Peer Trilcke | Rezension | 19.02.2026
Im Strudel des Digitalen
Rezension zu „Der Stachel des Digitalen. Geisteswissenschaften und Digital Humanities“ von Sybille Krämer
Als Sybille Krämer Ende Februar 2018 in einem kalten Kölner Hörsaal die deutschsprachige Digital-Humanities-Jahrestagung mit der Keynote „Der Stachel des Digitalen“ eröffnete, da war ihr „Anreiz zur Selbstreflexion in den Geisteswissenschaften“ (wie es damals im Untertitel hieß)[1], so etwas wie ein Sprechakt der Stunde. Mit einiger Verzögerung hatte sich auch im deutschen Sprachraum die Diskussion über das Verhältnis zwischen vermeintlich traditionellen Geisteswissenschaften und womöglich innovativen Digital Humanities intensiviert. In einer sechsteiligen FAZ-Serie wurde etwa im Mai 2018 der Stand der Digital Humanities verhandelt: Mancher sah ein „zeitgeistiges Etikett auf altbewährten Ansätzen“[2], andere fanden nur „altbackenen Positivismus“[3]; gelobt wurden vor allem die digital-archivarischen Praktiken der Verfügbarmachung des kulturellen Erbes. Dem methodischen Anspruch der analysierend arbeitenden Digital Humanities, getragen von Konzepten wie Empirisierung, Operationalisierung, Formalisierung, Modellierung und Quantifizierung, begegnete man jedoch meist mit Skepsis – oder nahm ihn gar nicht wahr.
Für Krämer hingegen stand die methodische Alterität der Digital Humanities im Zentrum jener Selbstreflexion, die auch in der von ihr, Martin Huber und Claus Pias organisierten DFG-Symposienreihe „Digitalität in den Geisteswissenschaften“ (2016–2019) betrieben wurde. Jenseits der Polarisierung verfolgte Krämer ein medientheoretisch begründetes, gleichwohl hermeneutisches Erkenntnisinteresse. Es galt, die Digital Humanities als ein methodisches Paradigma computerisierten und datafizierten Forschens zu verstehen, ihre Praktiken zu deuten und im Horizont einer Medien- und Wissensgeschichte der Geisteswissenschaften zu begreifen. Grundlegend für diese wohlwollende Annäherung war ein theoretischer Referenzrahmen, den Krämer seit den 1990er-Jahren mit ihrer Medienphilosophie entwickelt hatte. Ihre Interpretation der Digital Humanities greift in diesem Sinne zurück auf das Leitkonzept des „operativen Schriftgebrauchs“‘ beziehungsweise der „operativen Schriften“ (das heißt auf einen „Schrifttypus, der Darstellungssystem und Werkzeug verschmilzt“, S. 42) und auf die – 2016 in der Monografie Figuration, Anschauung, Erkenntnis[4] ausgearbeitete – ebenso polemische wie bestechende Idee einer ‚Kulturtechnik der Verflachung‘, mithin die Idee, dass das Auftragen von Zeichen auf artifizielle Flächen eine kulturell und wissenschaftlich ungemein produktive Praxis ist.
Schriftlichkeit als Gravitationszentrum
Die vor wenigen Monaten – unter demselben Titel wie die Keynote von 2018 – von Krämer bei Suhrkamp vorgelegte Monografie Der Stachel des Digitalen. Geisteswissenschaften und Digital Humanities hat ihren Ursprung in dieser Konstellation, die sich im Verlauf des Buches selbst als historisch erweisen wird. In insgesamt zwölf Thesen, die jeweils kapitelweise im Buch expliziert und diskutiert werden, entwickelt Krämer drei Argumentationslinien. Die erste setzt die Digital Humanities und die Geisteswissenschaften in Differenz zueinander, indem sie jene epistemologisch als disruptive methodische Erweiterung dieser versteht. Die zweite Argumentationslinie trägt die Differenz wissenschaftsgeschichtlich und kulturtechnologisch wieder ab, indem sie die Wissenspraktiken der Digital Humanities genealogisch mit traditionellen geisteswissenschaftlichen Praktiken, beispielsweise des Indizierens oder Ordnens, engführt. Mit der dritten Argumentationslinie verschiebt Krämer schließlich in den letzten Kapiteln des Buches die Differenzen, überlagert und irritiert die ersten beiden: Die auf großen Sprachmodellen („Large Language Models“, LLMs) basierenden Systeme der generativen „Künstlichen Intelligenz“ (KI) marginalisieren das disruptive Potenzial der Digital Humanities, die, so Krämer, bis heute lediglich an der Peripherie der Geisteswissenschaften operieren. Die durch generative KI instrumentierte digitale Literalität hingegen dringt derzeit als Kulturtechnik tief ins Zentrum der Geisteswissenschaften ein und zieht diese in „eine heute noch nicht absehbare Veränderungsdynamik [hinein], einem Strudel nicht unähnlich“ (S. 210).
