Miriam Prys-Hansen | Rezension | 21.05.2026
Aufstieg antiimperialer Rhetorik
Rezension zu „Rhetorical Powers. How Rising Powers Shape International Order” von Sasikumar Sundaram
Die Debatte über die Zukunft der sogenannten regelbasierten, liberalen Weltordnung, wie sie in Deutschland und Europa geführt wird, leidet an einem blinden Fleck: Sie ignoriert die Konsequenzen von westlichem Imperialismus und Kolonialismus für die politischen Strategien nichteuropäischer Staaten. Mit dieser These eröffnet Sasikumar Sundaram, Senior Lecturer für Internationale Politik an der City, University of London, sein Buch Rhetorical Powers. How Rising States Shape International Order. Die daraus resultierende Lücke, so Sundaram, sei nicht nur normativer, sondern vor allem theoretischer Natur. Die dominanten Theorieschulen der Internationalen Beziehungen, insbesondere jene amerikanischer Prägung, seien schlicht nicht in der Lage zu erklären, wie Akteure auf den niederen Rängen der internationalen Hierarchie ihre eigene Marginalisierung herausfordern und ihre Interessen wirkungsvoll vertreten. Das Buch ist damit nicht nur ein akademischer Beitrag zur Theoriedebatte der Internationalen Beziehungen, sondern auch eine potenziell nützliche Lektüre für all jene, die die spezifische Positionierung und mitunter offensive Rhetorik von Staaten im Globalen Süden – auch im Hinblick auf mögliche strategische Partnerschaften – besser verstehen möchten.
Sundaram zeigt überzeugend, dass Indien, Brasilien und China – die drei zentralen aufsteigenden Großmächte des Globalen Südens in seiner Studie – im Verlauf jahrhundertelanger Auseinandersetzungen mit europäischem Imperialismus und Kolonialismus ein spezifisches „Repertoire“ (S. 63) antiimperialer und antikolonialer Rhetorik entwickelt haben, das bis heute als außenpolitisches Instrument fortlebt. Diese rhetorical power politics kommen insbesondere dann zum Einsatz, wenn die genannten Staaten in internationalen Krisen ihre Position gegenüber den etablierten Mächten behaupten wollen. Sie nutzten dabei gezielt die inneren Widersprüche der vom Westen dominierten internationalen Ordnung – etwa den Gegensatz zwischen dem Grundsatz der Nichteinmischung und dem „militant humanitarianism“ (S. 52) –, um ihre eigenen Ansprüche rhetorisch zu untermauern und ihre Interessen wirksam durchzusetzen – meist mit Erfolg. Normen werden so zu Waffen (weaponization of norms), die je nach Publikum und Situation flexibel eingesetzt werden. Sundaram bezeichnet dies als „repertoire of power politics developed under domination“ (S. 39). Das Konzept begreift den Globalen Süden nicht als passives Objekt westlicher Politik, sondern als eigenständigen Akteur, der die Weltordnung mitgestaltet.
Das Buch verortet sich bewusst zwischen postkolonialen Ansätzen, Realismus und konstruktivistischen Theorien der Internationalen Beziehungen; grenzt sich dabei jedoch von allen ab. Sundaram kritisiert den Konstruktivismus dafür, dass er die grundlegenden kolonialen und imperialen Strukturen ignoriert, welche die Auswahl rhetorischer Strategien von Ländern des Globalen Südens bis heute prägen. Ebenso wendet er sich gegen die Forschung zur Ontologischen Sicherheit.[1] Die Annahme, dass Staaten primär nach einer einheitlichen Identität streben, für die sie im Zweifel sogar die eigene physische Sicherheit riskieren, macht Sundaram für eine Überbetonung der Opferrolle marginalisierter Akteure verantwortlich. Er betont stattdessen deren Handlungsmacht und Kreativität als Antwort auf die dominanten Akteure der internationalen Sphäre, die die unteren Ränge systematisch ausgrenzten und ruhigstellten. Hier führt der Autor das Konzept des „Silencing“ (S. 199 ff.) ein: die systematische Aberkennung von Kompetenz, Objektivität und Autorität gegenüber nichtwestlichen Akteuren. Früher begründete dieses Silencing direkt den Kolonialismus, später den Ausschluss aus den zentralen Gremien der internationalen Politik. Hierauf – und hier kommt das zentrale Argument des Buches – reagierten „die Schwachen“ (S. 9, meine Übers., M.P-H.) mit rhetorischer Innovation und entwickelten die Kunst der rhetorischen Machtpolitik. Diese konzeptionelle Klammer aus Silencing und dessen Beantwortung mit rhetorischen Strategien bildet das theoretische Fundament des gesamten Buches.
