Vicky Kluzik | Rezension |

Skizzen eines existenzialistischen Materialismus

Rezension zu „Free Gifts. Capitalism and the Politics of Nature“ von Alyssa Battistoni

Abbildung Buchcover Free Gifts von Battistoni

Alyssa Battistoni:
Free Gifts. Capitalism and the Politics of Nature
USA
Princeton, NJ 2025: Princeton University Press
328 S., 39,95 USD
ISBN 978-0-691-26346-5

„There’s no such thing as a free lunch“ – unter diesem Titel veröffentlichte Milton Friedman 1975 eine Aufsatzsammlung und griff damit ein in den 1970er-Jahren im neoliberalen Diskurs äußerst populäres Versatzstück auf. Für Friedman, einen der prominentesten Verfechter freier Märkte, war das kostenlose Mittagessen – Sinnbild für die angeblich kostenlosen Güter und Dienstleistungen des Sozialstaats – ein Mythos, denn letztlich würden die sozialstaatlichen Zuwendungen durch die ungerechtfertigte Besteuerung des Vermögens anderer finanziert und so erst ermöglicht.[1] Auch der Ökologe Barry Commoner, ein Zeitgenosse Friedmans, griff den Ausdruck „no such thing as a free lunch“ auf, verstand ihn allerdings gänzlich anders. In seinem Bestseller The Closing Circle (1971) identifizierte Commoner ihn als eines der vier Gesetze der Ökologie.[2] Dass es „nichts umsonst gibt“, zeige sich im explosionsartigen Wohlstand der Nachkriegszeit, dessen versteckte Kosten sich in Nebenfolgen widerspiegelten, die sich nicht mehr leugnen ließen: Luft- und Umweltverschmutzung sowie Störungen des Ökosystems. Vor diesem Hintergrund lässt sich die im ökologischen Diskurs immer wieder neu aufgelegte Frage „Was ist Natur?“ mit der klassischen Marx’schen Überlegung „Was ist Wert im Kapitalismus?“ zusammenbringen.

Diese Fragen stehen im Zentrum von Alyssa Battistonis Buch Free Gifts. Capitalism and the Politics of Nature. Es handelt sich dabei um einen produktiven Beitrag zu einer interdisziplinären Debatte, die das Verhältnis von Kapitalismus und Ökologie, von Politik und Natur untersucht. Battistoni, die als Assistenzprofessorin am Barnard College der Columbia University in New York forscht und lehrt, fordert in ihrem Buch nichts Geringeres als eine Revitalisierung der Marx’schen Werttheorie angesichts existenzgefährdender ökologischer Krisen. Dabei betrachtet sie Marx nicht als protoökologischen Denker wie zuletzt Kohei Saito oder Theoretiker*innen des „metabolic rift“, sondern knüpft explizit an die Marx’sche Methodologie an.[3] In einem (politik-)theoretisch überaus anspruchsvollen wie anregenden Argument greift Battistoni die von klassischen politischen Ökonom*innen propagierte Idee von „Geschenken der Natur“ (gifts of nature) auf, um zu beschreiben, was wir unentgeltlich von der Natur erhalten oder uns – nicht selten gewaltvoll – aneignen. Anstatt Natur von Politik abzugrenzen oder die Unterscheidung ganz aufzuheben, geht Battistoni in der Einleitung des Buches von der Prämisse aus, dass Politik und Natur nicht als zwei getrennt voneinander agierende Sphären betrachtet werden sollten. Die politische Theorie muss sich gleichermaßen der „denaturalization“ und der „rematerialization“ (S. 8) verschreiben: Sie muss die vermeintlich natürliche Organisation der Welt hinterfragen, sich viel mehr mit der biophysischen Realität der Welt befassen und gleichzeitig die sozialen Beziehungen auf deren Materialität hin befragen. Battistoni kritisiert, dass Ideenhistoriker*innen und Sozialwissenschaftler*innen in ihren Analysen des Kapitalismus, der Moderne oder der Industrialisierung nicht ausreichend auf die biophysischen Grundlagen der mehr-als-menschlichen Welt rekurrieren. Der Kapitalismus reorganisiere als „dominant planetmaking force“ (S. 8) ganz fundamental die Verhältnisse der menschlichen wie der mehr-als-menschlichen Welt. Mit einer Umkehrung der gängigen Fragestellung beleuchtet die Autorin die strukturellen Grundlagen der ökologischen Krise. Sie will nicht wissen, was im Kapitalismus wie kommodifiziert wird, sondern was im Kapitalismus nicht kommodifiziert werden kann.

