Ingo Meyer | Literaturessay |

Living on the edge?

Literaturessay zu „Über die Gefahr. Eine vorsichtige Annäherung“ von Heiko Christians und „Weltuntergang. Eine Meditation“ von Florian Baab

Das Geschäft mit gelehrten Essays als einem Nebenzweig akademischer Reflexion steht in voller Blüte, Matthes & Seitz ist mit seinem schlanken Format Fröhliche Wissenschaft schon länger wieder dabei, Vittorio Klostermanns rote Reihe bringt Einführungen, Close Readings spezieller Themenkomplexe und immer wieder essayistische Interventionen, selbst Reclams Was bedeutet das alles? publiziert neben Neuauflagen aus dem Fundus des Bewährten Aktuelles zur soziopolitischen Lage – und Felix Meiner gestattet sich in relativer Distanz zu den unentbehrlichen grünen Bänden philosophischer Klassiker seine Spielwiese der blauen Reihe, die jetzt ein Facelifting erhielt. Die Umschlagmotive von Heiko Christians’ Über die Gefahr und Florian Baabs Weltuntergang sind, wie eigens vermerkt, KI-generiert, was wohl als Signal verstanden werden soll, dass man auch in Hamburg auf dem qui vive ist.

Haben die beiden neuen, von einem Germanisten beziehungsweise katholischen Theologen vorgelegten Einlassungen den Sozialwissenschaften etwas mitzuteilen? Man möchte das unterstellen, sind Letzteren die Themen und Semantiken doch ganz und gar nicht fremd. Lars Clausen hat eine wenig rezipierte, kulturalistisch-handlungstheoretische Katastrophensoziologie entwickelt,[1] Heinz Bude sich in einem frei schweifenden Essay dem schwierigen Bereich kollektiver Erfahrungen gewidmet, um zu befinden, „[i]n Begriffen der Angst fühlt sich die Gesellschaft selbst den Puls“,[2] doch mit Ulrich Becks Risikogesellschaft verfügt die Soziologie neben Dahrendorfs und Schelskys Büchern aus der Nachkriegszeit über einen ihrer wenigen Bestseller von öffentlicher Wirksamkeit.[3] Für Beck sind alle Risiken hausgemacht in der „Unmöglichkeit externer Zurechnung von Gefahrenlagen. [...] Risiken sind historisches Produkt, das Spiegelbild menschlicher Handlungen und Unterlassungen, Ausdruck hochentwickelter Produktivkräfte.“[4] Niklas Luhmann war das entschieden zu schlicht, worauf er attributionstheoretisch unter Risiko Selbst-, unter Gefahr Fremdreferenz betroffener Systeme verstand und ins Risiko noch zusätzliche Kontingenz einbaute: Nicht nur über das, was als Risiko zu gelten habe, müsse entschieden werden, selbst die Parameter, mittels derer Risiken ermittelt werden, stünden immer wieder zur Disposition,[5] Stichwort Grenzwerte für Schadstoffe in Lebensmitteln. Kurz darauf erschien eine Monografie, in der er die großen Funktionssysteme und Dimensionen der Sozialintegration durchmusterte, dabei aber im Leser ein flaues Gefühl hinterließ, denn die moderne Gesellschaft habe keine Einrichtungen ausdifferenziert, die eigens für die Abfederung von Risiken zuständig wären, wir befinden uns insofern nicht im Flug über, sondern in den Wolken. Wissenschaft hilft nicht, ganz im Gegenteil, erzeugt sie doch nicht weniger, sondern mehr Unsicherheit, ein Verzicht auf Risiken aber hieße heute auch „Verzicht auf Rationalität“.[6]

Tübinger Historiker hingegen betonten kürzlich, Bedrohungen „verweisen auf ein unbedingt zu vermeidendes Zukunftsszenario, das, obwohl noch gar nicht eingetreten, die Gegenwart verändern soll. Die Dynamik der Bedrohung entfaltet sich vor einem intensiv düster ausgemalten Horizont. Die Gespenster von morgen greifen auf das Heute zu.“[7]

Ein überaus bunter Strauß von Trends, Begriffsgeschichten und (geistes-)geschichtliche Episoden vom Hasardeur Friedrich II. über Carl von Clausewitz, Alexander von Humboldts Expeditionen, Ernst Jünger und Mussolini bis zum heutigen Extremsport.

Solche Bedeutungskomplexionen liegen in der Luft, Christians hat daher ein richtiges Gespür, wenn er meint, der öffentliche Diskurs habe sich von „Risiko“ zu „Gefahr/Gefährdung“ verschoben. Eine saubere Begriffsdefinition freilich liefert er nicht, was für Soziologen immer misslich ist, aber Gefahr eigne eben ein „Wabernde[s]“, eine starke „Erlebniskomponente“, doch „keine festen Konturen“. Dazu passen mag, dass die Reflexion über sie „erst um 1800“ Fahrt aufnehme (Christians, S. 9, 13), also, wie zu ergänzen ist, zeitgleich zum Höhepunkt der Subjektphilosophie. Gesellschaftliches ist hier nur als Horizont gegenwärtig; was folgt, ist ein überaus bunter Strauß von Trends, Begriffsgeschichten und (geistes-)geschichtliche Episoden vom Hasardeur Friedrich II. über Carl von Clausewitz, Alexander von Humboldts Expeditionen, Ernst Jünger und Mussolini bis zum heutigen Extremsport, um zu zeigen, wie sich unter Bedingungen „eine[r] Art Medienkonkurrenz“ (Christians, S. 25) im Umgang mit der Gefahr herausschält, dass sie offenbar einer der Wege ist, mittels derer sich das vermeintlich autonome Subjekt seiner selbst vergewissert. Das scheint mir die implizite Pointe des Essays, und es liegt auf der Hand, dass Christians’ Interesse am Thema ein ursprünglich ästhetisches ist; keineswegs verwerflich, aber damit beginnen Irritationen, die vor allem in der Theorieapplikation liegen. Clausewitz’ knappe Einlassungen zur ‚Dichte‘ der Gefahr im Kriege seien wenn nicht aus Lektüre, so doch aus seinen Gesprächen im Schloss Coppet mit der Madame de Staël über Literatur im Jahre 1807 gespeist, „die zentralen Begriffe [...] entstammen allesamt der neuen Romanpoetologie“, denn „[d]er einzelne einfache Soldat sollte sich qua Einbildungskraft von sich aus – wie der vereinzelte Romanleser mit dem Protagonisten des Romans – mit der Sache des Vaterlandes identifizieren“ (Christians, S. 41, 43). Das ist ziemlich absurd,[8] denn benötigte ausgerechnet Clausewitz, der seit seinem dreizehnten Lebensjahr in Dutzenden Gefechten stand, doch erst seiner hochgebildeten Gattin Marie die entscheidende Initiation in die Kulturwelt verdankte, Diskussionen über Romane für seine Kriegstheorie? Wenn der Sinn für das Erlebnis der Gefahr aus der Literatur kommen soll, böte sich für Christians eher Stendhals Phantasiethese aus Empiriemangel an. Dessen berühmte Darstellung Waterloos ‚von unten‘ im dritten Kapitel der Kartause von Parma verdankt sich der Beobachtung der Schlacht von Bautzen zwei Jahre zuvor, genauer: dem Umstand, dass man selbst auf dem Feldherrnhügel keinen Überblick mehr hat. „Wir sehen von zwölf bis drei alles ganz genau, was man von einer Schlacht sehen kann, das heißt nichts. Das Vergnügen besteht darin, daß man durch die Gewißheit ein wenig erregt wird, daß dort etwas geschieht, wovon man weiß, daß es schrecklich ist.“[9] 

