Karsten Malowitz | Zeitschriftenschau |

Aufgelesen

Die Zeitschriftenschau im März 2023

In Krisenzeiten wächst nicht nur das Bedürfnis nach Orientierung, sondern auch das Interesse an Selbstverständigung. Wenn die Verhältnisse unsicher und die Aussichten unklar sind, ist es ratsam, sich der eigenen Maßstäbe und Ziele ebenso zu versichern wie der zu ihrer Realisierung erforderlichen Mittel und Fähigkeiten. Das gilt erst recht, wenn selbige, wie im Fall der Wissenschaften – man denke nur an die Diskussionen um Fake Science oder Postfaktizität –, von Teilen der Öffentlichkeit infrage gestellt und diskreditiert werden. So gesehen scheint es kein Zufall, dass Selbstverständigungsdiskurse derzeit auch in mehreren sozialwissenschaftlichen Fachzeitschriften Konjunktur haben.

Im jüngsten, von Felix Knappertsbusch, Margrit Schreier, Nicole Burzan und Nigel Fielding edierten Heft des Forums Qualitative Sozialforschung dreht sich alles um gemischte Methoden. Unter dem Titel „Mixed Methods and Multimethod Social Research – Current Applications and Future Directions“ diskutieren die Autor:innen der insgesamt 14, allesamt online zugänglichen Beiträge des Themenschwerpunkts theoretische, methodische und anwendungsbezogene Fragen und loten dabei ebenso Potenziale wie Defizite des vergleichsweise jungen Forschungsansatzes aus. Sie schließen damit an eine Diskussion an, die in einer früheren, vor rund zwanzig Jahren erschienenen Ausgabe der gleichen Zeitschrift mit der Frage nach dem Verhältnis von qualitativen und quantitativen Methoden der empirischen Sozialforschung begonnen und seitdem eine beachtliche Dynamik entfaltet hat.

Um die Wiederaufnahme einer vor wenigen Jahren eröffneten, aber seither nicht fortgeführten Debatte bemühen sich die drei Beiträge des Themenschwerpunkts im aktuellen Heft der Zeitschrift für Soziologie, in dem es um „Gütekriterien qualitativer Sozialforschung“ geht. Die Autor:innen reagieren damit auf einen gleichnamigen Diskussionsanstoß, den Jörg Strübing, Stefan Hirschauer, Ruth Ayaß, Uwe Krähnke und Thomas Scheffer schon 2018 an nämlicher Stelle veröffentlicht hatten.

Und auch in der neuesten Ausgabe der Soziologie wird sich das Fach selbst zum Problem. Anstelle von methodischen und theoretischen Finessen befassen sich die Beiträge des Heftes aber mit dem öffentlichen Wirken der Disziplin in all seinen Facetten: von der Gutachtertätigkeit über das Rezensionswesen bis hin zur Politikberatung.

Die in den genannten Schwerpunkten behandelten Fragen, wie sich methodisch fundierte und theoretisch versierte Erkenntnisse gewinnen und gesellschaftlich vermitteln lassen, sind für jede Disziplin wichtig. Nicht minder relevant, aber sehr viel seltener gestellt ist die davon zu unterscheidende Frage, wie sich neue Erkenntnisse gewinnen lassen. Das weder mit Neugier noch mit Wissensdurst zu verwechselnde Verlangen nach Horizonterweiterung, dem diese Frage entspringt, hat wohl bis heute niemand treffender zum Ausdruck gebracht als Rudolf Virchow, der mit Blick auf den Forschungsbetrieb seiner Zeit lapidar konstatierte: „Es wird ja fleißig gearbeitet und viel mikroskopiert, aber es müsste mal wieder einer einen gescheiten Gedanken haben.“ Seit Virchows mit Berliner Schnodderigkeit formulierter Klage hat es zwar nicht an gescheiten Gedanken gefehlt; das Problem aber, wie diese sich gezielt herbeiführen lassen, harrt weiterhin einer Lösung. Was also tun? Abwarten und auf einen glücklichen Zufall hoffen?

