Claudia Schroth | Rezension |

Mut zur Erfahrung!

Rezension zu „Einmal, zweimal, keinmal. Wie wir Erfahrungen machen“ von Fritz Breithaupt

Fritz Breithaupt:
Einmal, zweimal, keinmal. Wie wir Erfahrungen machen
Deutschland
Berlin 2026: Suhrkamp
280 S., 28,00 EUR
ISBN 978-3-518-58839-0

Fritz Breithaupt lehrt an der University of Pennsylvania Literatur- und Kognitionswissenschaft. Er gehört zu jenen Autoren, die mit ihren Werken nicht nur die Grenzen verschiedener Disziplinen überschreiten, sondern auch immer wieder in die breitere Öffentlichkeit hineinwirken und diese gezielt adressieren. Zu den bekanntesten Werken zählen der inzwischen in siebter Auflage erschienene Bestseller Die dunklen Seiten der Empathie von 2017 sowie dessen Nachfolger Das narrative Gehirn, das 2023 in Österreich als „Wissenschaftsbuch des Jahres“ in der Kategorie Medizin/Biologie ausgezeichnet wurde.[1]

Den Ausgangspunkt von Breithaupts neuester Studie bildet die Unterscheidung von Widerfahrnissen, Erlebnissen und Erfahrungen. Bei Widerfahrnissen haben wir es typischerweise nicht selbst in der Hand, was (mit) uns geschieht: Etwas bricht über uns herein und widerfährt uns. Bei Erlebnissen und Erfahrungen haben wir hingegen eine aktive Rolle: Wir erleben beziehungsweise erfahren etwas bewusst. Mit sprachlicher Prägnanz führt Breithaupt an dieser Stelle eine weitere Unterscheidung ein. Seine zentrale These lautet, dass wir Erlebnisse haben und Erfahrungen machen. Erfahrungen können, wenn man so will, als aktivste Stufe der Wahrnehmung angesehen werden: Wir haben es dabei wirklich selbst in der Hand, was wir wie warum wahrnehmen und beurteilen. Als markante Beispiele für derartige individuelle Erfahrungen verweist Breithaupt unter anderem auf David Livingstones Bericht über die Entdeckung der Victoriafälle (vgl. S. 32 ff.) und auf die prägende Kindheitserinnerung des späteren Starkochs Anthony Bourdain an den Verzehr einer Auster (vgl. S. 42 ff.). Als Exempel für prägende kollektive Erfahrungen nennt er den Terroranschlag auf das World Trade Center (vgl. S. 225) sowie den Fall der Berliner Mauer (vgl. S. 230). In all diesen Fällen handelt es sich für ihn nicht um Erlebnisse, sondern um Erfahrungen, die einerseits die Persönlichkeit der beteiligten Person(en) prägen, die aber andererseits auch abhängig sind von der ihnen gegenüber eingenommenen Haltung. Erfahrungen, so Breithaupt, werden gemacht, das heißt konkret: bewertet, beurteilt, eingeordnet etc. Die aktive Gestaltung der eigenen Erfahrung ist der Grund dafür, dass ein und dasselbe Erlebnis für eine Person ein lebenslängliches Trauma bleibt, während es für eine andere Person – infolge guter Aufarbeitung oder ausgeprägter Resilienz – nur noch ein Erlebnis unter vielen anderen darstellt. Was uns geschieht, haben wir manchmal nicht in der Hand; was wir nach Breithaupt aber sehr wohl in der Hand haben, ist die Aneignung oder Verarbeitung des Geschehenen durch kognitive Akte (vgl. S. 10 f.).

Erfahrungen können wir auf zweierlei Art machen: als direkte Erfahrung am eigenen Leib oder als indirektes Miterleben mittels Empathie, etwa bei persönlichen Berichten oder Narrationen. Im Zentrum von Breithaupts „Erfahrungsseelenkunde“ (S. 9 et passim) steht dabei nicht primär die Zeitlichkeit (vergangene, gegenwärtige oder zukünftige Erfahrung), sondern die Häufigkeit der Erfahrung: So ist es möglich, dass ich etwas zum ersten Mal erlebe, das betreffende Phänomen also zeitlich gesehen vorher noch nie (oder zumindest nicht bewusst) aufgetreten ist. Zweitens ist es möglich, dass ich etwas wiederholt erlebe und dies auch bewusst als Wiederholung erfahre. Und drittens kann ich etwas imaginieren, das noch nicht da ist oder möglicherweise nie eintreten wird, was aber dennoch großen Einfluss auf meine zukünftigen Handlungen haben kann.