Der Aufbau der 270 Seiten umfassenden Monografie folgt einer klaren Logik. Nach einem einleitenden theoretischen Teil (S. 1–63) widmet sich Sundaram in bemerkenswert knapper Form der historischen Entwicklung des antikolonialen Repertoires seiner drei Beispiele seit dem 18. Jahrhundert (S. 63–188). Als Idealtypen rhetorischer Machtpolitik arbeitet der Autor die Neuinterpretation bestehender Normen, den Appell an transnationale Solidarität und die gezielte Ausnutzung von Unsicherheiten im internationalen System heraus. Es folgen drei Fallstudien: Indiens Rolle in der Krise Ostpakistans 1971 (S. 96–129), Brasiliens Rolle in der UN-Stabilisierungsmission MINUSTAH in Haiti ab 2004 (S. 129–160) sowie Chinas Positionierung im Syrienkonflikt zwischen 2011 und 2020 (S. 160–188). Die historischen Kapitel zeigen eindrücklich, wie Regierungschef:innen von Indira Gandhi bis Xi Jinping auf tradierte antikoloniale Skripte zurückgreifen und diese je nach Lage und Adressat neu formulieren. Modi wie Xi beziehen sich explizit auf Gandhi oder Mao Zedong – das erlernte Repertoire lebt weiter, aktualisiert und situationsgerecht eingesetzt. Das Buch schließt mit einem zusammenfassenden Überblick, einer Reflexion über die Bedeutung des Arguments für die Disziplin der Internationalen Beziehungen, sowie einer Warnung, dass antiimperialistische Rhetorik heutzutage häufig auch vom linken wie rechten Spektrum weltweit für demagogische Zwecke eingesetzt wird.
Der Schwerpunkt des Buches liegt auf den Fallstudien. Die überzeugendste davon ist die indische. Sundaram zeigt, wie Premierministerin Indira Gandhi im Jahr 1971 im Zuge der ostpakistanischen Flüchtlingskrise Anerkennung für die humanitäre Bürde Indiens gewann. Entgegen den Marginalisierungsversuchen der USA modifizierte Gandhi antiimperialistische Skripte gezielt und legitimierte so eine eigene militärische Intervention. Die historische Analyse ist beeindruckend, allerdings war Indien damals noch nicht der selbstbewusste Führungsstaat des Globalen Südens von heute; ein aktuellerer Fall wäre möglicherweise aufschlussreicher gewesen. Die Fallstudie zu Brasilien beleuchtet den mühsamen Weg des Landes aus der Wahrnehmung struktureller Inkompetenz hin zu einem selbstbewussten regionalen Machtzentrum ab Mitte der 2000er-Jahre. Da Brasiliens Machtanspruch von dessen Nachbarstaaten nicht ausreichend akzeptiert wurde, passte die Regierung unter der Führung von Lula da Silva ihre Strategie an. Sie setzte bewusst auf eine Rhetorik der Solidarität mit der schwarzen Bevölkerung Haitis und des Humanismus der „Nicht-Gleichgültigkeit“ (S. 149, meine Übers., M.P.-H.), um ihre Führung der UN-Mission MINUSTAH nicht nur akzeptabel, sondern auch wünschenswert erscheinen zu lassen – nicht zuletzt mit Blick auf Brasiliens Anspruch auf einen permanenten Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Was das Buch hier auszeichnet, ist die Betonung antiimperialer Rhetorik als Voraussetzung dafür, dass Brasilien als sekundärer, semi-peripherer Staat überhaupt Gehör findet:
„The assumption that any policymakers in the so-called rules-based international order could voice their views and secure a response from audiences is one of the continuing myths of the ordering practices.” (S. 157)
Kapitel fünf befasst sich mit der rhetorischen Machtpolitik Xi Jinpings während der Syrienkrise zwischen 2011 und 2020. Der chinesische Staatspräsident betonte wiederholt die Prinzipien der Souveränität, der Nicht-Intervention und der territorialen Integrität, um die Hypokrisie des Westens anzuprangern und die eigene Rolle in internationalen Ordnungsprozessen zu stärken. Wie glaubwürdig die antiimperiale Rhetorik angesichts Chinas eigener expansiver Politik ist – von der Qing-Dynastie bis zur Insel Taiwan –, wird vom Autor selbst angezweifelt, die Spannung aber leider nicht analytisch aufgelöst. Ob eine Rhetorik ohne Glaubwürdigkeit überhaupt als eigenständiges Machtinstrument funktionieren kann, bleibt offen.