Vielversprechender scheint ein Blick in das Kursbuch, dessen aktuelles Heft sich unter dem Motto „Alles kein Zufall“ ebendiesem in aller Ausführlichkeit widmet. Neben einem mit offensichtlicher Freude an paradoxen Formulierungen geschriebenem Beitrag von Armin Nassehi, der eine Lanze für die „Die Notwendigkeit des Zufalls“ bricht, und einem Text von Elena Esposito, der zufolge wir „Zufall neu denken“ sollten, findet sich darin unter anderem ein anregendes Gespräch mit dem an der New York University und der London School of Economics lehrenden Serendipitätsforscher Christian Busch. In seiner Arbeit befasst sich Busch mit der Frage, wie unvorhergesehene Ereignisse oder Beobachtungen produktiv genutzt werden können. In Buschs eigenen Worten geht es dabei um „das ,aktive Glück‘ aus einem unerwarteten Ereignis heraus“ (S. 10). Eine Garantie für neue Ideen und Erkenntnisse hat auch Busch nicht parat, aber dafür immerhin einige Strategien, mit denen sich den von Virchow vermissten gescheiten Gedanken auf die Sprünge helfen lässt, wenn diese sich nicht von alleine einstellen wollen. Busch empfiehlt zwei Wege:

„Erstens, mehr positive Zufälle zu kreieren, was zunächst paradox klingt, aber es geht um die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit, dass etwas positiv zufällig passieren kann. Oder anders gesagt, den Raum zu vergrößern, in dem Serendipität stattfinden kann. Zweitens, wenn das unerwartete Ereignis eintritt, übrigens positiv wie negativ, dann diesen Muskel für das Unerwartete zu stärken und sich vorzubereiten, besser darauf reagieren zu können.“ (S. 11)

Was bei Busch recht vage klingt und bisweilen im bieder munteren Sound praktischer Ratgeberliteratur daherkommt – „Jede Krise kann ein Wendepunkt sein.“ (S. 17) –, wird im Verlauf des Gesprächs nicht zuletzt anhand der interessanten Beispiele deutlich, mit denen der Autor ebenso aufwartet wie mit originellen Versuchsanordnungen zur Verhaltensanalyse von selbsterklärten Glückspilzen und Pechvögeln. Besonders eindrücklich ist die Geschichte von einem chinesischen Unternehmen, das Haushaltsgeräte herstellt und eines Tages vermehrt Beschwerden von Bauern wegen defekter Waschmaschinen erhält. Wie sich herausstellt, haben die Bauern versucht, ihre Kartoffeln in den dafür nicht ausgelegten Geräten zu waschen und diese damit beschädigt. Statt ihre Kunden auf den unsachgemäßen Gebrauch der Maschinen hinzuweisen und ihre Beschwerden abzulehnen, nahm die Firma selbige zum Anlass, die Geräte mithilfe eines Schmutzfilters in Kartoffelwaschmaschinen umzurüsten und besetzte damit eine Marktlücke. „Das bedeutet Serendipität. Es hat sich einerseits etwas Zufälliges ereignet, gleichzeitig versucht man, etwas daraus zu machen.“ (S. 10)

Im Kern geht es also um die Bereitschaft und Fähigkeit – Erstere bedingt die Letztere – sich durch unerwartete Ereignisse im guten Sinne irritieren, das heißt anregen zu lassen und offen für das Ausschöpfen der Potenziale neuer, ungeplanter Möglichkeiten zu sein. Das impliziert im Umkehrschluss auch die Bereitschaft und Fähigkeit – Erstere bedingt wiederum die Letztere – sich nicht einseitig auf bestimmte Verfahren oder Ziele zu fixieren und nicht unter allen Umständen stur an einmal gefassten Plänen festzuhalten. Damit der Zufall Teil des Plans werden kann, muss ihm das Denken mithin eine Tür offenhalten, durch die er hineingelangen und seine Wirkung entfalten kann. Es braucht, so Busch, „eine Vision als Spielraum, in dem unerwartete Ereignisse willkommen sind und die gleichzeitig ,filtert‘, welche unerwarteten Ereignisse als hilfreich und welche als ablenkend interpretiert werden“ (S. 12 f.). Das gilt nicht nur für Erfindungen, sondern auch für wissenschaftliche Entdeckungen oder Erkenntnisse. Man denke nur an die vielzitierte Anekdote von Isaac Newtons folgenreicher Beobachtung des herabfallenden Apfels.