Einmal

Wir brauchen neue Erfahrungen, um an diesen zu wachsen, uns zu entwickeln: Etwas zum ersten Mal zu erleben, kann „unser Leben verändern und auf neue Bahnen lenken“ (S. 42). Beispielsweise kann der allererste Fallschirmsprung mir einen vorher noch nie gekannten Adrenalinkick geben. Das erste Mal kann als Einschnitt (S. 45), als Zäsur (S. 46), als Urszene (S. 46), als Urerfahrung (S. 13) etc. bezeichnet werden, denn ein Vergleichsmaßstab besteht noch nicht. Ersterfahrungen versetzen uns in „Rollen und Perspektiven […], die wir zuvor vielleicht nicht kannten oder nun in uns entdecken“ (S. 35).

„Eine Ersterfahrung passt nicht in unsere bestehenden Rahmen. Doch eben deshalb finden oder erfinden wir neue Rahmen […]. Ersterfahrungen sind Erfahrungen, die unsere bisherigen Rahmen strapazieren.“ (S. 40)

Ich selbst kann durch meine Haltung einen Rahmen schaffen für die – im positiven oder im negativen Sinne – erschütternde Ersterfahrung. Meine Perspektive und die damit verbundene Deutung des Ereignisses geben mir Halt. An dieser Stelle hätte man sich zumindest eine kurze Auseinandersetzung mit konkreten Verdrängungs- und Resilienzmechanismen gewünscht. Denn wenn Ersterfahrungen gerade nicht in die bisher bestehenden Rahmen passen und uns erschüttern können (S. 74 et passim), dann muss Breithaupts Annahme, dass Menschen, die eine Erfahrung machen, auch darüber sprechen können (S. 54), präzisiert werden: Wer eine Erfahrung macht, kann darüber sprechen, wenn er einen (neuen) Rahmen dafür gefunden hat. Denn es ist ja durchaus möglich, dass man nach einem Erlebnis – zumal einem traumatischen – zunächst im wahrsten Sinn des Wortes sprachlos ist und das Geschehene noch nicht in Worte fassen kann oder möchte. Mit der Ersterfahrung und dem damit verbundenen Urteil können wir festlegen, ob wir dieser Erfahrung folgen und in Zukunft ähnliche Erfahrungen machen wollen, oder ob wir uns lieber in ein anderes Terrain begeben möchten. Wir können also entscheiden, ob wir etwa einen Fallschirmsprung nochmals erleben möchten, oder ob dieser definitiv eine einmalige Sache bleibt. Für Breithaupt ist die Ersterfahrung daher auch eine Art Orientierungsmarke auf unserer inneren Landkarte: „Wir werfen eine Boje in den Fluss des Lebens“ (S. 66). Ersterfahrungen und ihre Urteile prägen unser zukünftiges Verhalten und unsere Werte (vgl. S. 81 f.). Und gerade in unübersichtlichen Zeiten sind Orientierungspunkte wertvoll und nötig, weshalb Breithaupt für „eine reiche Erfahrungswelt“ (S. 12) plädiert.