Zugleich aber hinkt Christians’ Analogieschluss vom Roman auf die reale Gefahr schon kategorial. Wie die phänomenologische Phantasie- und Illusionsbildungstheorie lehrt, können wir uns unter Rekurs auf Erfahrungsgehalte zwar alles Mögliche und Unmögliche vorstellen, jedoch nie mit vergleichbarer Präsenz und Evidenz, wie sie die eigentliche Wahrnehmung verschafft.[10] Bei Clausewitz ist es dann auch die viel diskutierte „Friktion“, sein Begriff für den umfassenden Ausnahmezustand, die den echten Krieg von dem „auf dem Papier“ unterscheidet; so hinderlich, als müsse man im Wasser gehen.[11] Weil Imaginationen etwas Sekundäres sind, können wir – zum Glück! – aus unseren Phantasiemodifikationen jederzeit wieder aussteigen, etwa, wenn es an der Tür klingelt. Mit der Wahrnehmung geht das nicht, und man möchte hinzufügen, in Gefechtssituationen schon gar nicht. Noch einmal anders perspektiviert: Christians zitiert zwar öfter Hans Blumenberg, nicht aber dessen für diesen Kontext entscheidende Schrift zum Navigatio-vitae-Topos. Am sicheren Ufer genießen wir in der Beobachtung eines Schiffbruchs den ‚Kitzel‘, kämpften wir selbst um unser Überleben, verhielte sich das ganz anders.[12]

Zu viel dann macht Christians aus den zwei kleinen Texten über das Soldatentum von Hans Lipps (Christians, S. 71 ff.), eines Existenzialhermeneutikers aus der zweiten Reihe, der mit ‚Logiken‘ schnell bei der Hand ist, aber über vormoderne Konzepte wie Physiologie oder Morphologie argumentiert[13] und, wie eigentlich alle rechts abgebogenen Phänomenologen von Heidegger bis Hermann Schmitz, entweder schuldig bleibt, was er verspricht, oder in Paraphrase dessen versinkt, was wirklich jeder weiß.[14] Christians ist hier seltsam urteilsschwach, dürre Beschreibungen geraten ihm zu „Schilderungen und Analysen von ‚Kriegslandschaften‘, die bis heute ihresgleichen suchen“ (Christians, S. 81). Interessanter ist da schon Ernst Jünger, doch Christians stützt sich nicht auf die frühen literarischen Texte, die ästhetische Intensität auf ein wirklich neues Niveau heben, sondern feiert Über die Gefahr von 1931 als epochal und analytisch unerreicht (Christians, S. 98 ff.). Jedoch ist dieses kurze Katalogvorwort gerade nicht phänomenal reichhaltig, sondern zählt zu Jüngers zahlreichen Phantasien um ‚große Übergänge‘ (hier vom laaaangweiligen bürgerlichen Zeitalter zum herbeigesehnten der Gefahr),[15] die außer germanistischen Doktoranden niemand ernst nimmt. Wenn irgendetwas, war Jünger ein Freak, der den Aufenthalt in Grenzbereichen jeder Art liebte und noch im 75. Lebensjahr mit Albert Hofmann auf seinen letzten LSD-Trip ging, um die Droge endgültig als doch eher harmlos zu veranschlagen. Medienspezifisch aber ist er hellwach, in den Tagen der Kapitulation, während draußen „Millionen und Abermillionen“ umher-irren, notiert er nach erquickender Gartenpflege zunächst: „Aus den Beeten dringt köstlicher Duft herauf“, um in weitergehenden Reflexionen nicht über den Zivilisationsbruch, sondern Goebbels als „Kapellmeister“ von Massenveranstaltungen und seine Propagandaabteilung nachzudenken. „In der Werbung und ihrer Technik waren sie den Bürgern und auch den Kommunisten weit voraus. Die saßen noch tief im Klassenstaat. Ideologisch freilich kamen nur die Gemeinplätze des 19. Jahrhunderts heraus, neu arrangiert“.[16] Christians’ Mussolini-Exegese, der Aufweis des Ineinandergreifens von ‚schnellem‘ Pressewesen und permanent-dezentraler Massenmobilisierung, mit dem medial ein Marsch auf Rom ventiliert wurde, „dem die Zeitungen einen Erfolg attestieren, den er nie gehabt hat – das reichte für den Sieg“ (Christians, S. 56), aber überzeugt völlig, zumal klar ist, dass hier auch an Donald Trumps erfolgreiche Dauerbeschickung seiner Fans mit überwiegend blankem Unsinn gedacht werden soll. Es funktioniert.

Für Christians muss, weil zunächst nur Empfindung, die Gefahr medial choreographiert werden, sie braucht einen Plot, ein Drehbuch, Verbildlichung, Repräsentation; als jüngeres Beispiel nennt er die Anfangsphase von Corona, stapelweise Särge und dazu die seltsam infantilisierenden Animationen und Grafiken. Theoretisch aber greift er auf die frühneuzeitliche Emblematik zurück, „Sinnen=Bilder“, die ein Motto (inscriptio) mit einem Bild (pictura) und einem Lehrsatz (subscriptio) kombinieren, über deren Funktion aber seit jeher gestritten wird[17] – auch, weil die europaweite Mode zu Beginn der Sattelzeit wieder verschwindet. Das Reizvolle an den Emblemen ist das Konfliktuelle ihrer binären Logik (Bild-Text-Relation), aber dreiteiligen Struktur, so dass sie gar nicht ‚aufgehen‘ können und am interessantesten werden, wenn sich die Beziehungen ungleichgewichtig verschieben. Doch für Christians ist jede Bild-Text-Beziehung „wenigstens grob“ emblematisch, „gibt es überhaupt zirkulierende Bilder ohne Text? Ohne Unter- oder Überschrift? [...] Und was ist mit Comics, Stummfilmen, Fotoalben, Instagram-Posts, Memes oder Screenshots?“ (Christians, S. 86). Hier hätte man sich mehr Präzision gewünscht, denn natürlich zirkulieren Bilder ohne Text, vermutlich sind es sogar die wirkmächtigsten; das Napalm Girl vom 8. Juni 1972 benötigt weder Über- noch Unterschrift.

Man könnte aber auch darüber nachdenken, ob amorphe Gefahren nicht umso wirksamer sind, die Folgen von Tschernobyl, die Europa jahrelang beschäftigten, waren unsichtbar, ihre Existenz überhaupt nur über spezielle Messgeräte zu erfassen.

Man könnte aber auch darüber nachdenken, ob amorphe Gefahren nicht umso wirksamer sind, die Folgen von Tschernobyl, die Europa jahrelang beschäftigten, waren unsichtbar, ihre Existenz überhaupt nur über spezielle Messgeräte zu erfassen. Und im Dunkeln fürchten wir uns eher als bei eitel Sonnenschein, das ist unserer biologischen Konstitution geschuldet, die den Seh- als Distanzsinn präferiert. Georg Simmels „Soziologie der Sinne“, die auch darüber nachdenkt, was wäre, wenn es sich nicht so verhielte, hätte Christians’ Gedankengänge ganz so bereichern können wie Wolfram Hogrebes zahlreiche Arbeiten zur Mantik, ‚Ahndungslehre‘, als Grundierung jeder möglichen sinnhaften Bezugnahme überhaupt,[18] seine Passagen zur „Witterung“ und „Vor-Sicht“ à la Lipps brechen nicht recht durch (Christians, S. 71 f., 79).