Das Herzstück des Buches ist das erste Kapitel, in dem Battistoni die Theorie des „free gift“ skizziert. Klassische politische Ökonomen wie Adam Smith, Anne Robert Jacques Turgot oder Jean Baptiste Say bezeichneten Beiträge der Natur als reine oder spontane Geschenke, die ganz wesentlich zur Produktion und zum Reichtum westlicher Gesellschaften beitragen.[4] Als spezifisch kapitalistisch-soziale Form verstanden sei das „free gift of nature“ nicht nur ein „world view“ im Sinne der feministischen Wissenschaftshistorikerin Carolin Merchant oder eine „abstract social nature“, wie es der Ökomarxist Jason Moore beschreibt (S. 28).[5]Für Battistoni ist das „free gift“ vielmehr eine „reale Abstraktion“ (ebd.), die ohne bewusste Absicht ganz elementar menschliches Handeln strukturiert.[6] Was charakterisiert das „free gift“ im Vergleich zur Ware?

„We should read the free in free gift in the economic sense – free as in without cost, without price, without exchange value. The very oddity of the term free gift indexes a collision between the relations of gift exchange often said to characterize noncapitalist societies and the relations of generalized commodity exchange that characterize capitalism as a mode of production. Only where most things have a price, after all, does it make sense to describe nature’s gifts as free. Things that are not overtly bought and sold do not thereby escape the social form of exchange value, however: they are simply, if usually implicitly, priced at zero and assessed accordingly. In the process, their status within the overarching structure of a society primarily organized around the commodity is altered. […] the free gift of nature, constitutively wageless and unable to enter into the foundational relations of exchange that constitute capitalism’s sociality.“ (S. 36)

Der Begriff des „free gift“, der sich etwas sperrig und unbefriedigend mit „kostenloses Geschenk“ übersetzen lässt, macht deutlich, wie der Kapitalismus jene Beiträge oder Aspekte der Natur – wie Wasser, Luft, Licht, Energie und andere natürliche Elemente – als kostenlose Inputs behandelt, die außerhalb des Preissystems existieren und deren Kosten nicht in Markttransaktionen erscheinen. Im Kapitalismus ist das kostenlose Geschenk jedoch weder zeitlos, noch spontan oder altruistisch. Das zentrale Charakteristikum besteht demnach in seinem doppelten Charakter: Das kostenlose Geschenk ist wertvoll, gerade weil es kostenlos ist.

Im zweiten Kapitel zeigt Battistoni den Zusammenhang von Freiheit und Unfreiheit im Kapitalismus auf. Hierzu stellt sie – auf zugegebenermaßen in Teilen etwas sonderbare Weise[7] – zwei disparate Denkschulen nebeneinander: den französischen Existenzialismus à la Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir sowie Klassiker des Neoliberalismus wie Friedrich von Hayek, den eingangs schon erwähnten Milton Friedman und Garrett Hardin mit seiner „Tragik der Allmende“.[8] Das Kapitel thematisiert, inwiefern „kapitalistische Unfreiheit“ (capitalist unfreedom, S. 56), die sich durch die zwei zentralen Elemente der „Klassenherrschaft“ und „Marktherrschaft“ (ebd.) auszeichnet, eine Perversion existenzialistischer Freiheit darstellt. Der Vorzug einer marxistisch-existenzialistischen Perspektive (siehe Anm. 7) besteht demnach darin, dass diese an das marxistische Verständnis von Wert und Entfremdung anknüpft, ohne dabei die menschliche Natur zu privilegieren. Vielmehr bringt diese Perspektive eine dezidierte Offenheit mit sich, wie wir uns selbst in Relation zur mehr-als-menschlichen Welt sehen können (S. 57).