Bevor dieser Strudel des Digitalen am Ende des Buches seinen Sog entfaltet, hat Krämer nicht nur fein komponierte medienphilosophische Miniaturen etwa zu Ada Lovelace und Alan Turing oder zu Josefine Miles und Max Bense entworfen, sondern auch zwei Angebote unterbreitet. Vermittelnd im Konflikt zwischen Geisteswissenschaften und Digital Humanities schlägt sie die Schriftlichkeit als Gemeinsames vor: als „pulsierende(s) Gravitationszentrum nahezu aller geisteswissenschaftlichen Arbeit“ (S. 17) und zugleich als Basis der Digitalität und des ihr zugrundeliegenden operativen Schriftgebrauchs. Richtet sich dieses Angebot vor allem an die Geisteswissenschaften, die auf diese Weise in den Digital Humanities einen zwar entfernten, aber eben doch einen Verwandten erkennen können; so richtet sich das zweite Angebot an die theoriearmen Digital Humanities, für die sich entlang von Begriffen wie operativer Schriftlichkeit oder Diagrammatologie die Möglichkeit zur avancierten medienphilosophischen Reflexion eröffnet, und damit zu einer genuin geisteswissenschaftlichen Praxis der Selbstbeobachtung.
Am Ende kreuzen sich die Dinge: Krämer zufolge, können die Geisteswissenschaften in den eigenen Praktiken das Digitale entdecken und in den Digital Humanities das Geisteswissenschaftliche; und umgekehrt. Dieses zopfartige Geflecht aus Zuschreibungen und Genealogien, Analogien und Differenzen sowie die mit ihm einhergehenden Angebote der Verständigung verfangen in Abhängigkeit von der Überzeugungskraft der drei Argumentationslinien der Studie. Ich möchte diese deshalb im Folgenden kritisch in den Blick nehmen.
Tiefenrhetorik und Oberflächenbezug
Die erste Argumentationslinie geht von einer heuristischen Differenzsetzung aus, mit der Geisteswissenschaften und Digital Humanities als epistemische Gegenkulturen entfaltet und auf divergierende methodische Paradigmen zugespitzt werden. Den Geisteswissenschaften, Ort der Hermeneutik, eignet eine „Tiefenrhetorik der Interpretation“ (S. 48 et passim). Die Digital Humanities hingegen folgen einem Methodenparadigma empirischen Forschens, das mit seinen Verfahren der Musteranalyse in Datenpopulationen auf einer „Privilegierung des Oberflächenbezugs“ (S. 60) basiere. Dass das eine stark vereinfachende Ordnung ist, stellt Krämer selbst mehrfach klar. Zu ihrem Argumentationsstil gehört, dass diese Differenz im Weiteren zerspielt wird – eben in der zweiten Argumentationslinie. Diese geht zum Beispiel auf die geisteswissenschaftliche Arbeit mit Listen, Registern, Tabellen ein, also auf die Arbeit mit artifiziellen Flächen und darauf aufgetragenen digital-diskreten Zeichen, die regelbasiert verarbeitet werden. Was in diesem argumentativen Setting allerdings nur schwach konturiert bleibt, sind die Digital Humanities. Während das Feld der Digital Humanities mittlerweile einen hohen Grad der methodischen Ausdifferenzierung entwickelt hat, inszeniert Krämer es als kontrastiven Idealtyp zu den ebenfalls idealtypisch hermeneutisch verstandenen Geisteswissenschaften. Wenn die Digital Humanities in diesem Sinne als „eine informatisch durchdrungene Forschungsmethode“ begriffen werden, die „auf die Erstellung, Analyse und Visualisierung großer Datenkorpora im Kontext geisteswissenschaftlicher Fragestellungen zielt“ (S. 26), dann verknappt das die Arbeit in den Digital Humanities zum einen stark; zum anderen benennt es einen Punkt, der für das Ausloten der Beziehung von Geisteswissenschaften und Digital Humanities eigentlich entscheidend ist, doch von Krämer nicht weiter systematisch adressiert wird: die Fragestellungen.