Eine wichtige Rolle spielen Busch zufolge in diesem Kontext die Kommunikation und der Erfahrungsaustausch mit anderen.

„Es kann beispielsweise effektiv sein, in Team-Meetings Teilnehmende zu fragen, was sie letzte Woche überrascht hat. Wer sich damit beschäftigt, das haben wir festgestellt, ist offener für den Zufall. Die Frage öffnet den Möglichkeitsraum und legitimiert den Zufall.“ (S. 14)

Ebenfalls bewährt hat sich nach Busch auch die sogenannte Hakenstrategie, die darin besteht, Themen oder Fragen, die einem wichtig sind und das eigene Nachdenken bestimmen, in unterschiedliche Gespräche einfließen zu lassen, und auf diese Weise einen Raum zu öffnen für Antworten von Menschen, die man in der jeweiligen Angelegenheit eher nicht nach ihrer Meinung gefragt hätte. Am Ende könnte der ungewöhnliche Rat von Tante Lieselotte hilfreicher sein als die bekannten Empfehlungen des Doktorvaters. Die vorgeschlagenen Strategien beschreiben keinen Königsweg zur Erkenntnis, aber aussichtsreiche Umwege, auf denen man womöglich jenes Ziel erreicht, das sich auf direktem Wege nicht ansteuern lässt:

„Der Moment, wo man plötzlich eine blitzschlagartige Erkenntnis hat. Auf einmal ist alles klar. Das Unterbewusste versucht eben alles, was es bisher aufgenommen hat, zu verarbeiten. Der Heureka-Moment kommt aus dieser Gesamtheit – und wir können ihn wahrscheinlicher machen, wenn wir uns mit verschiedenen Informationen ,füttern‘.“ (S. 14)

Um den Moment der Erkenntnis sowie die Techniken und Praktiken seiner aktiven Vorbereitung geht es auch in dem unbedingt lesenswerten Aufsatz „Absoluter Idealismus“, den der Schriftsteller Rainald Goetz zur neuesten, von Florian Meinel und Carlos Spoerhase kuratierten Ausgabe der Zeitschrift für Ideengeschichte beigesteuert hat, die diesmal „Das Kleingedruckte“ groß im Titel führt. Der vom Autor im Untertitel nüchtern als „Bericht“ deklarierte Text ist eine fulminante Reflexion über den Versuch, sich selbst und damit auch anderen die gesellschaftliche Gegenwart lesend und schreibend zu erschließen und dem Erkannten mit sprachlichen Mitteln adäquaten Ausdruck zu verschaffen. Mit dem im Anschluss an Hegel formulierten Ziel, im Akt des Schreibens die eigene Zeit und ihre Wirklichkeit auf den Begriff zu bringen, verfolgt Goetz ein Vorhaben, das den Nachvollzug seiner ebenso detailliert und präzise wie temporeich vorgetragenen Überlegungen auch für Sozialwissenschaftler:innen zu einer lohnenden Lektüre macht.