In allen drei Fällen verstanden die ambitionierten Staaten die jeweiligen Krisen als Chance, ihre Positionen durch antikoloniale und antiimperiale Rhetorik zu stärken – zumeist durch Hervorhebung westlicher Widersprüchlichkeiten, jedoch stets auch im Dienst der eigenen Machtpolitik. Dies ist, wie der Autor im Schlusskapitel betont, eine nützliche Ergänzung zu postkolonialen Denkansätzen, die häufig den Opferstatus betonen und die Möglichkeit der „power politics from below“ (S. 197) ausblenden.
Bei allen Vorzügen leidet das theoretische Argument unter einer zentralen ungelösten Spannung: Es fehlen präzise Wirkmechanismen. Wie genau wirkt Rhetorik? Wen beeinflusst sie? Woran wird ihr Erfolg gemessen? Trotz der Fülle historischer Belege bleiben diese Fragen weitgehend unbeantwortet. Das Kernpostulat, dass die ambitionierten Staaten des Globalen Südens die Widersprüchlichkeit der legitimierenden Prinzipien der hierarchischen internationalen Ordnung durch rhetorische Machtpolitik auszunutzen wissen, wird mantraartig wiederholt, ohne dass der zugrunde liegende Prozess beleuchtet wird. Bezeichnenderweise beschreibt der Autor die Wirkung antiimperialer Rhetorik an einer Stelle als „magisch“ (S. 16, meine Übers., M.P.-H.). Den Mechanismus hinter diesem Zauber bleibt Sundaram schuldig. Kaum reflektiert wird zudem die Korrelation rhetorischer Macht mit dem tatsächlichen wirtschaftlichen und militärischen Aufstieg der drei Staaten. Erzeugt die Rhetorik Anerkennung – oder macht erst der materielle Aufstieg die Rhetorik glaubwürdig?
Methodisch hinterlässt das Buch ebenfalls einige Fragen. Die Datenbasis umfasst Reden, schriftliche Erklärungen, deklassifizierte US-Dokumente sowie Materialien des indischen Außenministeriums; für China stützt sich der Autor vorwiegend auf Reden bei den Vereinten Nationen und Sekundärquellen. Die erhebliche Ungleichmäßigkeit dieser Datenlage wird nicht thematisiert. Ebenso fehlt eine Reflexion über die unterschiedlichen Regierungssysteme der Fallstaaten und deren potenzielle Auswirkungen auf die Funktionslogik rhetorischer Staatskunst. Schließlich bleibt die Fallauswahl unbefriedigend begründet: Warum sollte antikoloniale Rhetorik ausschließlich aufstrebenden Führungsmächten als Machtmittel zur Verfügung stehen? Gilt das Argument auch für kleinere, tatsächlich periphere Staaten? Formale Schwächen trüben das Lesevergnügen zusätzlich. Der Autor neigt zu schwer entschlüsselbarer Sprache und zur Wiederholung von Schlüsselformulierungen, die mit jeder Iteration weniger erhellend werden.
Diese Einwände schmälern den Gesamtwert des Buches nicht. Sundarams These – dass antikoloniale und antiimperiale Rhetorik kein Relikt der Vergangenheit ist, sondern ein dynamisches Instrument gegenwärtiger Außenpolitik, sogar im Westen und insbesondere bei rechten Populisten – ist wichtig, zeitgemäß und empirisch gut gestützt. Wer die konventionellen Ansätze der Internationalen Beziehungen für unzureichend hält und nach einem generalisierbaren Zugang zur Außenpolitik aufstrebender Mächte sucht, findet hier wertvolle Anregungen. In der Tat sind viele der gängigen Konzepte der Disziplin, die zur Erklärung der Weltpolitik herangezogen werden, immer noch anglo- oder eurozentrisch; Asien, Afrika und Lateinamerika werden häufig lediglich als Fälle zur Überprüfung dieser Theorien behandelt. Die prägenden, strukturell wirksamen Erfahrungen des Imperialismus und Kolonialismus bleiben dabei unberücksichtigt.
Fußnoten
- Sundaram bezieht sich hier vor allem auf: Jennifer Mitzen, „Ontological Security in World Politics. State Identity and the Security Dilemma”, in: European Journal of International Relations 12 (2006), 3, S. 342–43.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Noah Serve.
Kategorien: Internationale Politik Politik Sicherheit Staat / Nation
Empfehlungen
Gescheiterter Einsatz
Rezension zu „How to Lose a War. The Story of America’s Intervention in Afghanistan“ von Amin Saikal
Stephanie Kappacher, Jens Bisky, Hannah Schmidt-Ott, Henriette Liebhart
Buchempfehlungen zum Frühling
Die Soziopolis-Redakteur:innen geben Lektüretipps
Ein Begriff hat Hochkonjunktur
Bericht zur Tagung »Politische Stabilität – Ordnungsversprechen, Demokratiegefährdung, Kampfbegriff« vom 14.–16. März 2018 an der Universität Bonn