Hannah Schmidt-Ott, Jens Bisky, Karsten Malowitz, Stephanie Kappacher | Essay |

Buchempfehlungen zum Sommer

Die Soziopolis-Redakteur:innen geben Lektüretipps

Welche Neuerscheinung war eine freudvolle, erkenntnisreiche Lektüre? Welches ältere Buch kann man wieder in die Hand nehmen, um aktuelle Phänomene besser zu verstehen? Und auf welchen demnächst veröffentlichten Titel freuen wir uns? Die Mitglieder der Soziopolis-Redaktion geben vier Mal im Jahr Buchtipps – ausgewählt, knapp und subjektiv.


Gerne gelesen

Frühsozialistischer Feminismus

Caroline Arni:
Wir, nicht wir. Frühsozialistischer Feminismus
Deutschland
Berlin 2026: Verlag Klaus Wagenbach
160 S., 20,00 EUR
ISBN 978-3-8031-5201-5

Im Jahr 1832 gründen zwei junge Pariser Arbeiterinnen eine Zeitschrift, La Femme libre. Die Gründung war eine Reaktion auf den kurz zuvor verkündeten Ausschluss von Frauen aus der saint-simonistischen Bewegung. Das Blatt verstand sich als pluralistisch und versammelte politisch divergierende, aber ausschließlich weibliche Stimmen, vornehmlich aus der Arbeiterschicht. Die in den Beiträgen aufgestellten Forderungen waren so radikal wie folgerichtig: Es ging um nicht weniger als die Befreiung der Frau und ihre Gleichstellung mit dem Mann, deren Voraussetzung materielle Unabhängigkeit ist.

In Wir, nicht wir erzählt die Schweizer Historikerin und Soziologin Caroline Arni bildreich und empathisch von den frühsozialistischen Redakteurinnen und Autorinnen, ihren Analysen und Plädoyers sowie von der Rolle, die das Schreiben für die weibliche Subjektwerdung spielte: Sie „sagten ‚Ich‘, sie sagten ‚Ich bin‘ und ‚Ich bin frei‘, als sie zusammen, nicht immer und nicht in allem einig, aber in vereinter Anstrengung aus dem Wort Frau, aus den müden Körpern ihrer Mütter und aus der Kraft ihrer Jugend ein politisches Subjekt schöpften“ (S. 9). Ein schmales, ungemein lebendiges Buch, das Einblicke in ein oft übersehenes Kapitel früher feministischer Kritik bietet, die, wie Arni überzeugend darlegt, mitnichten aufgrund ihres Essenzialismus, ihrer Religiosität und ihrer Überhöhung der Mutterschaft abzutun ist, sondern deren Aktualität gerade aus den Differenzen zu gegenwärtigen Analysen resultiert: „Es gibt etwas herauszufinden, über sie und über uns.“ (S. 132) (Hannah Schmidt-Ott)


Interessanter, weil der Wirklichkeit näher

Jan Feddersen / Rainer Nicolaysen / Till Randolf Amelung / Jörg Jungmayr Miguel (Hg.):
Jahrbuch Sexualitäten 2026
Deutschland
Göttingen 2026: Wallstein
304 S., 34,00 EUR
ISBN 978-3-8353-6177-5

In der Berliner Fasanenstraße hängt eine Gedenktafel für den Schlagerdichter Bruno Balz (1902–1988), auf der unter anderem steht: „Von den Nationalsozialisten wegen seiner Homosexualität verfolgt und mehrfach verhaftet schrieb Bruno Balz nach der Entlassung aus den Folterkellern der Gestapo das unvergessene Lied ,Davon geht die Welt nicht unter‘.“ Das stimmt so nicht, es handelt sich um eine lange nach Kriegsende fabrizierte Legende. Die Sozialwissenschaftlerin, Autorin und Theatermacherin Judith Kessler hat im vergangenen Jahr die erste auf Quellenstudium beruhende Balz-Biographie veröffentlicht: „Kann denn Liebe Sünde sein?“ Im gerade erschienen Jahrbuch Sexualitäten 2026 berichtet sie, wie sie misstrauisch wurde angesichts der viel kolportierten Geschichte, Balz, in den Zwanzigerjahren ein Aktivist der Schwulenbewegung, hätte unter Zwang und anonym „die berühmtesten Lieder des ,Dritten Reiches‘ geschrieben“ (S. 45). Gewiss war er als sexuell aktiver Schwuler unter den Nazis permanent bedroht, doch war es ihm gelungen, den Schein zu wahren, „mit seinen mehrdeutigen Texten die eigenen Sehnsüchte zwischen den Zeilen auszudrücken, damit ein ganz diverses Publikum anzusprechen – und Karriere zu machen“ (S. 59). Diese Darstellung ist weniger reißerisch, aber interessanter, weil der Wirklichkeit näher.