Da Christians’ Essay keine empirische Studie ist, hätte er sich daher vielleicht etwas mehr Spekulation genehmigen sollen. Ja, „die Liebe zur Gefahr“ ist „ein Kind des 20. Jahrhunderts“ (Christians, S. 51) und man darf sich durchaus darüber amüsieren, dass ausgerechnet Frühpensionisten wie Nietzsche vom gefährlichen Leben träumen oder es wohlbestallten Professoren wie Hans Ulrich Gumbrecht und Karl Heinz Bohrer wenigstens nach riskantem Denken verlangt. Dass sie auf ästhetisch-kreative Naturen anziehend wirkt, macht Christians aber sehr klar. „Kern der Gefahr ist für den, der ihn künstlerisch oder philosophisch hervorhebt, moralisch-ethischer Natur. Die Gefahr zwingt die Akteure, ihren motivationalen Kern zu entblößen und nach den Kriterien des Mutes und der Entschlossenheit zu überprüfen“ (Christians, S. 114), deshalb, könnte man sagen, ist sie keines der vier Existenzialien, die Kunst von Rang verhandelt, nämlich Liebe, Krieg, Hass und Tod, sondern nur prä-existenzial, in der Tat ein Medium. Christians schließt insofern stimmig mit Werner Herzogs Leidensbereitschaft als soldatischem Diener des eigenen Werkes (hat er doch Klaus Kinski wiederholt ertragen), seinen frühen Dokumentarfilmen über Extremsportler und der heutigen Beziehung von lebensmüden Subjekten zu Produzenten und Konsumenten der ‚Gefahr‘. Wenn etwa für Red Bull die Base-Jumper ihren von dem Riesenkonzern finanzierten Sprung in den Abgrund per Bodycam selbst filmen und diese Werbung in Echtzeit über soziale Medien streuen, lässt sich die „Logik einer Verklammerung von medialer Öffentlichkeit, gefährlicher Leidensbereitschaft der Protagonist:innen und hochexpansiver ökonomischer Gewinnorientierung“ (Christians, S. 125) nicht mehr von der Hand weisen. Und dennoch, auch das ‚kickt‘ nicht mehr richtig, Christians sieht bereits allenthalben „Authentizitätsmangel“ nicht zuletzt ob des Hightechs der permanenten Überwachung von Vitaldaten, Superzeitlupen und so weiter, die diese Spektakel erst ermöglichen. Als Finale werden kulturkritisch Horkheimer/Adorno bemüht, die anhand der Konfektionierung von Medienstars früh erfassten, wie Produktionsverhältnisse und Bedürfnisstrukturen lückenlos ineinanderfallen (Christians, S. 121, 127, 129). Vielleicht wäre Arnold Gehlen, dessen gedankenreicher Text über den Sport mitsamt der Warnung, dass die Technisierung ihm das menschliche Maß und damit wohl auch seine Faszination nehmen werde, Christians noch stärker entgegengekommen,[19] denn Begeisterung ob siegentscheidender zwei Hundertstel Sekunden Vorsprung einer Sprinterin beim 100-Meter-Lauf fällt ja tatsächlich schwer. Oder „des klügsten aller deutschen Faschisten“[20] Implikation, dass dem Menschen ab und zu ein ordentlicher Krieg oder eine größere Katastrophe eher guttue? Stattdessen gerate er in der Moderne auf abwegige Gedanken wie Selbstverwirklichung oder widme sich den Drogen; auch das gibt nämlich Sinn und Halt, wenn die Institutionen nicht mehr recht greifen.[21]

Christians kommt von Wilhelm Voßkamp her, der zeitgerecht auf ‚Medien‘ setzte, deshalb taucht hier Johann Gottfried Schnabels frühneuzeitliche Utopie Die Insel Felsenburg von 1731 ff. auf (Christians, S. 27), die bei Voßkamp zum Pensum zählt. Christians’ Medienkulturwissenschaft als wahrhafter Hybrid aber steht unter besonderem Originalitätszwang, muss stets ihren Gegenstand erst (er)finden und wird wohl auch deshalb methodisch immer prekär bleiben. Er gibt gern zu, dass er durch die Diskurse und Jahrhunderte springt, nur ist das natürlich keine „absolute Wahllosigkeit“ (Christians, S. 15), die dem Gegenstand quasi Selbstevidenz beschafft, sondern seine Auswahl, also Bewertung, was aber neben den einzelnen Fragwürdigkeiten zur Folge hat, dass es schwerfällt, einen handfesten Ertrag des Buches zu benennen, zumal Christians die relevante Forschung und alle einschlägigen Autoren kennt, aber häufig knapp danebengreift. Ein konzentrierter Aufsatz von 2020 war für mich nahrhafter, schließt er doch mit Überlegungen zum modernen Staat, der „eine Art Sichtbarmachungsregime auf Zeit errichten“ müsse, schon um nur zu zeigen, dass er via „Kontrolle der Nachrichtenlage“, wieder Stichwort Corona, da sei: Pompöse Symbolik und aggressive Abgrenzung nach außen hätten westlich-eingespielte Nationen nicht mehr nötig, dafür hagele es heute verfeinerte, weil pseudo-objektive Ideologie in Form von Diagrammen oder Statistiken aller Art.[22] Was jeweilige Bildformen verdecken oder beiseiteschieben, wäre gewiss auch interessant zu reflektieren. Christians aber führt dieses Kontrollbedürfnis in gut medienwissenschaftlicher Tradition[23] auf polemogene Wurzeln zurück; der „Kampf gegen x“ (Krebs, Armut, Rassismus etc.) ist in der Tat längst zur Phrase geworden, doch plötzlich komme es zur „Ausgangssperre“,[24] die man eigentlich nur aus Umsturz- und Kriegszeiten, also gar nicht mehr kannte.

Beschleunigung und Komplexitätssteigerung erzeuge im neuen Kollektivsingular ‚Geschichte‘ der Neuzeit eine mit immer größeren Machbarkeitszumutungen belastete Zukunft: Partizipation, Emanzipation, Revolution, Befreiung.