In den Kapiteln 3 bis 6 beleuchtet die Autorin dann vier Schauplätze (sites) – Produktionspolitik, reproduktive Arbeit, Umweltverschmutzung und Naturkapital – aus der Analyseperspektive des kostenlosen Geschenks. Die ausgewählten Schauplätze bieten sich an, da sie unterschiedliche Aspekte desselben Prozesses darstellen: Ihnen ist „the same collision of abstract value with a material, more-than-human world“ gemein (S. 18). So widmet sich Kapitel 3 den „natural agents“ in der industriellen Produktion. Ähnlich wie in Simon Schaupps Stoffwechselpolitik beginnt die Autorin am zentralen Ort kapitalistischer Produktion: in der Fabrik.[9] Battistoni analysiert die Funktionsweise der kapitalistischen Produktion, indem sie deren heterogene Formen hervorhebt. Dabei legt sie offen, welche natürlichen Faktoren in der industriellen Produktion unsichtbar gemacht werden. Die rauchausstoßende Fabrik schafft beispielsweise einen neuartigen „practico-actant“ in Form von Luftverschmutzung – und damit wiederum eine neuartige Form der Verbindung zu denjenigen, die der Verschmutzung ausgesetzt sind.

Kapitel 4 nähert sich den Konzepten der Externalitäten und der sozialen Kosten, die häufig in Debatten um die adäquate CO2-Bepreisung, Cap-and-Trade-Programme sowie Umweltgerechtigkeit und moralische Verantwortung auftauchen. Der Umweltökonom Nicholas Stern hat beispielsweise in seinem viel zitierten Text zur Klimaökonomik die Treibhausgase als Externalitäten – als „biggest market failure the world has seen“ – verstanden.[10] Battistoni formuliert in diesem Kapitel eine Genealogie und Kritik des Konzepts der Externalitäten und fokussiert sich im Anschluss daran auf ebenjene Vorstellung des Marktversagens: Im frühen 20. Jahrhundert sprach der britische Wohlfahrtsökonom Arthur C. Pigou erstmals von Externalitäten, in den 1960er-Jahren entwickelte Ronald Coase das Konzept zum Begriff der „sozialen Kosten“ weiter.[11] Das Coase-Theorem offenbart einen „economic imperalism“ (S. 126), durch den letztlich die Märkte als effiziente Lösung aller sozialen wie ökologischen Probleme begriffen werden können und sollen. Battistoni zeigt hier im Anschluss an die Moralphilosophin Debra Satz eindrucksvoll auf, dass sich Umweltverschmutzung nur schwer als öffentliches Gut oder Ware verstehen und behandeln lässt.[12] Verschmutzung sei nicht als vernachlässigbares Nebenprodukt industrieller Produktion, sondern als „surplus matter“ (S. 134) der Nebenproduktion zu fassen: Unintendierte, potenziell gesundheitsgefährdende Nebeneffekte der Produktion zeigen sich in der Auslagerung von Verschmutzung oder Müll, ganz im Sinne von Barry Commoners zweitem Gesetz der Ökologie („Alles muß irgendwo bleiben“). Die „Politisierung dieser Nebenproduktion“ (politicizing byproduction, S. 139) ergebe sich dann als zentrale politische Strategie, die die verschiedenen Vulnerabilitäten ökologischer Krisen adäquat miteinberechnet.

Ebenfalls lesenswert, und zwar nicht nur für feministische Theoretiker*innen, ist das Kapitel 5 „Labor of life“, das sich Fragen der Reproduktion, Arbeit und der Natur des Menschen widmet. Warum werden reproduktive und ökologische Arbeit strukturell devaluiert und als „background condition“ oder „maintenance work“ (S. 147) verstanden? Geleitet von dieser zentralen Frage nimmt Battistoni eine informierte Position zwischen marxistisch-feministischen und ökofeministischen Standpunkten ein. Sie zeichnet die historische Invisibilisierung reproduktiver Arbeit mithilfe der „free gifts“ nach. In einer kritische Relektüre der „Lohn für Hausarbeit“-Debatten der 1970er-Jahre zeige sich, wie die Kategorien der Hausfrau, Hausarbeit und des Lohns analytisch durcheinanderkommen (S. 156).[13] Bestimmte Tätigkeiten werden als Frauenarbeit ‚naturalisiert‘, indem von Frauen erwartet wird, dass sie diese Tätigkeiten für wenig bis gar keinen Lohn übernehmen, während gleichzeitig bestimmte Tätigkeiten als weniger wertvoll angesehen werden, gerade weil sie von Frauen verrichtet werden. Um den Begriff der reproduktiven Arbeit aus der ‚Frauenfrage‘ zu lösen, sei dieser insbesondere in Arbeits- und Lebensprozessen zu lokalisieren. Battistonis „epistemic provocation“ (S. 164) liegt darin, nicht vom Standpunkt der Hausfrau, sondern aus der Perspektive des Kapitals und dessen Notwendigkeit der kontinuierlichen Reproduktion zu argumentieren.