Nun mag die Pointe, dass Digital Humanities und Geisteswissenschaften ihre Gemeinsamkeit in der Bearbeitung gleicher oder doch ähnlicher Forschungsfragen finden, medienphilosophisch trivial sein. Aus epistemologischer Perspektive zeigt die Pointe jedoch auf den für die Digital Humanities vielleicht wichtigsten methodischen Problem- und Experimentierraum (jedenfalls dann, wenn man die im engeren Sinne technischen Methodendiskussionen außen vor lässt): Intensiv diskutiert werden in den Digital Humanities nämlich Fragen der (formalen) Modellierung von epistemischen Objekten, die epistemische Praxis der Operationalisierung von geisteswissenschaftlichen Begriffen sowie – auch mit Blick auf Diskussionen in benachbarten Disziplinen wie den Sozialwissenschaften – Konzepte von Mixed Methods und Ansätze der Triangulation. Umrissen ist damit ein weites Feld an aktueller Forschungspraxis und begleitender Theoriearbeit in den Digital Humanities, das konkrete Operationen diskutiert, mit denen geisteswissenschaftliche und Digital-Humanities-Forschung auf unterschiedliche Weisen verschaltet, orchestriert, sequenzialisiert oder auch in wechselnde Formen der gegenseitigen Rahmung gebracht werden können. Eine an solchen konkreten Wissenschaftspraktiken und aktuellen Fachdiskussionen orientierte Erörterung fehlt jedoch bei Krämer. Dabei wäre die Frage, wie etwa die Praxis der Operationalisierung mit Krämers Begriff der Operativität zusammenzudenken wäre, ebenso naheliegend wie die nach der produktiven und restriktiven Rolle, die die artifizielle Flächigkeit für Praktiken der digitalen Modellierung spielt.
Krämers Interesse liegt aber gerade nicht in den aktuellen und konkreten Möglichkeiten, die derzeit diskutiert und praktiziert werden, um die epistemische Arbeit in den Geisteswissenschaften und in den Digital Humanities zusammenzubringen. Es geht um Tieferes: um Herkünfte, um mediale Genealogien, um materielle Apriori, offenbar auch um so etwas wie die methodische Identität von Disziplinen. Entsprechend selten findet sich Empirie in Krämers Ausführungen, entsprechend wenig bedacht werden konkrete Forschungsarbeiten aus den Digital Humanities. Allein das 10. Kapitel unternimmt ein „‚Close Reading‘ zweier Beispiele guter wissenschaftlicher Praxis der Digital Humanities“ – eines davon ist allerdings zehn Jahre alt und gehört somit methodisch einer anderen Epoche an. Immerhin schafft der Verzicht auf wissenschaftstheoretische oder gar forschungspragmatische Konkretisierung Raum für Abstraktion. Für die medienphilosophische Makroperspektive ist das ohne Frage von Vorteil. Sie kann die großen Konstellationen in den Blick nehmen.
Embryonale Digitalität und die Vorgeschichte der Digital Humanities
Eben das tut auch die zweite Argumentationslinie, die entlang zahlreicher historischer Stationen und gerahmt von unterschiedlichen Leitthesen diverse geisteswissenschaftliche Praktiken so diskutiert, dass sie sich zugleich in eine Vorgeschichte der Digital Humanities einbringen lassen. In den Blick geraten hier etwa „Zeitlinien und Zeittabellen“ (vgl. S. 54), Praktiken des nichtlinearen Lesens (vgl. S. 67 ff.), die alphabetische Sortierung in Wörterbüchern oder Bibliothekskatalogen (vgl. S. 78), Konkordanzen (vgl. S. 108) und vieles mehr. Mit phänomenologischem Esprit entwirft Krämer ein historisches Kaleidoskop aus Arbeitstechniken und Hilfsmitteln, in denen die Geisteswissenschaften tatsächlich zählen, sortieren, prozessieren oder visualisieren, mithin so operieren, wie es für die Digital Humanities in Krämers idealtypischer Verknappung konstitutiv ist. Insofern sind auch die Geisteswissenschaften selbst immer schon digital gewesen, jedenfalls dann, wenn man die identifizierten Praktiken, wie Krämer, als Spuren einer „embryonale[n] Digitalität“ (S. 37 et passim) vor der Computerisierung begreift.