Seinen Ausgang nimmt der Text, der exemplarisch vorzuführen sucht, was er beschreibt, bei jenem Einfall, dem er seinen Ursprung verdankt:

„Ich war von der Idee durchzuckt gewesen, daß die Dinge sich dem Denken ganz allgemein in blitzhaften Assoziationskaskaden eröffnen würden, und daß die Rekonstruktion dieser Blitze im nachfassenden Denken, in Schrift, im Text, das jeweilige Ding dann richtig erfassen würde, wenn DAS KLEINGEDRUCKTE dieser Rekonstruktion auch dem realen inneren Zusammenhang des Dings entsprechen würde. Dieser zirkelhafte Gedanke hatte mich euphorisiert: Protokoll der Assoziativität und Materialität, Theorie der Weltzuwendung, Absoluter Idealismus.“ (S. 5)

Wo aber beginnen mit dem Versuch, das eigene Tun zu protokollieren? Oder richtiger: Wo beginnt das eigene Tun, an dessen Protokoll sich der Autor versucht? Goetz zufolge beginnt es bei der Frage nach der eigenen Affiziertheit und der Bereitschaft, sich auf einen Gegenstand überhaupt einzulassen. „Ob es richtig ist anzufangen: bei dieser Prüfung geht es nicht um objektive Qualität, sondern um Zugänglichkeit für einen selbst, um die Frage der individuellen Disposition, ob man im Augenblick so verfaßt ist, daß man sich den Gegenstand erschließen kann.“ (S. 6) Dazu braucht es „nicht nur Offenheit und freie innere Valenzen, sondern auch einen Bezug zu eigenen Fragestellungen und Erfahrungen, eine Initialnähe, die auch agonaler, feindseliger Art sein kann“ (ebd.).

Ist die Entscheidung für den Untersuchungsgegenstand gefallen, bedarf es sodann einer „Ordnung der Rezeptivität“ (ebd.), also einer Ordnung, „die vermittelt zwischen der Unübersehbarkeit interessanter Angebote und der eng begrenzten Kapazität, sich in ein einzelnes Werk wirklich zu vertiefen“ (ebd.). Das wichtigste Element dieser Ordnung ist für Goetz die Öffentlichkeit, die jeden Tag „ein Feuerwerk von Anregungen“ über jedem Einzelnen aufgehen und dann auf ihn niedersinken lässt (ebd.), dem man sich aussetzen muss und aus dessen Optionenvielfalt es dann auszuwählen gilt. Gefordert ist also zweierlei: Einerseits ein „Interesse an bestenfalls allem“, das es braucht, „um überhaupt erkennend an Gegenwart teilnehmen zu können“ (S. 7), und andererseits die Fähigkeit zur Selbstbegrenzung und zur Konzentration auf das mit Rücksicht auf die eigene Arbeit Wesentliche. „Womit anfangen, was aufschieben? Es ist eine immens praktische, zeitpraktische, kapazitätspraktische Frage: wie viel Kleingedrucktes geht in den Kopf hinein, auf adäquate Art.“ (S. 8)

Goetz beschreibt mehrere Strategien mit unterschiedlichen Selektionskriterien, um der gesellschaftlichen Wirklichkeit lesend auf die Spur zu kommen und ihre Wahrheit zu entschlüsseln. Die erste besteht in der Durchmusterung der zeitdiagnostischen Bücher, die „Erfolg beim Publikum“ haben und für „Kontroverse in der Kritik“ sorgen (S. 7). Um zu entscheiden, welcher der vielen Titel eine eingehendere Auseinandersetzung lohnt, vertraut Goetz auf eine Mischung aus Intuition und Vernunft:

„Es fängt mit einem intuitiven Gespürvorgang an, der sich von außen her in die Sache einfühlt, wie ist das gegliedert, wie klingen die Paratexte der Selbstvorstellung, wie der Sound der Argumente, um diese Ersteindrücke dann im Denken so zu analysieren, daß man sie versteht. Das Hauptkriterium dieser Prüfung ist Sachlichkeit, Klarheit, die vom Geist des Autors ausgeht“ (ebd.).