Eine erfolgsverwöhnte Belletristin, die ihren eigenen Ausstoß zum „Bereich der gesellschaftlich relevanten, als literarisch substanziell wahrgenommenen Prosa“ zählt, meinte neulich ernsthaft, „[d]ie Apokalypse ist ein faschistisches Narrativ, das dürfen wir einfach nicht vergessen.“[25] Angesichts solcher Begriffsverderbnis tut es gut, wenn Leute vom Fach dazu ansetzen, einige Dinge zurechtzurücken. Florian Baab hat sich dem Thema Weltuntergang gewidmet, freilich auf eigentümliche Weise. Da diese Denkfigur zu den Semantiken der Zeit gehört, startet Baab mit dem Nachweis, dass die Tradition, ob Altes Testament oder Horaz, reine zyklische oder teleologische Konzeptionen nicht kenne, immer lägen Mischformen vor (Baab, S. 19). Die theoretische Hardware ist hier Reinhart Kosellecks klassische These, dass die ‚historische Zeit‘ durch ein Auseinanderdriften von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont gekennzeichnet sei. Beschleunigung und Komplexitätssteigerung erzeuge im neuen Kollektivsingular ‚Geschichte‘ der Neuzeit eine mit immer größeren Machbarkeitszumutungen belastete Zukunft: Partizipation, Emanzipation, Revolution, Befreiung. Zugleich zählen die Weltuntergangsszenarien zur „Kontingenzbewältigung in Form religiöser und metaphysischer Weltdeutungsoptionen“, Luhmanns Bestimmung der Religion aber lässt der Theologe Baab unerwähnt.[26] Dafür fügt er noch Hermann Lübbes Beobachtung zu, nach der wir in einer schrumpfenden Gegenwart auf Vergangenes mit Historisierung, auf die näherrückende Zukunft aber mit Prognostik reagierten (Baab, S. 22, 26 f.). Das muss für die nun folgende Revue reichen, die Untergangsszenarien von Oswald Spengler, Theodor Lessing und Alfred Rosenberg bis zu Denkschriften gegen Nuklearwaffen etwa aus der Feder Bertrand Russells und Günther Anders’ passieren lässt, mal eingehend interpretiert, öfter aber auch nur referiert. So ergeben sich Nachfragen, „Spengler, Lessing und auch Rosenberg sind Untergangspropheten einer Zeit, die noch nicht in Maßstäben einer möglichen Selbsteliminierung denken konnte“ (Baab, S. 65) – aber hat sich nicht schon Kant in der Urteilskraft darüber gewundert, dass der Mensch die einzige Gattung sei, die an ihrer eigenen Vernichtung arbeite?[27]

Spenglers ‚organische Morphologie‘ ist das spezifisch Unmoderne, weil dem Substanzdenken verhaftet, und „Teleologie ist Lessings leitende Intuition“ (Baab, S. 47), doch seit Odo Marquards einschlägigen Studien auch nicht gerade Moderne-verdächtig.[28] Baab fragt ebenso wenig, warum gerade diese theoretisch unergiebigen Entwürfe Resonanz erfuhren, obwohl mit Simmels Relativismus oder Ernst Cassirers Substanz- und Funktionsbegriff bereits überlegene Konzepte verfügbar waren. Und dann hätte man ‚meditieren‘ können, etwa mit Luhmanns Auffassung von der Nachträglichkeit aller Semantik:[29] Wenn sich Deutungsmuster, oft erst nach Jahrzehnten, eingespielt haben, ist die Gesellschaft längst woanders. Einer der verblüffendsten Befunde aus der Kulturgeschichte des Ersten Weltkrieges, ohne den Spengler, Lessing und Rosenberg allesamt nicht ihr Profil gefunden hätten, ist ja, dass man während des Krieges keine angemessene Bildsprache für gemachte Erfahrungen generierte, es blieb bei personalistischem Heldentum, Vaterland, Germania – und erst der „Stahlerotiker“[30] Ernst Jünger erschrieb neue, allerdings sehr verführerische Formate. Deshalb, dies auch an die Adresse Christians’, ist er wichtig.

Ähnlich mager fällt das Referat verschiedener Positionen zur Atombombe von Bertrand Russell über Karl Jaspers, Maurice Blanchot und Günther Anders bis zu Carl Friedrich von Weizsäcker aus (Baab, S. 65 ff.). Leitfaden ist hier, dass die unvorstellbare Zerstörungskraft planetarischen Ausmaßes andere Argumentationsmanöver benötige, um die von der jüdisch-christlichen Tradition noch erhoffte Apokalypse zu vermeiden; Leben im Angesicht der Bombe. Neu ist das nicht, schon Peter Sloterdijk hat eine knappe „Bombenmeditation“ vorgelegt, inklusive Anders und Paulus-Wort (Apg. 16, 28) als Paukenschlag.[31] Was mich mehr an Baabs Ausführungen stört, ist das Dogma der Unvorstellbarkeit. Natürlich wird unsere numerische Imaginationskraft überfordert, wenn es in die Abertausende (Toter) geht – nach Kant übrigens ein Fall des „mathematisch Erhabenen“[32] –, aber hat nicht die populäre Kultur, neben den zahlreichen Testaufnahmen aus der Forschung, unablässig Bilder und, schreckliches Wort, Narrative des Overkills produziert, etwa The Day After, in den 1983 die Schulklassen geschickt wurden, Terminator 2 (Untertitel Judgment Day) und Unmengen Science-Fiction? Sie vermittelte sehr viel eindringlicher, was da in die Welt gesetzt wurde, als es ein paar händeringende Mahner vom hohen Kothurn der Philosophie jemals vermochten.

Stil- und Präsentationsform Baabs sind eigentümlich, ja undiszipliniert. Achim Brosch fand das Umherspringen zwischen geschichtsphilosophischen Großentwürfen, Regierungserklärungen, Denkschriften gegen Nuklearwaffen etc. befremdlich,[33] obwohl das für einen Essay in Ordnung geht. Tiefpunkt aber ist die Behandlung von Rosenbergs Mythos des 20. Jahrhunderts – nicht, weil Baab dem Schundbuch etwas Positives abgewinnen könnte, sondern meint: „Völkische Ideologien können immer dort entstehen, wo eine vordergründig erfolgreiche Kompensation von Angst und Komplexen durch eine Konstruktion von Feindbildern gelingt“, insofern seien sie „Produkt einer verunsicherten Moderne“. Hat Baab sich jemals angeschaut, wie Marx und Engels Feindbilder konstruieren? Was sie von Tschechen und Kroaten halten? Darüber nachgedacht, dass alle Ideologien, die unseren Alltag vollständig durchdringen, nicht mit Wahrheits-, sondern Wertbezug arbeiten und je erfolgreicher sind, desto besser sie die Existenz des Gegners erklären können,[34] weshalb Falsifikationen überhaupt nichts ausrichten? Baabs banaler Befund dann wird mit Zitaten von den Punk-Clowns Die Ärzte und einer US-amerikanischen Philosophie über Assholes verschnitten, um auf Donald Trump zu deuten (Baab, S. 62 f.).

Baab wechselt zwischen ‚ich‘ und dem professoralen ‚wir‘; Schopenhauers, Eduard von Hartmanns und Ludwig Klages’ Hauptwerke erhalten als Erstausgabe plus Verlagsangabe Fußnoten, obwohl sie gar nicht diskutiert werden, dann bedauert er, dass für eine „gebührende Würdigung“ Hegels leider kein Platz sei (Baab, S. 118, 121) – aber ist Hegel Weltuntergangsphilosoph? Darauf empfiehlt Baab (als Mittelbauler) „Promovierenden in den Geisteswissenschaften“ lohnende Themen und nennt nebenbei Hermann Lotze, „zu dem ich auch schon etwas geschrieben habe“ (Baab, S. 125). Umso irritierender nimmt sich seine Fehlerliste aus. Natürlich liegt die Vergangenheit nicht „hinter uns und steht fest“ (Baab, S. 11), sondern hermeneutisch trivial relativieren und erhellen sich Gegenwart und Vergangenheit wechselseitig, deshalb muss jede Generation ihre eigene Geschichte schreiben, möglichst in mehreren konkurrierenden Gesamtdarstellungen. Der Begriff „konservative Revolution“ stammt nicht von Armin Mohler (S. 40), sondern datiert, neben obskuren Quellen aus dem 19. Jahrhundert, auf Thomas Mann und Hugo von Hofmannsthal zurück,[35] nicht Bertrand Russell 1950 (Baab, S. 68), vielmehr Rudolf Eucken ist der erste Philosoph, der 1908 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Nationalismus wird natürlich nicht erst während des Ersten Weltkriegs zum Problem (Baab, S. 58), sondern evoluiert von einer Ideologie der Befreiung aus Fremdherrschaft, getragen zunächst von lokalen Eliten um 1800 (Deutschland, Italien etc.), zum integralen Nationalismus imperialer Staaten um 1890, an deren Wesen der Rest der Welt genesen sollte.[36] Und zum Ende gar wird einem Reporter der New York Times mit der Mahnung: „Know your fake quotes“ ein apokryphes Gramsci-Zitat vorgehalten, dem er aufgesessen sei, auf derselben Seite aber Udo Lindenbergs „Grande Finale“ auf 1987 datiert. Wer derart breitbeinig wie Baab auftritt, sollte vielleicht auch Sampler von Originalalben unterscheiden können, denn Lindenbergs Song ist nicht von einer offenkundig unautorisierten Verramschung namens Alles klar seines ehemaligen Labels, sondern von der 1981er-Platte Udopia; zweite Seite, erstes Stück (Baab, S. 111, 130).