Was auf der einen Seite der Eingemeindung der Digital Humanities dient, soll auf der anderen Seite die Geisteswissenschaften über sich selbst aufklären. Ihr Buch sei auch als „Inspiration […] zu einer Selbstkorrektur am überkommenen Bild geisteswissenschaftlicher Tätigkeiten“ (S. 9) zu verstehen, wobei der Bedarf für eine solche Selbstkorrektur in der Medienphilosophie und in den Kulturwissenschaften größer ausfallen könnte als etwa in den Literatur- oder Geschichtswissenschaften, bei denen die Erstellung von und die grundständige Arbeit mit Editionen, Bibliographien, Inventaren oder Regestenwerken bis heute stärker im disziplinären Selbstverständnis verankert sind.
Krämers Buch lässt sich in diesem Sinne auch als ein Plädoyer für eine Aufwertung und Sichtbarmachung mitunter zu Hilfswissenschaften degradierter Wissenspraktiken lesen. In der Diskussion solcher Praktiken entfaltet es für mich auch die größte Überzeugungskraft. Doch was ist gewonnen, wenn man auf Schriftlichkeit als das Gemeinsame zwischen Geisteswissenschaften und Digitalität hinweist (vgl. S. 17)? Oder den „Einsatz inskribierter Flächigkeit […] als das verborgene Band zwischen hermeneutisch orientierten und Digitalen Geisteswissenschaften“ (S. 47) erwägt? Krämers Idee einer Kulturtechnik der Verflachung ist sicher so gewitzt wie medienanthropologisch erhellend. Sie hat aber einen Allgemeinheitsgrad, der ihre erklärende Kraft in Hinblick auf die spezielle Frage nach dem Verhältnis von Geisteswissenschaften und Digital Humanities stark einschränkt. Und das nicht zuletzt deshalb, weil der „Einsatz von inskribierter Flächigkeit“ ja noch zu allerlei anderen Dingen ein verborgenes Band knüpft. Am Ende hängt dann alles mit allem zusammen.
Dieser hohe Allgemeinheitsgrad der Begriffspraxis bringt also zwangsläufig fehlende Differenzierung mit sich. Als Beispiel kann Krämers Diskussion der „Liste als ubiquitäres Phänomen“ dienen (vgl. S. 75). Instruktiv auch hier zunächst die Darlegung, dass Praktiken der Auflistung und damit das nicht-narrative, flächige Format der Liste in den Geisteswissenschaften durchaus gebräuchlich sind. Und richtig sicherlich auch die Beobachtung, dass die Liste in der aktuellen Kultur besondere Verbreitung erfährt: „Die digitale Transformation scheint Gesellschaften geradezu in Listen-Kulturen zu verwandeln“ (S. 76). Die Liste gilt Krämer dabei als „Digitalisierungsprinzip avant la lettre“, das zudem in der „zeitgenössischen Ubiquität von Datenbanken als eine conditio sine qua non aller Arbeit der Digital Humanities“ (S. 75) erscheint.
Selbst wenn man die Frage beiseitelässt, ob das Verhältnis von Datenbanken und Listen so einfach ist, wie hier en passant angenommen wird, wäre allererst zu zeigen, wie ähnlich oder unähnlich sich die Listen der akademischen Tradition und die der Digital Humanities sind. Im Digitalen ist die Liste weniger eine inskribierte Fläche (oder sie ist das nur als temporäre Repräsentation), sondern ein prozessiertes Datenobjekt, häufig ein Zwischenspeicherformat, eingebettet in eine technische Apparatur. Mit anderen Worten: Stellt man nicht den Graphismus, sondern den Operationsraum in den Vordergrund, dann sind digitale Listen nicht primär Flächen, sondern Zustände, über die wohldefinierte Transformationen laufen. Eine medienarchäologische Perspektive, die auch die Informatik der Liste berücksichtigen würde, fehlt aber in Krämers Ausführungen. Der Blick auf die digitalen Artefakte bleibt dadurch unspezifisch, was die genealogischen Linien und kulturtechnologischen Verwandtschaftsverhältnisse merkwürdig verwischt.