Zweimal

Während Ersterfahrungen losgelöst erscheinen und vielleicht mit hohen Erwartungen einhergehen, die auch enttäuscht werden können, wissen wir bei wiederholten Erfahrungen, in welchen Rahmen diese passen, wie wir zu ihnen stehen und sie bewerten. Daher könnte man zunächst meinen, dass Wiederholungen mit der Zeit langweilig werden (vgl. S. 101). Doch es kann auch das Gegenteil der Fall sein: Wie Breithaupt zeigt, kann mit Wiederholungen, insbesondere bei genauer technischer Reproduzierbarkeit, auch ein besonderer ästhetischer Reiz oder Wert verbunden sein. So kann man sich auf eine bestimmte Filmszene, eine Buchpassage oder eine Stelle aus einem Musikstück besonders freuen, nicht obwohl, sondern weil man das betreffende Werk schon kennt und weiß, was einen erwartet (vgl. S. 134 ff.). Bei der Wiederholung kann man auf andere Dinge achten als beim allerersten Mal, und zum Beispiel Nebenfiguren, Dialogen oder kleinen musikalischen Nuancen mehr Beachtung schenken. Wiederholungen können zudem eine therapeutische Wirkung haben: Zum einen wissen wir, an welcher Stelle wir Fehler gemacht haben, und können versuchen, diese in der Wiederholung zu umgehen oder wiedergutzumachen. Und zum anderen können unangenehme Erfahrungen, die man wiederholt durchlebt, mit jeder weiteren Wiederholung allmählich ihren Schrecken verlieren (S. 117 ff.).

Keinmal

Einen besonderen Stellenwert besitzen für Breithaupt imaginäre Erfahrungen, die weder direkter noch indirekter Natur sind, aber uns auf mögliche zukünftige Erlebnisse vorbereiten können. Damit sind bestimmte Erfahrungen gemeint, die unserer Vorstellungskraft entspringen, ohne dass wir sie zuvor selbst am eigenen Leib gemacht oder anhand von Schilderungen anderer miterlebt oder nachempfunden haben. Imaginäre Erfahrungen, seien sie individuell oder kollektiv, prägen unsere Erwartungshaltungen im positiven wie im negativen Sinne und haben ebenfalls Einfluss auf unser aktuelles Handeln (vgl. S. 170). Als Beispiele unserer Zeit nennt Breihaupt exemplarisch die Angst vor den Auswirkungen der Klimakatastrophe oder der Künstlichen Intelligenz (vgl. S. 231). Imaginäre Erfahrungen setzt Breithaupt nicht mit Ersterfahrungen oder wiederholten Erfahrungen gleich (vgl. S. 175), da sie unserer Vorstellung entspringen und deshalb per se anders geartet sind. Dennoch – und darauf liegt sein Fokus – ist es möglich, dass Imaginationen zu Erfahrungen führen, die uns erschüttern und wegweisend für unsere Lebensführung werden (vgl. ebd.).

Eng verbunden mit Breithaupts These sind zwei weitere Überlegungen: Erstens die Annahme, dass auch die Erfahrungsmodalitäten selbst gemacht sind und von der eigenen beziehungsweise kollektiven Haltung abhängen (vgl. u.a. S. 16 ff.); und zweitens die Überzeugung, dass Erfahrungen eine Grundvoraussetzung für ein gutes Leben darstellen.

Der Wechsel der Erfahrungsart

Ob wir etwas zum ersten Mal, zum wiederholten Male oder imaginär erfahren, hängt Breithaupt zufolge von unserer Haltung und Einschätzung ab. Demnach kann, um ein Beispiel nach Breithaupt anzuführen, eine Person, die in Ostasien beheimatete Durianfrucht probieren und die entsprechende Erfahrung wahlweise als erstes Probieren der Durianfrucht oder als wiederholtes Probieren irgendeiner exotischen Frucht verstehen (vgl. S. 16). Als ein weiteres Beispiel für dieses Phänomen kann das Lied „1000 und 1 Nacht (Zoom!)“ herangezogen werden, das davon handelt, wie Freundschaft plötzlich in Liebe umschlägt und man eine Person, die man schon lange kennt, auf einmal mit ganz anderen Augen wahrnimmt. Die stetige Wiederholung des vertrauten Zusammenseins tritt nun in markanter Weise hervor und die Beteiligten sehen ihre Beziehung auf einmal ganz anders als zuvor – in Breithaupts Worten: in einem neuen Rahmen. Ein solcher neuer Blickwinkel öffnet sich beispielsweise auch dann, wenn jemand bereits sehr oft Spaghetti Arrabiata gekocht hat, nun aber der Meinung ist, dass sie ihm heute zum ersten Mal richtig geglückt sind, etwa mit einer ausbalancierten Schärfe, bissfesten Nudeln etc., und das jüngste Kocherlebnis zur ersten echten Zubereitung des Gerichts erhebt.

