Partei gegen die mit größeren Machtmitteln ausgestatteten Opponenten überhaupt behaupten zu können. Das Leitmotiv solcher und ähnlicher Aktivitäten ist Solidarität, einem schon etwas älteren Lied der Linken zufolge der entscheidende Baustein der eigenen Stärke. Solidarität ist eine linke Kernidee, die über die eigene Bezugsgruppe hinausweist und kollektive Identität schafft. Als konkrete Praxis ist Solidarität meist unspektakulär und mühselig. Unspektakulär ist sie, weil sie hinter den großen Ereignissen und abseits der geschwungenen Reden operiert. Mühselig ist sie, weil sie sich auf ein Feld bezieht, das aus verschiedenen Strömungen und Fraktionen besteht. Sie muss fortlaufend entscheiden, wem warum Solidarität zukommen soll oder eben nicht.

Dies ist der Rahmen, den der Historiker Dominik Aufleger für seine Studie über die Solidaritätspraktiken der Roten und Schwarzen Hilfen (im Folgenden RSH) in den sogenannten langen 1970er-Jahren absteckt. Die RSH stellten ein loses Netzwerk dar, in dem sich vor allem der undogmatisch-spontaneistische Teil der Post-68er-Bewegung sammelte. Parallel dazu gab es für unterschiedlich lange Zeiträume verschiedene lokale Selbsthilfegruppen sowie gleich zwei parteikommunistisch gelenkte Rote Hilfen. Zusammen bildeten sie eine Art Multitude der Solidarität. Aufleger konzentriert sich allerdings auf die RSH, was aus drei Gründen sinnvoll ist: Erstens stellen diese aufgrund ihrer ideengeschichtlichen und praktischen Nähe zu den Bewegungsmilieus der 1970er-Jahre ff. das spannendere und relevantere Spektrum dar, während die avantgardistisch gestimmten kommunistischen Bünde und Kleinstparteien eher sektenhaft agierten und die 1980er-Jahre im Übrigen nur noch als politische Scheintote erreichten. Zweitens lassen sich anhand der heterarchisch strukturierten RSH-Gruppen am deutlichsten die Herausforderungen ermitteln, die sich mit der beginnenden Eskalation zwischen Protest und Staat ab den frühen 1970er-Jahren ergaben. Drittens machen deren Praktiken besonders sichtbar, wie Solidarität relevante Ungerechtigkeiten identifiziert. Schließlich verhandelten insbesondere diese Kreise die Frage nach einer Ausweitung der Solidarität besonders intensiv, etwa auf Gefangene aus dem Feld ‚unpolitischer‘ Kriminalität und auf Bereiche der Lebenswelt.

Diese und weitere Punkte behandelt Aufleger nicht im Rahmen einer Organisationsgeschichte, er nimmt Solidarität vielmehr in ihrer konkreten Ausgestaltung – als Prozess sozialer und politischer Praxis – in den Blick. Die Grundlage hierfür bildet ein breiter Datenkorpus. Er umfasst neben öffentlichen und über Archive zugänglichen Materialien sowie Interviews mit ehemaligen Aktivist:innen und Medienberichten auch Ermittlungs- und Gerichtsakten, die hier zum ersten Mal breiter erschlossen wurden. Zudem kann Aufleger erklärtermaßen auf bereits vorgelegte Bände zu den Roten Hilfen und deren umfassende Quellenarbeit „aufbauen“ (S. 33).[1]

Spannungsfelder und Leitfragen

Die Praxis der Solidarität lokalisiert Aufleger in fünf „Untersuchungs“- beziehungsweise „Spannungsfeldern“ (S. 14–22). (1) Zwischen „sozialer und politischer Solidarität“ verortet er das Zusammenspiel von persönlicher Verbundenheit und politischer Praxis; (2) „zwischen institutionalisierter Norm und individuellem Verhalten“ interessiert ihn das Verhältnis von organisatorischen zu individuellen Handlungslogiken; (3) zwischen „Partikularismus und Universalismus“ geht es um die Mechanismen der In- und Exklusion von Solidaritätsempfänger:innen; (4) zwischen „Einseitigkeit und Wechselseitigkeit“ stellt sich die Frage nach der jeweiligen Erwartungen aneinander; (5) zwischen „stabilisierender und transformativer Solidarität“ befasst sich Aufleger mit den Selbstreflexionen der Solidaritätsarbeiter:innen. Für jedes dieser Spannungsfelder formuliert er eine Reihe von Fragen, die für die dann folgende Untersuchung eine Rolle spielen sollen. Inwieweit sie es tun – und dies ist ein erster kritischer Hinweis – bleibt insgesamt aber etwas unbestimmt. Deutlich wird, dass es dem Autor um einen umfassenden Zugriff geht. Gerade deshalb hätte es der Leserschaft Orientierung gegeben, die Relevanz der Fragen expliziter zu klären und zugleich analytische Fokussierungen zu benennen. Denn mithilfe des Fragenkatalogs entsteht zwar ein sehr guter Überblick über die vielen Teilaspekte der untersuchten solidarischen Praxis. Auf einem anderen Blatt steht aber, ob es Aufleger gelingt, seine Erkenntnisse in konzentrierter Weise empirisch und theoretisch zusammenzuführen.