KI und die neue digitale Literalität
Krämer wechselt, das sollte deutlich geworden sein, rhythmisch ihren Argumentationsstil. Während das, was ich als erste Argumentationslinie bezeichnet habe, die Differenz forciert und dafür das vereinfachte Bild von zwei gegensätzlichen epistemischen Kulturen entwirft, wird in der zweiten Linie stets auf Identität hin argumentiert. Insgesamt verleiht diese Anlage dem Buch – das die Autorin im kurzen Vorwort auch ein „Plädoyer“ nennt, das „Denkimpulse setzen“ (S. 9) soll – eine stark rhetorische Form. Zu dieser Rhetorik gehört die dritte Argumentationslinie, die Krämer bereits im Verlauf des Buches gelegentlich antippt, doch erst in den letzten Kapiteln ausrollt. Vergewissern wir uns noch einmal der Ausgangsthese: Nicht die allgemeine digitale Literalität rühre an der Identität der Geisteswissenschaften, diese werde vielmehr erst durch die methodische Alterität der Digital Humanities provokativ infrage gestellt beziehungsweise progressiv erweitert, wobei die Geisteswissenschaften im Zuge dieser Erweiterung auch verborgene oder doch marginalisierte Aspekte ihrer eigenen Identität wiederentdecken können. Der Stachel des Digitalen ist diese produktive Provokation.
Diese Ausgangsthese verwirft Krämer nun in den letzten Kapiteln ihres Buches; es sei zu einer „‚Verschiebung‘ in der Erkenntnislage dieser Studie“ (S. 211) gekommen: „Der Ort der Digital Humanities – gerade, weil sie ‚nur‘ eine Ergänzung im geisteswissenschaftlichen Methodenrepertoire sind – bleibt an der Peripherie der Geisteswissenschaften“ (S. 211), stellt Krämer fest. Die Digital Humanities haben keine Identitätsrelevanz für die Geisteswissenschaften entwickelt. Doch „[u]nabhängig von der Existenz der Digital Humanities“ komme es gerade zu einer digitalen „Neukonstellierung in der Ökologie des Geistes“, und zwar durch den Übergang in eine „neue Konfiguration digitaler Literalität“ (S. 212), bedingt durch die textgenerative Künstliche Intelligenz. Entschieden denkt Krämer auch die auf großen Sprachmodellen basierenden Chat-Systeme von deren Schriftlichkeit her, die in der Genese konstitutiv anti-hermeneutisch, nämlich statistisch ist.
Krämers Ausloten einer medienphilosophischen Position zur generativen KI gehört zu den interessantesten Kapiteln des Buches, auch weil sie Philosophie aus der unmittelbaren Gegenwartsbeobachtung heraus ist. An ihre Arbeiten zu einem Botenkonzept des Medialen anschließend, plädiert sie dafür, die generativen KI-Systeme als technische Mediatoren zu begreifen, und eben nicht anthropozentrisch als Dialogpartner, die künstlich kommunizieren oder gar eigene Sprechakte vollziehen. Dieser Deutung, die auf eine entschiedene Differenz zwischen der menschlichen Kommunikation auf der einen und dem Operieren der Chatbots auf der anderen Seite abhebt, widerspricht zwar die vermutlich weit verbreitete soziale Praxis, eben weil Chatbots dabei vielfach und teils gefährlich als dialogisches Gegenüber wahr- und angenommen werden. Als kulturtechnologische Reflexion einer mit der generativen KI emergierenden medialen Konstellation trägt Krämers Deutung aber durchaus. Demnach öffnet die Kulturtechnik der generativen KI den Zugang zu dem „in Schriftwerken sedimentierte[n] kollektive[n] Gedächtnis großer Datenkorpora“ (S. 207), das als Trainingsmaterial für die Sprachmodelle dient. Insofern diese Korpora in den Sprachmodellen als statistisch ermittelte, in den Daten selbst nur implizite Muster repräsentiert sind, wird auf diese Weise zugleich der Zugang zum „kollektiv Unbewusste[n] literal-digitalisierter Gesellschaften“ (S. 207) geöffnet. Die generativen KI-Systeme popularisieren damit – nun unter Verwendung immens großer Korpora – die musteranalytische Methodik der Digital Humanities, indem sie, was in den Digital Humanities technisch-anspruchsvolles, code-basiertes Handwerk war, in natürlichsprachliche Interaktionsformate überführen, nutzbar auch von informatischen Laien.
