Kerstin Wolff | Rezension |

Der „Mariannen-Effekt“

Rezension zu „Frauenfragen. Ausgewählte Reden und Schriften“ von Marianne Weber

Marianne Weber:
Frauenfragen. Ausgewählte Reden und Schriften
Herausgegeben von Gunilla Budde und Edith Hanke
Deutschland
Tübingen 2025: Mohr Siebeck
IX, 241 S., 39,00 EUR
ISBN 978-3-16-164710-9

„Marianne Weber – ist das nicht die Frau von Max Weber?“ Ja, aber es geht auch andersherum: „Max Weber – ist das nicht der Mann von Marianne Weber?“ So zu fragen mag ungewohnt sein, unberechtigt ist es nicht, denn schließlich handelt es sich bei Max und Marianne Weber um zwei eigenständige intellektuelle Persönlichkeiten mit eigenen Einflusskreisen und dementsprechend unterschiedlichen Bekanntheitsgraden. Diese relative Gleichberechtigung in der Bekanntheit ist allerdings alles andere als selbstverständlich und war auch keineswegs von Anfang an gegeben. So trat Marianne Weber erst allmählich aus dem Schatten ihres Mannes, ein Umstand, den Gunilla Budde in ihrem Einleitungsessay treffend als „Mariannen-Effekt“ bezeichnet. Zuvor hatte sie, den zeitgenössischen Vorstellungen bürgerlich-weiblicher Tugend entsprechend, die Aufbereitung und Herausgabe des Nachlasses ihres früh verstorbenen Gatten in den Mittelpunkt des eigenen Lebens gerückt und die Verwirklichung der eigenen Fähigkeiten und Ziele hintangestellt – eine Entscheidung, deren Tragweite für das Erinnern an Max Weber Budde zufolge kaum überschätzt werden kann: 

„Ohne seine Frau und ihre wissenschaftliche Expertise wäre Max Weber, der zu Lebzeiten wenig veröffentlichte, kaum zum Begründer der deutschen Sozialwissenschaft avanciert und zum wahrscheinlich vergessenen Helden der Geschichte gemacht worden.“ (S. 1)

Doch genug von Max! Kommen wir zum Ziel und Zweck des hier zu besprechenden schmalen Bändchens zu Marianne Weber. Folgt man den beiden Herausgeberinnen, so ist es „höchste Zeit, Marianne Weber selbst zu Wort kommen zu lassen“ (S. VIII). Dass man die ausgewählten Schriften und Reden mit Gewinn liest, ist nicht zuletzt das Verdienst von Buddes ausgesprochen informativer und zudem sehr gut geschriebener Einleitung, die die abgedruckten Texte hervorragend kontextualisiert. Da der Band als Einstieg in Marianne Webers nicht immer einfaches Werk gedacht ist, finden sich darin vorzugsweise leicht verständliche (und teilweise gekürzte) Texte, die deren Urheberin von ihrer zugänglichen Seite zeigen.

Eröffnet wird der insgesamt 20 Reden und Schriften umfassende Reigen von einem bislang unveröffentlichten, achtseitigen Manuskript, das sich in den Beständen der Bayerischen Staatsbibliothek fand. Dieser Text, bei dem es sich vermutlich um ein Vortragsmanuskript aus dem Jahr 1949 handelt, steht zu Recht am Beginn der Textauswahl, beschreibt Marianne Weber darin doch in lockeren Worten ihren Weg in die Frauenbewegung, der 1898 in Heidelberg begann. Sie schildert die Anfänge ihres Engagements und die ersten Professorenvorträge für Frauen – zu einer Zeit, als Frauen noch keinen offiziellen Zugang zu den Universitäten hatten –, ebenso wie die damit verbundenen Skandale und Verwerfungen unter den Professoren. Der Kampf um die Öffnung der Universitäten für Frauen tobte auch an der Universität von Heidelberg, die kurz nach der Universität Freiburg zu einer der ersten deutschen Universitäten avancierte, an der Frauen regulär zum Studium zugelassen wurden.