Unter den vielen kulturgeschichtlich und historisch aufschlussreichen Studien des Jahrbuchs Sexualitäten, das im Auftrag der Initiative Queer Nations herausgegeben wird, seien noch zwei weitere hervorgehoben. Der Historiker Matthias Gemählich hat in Frankfurt am Main zwischen 1949 und 1964 gefällte Urteile nach Paragraph 175 des Strafgesetzbuches untersucht. 1528 Urteile sind erhalten, von den 1304 Verurteilten waren wenigstens 52 zuvor in einem Konzentrationslager inhaftiert. Sie galten der Justiz nicht als Opfer, sondern als willensschwache Wiederholungstäter und wurden daher besonders hart bestraft. Alexander Zinn dagegen nimmt die langsame Liberalisierung der Rechtspraxis in der jungen Bundesrepublik in den Blick und widerspricht der Annahme, die Verfolgung Homosexueller sei nach 1945 bruchlos fortgesetzt worden. Er differenziert das Bild, schildert das Nebeneinander von Repression und den Anfängen einer liberaleren Rechtspraxis, ohne Verfolgung und Stigmatisierung zu leugnen.

Wer sich für die Wirklichkeit jenseits flotter Schlagworte interessiert, der findet in diesem übrigens großartig bebilderten Jahrbuch reichlich Stoff zur Lektüre. (Jens Bisky)


Aus aktuellem Anlass

Das ABC der Demokratie

Philip Manow:
Die zentralen Nebensächlichkeiten der Demokratie. Von Applausminuten, Föhnfrisuren und Zehnpunkteplänen
Deutschland
Reinbek bei Hamburg 2017: Rowohlt
317 S., 14,99 EUR
ISBN 978-3-499-63277-8

Das Sommerloch ist eine feste Größe im Kalender des Berliner Politikbetriebs. Während sich die Angehörigen der politischen Klasse mit Beginn der parlamentarischen Sommerpause auf den mehr oder weniger verdienten Urlaub freuen, beginnt für ihre professionellen Beobachter:innen die Saure-Gurken-Zeit: Sendeformate und Druckerzeugnisse werden mit Inhalten gefüllt, die unter anderen Umständen allenfalls Randnotizen geblieben wären. Wer angesichts der drohenden Nachrichtenarmut dennoch nicht auf den täglichen medialen Cocktail aus Faktencheck und Realsatire, Selbstdarstellung und Fremdscham, Engagement und Eitelkeit verzichten möchte, dem sei Philip Manows Die zentralen Nebensächlichkeiten der Demokratie als Sommerlektüre wärmstens empfohlen.

Das 2017 erschienene Buch des seinerzeit in Bremen und nunmehr in Siegen tätigen Politikwissenschaftlers versammelt Beobachtungen zu Auffälligkeiten und Absonderlichkeiten aus dem Alltag derjenigen, die Politik vielleicht nicht immer aus Berufung, aber zumindest als Beruf betreiben. Der Reigen der mit lockerer Hand geschriebenen Einträge des Glossars reicht von „Applausminuten“ und „Delaberation“ über „Flechtslipper“ und „Öltanks“ bis hin zu „Sommerreise“ und „Zehnpunkteplan“. Und selbstverständlich dürfen auch „Burg Wulffenstein“ sowie die berühmte „Raute“ der Altkanzlerin in den während der Merkel-Jahre entstandenen Aufzeichnungen aus den Niederungen der Spitzenpolitik nicht fehlen. Der Abstand der Texte zur politischen Gegenwart ist dabei unterschiedlich groß. Während einige Stücke im Laufe der Zeit Patina angesetzt haben und damit den Wandel der politischen Kultur erfahrbar machen, kommen andere nach wie vor frisch und unverbraucht daher. 