In der jüngeren Geschichte gab es zahlreiche spektakuläre Versuche planetarischer Inwertsetzung. So schätzte der Umweltökonom Robert Costanza mit seinem Team 1997 den gesamten Wert der Biosphäre auf 33 Billionen US-Dollar, kürzlich bezifferte der Internationale Währungsfonds den Wert eines einzelnen Wals auf 2 Millionen US-Dollar.[14] Kapitel 6 nähert sich ebenjenen Strategien, die Natur und Ökosysteme als Kapital zu imaginieren. Programme wie Natural Capital Accounting oder Ökosystemdienstleistungen werden in kritischen Debatten häufig als „Akkumulationsstrategie“ begriffen, mit der natürliche Entitäten durch Kommodifizierung und Finanzialisierung produktiv gemacht werden.[15] Die Krux, neben moralischen Bedenken und ganz praktischen Schwierigkeiten der Umwandlung von Ökosystemen in Waren, liegt Battistoni zufolge allerdings in der fehlenden Bereitschaft, für diese Ökosystemdienstleistungen zu bezahlen: „Why buy the ecosystem when you can get the service for free?“ (S. 195) Während natürliche Ressourcen monopolisiert, veräußert und gehandelt werden können, entziehen sich Ökosysteme dieser Logik weitestgehend. Ökosystemleistungen als „planetary commons“ (S. 196), ganz im Sinne der klassischen Hardin’schen „Tragik der Allmende“, seien in Gefahr, und zwar nicht wegen ihrer Einhegung und Akkumulation, sondern aufgrund ihrer vollständigen Erosion – ein Prozess der „abdication through disinterest“ (S. 192). Wir benötigen daher andere Politiken des „conscious planetmaking“ (S. 201), die die kollektive Verantwortung für die Instandhaltung und Kultivierung einer Multispezieswelt jenseits von technologischer Kontrolle und Marktherrschaft ins Zentrum rücken. Anregungen für diese Politiken sucht und findet Battistoni gleichermaßen bei Beauvoir und Donna Haraway sowie in der aktuellen Debatte um Vergesellschaftung.

Im letzten Kapitel (7) rekurriert die Autorin auf verschiedene politiktheoretische Betrachtungen von Freiheit sowie auf Simone de Beauvoirs „Moral der Doppelsinnigkeit“ (ethics of ambiguity). In der existenzialistischen Ontologie wird der Mensch als grundsätzlich doppelsinnig verstanden, mit Beauvoir gesprochen ist er „gleichzeitig Bewusstsein und Bestandteil dieser Welt“.[16] Freiheit im Angesicht des Klimawandels sei demnach als „resolutely interdependent freedom“ (S. 228), als gleichermaßen situiert, sozial und materiell (S. 224), zu verstehen. Das bedeute, dass der Mensch sowohl grundlegend von anderen abhängig und verwundbar sei:

„Recognizing that our physical existence is shaped by the more-than-human world, in turn, suggests that the condition of the biosphere can constrain our projects as much as the condition of our bodies. To riff on Beauvoir: the Earth is the grounds for our consciousness and our being, the outline of our projects, the world that we attempt to grasp and in which our action necessarily unfolds. It is both the condition of and constraint upon our freedom.“ (S. 226)

Letztlich plädiert Battistoni für eine Art existenzialistischen Materialismus. Indem sie Sartre und Beauvoir mit Ökonomen wie Friedman, Coase und Hardin ins Gespräch bringt, gelingt ihr im Verlauf des Buches ein unwahrscheinlicher, fiktiver Dialog verschiedener Denkschulen. Ein solcher Materialismus muss sich ganz konkret mit den biophysischen Grundlagen kapitalistischer Produktions- und Reproduktionsverhältnisse befassen und einen situierten Freiheitsbegriff in Anschlag bringen, der sich aus konkreten Lebensrealitäten und -gefügen speist. Aus soziologischer Perspektive ist nach der Lektüre des Buches eher zu vermuten, dass die Autorin einen weiteren Beitrag des relationalen Materialismus mit existenzialistischen Einschlägen vorgelegt hat. Battistoni hatte schon an anderer Stelle in einem lesenswerten Nachwort auf Bruno Latour ihre – für eine Hardcore-Marxistin doch eher unübliche – Faszination für dessen intellektuelles Erbe offenbart.[17]Insbesondere der späte ‚politische Latour‘, der anstatt Neurobiolog*innen im Labor nun Erdsystemwissenschaftler*innen begleitete, bemühte sich um die akademisch-künstlerische Popularisierung von Konzepten wie der „Kritischen Zone“ und um die Konturierung einer „ökologischen Klasse“.[18] In Free Giftsgelingt es Battistoni eindrücklich, der Materialität der nicht-menschlichen Welt und deren Einbettung in kapitalistische Produktionsverhältnisse gerecht zu werden und diese theoretisch-konzeptuell zu erfassen.