Wolkige politische Theorien geschichtsphilosophischen Zuschnitts, die für Maßhalten, wechselseitige Anerkennung und die Stärkung des Konnexes von Selbstwert, Gefühlsbindung und Legitimität des jeweiligen politischen Gemeinwesens plädieren, dürfen an konkreten Problemen abgleiten.

Zum Schluss wird Francis Fukuyamas berühmt-berüchtigte Schrift vom Ende der Geschichte gesichtet, um diesen zumindest hierzulande von Anbeginn als postmodern fehlrezipierten, liberalistischen Neo-Hegelianismus made in USA als Gegengift zu den Apokalyptikern zu würdigen. Dies geschieht durchaus kundig, etwa im Hinweis auf Fukuyamas Abhängigkeit von Alexandre Kojèves einflussreicher Deutung (S. 105), die Hegels typologische Stufen des (Selbst-)Bewusstseins zu einer Art historischer Realanthropologie umdeutet. Auch kann sich Baabs Ordnungsversuch durch das neueste Buch des offenbar empirieresistenten Politologen vollauf bestätigt finden,[37] obwohl das alles Schnee von vorgestern ist. Überhaupt dürften ja wolkige politische Theorien geschichtsphilosophischen Zuschnitts, die für Maßhalten, wechselseitige Anerkennung und die Stärkung des Konnexes von Selbstwert, Gefühlsbindung und Legitimität des jeweiligen politischen Gemeinwesens plädieren (Baab, S. 100, 106), an konkreten Problemen abgleiten, ganz abgesehen davon, dass sich Politik als Vollzug um solche Konstrukte aus dem Elfenbeinturm nie sonderlich bekümmert hat. Baabs Manöver aber, Donald Trump als Anwendungsfall von Fukuyama, nämlich nur als Galionsfigur einer bedauerlichen Übersteigerung des Selbstwertgefühls („Megalothymia“) zu deuten, das die normativen Ordnungen in seinem „Drang nach Freiheit“ missachte (Baab, S. 106 f.), wirkt ein wenig, als würfe man mit Wattebällchen auf Elefanten.[38]

Letztlich seien alle Weltuntergangsszenarien „Beispiele für das Auseinanderklaffen von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont, aus dem das Empfinden einer kurzen Gegenwart resultiert“, denn schließlich lebten wir alle „in einer merkwürdigen Zwischenepoche“ (Baab, S. 112 f.). Also Koselleck und ‚Übergang‘, Bezugsrahmen Neuzeit überhaupt? Das ist, wie schon Brosch monierte, zu wenig, denn Übergang ist seit Hegel immer – und hat nicht Gumbrecht in Opposition zur historischen Zeit Kosellecks über eine neue, ‚breite‘ Gegenwart spekuliert, die nichts verabschieden kann, als eine aufs Ritual reduzierte Kultur immer dieselben Topoi und Ikonen in rasendem Stillstand zirkulieren lasse, aber sich keinerlei Zukunftsentwurf mehr zutraue?[39]

Damit bleibt ein schaler Geschmack, denn warum bescheidet sich Baab im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert mit einem bloßen Rückblick auf apokalyptische Denkmuster des vergangenen Säkulums? Seine „ideengeschichtliche Studie“ ziehe eine „Linie“, „Zeitdiagnostik“ sei nicht beabsichtigt (Baab, S. 9 f.). Dann aber muss er damit rechnen, dass der Leser mit Schulterzucken reagiert, vom Untergang des Abendlandes zum liberaldemokratischen Staat als bestmöglicher aller Welten? Ist das der Lernprozess oder gar ein metaphysischer ‚Abschlussgedanke‘ im Sinne Dieter Henrichs? Zudem meint Baab, dass die Imagination von Weltuntergängen eine „maskuline Domäne“ sei (Baab, S. 115). Auch das gilt nicht mehr, denn zum Beispiel die kurze, aber heftige Konjunktur von Greta Thunbergs Fridays for Future drängt sich der Deutung doch geradezu auf. Man hat über die fast sakrale Entrückung der Initiatorin, die vor der UN-Vollversammlung sprechen durfte, gespottet,[40] die Sozialwissenschaften aber bemühten sich um reliable Beschreibungen, werde hier doch gleichsam in Echtzeit die Logik von Protest überhaupt greifbar;[41] Themenfindung, Bündelung medialer Aufmerksamkeit, Höhepunkt und Niedergang. Otthein Rammstedt sprach in noch analogen Zeiten von „Teleologisierung der Krise“ als drohendem Schicksal aller sozialen Bewegungen, entweder nämlich gerieten ihre Forderungen konsensfähig, womit die Themen institutionalisiert und der Aktivismus überflüssig würde, oder sie müssten immer wieder neues Konfliktpotenzial ermitteln, um sich zu erhalten.[42] Die Systemtheorie dann fasst Protest strikt funktional als Artikulation des Unbehagens an fortschreitender Differenzierung, da für viele Beobachter des politischen Systems nicht mehr recht ersichtlich sei, wie oder ob überhaupt Probleme bearbeitet würden.[43] Neuerdings aber hat sie Steigerungsmechanismen sowie eine seltsame Affinität der Hauptfiguren gleichermaßen zu Eschatologie und popkulturellen Inszenierungspraktiken registriert,[44] wofür, deutlicher noch als Thunberg, Carla Hinrichs stehen mag. Die ursprüngliche, mittlerweile leider stillgelegte Homepage der Letzten Generation arbeitete mit klassischen Mitteln einer Sekte, die von der kalifornischen Mutterorganisation Climate Emergency Fund übernommene Warnfarbenkombination Orange / Schwarz suggerierte Gefahr und Verhängnis zugleich. Ohne jeden Beleg für die Wahrscheinlichkeit des Endzeitszenarios adressierte man Besucher als zweite Person Singular, die durchgehend imperativisch in Versalien ‚angeschrien‘ wurden. Solche Phänomene müssten den Theologen Baab eigentlich reizen, doch bräuchte es dafür ein anderes Instrumentarium als bloße Textexegese. Der ungeliebte Norbert Bolz etwa hat diesen Aktivismus typischerweise von Adoleszenten aus gutem Hause bereits als „Ersatzreligion“ begriffen und damit wohl das entscheidende Kriterium der Apokalyptiker benannt. Da niemand mehr sagen könne, wo es langgeht und auch kaum noch jemand an das liebe Jesuskind, die Befreiung oder die Nation glauben möge, kämen nun Letztreferenzen wie Klima, Zukunft oder gar der Planet selbst ins Spiel, die es den „Kreuzritter[n] der heilen Welt“ erlaubten, auf der richtigen Seite zu stehen. Und nicht zuletzt: „Wer Ängste und Sorgen hat, langweilt sich nicht.“[45] Wenn aber Aufmerksamkeit knapp ist, Gefahrenszenarien alltäglich werden und der Weltuntergang zur Standardrhetorik gerät, ist Themensubstitution unvermeidlich. Thunberg hat diesen Schritt vollzogen, sich damit weitgehend desavouiert und zugleich demonstriert, wie schnell Charisma verfallen kann, Hinrichs gibt sich, um Mitstreiter und Wohlgesonnene bei der Stange zu halten, als vom Staat unrechtmäßig Verfolgte. Man darf darauf gespannt sein, ob noch etwas kommt, Fridays for Future ist zum schmalen Häuflein geschrumpft, das gelegentlich vor dem Kanzleramt Plakate entrollt; aus dem Projekt der Letzten Generation von 2024, das EU-Parlament ‚aufzumischen‘, ist nichts geworden, ein an Runden Tischen auszuhandelndes Programm kam nicht zustande. Und vielleicht hätte Baab, der sich als „Glaubenswissenschaftler“ versteht, auch noch etwas zum 25. Jahrestag des Anschlags vom 11. September 2001 sagen können, der ja bewusst als Statement zum Auftakt des neuen Jahrtausends intendiert war.

