David Prinz, Laura Rogalski | Veranstaltungsbericht | 23.06.2026
Zur Ordnung des Narrativen
Bericht zur Konferenz „Keywords for Socionarratology“ am 4., 5. und 6. Juni 2026 an der Humboldt-Universität zu Berlin
Vom 4. bis 6. Juni 2026 kamen im Gebäude der Humboldt Graduate School Forschende zur zweiten Konferenz des interdisziplinären Socionarratology-Projekts zusammen, um sich über „Keywords for Socionarratology“ [20.6.2026] – so der programmatische Titel der dreitägigen Veranstaltung – auszutauschen.[1] Organisatoren des zweijährigen, durch die Princeton-Humboldt Strategic Partnership Initiative geförderten Projekts sind FLORIAN FUCHS (Princeton) und MARC ORTMANN (Berlin). Die sechs Panels, in denen je zwei Vertreter:innen meist unterschiedlicher Disziplinen sowie ein:e Respondent:in unter einem richtungsweisenden Schlüsselbegriff das Feld der Socionarratology sowohl theoretisch als auch empirisch erkundeten, wurden von drei abendlichen, gut besuchten Keynotes von GISÈLE SAPIRO (Paris), ANDREAS RECKWITZ (Berlin) und den Organisatoren selbst flankiert.
Die Begrüßung von Fuchs und Ortmann vermittelte einen kurzweiligen Eindruck zur disziplinübergreifenden Ausrichtung der Konferenz. Um die Reflexionen und Erkenntnisse der Teilnehmer:innen nicht vorwegzunehmen, wurden grundlegende theoretische Überlegungen auf das Ende der Konferenz verschoben. Entsprechend knapp fiel die Einführung der Organisatoren aus, was es für Außenstehende zunächst erschwerte, die übergreifenden Fragestellungen und Termini zu greifen: Was sind Sozionarrative? Was ist Socionarratology? Was ist der Stand der gemeinsamen Arbeit?
Den inhaltlichen Auftakt bildete die Keynote von Gisèle Sapiro, die anhand von Fredric Jamesons Althusser-Rezeption eine Aktualisierung der Bourdieu’schen Feldtheorie vornahm, um eines der zentralen Probleme der Literatursoziologie zu adressieren: die Vermittlung zwischen der internen und externen Analyse von Literatur. Anhand eines dreigeteilten Verständnisses von Kausalität als mechanisch, expressiv und strukturell führte sie aus,[2] wie sich die soziale Position von Autor:innen, herrschende Ideologien sowie Feldeffekte auf die Produktion und Zirkulation von literarischen Werken auswirken. Damit gab der Vortrag einen Einblick in gegenwärtige Entwicklungen im Literaturbetrieb; das Verhältnis von Gesellschaft und Narrativen außerhalb der Literatur thematisierte die Soziologin allerdings kaum. Die im weiteren Konferenzverlauf immer wieder aufgeworfenen Fragen nach dem Verhältnis von Narrativität, Fiktion und Literatur waren erkennbar geprägt von Sapiros Vortrag.
Im ersten Panel am Freitagvormittag wandten sich die Teilnehmenden dem Keyword Collectives zu. ASMARA WIBOWO (Berlin) widmete sich am Beispiel von BookTok den Begriffen und Lektürepraktiken, die den Gebrauch von Literatur in verschiedenen Reading Communitys prägen. Im Anschluss fragte LAURA K. NELSON (Princeton) nach literarischen Formen, die Zusammenkunft ermöglichen. Sie veranschaulichte dies anhand von provisorischen Texten, die dazu einladen, an ihrer Gestaltung mitzuwirken, und übertrug diese Idee auf soziale Kontexte wie Lerngruppen, in denen Mitglieder temporär zum gemeinsamen Studieren zusammenkommen. Die von Respondent PATRICK HOHLWECK (Berlin) aufgeworfene Frage nach der Offenheit, Stabilität und den Schwellenzuständen solcher Communitys oder Gruppen bildete den Ausgangspunkt für eine Diskussion, in der anhand dieser kollektiven Praktiken Konflikt und Macht als produktive Kategorien einer Socionarratology herausgearbeitet wurden.