Die Stärke des ebenso klugen wie kurzweiligen Buches liegt darin, dass sich Ernst und Witz die Waage halten und Manow der Versuchung widersteht, seine oftmals unfreiwillig komischen Protagonisten der Lächerlichkeit preiszugeben. Er schielt nicht auf die billige Pointe – eher schon auf den einen oder anderen Kalauer –, sondern verfolgt ein seriöses Anliegen: Ihm geht es darum, mittels der Beschreibung politischer Einzelphänomene einen anderen Blick auf den Gesamtzusammenhang zu ermöglichen. „Wie präsentiert sich uns die repräsentative Demokratie? Welches Erscheinungsbild hat sie? Konkreter: wie sprechen Politiker und warum sprechen sie so, wie sie es tun? Wie gehen Politiker? Was ziehen sie an – und warum? Was essen sie – oder was behaupten sie üblicherweise zu essen? Wer darf wann und wo wie lange zu wem reden?“ (S. 9) Diesen Fragen will Manow auf den Grund gehen – und es ist ein intellektuelles Vergnügen, ihm dabei zu folgen. (Karsten Malowitz)


Noch nicht erschienen

In der Kontaktzone

Melinda Cooper:
Familienwerte. Die unheimliche Allianz von Neoliberalismus und Konservatismus
übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus Gramm
Deutschland
Weinheim 2026: Campus
380 S., 38 EUR
ISBN 978-3-593-52152-7

Donald Trump und seine MAGA-Bewegung betonen stets die Bedeutung der traditionellen Kernfamilie als Fundament der Gesellschaft. Mit ihren Parolen sowie mit geschickt gesetzten medialen Trends – Stichwort Tradwives – propagieren sie ein patriarchales Familienbild. Auch ihre diskriminierende Anti-LGBTQIA+-Politik legitimiert die Bewegung mit dem Schutz der heteronormativen Kleinfamilie. 

Allen sonstigen politischen Differenzen zum Trotz stimmen neoliberale Demokraten oftmals mit sozialkonservativen Republikanern überein, wenn es um die Familie geht. Wie kann das sein? In ihrem Buch Familienwerte widmet sich die feministische Materialistin Melinda Cooper der Klärung dieser Frage. Sie untersucht die „unheimliche Allianz von Neoliberalismus und Konservatismus“ historisch, beginnend in den 1970er-Jahren, und zeigt anhand amerikanischer Politiken der Sozialfürsorge, Ehe und Sexualität, dass der neoliberale Topos des unternehmerischen Selbst stets mit einer moralischen Verpflichtung zu familiärer Verantwortung und Fürsorge verbunden war. Cooper arbeitet so die bürgerliche Kleinfamilie als „Kontaktzone von neoliberalen und sozialkonservativen Kräften“ heraus und legt dar, welche Rolle sie bei der Marktrevolution der 1980er-Jahre spielte und wie sie bis in die Gegenwart hinein wirkt.

Eine Übersetzung der bereits 2017 im Original erschienenen und in kurzer Zeit zum Standardwerk der Geschlechterforschung und Politischen Ökonomie avancierten Publikation war längst überfällig. Umso begrüßenswerter, dass der Campus Verlag dies übernommen hat, verspricht das Buch doch, auch hierzulande wichtige Impulse für aktuelle Debatten zu liefern. (Stephanie Kappacher)

Kategorien: Arbeit / Industrie Care Demokratie Feminismus Gender Geschichte Gesellschaft Kapitalismus / Postkapitalismus Politik Queer Rassismus / Diskriminierung Soziale Ungleichheit Wirtschaft Zivilgesellschaft / Soziale Bewegungen

Hannah Schmidt-Ott

Hannah Schmidt-Ott ist Soziologin. Sie arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung als Redakteurin der Zeitschrift Mittelweg 36 sowie des Internetportals Soziopolis.

Alle Artikel

Jens Bisky

Dr. Jens Bisky ist Germanist und arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung als Redakteur der Zeitschrift Mittelweg 36 sowie des Internetportals Soziopolis. (Foto: Bernhardt Link /Farbtonwerk)

Alle Artikel

Karsten Malowitz

Karsten Malowitz, Politik- und Sozialwissenschaftler, arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung als Redakteur der Zeitschrift Mittelweg 36 und des Internetportals Soziopolis.

Alle Artikel

Stephanie Kappacher

Stephanie Kappacher ist Soziologin. Sie arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung als Redakteurin der Zeitschrift Mittelweg 36 sowie des Internetportals Soziopolis.

Alle Artikel

Empfehlungen

Timm Graßmann

Marx als Bürger – welcher Republik?

Rezension zu „Citizen Marx. Republicanism and the Formation of Karl Marx’s Social and Political Thought“ von Bruno Leipold

Artikel lesen

Martin Bauer, Jens Bisky

Eine Physiognomik kapitalistischer Arbeit

Bericht zu den „Walter Benjamin Lectures 2022“ von Nancy Fraser am 14., 15. und 16. Juni im Berliner Haus der Kulturen der Welt

Artikel lesen

Newsletter