Risiko – Bedrohung – Gefahr – Angst: Sind das Eskalationsformen, womöglich wechselseitig-asymmetrisch implikativ, sodass jede Gefahr auch ein Risiko für Akteure mitführt?

Beide Essays also sind selbst weitaus mehr Symptom als verbindliche Deutung der Symptome. Auch im Widerspruch, zu dem sie nötigen, wirken sie allemal anregend. Etwa im Anschluss an die vermeintliche „‚Polykrise‘“ (Baab, S. 93): War es denn früher so viel entspannter? Ich erinnere nur die siebziger Jahre mit Kaltem Krieg, Nahost-Konflikt, durchgedrehten Autokraten und gar einem sehr stabilen Apartheidsstaat in Afrika, Militärdiktaturen in Südamerika, Maos Kulturrevolution, die Millionen Tote zeitigte, Linksterrorismus in den Nachfolgestaaten faschistischer Regime, letzten Altnazis als Funktionseliten, galoppierender Umweltverschmutzung und Sexismus allenthalben – doch der Wohlfahrtsstaat erwies sich genau in dem Moment als nicht mehr finanzierbar, als man sich an ihn gewöhnt hatte,[46] seither leben wir über unsere Verhältnisse. Nur las man damals morgens die Tageszeitung und schaute abends Nachrichten, Sendeschluss der drei verfügbaren Programme werktags gegen 23 Uhr, samstags ein wenig später. Es ist also sicher auch die heutige ungeheure und irreversible Kommunikationsverdichtung, die für die Vervielfachung sowie Potenzierung von Gefahrenszenarien und Weltuntergangsphantasien verantwortlich ist. Zunächst aber läge wieder einmal Begriffsklärung an, Risiko – Bedrohung – Gefahr – Angst: Sind das Eskalationsformen, womöglich wechselseitig-asymmetrisch implikativ, sodass jede Gefahr auch ein Risiko für Akteure mitführt, oder lässt sich dieses ‚wegrechnen‘? Aber verschwindet dadurch die Angst? Sie sei „die Unmöglichkeit, eine Situation zu beherrschen“, hörte ich als Kind einmal in einem Spielfilm und habe bisher keine bessere Definition gefunden. Gefahrenlagen können sich als völlig chimärisch erweisen – oder jahrelang unbemerkt bleiben und uns plötzlich als Katastrophen ereilen. Max Dehne hat betont, dass die „Bedrohungsinformationen“, aus denen die Angst resultiere, heute wesentlich über Interessen von „Wirtschaft, Wissenschaft, Politik sowie Medien selbst“ gesteuert würden und das Rezeptionsprofil des Ängstlichen natürlich immer sozial mitkonstituiert sei.[47] Für Luhmann lag das Bezugsproblem von Risiken im Verhältnis von Zeit- und Sozialdimension,[48] mit seinem kategorialen Gefüge ließe sich aber auch sagen, Gefahren können Aggregate der Sachdimension beschädigen, verdichten dabei aber die Sozial- und verengen die Zeitdimension, während Angst eher wenig sozialisiert. Richtig wurde festgehalten, dass es Beispiele für historisches Lernen aus Bedrohungslagen gebe,[49] während auf Gefahren möglichst umgehend reagiert werden muss, was wiederum die Risiken erhöht. Und so weiter. 

Auch Historiker pflichten bei, dass moderne Gesellschaften maßgeblich Zeit normieren und darüber integrieren, „Prozessbegriffe“, „Zyklen“, „Pfadabhängigkeit“ und „Wiederholungsstrukturen“ gehörten allesamt erneut auf den Prüfstand.[50] Das kann der Vermessung des Problemfeldes von Gefahren nicht gleichgültig sein. „Man ist dann genötigt, zwischen den noch unbekannten, weder beobachtbaren noch induktiv erschließbaren künftigen Gegenwarten und der gegenwärtigen Zukunft zu unterscheiden. Das heißt: die Zeit selbst erscheint in jeder Gegenwart anders, sie selbst bewegt sich in der Zeit, und das macht es unmöglich, für Risikobeurteilungen und Risikobereitschaften objektive Kriterien zu finden. Man mag solche Kriterien errechnen und ihre Konsensfähigkeiten zu begründen versuchen – aber man weiß zugleich, daß sie morgen von gestern sein werden.“[51] Solche Reflexionshöhe ist heute selten geworden, aber dass die Modellierung von Zeit als „Wandlungskontinuum“ eine soziale Syntheseleistung ersten Ranges ist,[52] wird niemand abstreiten. Einer von Luhmanns Erben hat sich auf differenzierungstheoretischer Grundlage damit befasst, wie kompliziert sich Synchronisierungsprozesse in beziehungsweise zwischen Subsystemen ausnehmen[53] und gegen Hartmut Rosas umstrittene Beschleunigungsdiagnose geltend gemacht, dass etwa demokratische Politik eine genuine Verlangsamungsfunktion habe: Wahlen, Koalitionsbildungen, Debatten, Gesetzesvorlagen, erste und zweite Lesungen, Abstimmungen, Revisionen.[54] Wenn es aber zum Beispiel seit längerer Zeit ausgemachte Sache ist, dass jeder heiße Sommer, jedes Unwetter untrügliches Indiz des nahen Weltendes ist, fällt differenzierte Argumentation überhaupt schwer. Zum Schluss auch deshalb ein völlig ungefährliches Beispiel: Schon am Abend des Ausscheidens der deutschen Nationalmannschaft bei der letzten Fußball-WM haben die Medien entschieden, wer der neue Bundestrainer zu werden hat, der Druck war so stark, dass der DFB ein paar Tage später nur willfahren konnte. Als sich der Neuberufene, charismatisch zwar, doch längst jenseits seines Zenits, auf einer ersten Pressekonferenz gebärdete, wie es neoabsolutistischer nicht mehr denkbar ist, war die Empörung derselben Organe, die ihn gerade lanciert hatten, groß. So, nämlich völlig kopflos, agiert mittlerweile die vierte Gewalt, Gefährdungssemantiken seit jeher nur zu gern bewirtschaftend. Was das für die politische Willensbildung und nicht zuletzt die Mühen der Ebene von Entscheidungsfindungen bedeutet, zeichnet sich langsam ab.

