Barbara Thériault | Rezension |

Über die „sozialen Verhältnisse des Gebens und Nehmens“

Rezension zu „Was hält unsere Gesellschaft zusammen? Erfahrungen in einer Suppenküche in Ostdeutschland“ von Bettina Hollstein

Abbildung Buchcover Was hält unsere Gesellschaft zusammen? von Hollstein

Bettina Hollstein:
Was hält unsere Gesellschaft zusammen? Erfahrungen in einer Suppenküche in Ostdeutschland
Deutschland / USA
Frankfurt am Main / New York 2025: Campus
126 S., 30,00 EUR
ISBN 978-3-593-52191-6

Bettina Hollstein ist Professorin an der Universität Erfurt und wissenschaftliche Geschäftsführerin des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien. Sie hat jahrelang zum Ehrenamt geforscht. Mit Was hält unsere Gesellschaft zusammen? knüpft sie an eine frühere, theoretische Arbeit zum Thema an[1] und wendet sich nun einem konkreten Fall zu: einer Suppenküche.

Die katholische Einrichtung, von der Hollstein berichtet, befindet sich in einer unbenannten Stadt in Ostdeutschland, ist seit 1993 täglich geöffnet und bietet preiswerte oder kostenlose Mahlzeiten an. Die Suppenküche wird von wohnungslosen und von Vereinsamung bedrohten Menschen besucht. Der Schwerpunkt des Buches liegt jedoch nicht auf den Gästen, sondern auf den Männern und Frauen, die sich dort engagieren: auf ihren Sorgen, Motivationen, prägenden Erfahrungen und Haltungen. Neben wenigen hauptamtlichen Mitarbeitenden besteht die Belegschaft der Suppenküche aus Menschen, die oft über das Jobcenter in Arbeitsmaßnahmen vermittelt werden oder einen Bundesfreiwilligendienst leisten. Dafür erhalten sie eine kleine Aufwandsentschädigung und werden, wie einige von ihnen erzählen, „in Ruhe vom Jobcenter gelassen“ (S. 55). Manche bleiben der Suppenküche anschließend als Ehrenamtliche weiterhin verbunden. Hinzu kommen Praktikant:innen, junge Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren und Personen, die Sozialstunden ableisten. Zwischen 2019 und 2024 engagierte sich die Autorin selbst dort. Die Studie basiert vor allem auf Interviews mit Ehrenamtlichen, die Hollstein 2021 durchführte, auf zwei Workshops aus dem Jahr 2022 sowie auf Gesprächen, die während ihrer eigenen Mitarbeit in der Suppenküche entstanden sind.

Das Buch zeichnet sich durch zwei Perspektiven aus, die die Lektüre besonders lohnend machen. Zum einen widmet es sich Menschen, die sowohl in der Forschung als auch im öffentlichen und alltäglichen Diskurs übersehen werden, wenn vom bürgerlichen Engagement die Rede ist. Zum anderen richtet es den Blick auf Ziele, die von den in Ostdeutschland vorherrschenden Vorstellungen von Zusammenhalt abweichen. Was hält unsere Gesellschaft zusammen? beschäftigt sich dezidiert nicht mit den typischen ehrenamtlich Engagierten, wie die Autorin selbst eine ist (gebildet, weiß, kirchengebunden, mit Beruf und Familie beschäftigt), sondern mit Menschen, die oft über ein geringes Einkommen verfügen und auf dem ersten Arbeitsmarkt keiner regulären Berufstätigkeit nachgehen könnten, weil sie häufig gesundheitliche Probleme haben oder durch Alkohol-, Drogen- oder schwierige Familienbiografien belastet sind.

Die Mitarbeit in der Suppenküche ermöglicht es, Erfahrungen zu teilen, gemeinsam mit anderen gesellschaftliche Probleme zu bearbeiten und an ihrer Lösung mitzuwirken, sich in demokratische Prozesse einzuüben und eine Vorstellung von einer ‚guten‘ Gesellschaft zu entwickeln.