Die Untersuchung selbst ist chronologisch aufgebaut, wobei Aufleger notwendigerweise mit zeitlichen Vor- und Rückgriffen arbeitet. In den fünf Kapiteln behandelt er jeweils charakteristische Kernkonflikte. Beginnend mit der Urszene der 68er-Bewegung, der Tötung von Benno Ohnesorg, beschreibt Aufleger zunächst die zwischen 1968 und 1970 entstandenen ersten Formen der (juristischen) Selbsthilfe, die sich quasi automatisch aus der Konfrontation zwischen Staat und Protestbewegung ergaben. Das folgende Kapitel behandelt den Zeitabschnitt zwischen 1970 und 1972, in dem sich ein Netz Roter und Schwarzer Hilfen inklusive unterschiedlicher, kontrovers diskutierter Auffassungen von solidarischer Praxis entwickelte. Es folgt in zwei thematisch eng verknüpften Kapiteln die Inventur der Jahre 1972 bis 1974 beziehungsweise 1976. Hier behandelt Aufleger die Versuche, die Reichweite von Solidarität abzustecken. Zudem beschreibt er die zum Teil dünne Wand zwischen der Solidaritätsarbeit für die bewaffneten Gruppen und dem Eintritt in diese. Ein letztes Kapitel widmet sich dem organisatorischen und praktischen Niedergang der RSH-Strukturen, der bereits ab 1974 als Resultat von Spaltungen und Repressionen einsetzte.

Zuschnitt der Studie

Die Arbeit behandelt im Schwerpunkt die Zeit bis Mitte der 1970er-Jahre, so gesehen ein kurzes Jahrzehnt. Den sich mit der Eskalation ab 1977 stellenden Herausforderungen und der damit einsetzenden Reorganisierungen der Solidaritätsarbeit kommt vergleichsweise wenig Platz zu, was angesichts des massiven politischen Drucks auf die gesamte radikale Linke in jener Phase eigentlich einer genaueren Begründung bedürfte. Immerhin stellt 1977 auch eine Zäsur im Verhältnis der Linken zum Terrorismus dar.

Der vor allem untersuchte Zeitraum wird allerdings geradezu seziert. Deutlich wird hierbei, wie sich Solidarität in einem Dickicht aus Positionierungen und Konflikten entfalten und regelmäßig neu justieren musste. Die Stärken der Studie liegen in den detaillierten Beschreibungen der immer wieder normativ zu begründenden Reichweite der Solidarität. Dies bezieht sich zum einen auf die Frage, wie das Prinzip der Solidarität als linker Markenkern auch auf andere Kämpfe und Gruppen ausgeweitet werden kann – als Teil der Suche nach dem ‚revolutionären Subjekt‘. Zum anderen arbeitet Aufleger eindrücklich die doppelte Beziehung zwischen Solidaritätsarbeit und bewaffnetem Kampf heraus. Erstens untermauert er hier den wichtigen Befund, dass Solidarität nicht mit Identifikation gleichzusetzen ist: Personen, die sich mit einer politischen Praxis solidarisieren, können zu dieser durchaus Distanz wahren. Zweitens macht Auflegers Rekonstruktion deutlich, dass Solidaritätsarbeit sehr viel mehr umfasste als die Solidarität mit den bewaffneten Gruppen. Sie war in diesem Sinne auch ein Feld alternativer Handlungsmöglichkeiten. Damit spiegelt sich in der erzählten kleinen Geschichte der RSH auch die große Geschichte einer radikalen Linken wider, die im eskalierenden Geschehen der 1970er-Jahre zwischen ‚Ausbürgerung‘[2] und (Re-)Integration pendelte. Verdienstvoll ist die Studie schließlich auch dort, wo sie an die Schattenseiten dieses nicht immer emanzipatorischen Aufbruchs erinnert: Der oft befremdliche Duktus der Beteiligten oder ihr häufig nur mühsam kaschierter Antisemitismus setzen jedenfalls jeder Verklärung Grenzen – im Übrigen nicht nur in historischer Perspektive.

Kritikpunkte

Als erstes fällt auf, dass Aufleger kaum theoretische Zugriffe auf den Begriff der Solidarität einbringt. Dies mag im Einstieg nachvollziehbar sein. Aber am Ende – nach über 400 Seiten Praxis – wäre es doch geboten, die Spezifik der hier dargestellten Solidarität genauer zu fassen: Was bedeutet der Dauerstreit darum, wer mit wem in welcher Form solidarisch ist, eigentlich für das theoretische Verständnis von Solidarität? Wie entsteht Handlungsfähigkeit angesichts fortlaufender Fraktionierung? Genau hier liegt die Relevanz der Studie und bieten sich zahlreiche empirische Anknüpfungspunkte. Aufleger verzichtet jedoch darauf, diesen theoretischen Bezug am Ende herauszuarbeiten. Ähnlich verhält es sich mit den am Anfang ausgewiesenen Spannungsfeldern. Diese tauchen in den einzelnen Kapiteln immer wieder auf, werden am Schluss aber in ihrer Bedeutung nicht mehr erwähnt. Im Sinne der theoretischen Verdichtung hätte es sich schließlich auch angeboten, systematischer an einschlägige Forschungslinien anzuschließen. So wundert es jedenfalls, dass der Autor zur Klärung des Solidaritätsbegriffs originellerweise auf die historische Gemeinschaftsforschung zurückgreift, aber die Arbeiten, die die damalige Linke zwischen Solidarisierungs- und Entsolidarisierungsdruck untersuchen,[3] keine Berücksichtigung erfahren.[4]