Im Zentrum des Interesses an Theorie stehen dabei die „Ausweitung von Wissen und die Abwehr falscher Gedanken, um möglichst vielseitig zu bereichern, was die genuin literarische Perspektive ausmacht, auch ihr Charisma: Wahrheitssuche, am Beispiel eines Ichs.“ (S. 8)

Neben der Konsultation „der immer inspirierenden Reinschaubücher“ (ebd.), von denen wohl jede und jeder eine persönliche kleine Auswahl besitzt, setzt Goetz als zweite Strategie auf die intensive Nutzung verschiedenster Medien als „Sammelstelle für Anregungen“ (S. 9). Dazu gehören etwa das Sichten von Büchern und Zeitschriften, „die die Welt von jeweils unterschiedlichen Standpunkten aus auf das für sie Interessante beobachten“, das „Scannen der News“ oder das „freie Floaten“ im Internet (ebd.), das nur technischen Begrenzungen unterliegt: „Bis zu fünfhundert Fenster kann Safari offenhalten“ (S. 10). Im Vordergrund einer derart exzessiven Lektüre steht neben der Anreicherung des eigenen Denkens mit einer maximalen Fülle an Gegenwartsinformationen die Suche nach neuen, welterschließenden wissenschaftlichen oder künstlerischen Werken jenseits des Mainstreams, die den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf treffen und den Geist beflügeln. Ähnlich wie bei Busch geht es also auch für Goetz darum, den Moment der Erkenntnis vorzubereiten, indem man sich mit Informationen ,füttert‘ und damit die Wahrscheinlichkeit für einen Zufallstreffer erhöht.

Hat man sich auf diese Weise einen Überblick verschafft und eine Auswahl an Texten zusammengestellt, von denen man sich Aufklärung über die gesellschaftliche Wirklichkeit und eine Erweiterung des eigenen Horizonts erhofft, erfolgt der nächste Schritt in der rezeptiven Auseinandersetzung mit dem Material. Um „die interessanten Sachen nicht nur einmal bei Erscheinen zu lesen, sondern sie konkret zur Hand zu haben, immer wieder“ (S. 10), braucht es die Überführung der geistigen in eine materiale Ordnung. Die bevorzugten Mittel der Wahl sind dabei für Goetz auch im Informationszeitalter nicht digitale, sondern analoge, handelsübliche Mappen und Ordner. Hier werden Artikel, Ausdrucke und Bilder gesammelt, „die einen an das Gelesene erinnern und sofort wieder hineinziehen ins phantastische Meer der vielen Texte aus alten Zeiten“ (ebd.).

Worin aber liegt der intellektuelle Mehrwert dieser mühsamen und vordergründig antiquierten Form des Sammelns und Ordnens? Goetz nennt zwei Vorteile: Zum einen eine Steigerung der geistigen Aktivität, „die im körperlich direkten Umgang mit den Objekten getriggert wird“, zum anderen die Ermöglichung von „Asynchronizität als Zusatzmodus einer gesteigerten Gegenwartsbetrachtung, was war vor zwei Jahren der Punkt, die Lage, die Stimmung, um auch von dort auf das Jetzt zu blicken, nicht nur vom Jetzt selbst aus“ (ebd.). Nicht zufällig, sondern ganz bewusst trägt das Verfahren damit auch der Zeitgebundenheit Rechnung, die nach Hegel der philosophischen Erkenntnis der Wirklichkeit zu eigen ist.