In einer Region, in der das Ehrenamt allenthalben beschworen wird – in Neujahransprachen, in Glossen lokaler Zeitungen, auf dem Instagram-Account des Ministerpräsidenten, bei allerlei offiziellen Anlässen und in Slogans wie „das Land der Macher“ –, geht es meist um das Engagement von Menschen (etwa bei der freiwilligen Feuerwehr oder in Sport- und Heimatvereinen), die angesichts der Unterfinanzierung der Kommunen und der Alterung der Bevölkerung das Land, verstanden als Heimat, „am Laufen halten“. Hollstein verfolgt mit ihrem Ansatz ein anderes Ziel: In der Tradition des US-amerikanischen Pragmatismus interessiert sie vor allem, wie ehrenamtliches Engagement die Demokratie stärkt. Diesen Ansatz führt die Autorin nach einer kurzen Einschätzung zur Lage der Demokratie in Ostdeutschland (Kap. 1) im zweiten Kapitel ein, um ihn später im fünften Kapitel weiterzuentwickeln. Für Bettina Hollstein ist Demokratie im Sinne von John Dewey (1859–1952) als eine Lebensform zu verstehen, „die von sozialen Verhältnissen des Gebens und Nehmens geprägt ist“ (S. 83). Die Mitarbeit in der Suppenküche ermöglicht es, so die grundlegende Annahme des Buches, Erfahrungen zu teilen, gemeinsam mit anderen gesellschaftliche Probleme zu bearbeiten und an ihrer Lösung mitzuwirken, sich in demokratische Prozesse einzuüben und eine Vorstellung von einer ‚guten‘ Gesellschaft zu entwickeln.

Den Kern des Buches bildet das dritte Kapitel mit dem Titel „Zuhören – Die Stimme der Engagierten“. Mittels langer Zitate liefert die Autorin einen aufschlussreichen Einblick in das Denken von sozial und ökonomisch benachteiligten Menschen, die sich engagieren. Sie gehen – mitunter auch mit Humor – auf die Themen Politik, Toleranz gegenüber Differenzen, christliche Werte, Ökologie und Zukunft ein. Ihre Antworten weisen auf Haltungen hin, die sich in unterschiedlichen politischen Parteien wiederfinden, auch bei der AfD, etwa die Auffassung, dass Politiker etwas ändern könnten, aber zunächst an die eigenen Interessen denken. Vielleicht erscheint es manchen Befragten gerade deshalb schwierig, sich eine Zukunft vorzustellen. Sie zeigen sich auch über neue Gäste der Suppenküche besorgt, insbesondere über die Jüngeren. Unterschiede, etwa beim christlichen Leitbild, aber vor allem im Hinblick auf Migrationsgeschichten, betrachten und behandeln Hollsteins Interviewpartner:innen mit einer Art diskursiven Gleichgültigkeit: Solange sie nicht auffallen, solange sie arbeiten, sich benehmen und (Schweine-)Fleisch essen, stören sie nicht. Das Christliche tritt in den Hintergrund und die Klimakrise ist stärker ein Thema der Autorin als der Befragten.

Die Suppenküche rückt für die Befragten in den Vordergrund: Sie wird zu einem Ort, an dem sich Menschen treffen, an dem sie Gemeinschaft, Wertschätzung und Selbstwirksamkeit erfahren. 