Ein zweiter Kritikpunkt betrifft Art und Schwerpunktsetzung der Detaillierung. Zwar hat die Kleinteiligkeit der Studie an vielen Stellen den Zweck, Atmosphären einzufangen und die Ereignisse zu kontextualisieren, es gibt aber auch zahlreiche Stellen, an denen Aufleger die Erzählung anekdotisch anreichert oder sehr weit ausholt. Man erfährt auf diese Weise allerlei, aber nicht alles davon ist unmittelbar wichtig. Hier hätte die Darstellung durch gewisse Straffungen sicher eher gewonnen.

Eine dritte kritische Anmerkung bezieht sich auf die – primäre und sekundäre – Quellenarbeit. Wie Aufleger selbst anmerkt, existieren bereits Arbeiten zur Geschichte der Roten Hilfen. Auch wenn diese „Hybride […] zwischen engagierter Publizistik und professioneller Zeitgeschichte“ sind,[5] muss sich jede folgende wissenschaftliche Arbeit doch an deren Kenntnisstand und Analyseniveau messen lassen. Aufleger konzeptualisiert seine Studie erkennbar anders, wählt einen spezifischen Ausschnitt und gräbt sich entsprechend tief in die Geschichte der RSH ein. Genau deshalb hätte man sich gewünscht, dass er expliziter darlegt, inwieweit seine Studie tatsächlich ein Desiderat beforscht. Ein Aspekt hätte hier sein können, dass es dem Autor gelungen ist, Materialien aufzubereiten, die bislang nicht zur Verfügung standen. Allerdings wären hier Anmerkungen zum quellenkritischen Umgang von größter Wichtigkeit gewesen, schließlich ist bekannt, dass Ermittlungsakten das Ergebnis von Selektionsprozessen und Interpretationen sind. Die daraus extrahierten Informationen sagen also vor allem etwas darüber, wie Polizei und Geheimdienst arbeiten. Es wäre interessant gewesen, zu erfahren, wie Aufleger dieses Verzerrungsproblem in seiner Darstellung berücksichtigt hat.

Dominik Aufleger hat eine (er-)kenntnisreiche Studie über die Prozesse linker Solidaritätsarbeit in den 1970er-Jahren vorgelegt. Bewegungschronist:innen werden sich an der Akribie des Autors erfreuen. Andere lesen das Buch ebenfalls mit Gewinn, sind aber vermutlich von genau dieser Detailliertheit auch herausgefordert. Zugleich geraten zuweilen die großen Linien etwas aus dem Blick. Dies hat zum einen mit der allzu ausführlichen Darstellung zu tun. Zum anderen kommen eine allgemeine Einordnung des Stellenwerts und der Charakteristika dieser Solidaritätsarbeit am Ende zu kurz. Eine stärkere theoretische Anbindung und ein konsequenterer Einbezug der anfangs erwähnten Spannungsfelder hätten die Darstellung als politische Geschichte fassbarer gemacht.

  1. Hartmut Rübner, Die Solidarität organisieren. Konzepte, Praxis und Resonanz linker Bewegung nach 1968, Berlin 2012; Bambule (Hg.), Das Prinzip Solidarität. Zur Geschichte der Roten Hilfe in der BRD, 2 Bd., Hamburg 2013.
  2. Sebastian Scheerer, Deutschland. Die ausgebürgerte Linke, in: ders. / Henner Hess / Martin Moerings / Dieter Paas / Heinz Steinert (Hg.), Angriff auf das Herz des Staates. Soziale Entwicklung und Terrorismus, Bd. 1, Frankfurt am Main 1988, S. 193–429.
  3. Ebd., S. 359.
  4. Neben Scheerer insbes. Fritz Sack / Heinz Steinert, Protest und Reaktion, Opladen 1984.
  5. Bambule (Hg.), Das Prinzip Solidarität, S. 18.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Henriette Liebhart.

Kategorien: Gruppen / Organisationen / Netzwerke Politik Recht Zivilgesellschaft / Soziale Bewegungen

Abbildung Profilbild Nils Schuhmacher

Nils Schuhmacher

Dr. Nils Schuhmacher ist Politikwissenschaftler und Kriminologe. Er vertritt seit April 2024 zu 50 Prozent die Professur für Soziologie: Sicherheit und Resilienz an der Universität Hamburg. Seine Hauptinteressen- und Forschungsgebiete sind Jugendkulturen, der Zusammenhang zwischen „abweichendem Verhalten“ und sozialer Kontrolle sowie contentious politics.

 

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