Im darauffolgenden kulturanthropologischen Panel Rhetorics beschäftigte sich SERGUEI OUSHAKINE (Princeton) zunächst mit den Schreibpraktiken des russischen Formalisten und Literaturtheoretikers Viktor Šklovskij in dessen mehrstimmiger Rekontextualisierung von Marco Polos Reiseerzählung. Daran knüpfte PETRA BECK (Berlin) mit einer vor allem neomaterialistisch und durch die Science and Technology Studies (STS) informierten Perspektive an, die Narration als relationales und epistemisches Tool beleuchtete. Unter Bezugnahme auf Ursula K. Le Guin, Karen Barad sowie Georges Perec plädierte Beck dafür, Narrationen nicht als kohärente Abbildungen der Wirklichkeit zu verstehen, sondern als Ermöglichung von Wahrnehmung und als sich fortschreibende Relationen. In der von der Respondentin ANITA TRANINGER (Berlin) angestoßenen Diskussion wurden die politischen und ethischen Dimensionen der im Zentrum stehenden relationalen Praktiken erörtert, etwa die Mechanismen der In- und Exklusion in Sozionarrationen.
Unter dem Keyword Worlds rückten am Freitagnachmittag intellektuelle Praktiken in politischer Theorie und Kulturgeschichte in den Vordergrund. MOLLIE EISNER (Princeton) schlug eine Typologie des Worldmaking vor, um die sozialen Funktionen von Narrativen aufzurufen. PHILIPP FELSCH (Berlin) vermutete in der Konjunktur des Narrativen seit den 1980er-Jahren die Rückkehr eines vormodernen Selbstkonzepts und damit eine Abkehr vom Nachkriegsmodernismus der Frankfurter Schule. Er forderte eine kritische Betrachtung von Sozionarrativen angesichts der zunehmend unhinterfragten Affirmation des Narrativen in Theorie und Praxis, beispielsweise der Ruf nach neuen Erzählungen in der Politik. Damit formulierte der Kulturwissenschaftler eine erste grundlegende Kritik am Unterfangen der Socionarratology, die die Herausforderungen, mit denen das Projekt konfrontiert ist, sichtbar machte. Respondent MARTIN BAUER (Hamburg) stellte anknüpfend daran die kritische Frage, inwiefern die Verwendung sozionarratologischer Begrifflichkeiten und Diagnosen einer ohnehin zunehmenden Ununterscheidbarkeit von Fakt und Fiktion den Weg bereite.
Zum Ende des Tages füllte sich der Festsaal in der Luisenstraße rasch für den zweiten Abendvortrag. Darin stellte Andreas Reckwitz Verlust als fundamentales Problem der Spätmoderne vor und lotete das Verhältnis von Narrativen und Verlust aus. Verlusterfahrungen würden über Praktiken, Diskurse und in sozialen Arenen wirksam, sie seien affektiv, temporal und narrativ strukturiert. Anhand dreier spätmoderner Verlustnarrative – diasporisch, populistisch und ökologisch – zeigte er, dass diese Narrative zugleich Fortschrittsvorstellungen im Sinne des Versprechens einer besseren Zukunft integrieren können und dadurch affektiv vielschichtig und ambivalent bleiben. Anschließend gab es Wortmeldungen aus dem Publikum, die nach dem kritischen Potenzial eines solchen deskriptiven Analyserahmens und nach den sozialen Bedingungen fragten, unter denen manche Verluste Anerkennung finden, während andere marginalisiert werden. Am Beispiel sozialer Mobilität wurde in der Diskussion zudem deutlich, dass meritokratische Aufstiegsnarrative neue Verlusterfahrungen hervorbringen können, wenn sie ihre gesellschaftlichen Versprechen nicht (mehr) einlösen.