Des Weiteren berichtet Weber von ihrer Kontaktaufnahme mit dem Bund deutscher Frauenvereine (BDF), der 1912 in Heidelberg seine Mitgliedsversammlung abhielt, ohne dabei auch die negativen Seiten des Anwachsens und der zunehmenden Bekanntheit der bürgerlichen Frauenbewegung zu vergessen. So veröffentlichte Arnold Ruge, damals noch ein „junger Dozent“, wie Weber im Manuskript ganz knapp ausführt, einen Artikel über die (bürgerliche) Frauenbewegung, in dem er darlegte, die „Frauenbewegung bestände nur aus Unverheirateten, Witwen, Jüdinnen, sterilen Frauen und solchen, die keine Mütter wären oder die Pflichten der Mütter nicht erfüllen wollten“ (S. 45). Da Marianne Weber sowohl kinderlos als auch die prominenteste Vertreterin der Heidelberger Frauenbewegung war, konnte sie nicht anders, als „die schärfste Spitze […] gegen mich gerichtet“ (ebd.) zu verstehen. Daraufhin schaltete sich ihr Mann Max ein, der mehrere Prozesse gegen Ruge anstrengte, in denen die Webers in allen Punkten Recht bekamen und die mit der Entlassung des „jungen Dozenten“ endeten.

An dieser Stelle wäre eine erklärende Fußnote zu dem „jungen Dozenten“ hilfreich gewesen, denn bei Arnold Ruge handelte es sich um einen antisemitischen und rassistischen Philosophen und Schriftsteller, der völkische Ideen propagierte. 1919/20 kam es zu einem weiteren Zwischenfall, als Ruge bei einer Begleitveranstaltung des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes als Redner auftrat und sowohl die Universität Heidelberg als auch insbesondere die jüdischen Lehrenden scharf angriff. Nach einer Beschwerde der Heidelberger Arbeitsgemeinschaft zur Abwehr des Antisemitismus und des israelitischen Oberkonsistoriums Karlsruhe entzog die Universität Ruge im Jahr 1920 die Lehrbefugnis. An dieser Episode lässt sich die enge Verbindung von Antisemitismus, Rassismus und Sexismus erkennen – ein Phänomen, das auch heute wieder anzutreffen ist.

Spannend zu lesen sind auch diejenigen Texte Webers, in denen sie auf Frauenbewegungen und Frauenleben in anderen Ländern blickt. So schildert sie 1903 den Alltag italienischer Frauen in ihrer starken Verbundenheit mit Familie und katholischer Kirche, ohne zu vergessen, dass hier die Universitäten schon längst für Männer und Frauen gleichermaßen geöffnet waren. Aber, so Weber, „wie klein ist trotzdem bis jetzt noch die Zahl der Studentinnen! Im Jahr 1899 waren es 271.“ (S. 59) Diesen Umstand führt sie unter anderem auf die niedrige „Durchschnittsbildung der Frau“ und „ihre[] prinzipielle[] Unterordnung und innere Unfreiheit“ zurück (S. 61). Ausschlaggebend für die gesellschaftliche Stellung der Frau in Italien sei aber vor allem die katholische Kirche. Hier müsse man sich immer vergegenwärtigen, „daß die Kirche, wenn sie nicht ihre Tradition verleugnen will, an dem Prinzip der Unterordnung, speziell der verheirateten Frau, festhalten muß, und daß für sie die sittliche Autonomie des Individuums, aus der wir unsere Forderungen ableiten, wenn nicht mit Unsittlichkeit, so doch mit sittlicher Willkür identisch ist“ (S. 63).