Dass unterschiedliche Modalitäten und mögliche Modalitätswechsel auf unterschiedlichen Haltungen und Urteilen basieren, lässt sich auch an kollektiven Erfahrungen zeigen, etwa anhand unterschiedlicher Positionen zum Klimawandel: So gibt es unter anderem die Auffassung, dass der Klimawandel einmalig, weil menschengemacht ist – wobei der Klimawandel, dieser Position zufolge, präziser als Klimakatstrophe zu bezeichnen wäre –, oder ein natürlicher, sich wiederholender Prozess, der unter keinem menschlichen Einfluss steht, womit der Klimawandel eben als mehr oder weniger harmloser Wandel verstanden wird. Und schließlich gibt es noch die Position derjenigen, die den Klimawandel und dessen Folgen vollkommen leugnen. In anderer Hinsicht kann der Klimawandel auch so begriffen werden, dass sich die ersten Auswirkungen bereits drastisch zeigen – er also bereits mitten in unserem Alltag ist –, oder er kann als Noch-nicht-Geschehenes und damit als imaginierte Erfahrung deklariert werden, die Auswirkungen antizipiert, die noch in der Zukunft liegen. Der Clou, der bei Breithaupts Ausführungen leider etwas untergeht, ist der konstitutive Zusammenhang zwischen Erfahrung und Einteilung: Ganz gleich, welche der verschiedenen Positionen man einnimmt, stets gehen die Erfahrung und ihre Einteilung miteinander Hand in Hand. Bei einigen der genannten Beispiele ist die Einteilung unproblematisch und zweifellos klar, ob sie zum ersten Mal (einmal), wiederholt (zweimal) oder bisher noch nicht (keinmal) aufgetreten sind. In anderen Fällen ist die Sache weniger eindeutig. Hier kommt es, wie bei der Einschätzung des Klimawandels, auf die jeweilige Perspektive oder Haltung an, die man gegenüber dem Phänomen einnimmt, oder auf die konkreten Punkte und Aspekte, die man bei seiner Beschreibung hervorhebt. So ist der Fall der Berliner Mauer als historisches Ereignis einmalig, während der konkrete Fall erst dadurch möglich wurde, dass die Trägerinnen und Träger des formierten politischen Widerstands an das Noch-nicht-Geschehene zu glauben begannen (vgl. S. 230).

Erfahrungsreichtum führt zum guten Leben

Eingerahmt werden Breithaupts Überlegungen von Ausführungen zu der sowohl am Anfang als auch am Ende des Buches formulierten These, dass ein gutes Leben ein erfahrungsreiches, komplexes Leben ist. So plädiert er dafür, unter einem guten Leben nicht primär ein glückliches oder sinnerfülltes, sondern ein durch Erfahrungsreichtum gekennzeichnetes Leben zu verstehen (vgl. S. 9 u. S. 233). Auch wenn Breithaupt dies nicht explizit äußert, können seine Ausführungen doch so gelesen werden, dass er Erfahrungsreichtum nicht als gleichwertiges Kriterium neben Glück und Sinnerfüllung betrachtet, sondern als deren Bedingung: Erst durch meine Erfahrungen erlebe ich Glück und Sinn, speisen sich doch Erfahrungen daraus, dass ich selbstwirksam agiere und mir nicht nur etwas widerfährt.

Gibt es Erfahrungsarmut?