Um die gesammelten Anregungen zum Sprechen zu bringen und für den eigenen Schreibprozess nutzbar zu machen, bedarf es neben der Ordnung nach bestimmten sachlichen Kategorien schließlich auch ihrer Zuordnung zu konkreten Projekten. „Die Überlegung läuft immer mit beim Aufnehmen der Anregungen von außen: was steht dem von innen her entgegen“ (S. 12)? Wo gehört das hin? In welchem noch zu schreibenden Text entfaltet das Material seine stärkste Wirkung? „Und die Sehnsucht ist dann die, daß sich das Kleingedruckte, das von öffentlicher Seite her auf mich […] zukommt, durch einen wunderbaren Vorgang in mir irgendwie zum Kleingedruckten der Schrift des fertigen Textes verwandeln würde“ (ebd.). Hier braucht es abermals Intuition, gepaart mit der Kraft zu einem Entschluss, der den chaotischen Prozess des Aufnehmens, Sammelns und Ordnens unterbricht und von der Rezeption fremder, zu Texten geronnener Gegenwartserfahrungen zur Produktion des eigenen Textes übergeht. Da dieser sich, allen gegenteiligen Hoffnungen zum Trotz, für gewöhnlich doch nie von selbst schreibt, sondern mühsam Zeile für Zeile erarbeitet sein will, mündet die Zeit des exzessiven Lesens in eine Phase der Askese: „In Zeiten der Konzentration auf Produktion […] kann es keine gleichzeitige Vastness an Offenheit geben, um interessante Anregungen aufzunehmen.“ (S. 16) Am Ende bleibt also nur das Nacheinander, der zeitliche Wechsel von „Lesen und Schreiben, Denken und Singen, weg sein von den Menschen und Dabeisein bei Geselligkeit, Enge des Ichs und Weite der Welt, um das zu werden, was es ist, Idee und Sache, Text, gedruckt, ganz klein“ (ebd.).

Um Erkenntnisse besonderer, nämlich kritischer Natur geht es in dem Aufsatz „Soziologie und performative Kritik bei Siegfried Kracauer“, den Ferdinand Sutterlüty in der jüngsten Ausgabe des Leviathan veröffentlicht hat. Leitend für Sutterlütys Auseinandersetzung mit Kracauers soziologischen Arbeiten ist dabei die Frage, welchen Beitrag selbige zu einer an die Frankfurter Tradition der Kritischen Theorie (mit großem K) anschließende Gesellschaftsforschung leisten können, die sich – wie es im Untertitel heißt – „Auf der Suche nach den Konstruktionsfehlern der Wirklichkeit“ befindet. Sutterlüty geht es dabei nach eigenem Bekunden „mehr um die Frage, wie Kracauer den Konstruktionsfehlern der Wirklichkeit auf die Spur kommen wollte, als darum, was Kracauer dabei als kritikwürdig ausgewiesen hat“ (S. 39).

Zur Erläuterung von der Kracauer’schen Vorgehensweise, die er einleitend als „vielschichtige Methode des Vergleichs“ charakterisiert (ebd.), rekurriert Sutterlüty auf Andrew Abbotts Unterscheidung von narrativer und lyrischer Soziologie, wobei er in Kracauers Arbeiten „Paradebeispiele“ für Letztere sieht (S. 40). Während narrative Soziologie eine Geschichte erzählt und auf „explikative Aussagen über gesellschaftliche Zusammenhänge“ zielt, die sie erklären will, verzichtet lyrische Soziologie auf die Verwendung klar definierter Größen oder die Konstruktion kausaler Zusammenhänge, um ihre Erkenntnisse stattdessen mithilfe von „Metaphern und Analogien“ zu vermitteln:

„Sie adressiert die Rezipientinnen in direkter Weise und versucht, emotionale Effekte bei ihnen hervorzurufen; die Erfahrung einer sozialen Entdeckung soll an sie vermittelt werden. Die Grundoperation der lyrischen Soziologie ist nicht eine Wenn-dann-Geschichte oder ein kausales Vorher-nachher-Narrativ, sondern das epische Gleichnis, die vergleichende Überblendung und die verfremdende Metapher.“ (Ebd.)

Dieses Vorgehen bedingt auch eine andere Zeitlichkeit. Während die narrative Soziologie von Ereignissen oder Entwicklungen handelt, die geschehen oder geworden sind, konzentriert sich die lyrische Soziologie auf konkrete Momente oder Situationen und blendet das Wissen um deren Determiniertheit (vorerst) aus.