Mit dem Keyword Imaginaries nahm das vierte Panel zu Beginn des letzten Konferenztages widerständige Praktiken des Sozionarrativen in den Blick. Die Amerikanistin SARAH RIVETT (Princeton) beleuchtete anhand von Edgar Allan Poes The Raven und der Figur des Raben in der Tlingit-Kultur die Ausschlüsse historischer wie gegenwärtiger kolonialer Literaturgeschichtsschreibung. PHILIPP WEITZEL (Berlin) untersuchte Künstliche Intelligenz als Technologie und Narrativ: Ausgehend von der Annahme, dass soziotechnologische Vorstellungen Zukünfte konstituieren, schrieb er der Socionarratology das Potenzial zu, jene narrativen und praktischen Mechanismen aufzudecken, die solche Zukunftsvisionen hervorbringen.
Das Panel Heuristics rückte popkulturelle und zeitgenössische Praktiken in den Fokus. Germanist FLORIAN GLÜCK (Berlin) diagnostizierte, wie Philipp Felsch am Vortag, eine Omnipräsenz des Narrativen in der Gegenwart. Storytelling sei die konkrete Form von Sozionarrativen im Kontext von Aufmerksamkeitsökonomien, in der Überflussgesellschaft fungierten Erfahrungen zunehmend als Währung, die wiederum über Storytelling symbolischen Wert erzeugten. Die Amerikanistin PAOLA DEL TORO (Princeton) untersuchte am Beispiel von Adam McKays Film The Big Short (2015) und Hernán Diaz’ Roman Trust (2022), wie sich innerhalb eines popkulturellen Werkes mittels Stil, Darstellung und Atmosphäre widersprüchliche Narrative – in den genannten Fällen über den Finanzmarkt – transportieren lassen. ANNE GRÄFEs (Lüneburg) Response hob die Funktion von Narrativen hervor: gesellschaftliche Wirklichkeit zu vermitteln. Im Anschluss gab es eine Kontroverse, in der Martin Bauer ein grundsätzliches Missverständnis zwischen US-amerikanischen und europäischen Perspektiven postulierte. Ersterer unterstellte er einen naiven Kulturalismus, der gesellschaftliche Fragen von der materiellen und strukturellen Ebene auf die Ebene der symbolischen Repräsentation verschiebe. Das von Bauer so bezeichnete Missverständnis dürfte allerdings auch den disziplinären Unterschieden zwischen Literatur- und Filmwissenschaften einerseits sowie einer an der kritischen Theorie geschulten Soziologie andererseits geschuldet sein.
Schließlich versammelten sich unter dem Keyword Methodologies Perspektiven aus der politischen Ideengeschichte sowie der Literatursoziologie. Im Vortrag von SIMON CLEMENS (Berlin) stand die Frage im Mittelpunkt, wie die Figuration für ein Konzept der Socionarratology fruchtbar gemacht werden kann. Dabei bot der Beitrag einen genealogischen Abriss zum Begriff der figura im Anschluss an Erich Auerbach sowie eine feministische Aktualisierung des Konzepts der Figuration anhand von Donna Haraways Cyborg[3] und dessen emanzipatorischer Kraft. Im zweiten Beitrag des Panels gab OHAD ZELTZER-ZUBIDA (Princeton) einen kurzweiligen Einblick in seine Feldforschung zur Bewertung von Manuskripten in der (englischsprachigen) Verlagsbranche. In der Reflexion ihrer Arbeit griffen Verleger:innen und Herausgeber:innen auf eine figurative Sprache zurück, so Zeltzer-Zubida, indem sie die Manuskriptbewertung als gambling bezeichneten. In ihrer Response formulierte ETHEL MATALA DE MAZZA (Berlin) über die Beiträge hinausgehende konzeptuelle Beobachtungen für das Feld der Socionarratology: Während die Literatursoziologie als eigenständiges Forschungsgebiet zu betrachten sei, das sich den gesellschaftlichen Dimensionen von Literatur zuwende, fokussiere die Socionarratology vielmehr Alltagsnarrative und spezifische Kommunikationsformen, weshalb sie auf der Ebene einer Alltagssoziologie operiere. Was beide Felder jedoch verbinde, sei die Annahme, dass weder Literatur noch Sozionarrative lediglich Realitäten abbildeten, vielmehr seien beide maßgeblich an deren Herstellung beteiligt. Damit lieferte Matala de Mazza einen hervorragenden Übergang zum letzten Konferenzvortrag.