Breithaupts Thesen und Überlegungen sind durchgehend plausibel und nachvollziehbar. Doch wo liegen die Grenzen seiner Theorie? Bestehen Gegenphänomene, wie etwa Erfahrungsarmut? Dass meist eine der drei Erfahrungsmodalitäten dominiert – in Breithaupts Worten: das Regime des ersten Mals, der Wiederholung oder des Imaginären (vgl. S. 225 ff.) – ist verständlich. Beispielsweise ist bei (Klein-)Kindern das Regime des ersten Mals vorherrschend, da sie alles zum ersten Mal durchleben: zum ersten Mal gehen, zum ersten Mal feste Nahrung essen, zum ersten Mal Trampolin springen etc. Doch hier stellt sich die Frage, ob beziehungsweise ab wann Kinder erstmals ausgeführte Handlungen selbst als solche begreifen, und nicht nur deren Eltern diese als solche wahrnehmen und einer der drei Erfahrungsmodalitäten zuordnen. Klärungsbedürftig ist auch das Verhältnis von Breithaupts Annahmen zu bestimmten Krankheiten wie Alzheimer oder Demenz, die zu Gedächtnisverlust führen. Folgt man Breithaupts Gleichsetzung von einem erfahrungsreichen mit einem guten Leben, dann geht zugleich mit der Erinnerung auch die Fähigkeit zu wiederholten Erfahrungen und damit die Möglichkeit eines guten Lebens unwiederbringlich verloren. Liegt hier eine Art Erfahrungsarmut hinsichtlich der wiederholten Erfahrungen vor? Und ließe sich dieser Verlust an wiederholten Erfahrungen durch Erst- und/oder imaginäre Erfahrungen kompensieren? Ähnliche Fragen stellen sich im Zusammenhang mit ME/CFS-Betroffenen, die sehr stark in ihrer geistigen und körperlichen Belastbarkeit beeinträchtigt sind und jegliche Anstrengungen oder Reize vermeiden müssen. Ersterfahrungen scheinen daher für diese Personengruppe nahezu undenkbar. Unabhängig von der Frage, ob imaginäre Erfahrungen bei dieser Personengruppe einer Erfahrungsarmut entgegenwirken, lässt sich zweifelslos nachweisen, dass imaginäre Erfahrungen – konkret als stetiges Voraugenhalten der Krankheitslinderung – in der Tat der Krankheit als solcher entgegenwirken und somit elementar zur Krankheitslinderung beitragen.

Fazit

Die zahlreichen anschaulichen Beispiele und zusammenfassenden Thesenabschnitte machen Einmal, Zweimal, Keinmal zu einer ebenso klugen wie kurzweiligen Lektüre für unterschiedliche Fachbereiche und unterschiedliche Zielgruppen. Breithaupt gelingt es spielerisch, unterschiedliche Phänomene, wie Erfahrung, Erwartung, Enttäuschung und Erinnerung eingängig und zusammenhängend darzulegen. Individuelle ebenso wie kollektive Erfahrungen sind zwar subjektiver Natur, aber mit objektiven Kriterien beschreibbar. Breithaupt beschreibt die Erlebens- und Erfahrungsstruktur aus einer konsequent phänomenologischen Perspektive, weshalb empirische Fragen eingeklammert werden. Er thematisiert, wie Menschen Erfahrungen machen, aber nicht, ab wann. Die Frage etwa, ab wann (Klein-)Kinder nicht nur Erlebnisse haben, sondern Erfahrungen machen, bleibt offen. Ebenso thematisiert er, dass Menschen imaginäre Erfahrungen machen können, aber nicht, ob nur Menschen diese Fähigkeit besitzen, wie dies unter anderem der US-amerikanische Anthropologe Michael Tomasello behauptet. Breithaupt hält Erfahrungsreichtum für erstrebenswert und wünscht seinen Leserinnen und Lesern „Mut zur Erfahrung“ (S. 233). Dieser Wunsch scheint nur folgerichtig: Es braucht Mut, sich durch Erfahrungen erschüttern zu lassen, um an ihnen zu wachsen, eine Haltung zu entwickeln und selbstwirksam durchs Leben zu gehen. Und es braucht Mut, um sich auf – neue, sich wiederholende oder imaginäre – Erfahrungen einzulassen, sie aufzuarbeiten und zu reflektieren.

  1. Fritz Breithaupt, Die dunklen Seiten der Empathie, Berlin 2017; ders., Das narrative Gehirn. Was unsere Neuronen erzählen, Berlin 2022.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

Kategorien: Affekte / Emotionen Anthropologie / Ethnologie Gesellschaft Handlungstheorie Interaktion Kommunikation Kultur Philosophie Psychologie / Psychoanalyse Zeit / Zukunft

Claudia Schroth

Dr. Claudia Schroth studierte Philosophie und Interkulturelle Wirtschaftskommunikation an der Universität Jena und ist dort zurzeit als Forschungskoordinatorin tätig. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Phänomenologie, Anthropologie und Sportphilosophie. Ihre Dissertation „Formen kollektiver Intentionalität“ erschien 2022.

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