Bemerkenswert ist der schier unerschöpfliche Fundus an alternativen Begriffen, die Battistoni (oft nicht allzu umfassend) einführt und die die geneigte Leserin anregen bis überfordern. „Practico-actants“ statt „hybrids“ und „assemblages“ (S. 51), „nature fetishism“ statt „commodity fetishism“ (S. 75), „suprasumption“ statt „subsumption“ (S. 98), „socialization of byproduction“ statt „socialization of production“, „natural communia“ statt „ecosystem services“ (S. 195), „surplus species“ statt „surplus populations“ (S. 197) – die Liste ließe sich noch erweitern. Allerdings kann man diese Überfrachtung auch als nützlich in der Konzeptküche für ökonomisch-ökologische Krisen betrachten: Battistonis Buch ist ein unsortierter Besteckkasten, der uns helfen kann, Selbst- und Speziesverhältnisse ebenso wie Produktions- und Reproduktionsverhältnisse jenseits des Anthropozentrismus zu imaginieren.

Andreas Malm war bei einer digitalen Buchdiskussion der Meinung, Battistoni sei der größte Wurf in der ökomarxistischen und -sozialistischen Debatte seit John Bellamy Fosters Marx’s Ecology gelungen.[19] Dem kann ich mich nur anschließen: Battistonis Buch ist eine sehr lesenswerte, wenn auch enorm herausfordernde Ergänzung für die gegenwärtige politiktheoretische, soziologische und feministische Verhältnisbestimmung von Ökonomie und Natur at large. Wer jedoch eine Einführung in die Kapitalismustheorie oder in die Politik der Natur sucht, dem seien andere, zugänglichere Werke empfohlen – der kleingedruckte sechzigseitige Endnotenapparat bietet hierfür zahlreiche Anhaltspunkte.