Diese grundlegende Unterscheidung vorweggeschickt, präsentiert Sutterlüty sodann eine Reihe von Textausschnitten, in denen der „präsentische, metaphorisch dichte und die Leserin emotional ansprechende Duktus“ deutlich wird, etwa die berühmte Eingangspassage von Kracauers klassischer Studie Die Angestellten oder seinen (nicht ganz so bekannten) Text über „Arbeitsnachweise“, den er 1930 in der Frankfurter Zeitung veröffentlicht hat. Der zuletzt genannte Text, der auf eindringliche Weise die trostlosen Zustände in einer Berliner Arbeitsvermittlung während der Weltwirtschaftskrise schildert, dient Sutterlüty dabei zugleich als Beispiel für eine der beiden von ihm unterschiedenen Varianten von Kracauers vergleichender Methode, nämlich den situations- oder gegenstandsimmanenten Vergleich. Bei dieser Variante begibt sich der Autor „in die Situation der Personen oder Gruppen, von denen er berichtet, und vergleicht das, was sie sehen, hören und erfahren, mit ihrer situativ sichtbar werdenden sozialen Lage“ (S. 43). Die besondere Kunst, auf der dieses Darstellungsmittel beruht und der sie ihre suggestive Wirksamkeit verdankt, besteht in der Sensibilität für in der Szenerie aufscheinende Situationen und Momente, die im Widerspruch zu den Maßstäben und Normen der gesellschaftlichen Ordnung stehen oder diese ad absurdum führen. Wie Sutterlüty hervorhebt, werden viele solcher kontrastierenden Vergleiche in Kracauers Text angeboten, etwa:

„zwischen der trostlosen Unwirtlichkeit des Ortes und der Verweildauer der wartenden Arbeitslosen an diesem Ort; zwischen den aufgestellten Schildern und der Lage der Erwerbslosen, die auf die absurdeste Weise an die Eigentumsordnung erinnert werden, obwohl sie wenig Grund haben, diese zu achten; zwischen einer materiellen und symbolischen Kultur, in der gesellschaftliche Anerkennung ganz auf Arbeit ausgerichtet ist, und dem Umstand, dass es Arbeit längst nicht für alle gibt“ (S. 45).

Die besondere Leistung von Kracauers Darstellungstechnik und zugleich ihre besondere Pointe sieht Sutterlüty darin, dass sie die Konstruktionsfehler der Wirklichkeit auf mehr oder weniger subtile Weise aufzeigt und damit eine wirkungsvolle Form der Gesellschaftskritik ermöglicht, die weder auf externe noch auf rekonstruktiv gewonnene Maßstäbe angewiesen ist.

„Kracauers Sozial- und Gesellschaftskritik ist performativ: Er führt die Wirklichkeit vor ‒ im doppelten Sinne von Zeigen und von Bloßstellen ‒, sodass sie sich eben selbst verurteilt. Aus den entsprechenden Operationen Kracauers ließe sich ein Ansatz gewinnen, wie eine Kritische Theorie durch eine Kritische Empirie ergänzt und erweitert werden könnte.“ (S. 46)

Als zweite Variante von Kracauers vergleichender Methode nennt Sutterlüty den situations- oder gegenstandsübergreifenden Vergleich, dessen Markenzeichen im Einsatz von Überblendungen besteht. Dieses Verfahren „benutzt Beobachtungen oder Analysen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Handlungssphären, um sie dann vergleichend übereinanderzulegen“, mit dem Effekt, dass „weit Auseinanderliegendes und Disparates plötzlich als ähnlich oder aufeinander verweisend erscheint“ (ebd.). Zur Erläuterung verweist Sutterlüty auf verschiedene Beispiele aus den Angestellten, in denen Kracauer vorführt, wie das von der kapitalistischen Produktion ausgehende Dispositiv der effizienzsteigernden Rationalisierung Einzug in andere Lebensbereiche hält und das Sozialverhalten der Betroffenen prägt, verzerrt und entstellt.