  1. Lars Clausen, Übergang zum Untergang. Skizze eines makrosoziologischen Prozeßmodells der Katastrophe [1983], in: ders., Krasser sozialer Wandel, Opladen 1994, S. 13–49.
  2. Heinz Bude, Gesellschaft der Angst, Hamburg 2014, S. 10.
  3. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main 1986, zufällig just nach der Tschernobyl-Katastrophe erschienen und dadurch als ‚Buch zur Lage‘ gehörig geboostet, hat man vage Empirie, notorische begriffliche Unschärfe und Umwidmung der Soziologie zur politischen Agitation vorgeworfen, allerdings verblieb er noch, S. 329, 370, im Rahmen des zuversichtlichen Modernisierungsparadigmas und sah auch neue Chancen für Lebensführung, Politik und Wissenschaft. Das war tatsächlich ‚Zeitgeist‘.
  4. Ebd., S. 300.
  5. Niklas Luhmann, Risiko und Gefahr, in: ders., Soziologische Aufklärung 5. Konstruktivistische Perspektiven, Opladen 1990, S. 131–169, hier S. 145 f., 148 ff., 157 u. passim.
  6. Luhmann, Soziologie des Risikos, Berlin / New York 1991, S. 22, 226; vgl. ders., Risiko und Gefahr, S. 138.
  7. Boris Nieswand / Ewald Frie, Bedrohungen, in: dies. / Mischa Meier (Hg.), Krisen anders denken. Wie Menschen mit Bedrohungen umgegangen sind und was wir daraus lernen können, Berlin 2023, S. 487–493, hier S. 490 f.
  8. Abgesehen davon ignoriert Christians Herfried Münklers immer wieder vorgetragenen Hinweis, dass es zwei völlig verschiedene Clausewitze gebe, nämlich den glühend patriotischen von 1806–15 und den kühl-rationalen in Vom Kriege, die bei Christians prompt vermengt werden. Siehe nur Herfried Münkler, Instrumentelle und existentielle Auffassung vom Krieg bei Carl von Clausewitz, in: Leviathan 16 (1988), S. 235–251, hier S. 246.
  9. Stendhal, Tagebücher und andere Selbstzeugnisse, hrsg. v. Manfred Naumann, übers. v. Katharina Scheinfuß, Berlin 1961, Bd. II, S. 650 (21. Mai 1813).
  10. Edmund Husserl, Phantasie, Bildbewußtsein, Erinnerung. Zur Phänomenologie der anschaulichen Vergegenwärtigung [1904], in: ders., Husserliana Bd. 23, hrsg. v. Eduard Marbach, Den Haag 1980, S. 1–108, hier S. 6, 24, 28, 31, 58 f., 74 f., 93, 106.
  11. Carl von Clausewitz, Vom Kriege [1832], hrsg. v. Werner Hahlweg, Bonn 191980, S. 262 f. „Friktion“ hält sich vom existenziellen zum instrumentellen Clausewitz durch, wird aber vom physisch-moralischen Hindernis (Gefahr, Anstrengung, Unwägbarkeiten) des Kämpfenden zum Handeln unter generell erschwerten Bedingungen ausgeweitet.
  12. Hans Blumenberg, Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher, Frankfurt am Main 1979, S. 19.
  13. Eklatant bei Hans Lipps, Wandlung des Soldaten [1939], in: ders., Werke Bd. V: Die Wirklichkeit des Menschen, Frankfurt am Main 1977, S. 89–107, hier S. 90, 103 f.
  14. Man erkennt sie daran, dass sie seitenlang etwa über Ge-fahren, Be-wandtnisse oder Um-wege raunen und das für tiefgründig halten.
  15. Ernst Jünger, Über die Gefahr, in: ders., Politische Publizistik. 1919–1933, hrsg. u. Nachw. v. Sven Olaf Berggötz, Stuttgart 2001, S. 620–626, hier S. 622, 624. Jünger ist genauer Beobachter und traumhaft sicher in seinen literarischen Bildfindungen, als Denker aber kaum satisfaktionsfähig.
  16. Ernst Jünger, Strahlungen II. Das zweite Pariser Tagebuch. Kirchhorster Blätter. Die Hütte im Weinberg, München 1988, S. 428, 434, 438 (Einträge v. 7.–9. Mai 1945 aus Kirchhorst bei Hannover).
  17. Vorschläge reichen von Speichermedium in frühneuzeitlicher Memoriakultur (Wolfgang Harms, Art. „Emblematik“, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1976–2004, Bd. 9, S. 552–558, hier S. 552) über offene Bildform eines noch kaum systematisierten „Erfahrungshungers“ (Alexander von Bormann, Emblem und Allegorie. Vorschlag zu ihrer historisch-semantischen Differenzierung [am Beispiel des Reyens im humanistischen und barocken Drama], in: Walter Haug [Hg.], Formen und Funktionen der Allegorie, Stuttgart 1979, S. 533–550, hier S. 538, 541) bis Zeugnis einer „Lust des Enträtselns“ (Wilhelm Voßkamp, Medien – Kultur – Kommunikation. Zur Geschichte emblematischer Verhältnisse, in: Martin Huber / Gerhard Lauer [Hg.], Nach der Sozialgeschichte. Konzepte für eine Literaturwissenschaft zwischen historischer Anthropologie, Kulturgeschichte und Medientheorie, Tübingen 2000, S. 317–334, hier S. 326; vgl. auch Wilhelm S. Heckscher / Karl August Wirth, Art. „Emblem, Emblembuch“, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Stuttgart 1967, Bd. 5, S. 85–225, hier S. 93).
  18. Anspruchsvoll: Wolfram Hogrebe, Metaphysik und Mantik. Die Deutungsnatur des Menschen (Système orphique de Iéna), Frankfurt am Main 1992.
  19. Arnold Gehlen, Sport und Gesellschaft, in: Uwe Schultz (Hg.), Das große Spiel. Aspekte des Sports in unserer Zeit, Frankfurt am Main 1965, S. 22–33, hier S. 33.
  20. Hans Magnus Enzensberger, Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen, Frankfurt am Main 1988, S. 43.
  21. Arnold Gehlen, Urmensch und Spätkultur. Philosophische Ergebnisse und Aussagen [1956], hrsg. v. Karl-Siegbert Rehberg, Frankfurt am Main 62004, S. 11, 196, 241, 245, 275, 297 ff. Solche Gedanken stammen aus dem Evolutionismus des 19. Jahrhunderts, Ähnliches findet sich etwa bei Herbert Spencer.
  22. Heiko Christians, Angst – Gefahr – Sicherheit. Zur populären (Vor-)Geschichte einer Konstellation in den Zeiten der Pandemie, www.kas.de/de/web/geschichtsbewusst/essay/-/content/epidemie-medien-bilder-botschaften-angst-gefahr-sicherheit (30.8.2026), S. 13.
  23. Man denke nur an Friedrich Kittler, der Medieninnovation aus Militärtechnik ableitete.
  24. Christians, Angst – Gefahr – Sicherheit, S. 13.
  25. Kerstin Bund / Hendrik Munsberg, „Ein wachsender Teil der Menschen ist gar nicht mehr ansprechbar“. Interview mit Juli Zeh, in: Süddeutsche Zeitung, https://www.sueddeutsche.de/leben/juli-zeh-gerechtigkeit-stadt-land-afd-bundespraesident-li.3503163 (25.6.2026).