In der Abschlusskeynote, die sich als Ordnungsversuch präsentierte, definierten Florian Fuchs und Marc Ortmann Sozionarrative als zirkulierende narrative Formationen, die kollektive Wahrnehmungen, Empfindungen und Handeln strukturieren. In diesem Sinne begriffen sie Greta Thunbergs „How dare you!“ als Fragment eines Sozionarrativs, nämlich der intergenerationalen Anklage angesichts einer durch den Klimawandel verlorenen Zukunft. Der Vortrag der Organisatoren unternahm auch den Versuch einer theoretischen Situierung: Neben Albrecht Koschorkes Erzähltheorie,[4] die in mehreren Beiträgen der Konferenz als literaturwissenschaftlicher Referenzrahmen für die Socionarratology diente, standen vor allem zentrale Begriffe aus dem Werkzeugkasten Michel Foucaults im Vordergrund. Versuchsweise verorteten Fuchs und Ortmann den Begriff des Sozionarrativs zwischen Diskurs und Dispositiv. Sozialtheoretisch situierten sie das Sozionarrativ praxeologisch, womit sie konzeptuell einholten, was die sechs Panel bereits angedeutet hatten: Eine empirisch angelegte Socionarratology betrachtet insbesondere Praktiken, durch die und in denen Sozionarrative gesellschaftlich wirksam werden. Der sehr gelungene Abschlussvortrag ging in eine rege Diskussion über, die kaum ein Ende fand. Auch nach mehr als zweieinhalb Tagen sozionarratologischer Tour de Force war keine narrative Müdigkeit spürbar. So stellte Philipp Felsch am Ende die zentralen offenen Fragen: Sind Sozionarrative ein Phänomen der Moderne? Sind Sozionarrative klassenspezifisch? In welchen Institutionen werden Sozionarrative produziert?
In der Gesamtschau ist vor allem nach den Anschlüssen an bestehende Theorien zu fragen, die ähnliche Phänomene in den Blick nehmen, und nach einer normativen Positionierung der Socionarratology als sich konstituierendes interdisziplinäres Forschungsfeld. Den Organisatoren ist es gelungen, Interdisziplinarität nicht einfach als Buzzword zu verwenden, sondern in ein fruchtbares Konferenzformat zu übersetzen. Gerade die Konzeptualisierung entlang von Keywords lädt dazu ein, nach weiteren Schlüsselbegriffen der Socionarratology zu suchen und lässt auf weitere Erkenntnisse der internationalen Forschungsgruppe um Marc Ortmann und Florian Fuchs hoffen.
Fußnoten
- Damit schloss die Konferenz an die Auftaktveranstaltung „What is Socionarratology?“ [20.6.2026] an der New York University und den zweitägigen Workshop „Socionarratology. Mapping a Field between Literary Studies and Social Sciences“ [20.6.2026] an der Princeton University im Herbst 2025 an.
- Fredric Jameson, The Political Unconscious. Narrative as a Socially Symbolic Act [1982], Ithaca, NY 2015.
- Donna Haraway, Manifesto for Cyborgs. Science, Technology, and Socialist Feminism in the 1980's, in: Socialist Review 80 (1985), S. 65–108.
- Albrecht Koschorke, Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer allgemeinen Erzähltheorie, Frankfurt am Main 2012.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Henriette Liebhart.
Kategorien: Kommunikation Kunst / Ästhetik Politische Theorie und Ideengeschichte Pop
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