Amerika – als Land der unbegrenzten Möglichkeiten – kommt da viel besser weg. Das Ehepaar Weber besuchte die Vereinigten Staaten im Jahr 1904 und blieb drei Monate im Land. Den Anlass für die Reise bot eine Einladung Max Webers zu einem Vortrag auf dem Internationalen Kongress der Künste und Wissenschaften in St. Louis, der im Rahmen der dortigen Weltausstellung stattfand. Auf dieser Reise besichtigte Marianne Weber vor allem Bildungseinrichtungen, besuchte die von Jane Addams und Ellen Gates Starr gegründeten Settlements und nahm Kontakt zu Vertreterinnen der US-amerikanischen Frauenbewegung auf.

Ihren Bericht „Was Amerika den Frauen bietet“, der 1905 in zwei Folgen im Centralblatt des Bundes deutscher Frauenvereine erschien, beginnt Weber mit der Feststellung, dass die Stellung der Frau im „amerikanischen Gemeinwesen“ eine sehr viel höhere sei, als in Deutschland. Dies habe zwei Gründe. Einmal der „notorische Frauenmangel in der Kolonialzeit“, und zweitens die „demokratischen Ideale, denen die amerikanische Verfassung ihr Dasein verdankt; der Glaube an die Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht der Persönlichkeit und die Gleichberechtigung aller“ (S. 65 f.). Diese Verknüpfung von Demokratie mit Frauenrechten, die auch heutige Politikwissenschaftler*innen wie Erica Chenoweth und Zoe Marks hervorheben, macht deutlich, dass die Bedeutungszusammenhänge zwischen staatlicher Ordnung und Gleichberechtigung auch schon um 1900 bekannt waren.

Es folgen Texte zu (partei)politischen Fragen – unter anderem Webers Rede vor der Badischen Verfassunggebenden Versammlung am 15. Januar 1919. Denn tatsächlich war es Weber, die die erste Rede einer Frau in einem deutschen Parlament hielt, und nicht die immer wieder zitierte Marie Juchacz, die rund einen Monat später vor der Weimarer Nationalversammlung sprach. Auch wenn Webers Rede sehr kurz ist und – jedenfalls für meinen Geschmack – zu wenig die historische Wegmarke betont, so weist sie doch zu Recht darauf hin, dass die ersten Parlamentarierinnen bei Amtsantritt nicht ohne politische Erfahrung waren: 

„Und Tausende von uns […] haben doch seit vielen Jahrzehnten, […] mitgewirkt an der Lösung der schweren sozialen Aufgaben. Sie haben sich dabei auch geschult, zu allen Angelegenheiten des öffentlichen Lebens, und zur Gesetzgebung, soweit sie das weibliche Geschlecht betraf, Stellung zu nehmen, und so glaube ich, von uns sagen zu dürfen, daß wir nicht unvorbereitet in dieses Haus einziehen.“ (S. 93)

An dieser Passage sind zwei Aussagen besonders hervorzuheben. Erstens fällt auf, dass Weber sich selbst beschreibt, wenn sie von denen spricht, die auf die neuen (politischen) Aufgaben vorbereitet sind, und zweitens akzeptiert sie es als geradezu selbstverständlich, dass sich die Frauen in den Parlamenten vor allem den sozialen Fragen widmen werden. Sie leistet damit einem System Vorschub, welches Kirsten Heinsohn als „eine Art ,Ghettoisierung‘ der weiblichen Mitglieder“ politischer Parteien und der von ihnen behandelten Themen bezeichnete.[1]