  26. Luhmann, Funktion der Religion, Frankfurt am Main 1977, S. 20, demnach Religion „die Transformation unbestimmbarer in bestimmbare Komplexität“ leiste. Sie bearbeite über Immanenz / Transzendenz das unvermeidlich entstehende Grundrauschen, sobald Kognitionen ihre Umwelt über Inzisionen wie Begriffe, Unterscheidungen, Typisierungen usw. ordnen, deshalb sei ihr Problem „unlösbar“. Vgl. auch Luhmann, Die Religion der Gesellschaft, hrsg. v. André Kieserling, Frankfurt am Main 2000, S. 77.
  27. Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft [1790], B 389 f.
  28. Odo Marquard, Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie. Aufsätze, Frankfurt am Main 1973, S. 16, 114 f.
  29. Dazu kritisch Urs Stäheli, Die Nachträglichkeit der Semantik. Zum Verhältnis von Sozialtruktur und Semantik, in: Soziale Systeme 4 (1998), S. 315–339.
  30. So treffend Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, 2 Bde., Frankfurt am Main 1983, S. 818.
  31. Ebd., S. 253 ff.
  32. Kant, Kritik der Urteilskraft, B 80 ff.
  33. Achim Brosch, Die Apokalypse als Playlist der Moderne, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.8.2026, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sachbuch/florian-baab-apokalyptisches-denken-seit-oswald-spengler-accg-201063027.html (3.9.2026).
  34. Luhmann, Wahrheit und Ideologie. Vorschläge zur Wiederaufnahme der Diskussion, in: ders., Soziologische Aufklärung 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Opladen 1970, S. 54–65, hier S. 61 f.
  35. Thomas Mann, Russische Anthologie [1921], in: ders., Werke – Briefe – Tagebücher (Große Frankfurter Ausgabe) Bd. 15: Essays 2. 1914–1926, hrsg. v. Hermann Kurzke u. a., Frankfurt am Main 2002, S. 333–347, hier S. 341; Hugo von Hofmannsthal, Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation [1927], in: ders., Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden, hrsg. v. Bernd Schoeller u. Rudolf Hirsch: Reden und Aufsätze III, Frankfurt am Main 1979, S. 24–41, hier S. 41.
  36. Kompakt: Hans-Ulrich Wehler, Nationalismus, München 2001, S. 41 ff., 79 ff.
  37. Thomas Speckmann, Das Ende der Geschichte geht weiter. Rezension zu: Francis Fukuyama, Der letzte Mensch, Hamburg 2026, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.8.2026, https://www.faz.net/aktuell/politik/politische-buecher/politische-buecher-das-ende-der-geschichte-geht-weiter-mit-francis-fukuyama-accg-200886522.html (3.9.2026).
  38. Trump wäre wohl eher als Figur des Niedergangs zu fassen, die mit notorisch unbedachtem Aktionismus auf das eigentliche Problem reagiert: Die singulär hoch verschuldeten USA können ihre Weltmachtrolle mittelfristig nicht mehr finanzieren.
  39. Hans Ulrich Gumbrecht, Unsere breite Gegenwart, übers. v. Frank Born, Berlin 2010, S. 49, 60 ff., 72, 105.
  40. Max Goldblum / Clara S. Thompson, „Fridays for Future“ im Spiegel der Medienöffentlichkeit, in: Sebastian Haunss / Moritz Sommer (Hg.), Fridays For Future – Die Jugend gegen den Klimawandel. Konturen der weltweiten Protestbewegung, Bielefeld 2020, S. 181–203, hier S. 195, geben einige Pressestimmen, beschreiben aber vor allem die Popularitätskurve: Nehme die Teilnehmerzahl der Protestierenden nicht mehr zu, erlahme das Interesse der Medien umgehend.
  41. Armin Nassehi, Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests, Hamburg 2020, S. 34 f.
  42. Otthein Rammstedt, Soziale Bewegung, Frankfurt am Main 1978, S. 127 ff. Dieter Rucht, Kollektive Proteste und soziale Bewegungen. Eine Grundlegung, Weinheim 2023, S. 33, den Fridays wohlgesonnen, hingegen zögert, sie als soziale Bewegung zu fassen, da sie keinen grundsätzlichen Umbau der Gesellschaft forderten, sondern nur die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens von 2015.
  43. Luhmann, Soziologie des Risikos, S. 149; auch noch Nassehi, Das große Nein, S. 80 ff.
  44. Nassehi, Das große Nein, S. 103 ff., 111 ff. Der irrationale Sog des schieren Dabeiseins hingegen dürfte auf jugendliche Protestierende schon immer attraktiv gewirkt haben. Für charismatische Führungsfiguren aber, die Situationen eine Form oder Richtung geben, hat Luhmann gar keinen und Rucht, Kollektive Proteste, S. 75, nur wenig Sinn, da die Medien sie zuungunsten der komplexen ‚Hintergrundsarbeit‘ überschätzten.
  45. Norbert Bolz, Avantgarde der Angst, Berlin 2020, S. 19 ff., 25, 29, 126.
  46. So Anselm Doering-Manteuffel, Langfristige Ursprünge und dauerhafte Auswirkungen. Zur historischen Einordnung der siebziger Jahre, in: Konrad H. Jarausch (Hg.), Das Ende der Zuversicht? Die siebziger Jahre als Geschichte, Göttingen 2008, S. 313–329, hier S. 317.
  47. Max Dehne, Soziologie der Angst. Konzeptuelle Grundlagen, soziale Bedingungen und empirische Analysen, Wiesbaden 2017, S. 450.
  48. Luhmann, Risiko und Gefahr, S. 139; ders., Soziologie des Risikos, S. 37.
  49. Nieswand / Frie, Bedrohungen, S. 491.
  50. Jürgen Osterhammel, Gesellschaftsgeschichte und Historische Soziologie, in: ders. / Dieter Langewiesche / Paul Nolte (Hg.), Wege der Gesellschaftsgeschichte, Göttingen 2006, S. 81–102, hier S. 94 ff.
  51. Luhmann, Risiko und Gefahr, S. 158 f.
  52. Norbert Elias, Gesammelte Schriften Bd. 9: Über die Zeit [1984], hrsg. v. Michael Schröter, übers. v. dems. u. Holger Fließbach, Frankfurt am Main 2004, S. 62 ff., 84, 90 ff. u. passim.
  53. Armin Nassehi, Die Zeit der Gesellschaft. Auf dem Weg zu einer soziologischen Theorie der Zeit [1993]. Neuauflage mit einem Beitrag ‚Gegenwarten‘, Wiesbaden 2008, S. 222 ff., 306 ff.
  54. Ebd., S. 16.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Affekte / Emotionen Gesellschaft Kultur Kunst / Ästhetik Ökologie / Nachhaltigkeit Philosophie Sicherheit Sozialer Wandel Zeit / Zukunft

Ingo Meyer

Ingo Meyer ist Privatdozent für Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld.

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