Das Ziel der entsprechenden Schilderungen besteht auch hier wieder in der Entlarvung der defekten Wirklichkeit mittels der Erzeugung gleichermaßen frappierender wie erhellender Kontraste. Exemplarisch rekurriert Sutterlüty in diesem Zusammenhang unter anderem auf einschlägige Formulierungen Kracauers wie die Beschreibung der zeitgenössischen Vergnügungslokale als „Pläsierkasernen“ und „Amüsierbetriebe“ oder die „unerhörte Präzisionsarbeit“ und „mechanisierte Grazie“ der Tänzerinnen in den Revuetheatern (S. 48). Indem er auf diese Weise verschiedene Sphären wie Arbeit und Freizeit miteinander in Beziehung setzt, erzeugt Kracauer Sutterlüty zufolge „ein dichtgewobenes Netz von Evidenzen“, in denen die Konstruktionsfehler der Wirklichkeit sichtbar werden – in diesem Fall die Übertragung ökonomischer Logiken auf andere Lebensbereiche –, ohne die betreffende Kritik explizit zu machen (S. 49).

Bei aller Begeisterung für Kracauers Darstellungstechnik, seine Sprachgewandtheit und seine gesellschaftstheoretische Tiefenschärfe ist Sutterlüty doch keineswegs blind für die Kracauers Verfahren innewohnenden methodischen Defizite und ihre daraus resultierende Ergänzungsbedürftigkeit durch alternative Verfahren:

„Wenn man ernstlich wissen möchte, wie die übereinandergelegten lyrischen Szenen miteinander zusammenhängen, braucht man wohl auch Elemente einer narrativen, auf Erklärungen ausgerichteten Soziologie. Wollte man die Früchte der lyrischen Soziologie in eine narrativ-explikative Soziologie hinüberretten, wäre es gewiss nötig, mit einer größeren methodischen Strenge vorzugehen als Kracauer.“ (Ebd.)

Sutterlütys abschließendes Fazit fällt gleichwohl positiv aus, zeigt er sich doch überzeugt, dass sich für die Methodik einer Kritischen Empirie „von Kracauer jedenfalls immer noch sehr viel lernen“ lässt (ebd.).

Der Verdacht, dass man den Konstruktionsfehlern der Wirklichkeit nur gelegentlich auf die Spur kommt, wenn man sie dort sucht, wo sie in eindrücklichen Situationen zum Ausdruck kommen und einer lyrischen Soziologie das Material für hellsichtige Beschreibungen und einprägsame Momentaufnahmen liefern, beschleicht einen spätestens dann, wenn man noch einmal das aktuelle Heft der Zeitschrift für Ideengeschichte zur Hand nimmt. Der Verdacht erhärtet sich, wenn man eben dort von Danilo Scholz in einem ebenso akribisch recherchierten wie leichtfüßig formulierten Aufsatz mit dem schlichten Titel „Bananen“ über die jahrzehntelange, von handfesten ökonomischen Interessengegensätzen und kolonialen Verstrickungen geprägte Vorgeschichte der oft verspotteten Bananen-Verordnung der EU aufgeklärt wird. Und er wird schließlich zur Gewissheit, wenn einem Sigrid Boysen an nämlicher Stelle in ihrem luziden Essay über „Allgemeine Geschäftsbedingungen der globalen Ungleichheit“ demonstriert, mit welchen juristischen Fußangeln die westlichen Staaten in den 1960er-Jahren ihre ehemaligen, gerade in die staatliche Unabhängigkeit entlassenen Kolonien weiterhin in ökonomischer Abhängigkeit hielten. Spätestens nach der Lektüre dieser beiden überaus lesenswerten, mit vielen interessanten Details aufwartenden Texte ist man tatsächlich überzeugt davon, dass sich die diskreten Mächte, die für die Konstruktionsfehler dieser Welt verantwortlich sind, „erst im Kleingedruckten zu erkennen geben“ (S. 4), ganz so, wie es Florian Meinel und Carlos Spoerhase in ihrem Editorial behaupten.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Epistemologien Gesellschaftstheorie Internationale Politik Kolonialismus / Postkolonialismus Kritische Theorie Kultur Medien Methoden / Forschung Öffentlichkeit

Karsten Malowitz

Karsten Malowitz, Politik- und Sozialwissenschaftler, arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung als Redakteur der Zeitschrift Mittelweg 36 und des Internetportals Soziopolis.

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