Springen wir zum letzten der ausgewählten Texte, der unter dem Titel „Akademische Geselligkeit“ steht und aus den 1948 veröffentlichten Lebenserinnerungen der Autorin stammt. Sie schildert dort die allsonntäglichen Zusammenkünfte, die sie nach dem Tod ihres Mannes Max 1920 und ihrer anschließenden Rückkehr nach Heidelberg wieder aufnahm. Es entsteht das Bild einer akademisch gebildeten, frauenbewegten Gemeinschaft, in der mehrheitlich Frauen, aber auch Männer miteinander ins Gespräch kamen und so eine Art Salonkultur des 18. Jahrhunderts wieder aufleben ließen. Zusätzlichen Reiz gewinnt der Text durch die Schilderung der nationalsozialistischen Zeit. So mussten die Vortragssonntage nach dem Sieg der NSDAP 1933 erst einmal eingestellt werden und konnten danach nur in veränderter Form wieder aufgenommen werden. „Die Erörterung von Zeitfragen mußte hinfort unterbleiben. […] Man verhielt sich unauffällig, trotzdem wurde der Kreis beobachtet. […] Kreisbildungen – noch dazu von Menschen, die ohne den Schutz des Parteiabzeichens sich als Liberale, Individualisten, Intellektuelle bezeugten, wurden mit Argwohn beobachtet – zumal dann, wenn sie ihren jüdischen Freunden die Treue hielten; es galt also Vorsicht.“ (S. 224) Auch wenn die Beschränkungen einer bürgerlichen Sonntagsveranstaltung nicht die Brutalität der nationalsozialistischen Herrschaft widerspiegeln, so zeigt die Episode doch den tiefgreifenden Bruch, der sich durch die Abschaffung der Demokratie in Deutschland vollzog und der bis in die privaten Verästelungen hinein reichte.

Neben der sehr gelungenen Auswahl der Herausgeberinnen, die die Texte so ausgesucht haben, dass das Lebenswerk von Marianne Weber erfasst werden kann, ist auch dem Mohr Siebeck Verlag dafür zu danken, dass er das optisch sehr ansprechend gestaltete Buch in sein Programm aufgenommen hat. Durch diesen Band wird es möglich, Marianne Weber sowohl als Aktivistin der bürgerlichen Frauenbewegung als auch als Politikerin und wissenschaftliche Schriftstellerin kennenzulernen. Durch die Texte wird aber auch die politische Situation des BDF nach dem Ersten Weltkrieg beleuchtet und damit ein Schlaglicht geworfen auf eine der schwierigsten Zeiten der alten Frauenbewegung. So lohnt eine Lektüre sich nicht nur für die, die einen besseren Einblick in das Leben von Marianne Weber gewinnen wollen, sondern auch für den, der sich mit der (kulturellen und politischen) Entwicklungsgeschichte Deutschlands auseinandersetzten möchte. Dass die Texte teilweise nur gekürzt abgedruckt wurden, ist das einzige Manko des Buches. So sehr ich verstehe, warum dies vom Verlag und vermutlich auch von den Herausgeberinnen so entschieden wurde, so sehr bedauere ich dies auch, da der Lesefluss durch die betreffenden Eingriffe stark in eine Richtung gelenkt wird. Trotz dieses kleinen Wermutstropfen wünsche ich dem Band viele interessierte Leserinnen und Leser, damit wir immer häufiger sagen können: „Max Weber – ist das nicht der Mann von Marianne Weber?“

  1. Kirsten Heinsohn, „Grundsätzlich“ gleichberechtigt. Die Weimarer Republik in frauenhistorischer Perspektive, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 68 (2018), 18–20, S. 39–45, hier S. 42.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

Kategorien: Arbeit / Industrie Bildung / Erziehung Care Demokratie Familie / Jugend / Alter Feminismus Geschichte der Sozialwissenschaften Gesellschaft Gruppen / Organisationen / Netzwerke Kultur Lebensformen Öffentlichkeit Politik Sozialpolitik Universität Wissenschaft Zivilgesellschaft / Soziale Bewegungen

Kerstin Wolff

Kerstin Wolff ist Historikerin. Sie leitet die Forschungsstelle des Archivs der deutschen Frauenbewegung (AddF) - Forschungsinstitut und Dokumentationsstelle in Kassel. Sie forscht und publiziert zur Geschichte der deutschen Frauenbewegung zwischen 1848 und 1970, zu Protagonistinnen, Themen und Aktionsformen. Foto: © Archiv der deutschen Frauenbewegung / Rohde.

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