  1. Milton Friedman, There’s No Such Thing as a Free Lunch. Essays on Public Policy, New York 1975. Dt. Ausg.: ders., Es gibt nichts umsonst. Warum in einer Volkswirtschaft jede Mark verdient werden muss, übers. von Isabel Mühlfenzl, München 1979.
  2. „No such thing as free lunch“ entspricht dem vierten Gesetz der Ökologie in der englischsprachigen Originalversion. Die vier Gesetze der Ökologie nach Commoner in der deutschsprachigen Fassung: „Jedes Ding steht mit jedem anderen in Beziehung“, „Alles muß irgendwo bleiben“, „Die Natur weiß es besser“ und „So etwas wie ‚Freibier‘ gibt es nicht“. Barry Commoner, The Closing Circle. Nature, Man, and Technology, New York 1971. Dt. Ausg.: ders., Wachstumswahn und Umweltkrise, mit einer Einf. von Klaus Mehnert, übers. von Elena Schöfer, München 1973, S. 38–50.
  3. John Bellamy Foster / Brett Clark / Richard York, The Ecological Rift. Capitalism’s War on the Earth, New York 2010; Kohei Saito, Marx im Anthropozän. Ideen für die postkapitalistische Gesellschaft, übers. von Thomas Atzert, Berlin 2025.
  4. Vgl. Margaret Schabas, The Natural Origins of Economics, Chicago, IL 2007.
  5. Carolyn Merchant, Der Tod der Natur. Ökologie, Frauen und neuzeitliche Naturwissenschaft [1980], mit einer Einf. von Christine Bauhardt, übers. von Holger Fliessbach, München 2020; Jason W. Moore, Kapitalismus im Lebensnetz. Ökologie und die Akkumulation des Kapitals, übers. von Dirk Höfer, Berlin 2019.
  6. Siehe Alfred Sohn-Rethel, Geistige und körperliche Arbeit. Zur Theorie der gesellschaftlichen Synthesis, Frankfurt am Main 1970.
  7. „Among a variety of twentieth-century thinkers, I therefore pay particular attention to economists like Arthur Pigou, Ronald Coase, Milton Friedman, Friedrich Hayek, William Baumol, and others. I read them as Marx read the classical political economists: with an eye toward understanding as well as critique. Instead of simply rejecting them as economistic or neoliberal, I argue that their ideas illustrate something crucial about the predicaments we face, even as they often remain wedded to a model of analysis that cannot fully grasp the dimensions and depth of the problems they confront. I highlight tensions between these resources and those of social and critical theory – but also reveal surprising points of convergence among radically different thinkers.“ (S. 20).
  8. Battistoni rekurriert hier vor allem auf Jean-Paul Sartre, Kritik der dialektischen Vernunft, übers. von Traugott König, Reinbek bei Hamburg 1967. Garrett Hardin, Die Tragik der Allmende, in: Michael Lohmann (Hg.), Gefährdete Zukunft. Prognosen angloamerikanischer Wissenschaftler, München 1970, S. 30–48.
  9. Simon Schaupp, Stoffwechselpolitik. Arbeit, Natur und die Zukunft des Planeten, Berlin 2024.
  10. Nicholas Stern, The Economics of Climate Change, in: American Economic Review 98 (2008), 2, S. 1–37, hier S. 1.
  11. Arthur Pigou, The Economics of Welfare [1920], London 2017; Ronald H. Coase, The Problem of Social Cost, in: The Journal of Law and Economics 3 (1960), S. 1–44.
  12. Debra Satz, Von Waren und Werten. Die Macht der Märkte und warum manche Dinge nicht zum Verkauf stehen sollten, übers. von Michael Adrian und Bettina Engels, Hamburg 2013.
  13. Silvia Federici, Lohn gegen Hausarbeit, übers. von Pieke Biermann, Berlin 1977.
  14. Robert Costanza et al., The Value of the World’s Ecosystem Services and Natural Capital, in: Nature 387 (1997), 6630, S. 253–260; Adrienne Buller, Der Wert eines Wales. Über die Illusion des grünen Kapitalismus, übers. von Andreas Sternowski, Heidenrod 2024.
  15. Bram Büscher / Robert Fletcher, Accumulation by Conservation, in: New Political Economy 20 (2015), 2, S. 273–298.
  16. Simone de Beauvoir, Für eine Moral der Doppelsinnigkeit, in: dies., Soll man de Sade verbrennen? Drei Essays zur Moral des Existenzialismus, übers. von Alfred Zeller, Reinbek bei Hamburg 1983, S. 77–192, hier S. 79.
  17. Alyssa Battistoni, Latour’s Metamorphosis [16.12.225], in: New Left Review / Sidecar, 20.1.2023.
  18. Bruno Latour, Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime, übers. von Achim Russer und Bernd Schwibs, Berlin 2017; Bruno Latour / Peter Weibel (Hg.), Critical Zones. The Science and Politics of Landing on Earth, Cambridge, MA / Karlsruhe 2020; Bruno Latour / Nikolaj Schultz, Zur Entstehung einer ökologischen Klasse. Ein Memorandum, übers. von Bernd Schwibs, Berlin 2022.
  19. Historical Materialism: Critical Marxist Theory (Hg.), Free Gifts (with Alyssa Battistoni) [16.12.2025]; John Bellamy Foster, Marx’s Ecology. Materialism and Nature, New York 2000.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Henriette Liebhart.

Kategorien: Feminismus Kapitalismus / Postkapitalismus Ökologie / Nachhaltigkeit Politische Ökonomie

Abbildung Profilbild Vicky Kluzik

Vicky Kluzik

Vicky Kluzik ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich „Biotechnologie, Natur und Gesellschaft“ am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Ihre Forschungsinteressen liegen in der historischen Soziologie, der Wirtschafts-, Technik- und Kultursoziologie, insbesondere Genealogien des Ökonomischen, der Soziologie des Anthropozäns und der Zukunft sowie feministischen Theorien. In ihrer Dissertation arbeitet sie gegenwärtig an einer Genealogie planetarischer Ökonomisierung seit den 1960er-Jahren.

Alle Artikel

PDF

Zur PDF-Datei dieses Artikels im Social Science Open Access Repository (SSOAR) der GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften gelangen Sie hier.

Empfehlungen

Ole Bogner

Von der Naturdichtung zur Naturphilosophie

Rezension zu „Die Revolte der Erde. Karl Marx und die Ökologie“ von Heinrich Detering

Artikel lesen

Newsletter