Die Kritikpunkte an diesem Verständnis der neuen „Konfiguration digitaler Literalität“ (S. 212) liegen auf der Hand: Anders als die an Kriterien wie Transparenz und Reproduzierbarkeit orientierten, empirisch arbeitenden Digital Humanities, sind die generativen KI-Anwendungen nahezu ausschließlich intransparente Blackbox-Systeme, über deren konkretes Operieren kaum etwas bekannt, geschweige denn für Laien verständlich ist. Die Korpora, auf denen die Sprachmodelle trainiert werden, sind keineswegs wissenschaftlich transparent und reflektiert kuratiert, sondern gigantische, unförmige und kaum einsehbare Agglomerate. Und dass die KI-Systeme auch als Instrumente des Wagniskapitalismus sowie als unternehmerische Machttechnologien reflektiert werden müssen, wie etwa Emily M. Bender und Alex Hanna in The AI Con[5] herausarbeiten, ist eine weit verbreitete Diagnose in den Critical AI Studies.
Krämer ist sich dieser sozialen und politischen Kontexte der neuen Technologie zwar bewusst (am Ende streift sie in einem Nebensatz die „machtpolitische Frage, wer das eigentlich kontrolliert“, S. 218); sie spielen aber keine Rolle in ihrer Argumentation. Das Plädoyer für eine digitale Aufklärung, mit dem das Buch endet, verliert dadurch erheblich an Kraft. Wäre nicht angesichts des Strudels, in den Sprache, Schrift, Wissenschaft und Kultur aufgrund der mächtigen Kulturtechnik der generativen KI aktuell geraten, eine digital informierte Kritik aus den Reihen der Geisteswissenschaften unbedingt notwendig? Ist die Herausforderung durch diese Kulturtechnik nicht etwas, das Geisteswissenschaften und Digital Humanities zusammenbringen könnte? Brauchen wir nicht dringend auch in methodischen Belangen digital kompetente Geisteswissenschaften? Wer derzeit an Institut-, Fakultäts- oder anderen akademischen Versammlungen der Geisteswissenschaften teilnimmt, der hat jedenfalls wenig Anlass optimistisch zu sein, dass die Geisteswissenschaften genügend Kompetenz mitbringen, um substanziell zum Projekt einer digitalen Aufklärung in Zeiten der generativen KI beizutragen.
Mit der methodischen Differenz und der genealogischen Identität zwischen Geisteswissenschaften und Digital Humanities verhandelt Krämers Stachel des Digitalen über weite Strecken einen Konflikt, der angesichts der aktuellen „Veränderungsdynamik“ rasend schnell zu veralten scheint. Dass Krämers Buch das selbst weiß und performativ vorführt, gehört zu seinen rhetorischen Stärken. Ohnehin liegt der Schwerpunkt dieses – wie es einmal über Ada Lovelace heißt – mit „Ökonomie und Eleganz“ (S. 93) auftretenden Bandes im Plädoyer, in der Zuspitzung und in der genealogischen Skizze, die, daran wird anzuknüpfen sein, eine erweiterte Geschichte geisteswissenschaftlicher Wissenspraktiken sichtbar werden lässt.
Fußnoten
- Sibylle Krämer, „Der ‚Stachel des Digitalen‘ – ein Anreiz zur Selbstreflexion in den Geisteswissenschaften? Ein philosophischer Kommentar zu den Digital Humanities in neun Thesen“, in: Digital Classics Online 4 (2018), 1, S. 5–11; online unter: https://doi.org/10.11588/dco.2018.0 [26.1.2026].
- Wolfgang Krischke, „Sprachwissenschaft. Altbewährtes frischgemacht“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.5.2018.
- Magnus Klaue, „Auf der Suche nach dem verlorenen Objekt“ ,in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.5.2018.
- Sibylle Krämer, Figuration, Anschauung, Erkenntnis. Grundlinien einer Diagrammatologie, Berlin 2016.
- Emily M. Bender / Alex Hanna, The AI Con. How to Fight Big tech’s Hype and Create the Future We Want, London 2025.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.
Kategorien: Digitalisierung Geschichte der Sozialwissenschaften Medien Philosophie Technik Wissenschaft
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