Beim Lesen des dritten Kapitels wird klar, dass sich Stereotype auch im Kontakt mit anderen und durch neue Erfahrungen nicht einfach in Luft auflösen, aber dennoch neue Perspektiven entstehen und Situationen differenzierter betrachtet werden können. Ein Nachdenken über die Gesellschaft wird angestoßen, sicherlich auch durch die Interviews und Workshops. Die Suppenküche rückt für die Befragten in den Vordergrund: Sie wird zu einem Ort, an dem sich Menschen treffen, an dem sie Gemeinschaft, Wertschätzung und Selbstwirksamkeit erfahren. Dadurch, dass sie gebraucht werden und für andere da sind, entwickeln die Engagierten ein Selbstwertgefühl, schützen sich vor Vereinsamung und Langeweile und strukturieren ihren Tag. Dass dies möglich ist, hängt mit der Organisation der Einrichtung zusammen, die nicht wie eine Behörde oder eine Firma funktioniert und nicht nach Effizienzsteigerung strebt. Ehemalige und aktuelle Mitarbeitende betonen (im Kap. 4) die Bedeutung von flexiblen und offenen Strukturen, die Gestaltungsmöglichkeiten und Freiräume eröffnen, wodurch die Ehrenamtlichen letztlich im Kleinen an der Bearbeitung gesellschaftlicher Probleme teilhaben. Hier wie in anderen Kapiteln wird der Ort Suppenküche nicht als materielle Räumlichkeit verstanden, wo konkrete Interaktionen und Prozesse von Annährungen an und Ausgrenzungen von verschiedene(n) Personengruppen beobachtet werden könnten. Sie bleibt eher ein institutioneller Rahmen.

Im Kapitel 5 geht die Autorin ausführlicher auf die Idee der Demokratie als Lebensform ein. Dabei greift sie auf Konzepte wie die Kreativität des Handelns (nach Hans Joas), das sympathetic understanding (nach Jane Addams), Selbstwirksamkeitserfahrungen (nach Albert Bandura und Steffen Mau für Ostdeutschland) oder Resonanzerfahrungen (nach Hartmut Rosa) zurück. Im Zentrum des letzten Kapitels (Kap. 6) steht die Frage, was zu tun ist. Im Grunde geht es Hollstein darum, eine Haltung zu entwickeln, die von den Konzepten und Autor:innen des vorherigen Kapitels inspiriert ist. Die von ihr skizzierte Haltung erinnert an die Voraussetzungen einer guten soziologischen Feldforschung: neugierig und offen zu sein, für Diskriminierungen sensibel zu sein, die Perspektiven Benachteiligter gezielt einzubeziehen. Wie die Gegenwart zeigt, ist ehrenamtliches Engagement kein ausschließliches Merkmal demokratischer Einrichtungen und Institutionen, sondern wird auch in rechten Kreisen eingefordert und praktiziert. Deshalb setzt sich Bettina Hollstein dafür ein, ‚gute‘ Institutionen zu unterstützen.

Bei der Lektüre des Buches werden die Lesenden ermutigt, die vorgestellte Haltung zu pflegen und sich selbst zu engagieren, die Demokratie zu stärken und vielleicht auch ein wenig gegen die herrschende schlechte Laune zu wirken.[2] Als Leserin hätte ich gerne etwas über die Perspektive der Autorin erfahren, die sich ja im Rahmen ihrer Studie selbst engagiert hat. Es war sicher auch für sie ein Moment der Teilnahme und Mitwirkung, der im vorliegenden Buch einen letzten Ausdruck findet. Mich hätte interessiert, ob sich ihre Vorstellung einer ‚guten‘ Gesellschaft durch ihre Erfahrungen in der zunächst fremden Umgebung der Suppenküche verändert hat. Hierfür müsste wohl ich ein Interview mit Bettina Hollstein führen, statt eine Rezension ihres Buches zu verfassen.

  1. Bettina Hollstein, Ehrenamt verstehen. Eine handlungstheoretische Analyse, Frankfurt am Main / New York 2015.
  2. Vgl. Barbara Thériault, Schlechte Laune. Eine beinahe mittelgroße Stadt, die Leute und ein übermächtiges Gefühl, München 2027 (im Erscheinen).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Henriette Liebhart.

Kategorien: Care Demokratie Interaktion Soziale Ungleichheit Zivilgesellschaft / Soziale Bewegungen

Abbildung Profilbild Barbara Thériault

Barbara Thériault

Barbara Thériault ist eine in Deutschland ausgebildete kanadische Soziologin und Friseurin. Sie ist Professorin an der Université de Montréal und übersetzt Feuilletons und Miniaturen vom Deutschen ins Französische. Außerdem ist sie Mitherausgeberin von „Siggi, le magazine de sociologie“ und ehemalige Stadtschreiberin in Lviv (Ukraine) und Halle an der Saale. (© Maurice Weiss)

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