Stephanie Kappacher, Jens Bisky, Hannah Schmidt-Ott, Henriette Liebhart | Essay | 10.04.2026
Buchempfehlungen zum Frühling
Die Soziopolis-Redakteur:innen geben Lektüretipps
Welche Neuerscheinung war eine freudvolle, erkenntnisreiche Lektüre? Welches ältere Buch kann man wieder in die Hand nehmen, um aktuelle Phänomene besser zu verstehen? Und auf welchen demnächst veröffentlichten Titel freuen wir uns? Die Mitglieder der Soziopolis-Redaktion geben vier Mal im Jahr Buchtipps – ausgewählt, knapp und subjektiv.
Gerne gelesen
Die Logik misogyner Gewalt
Veronika Krachers Bitch Hunt. Warum wir es lieben, Frauen zu hassen erschien, bevor der Fall Fernandez/Ulmen Medien und Politik beschäftigte. Unter dem in Anlehnung an historisch überlieferte Hexenjagden gewählten Titel setzt sich die Soziologin mit der Frage auseinander, warum Frauen, insbesondere erfolgreiche, attraktive, in der Öffentlichkeit stehende, derart häufig zum Ziel von Shitstorms, Hasskampagnen und Gewalt in Sozialen Medien werden. In ihrer Analyse geht Kracher jenen misogynen Mechanismen auf den Grund, die diese digitale Gewalt begründen. Sie entlarvt Kulturindustrie, Boulevard-Berichterstattung und Paparazzi-Journalismus als eng mit dem patriarchalen Kapitalismus verbundene Phänomene, die sich in der digitalisierten Welt unter vielfach erleichterten Bedingungen entfalten und neue Märkte gewinnen können, nicht zuletzt unter dem Schutz der Anonymität. Heute kann sich praktisch jede:r mit Internetzugang an misogynen Kampagnen beteiligen, seinem Ärger gegenüber Frauen Luft machen, sie bewerten und verhöhnen, demütigen oder bedrohen. Darüber hinaus ermöglicht es die Plattformökonomie, mit digitaler Hetze Profit zu machen. Kracher zeigt, wie lukrativ das „Misogynist Slop Ecosystem“ (S. 56 ff.) für frauenverachtende Menschen wie Andrew Tate und Konsorten ist, Motto: „Frauenhass als Content-Maschine“ (S. 176). Wer die Logik misogyner Gewalt im digitalen Raum und patriarchalen Kapitalismus besser verstehen sowie bekannte Fälle wie etwa den Prozess Heard/Depp mit analytisch klarem Blick aufgedröselt bekommen will, tut gut daran, Krachers neues Buch zu lesen. (Stephanie Kappacher)
Funktionen des Antisemitismus
Zur Aufklärung über den Antisemitismus wird nur beitragen können, wer die schlechten Routinen der gegenwärtigen Debatten hinter sich lässt, also die unproduktiven Fragen – Welche Definition soll gelten? Welche Kritik an Israel ist legitim? – ebenso meidet wie die kulturkämpferische Mobilmachung. Das versucht der Soziologe Armin Nassehi in seinen Anmerkungen zum Antisemitismus. Er geht auf Distanz zu den Aufregungen des Tages und liest noch einmal Richard Wagners Das Judenthum in der Musik (1850/1869), Zur Judenfrage (1844) von Karl Marx sowie Texte Carl Schmitts zur Staatslehre, vor allem aus den 1920er- und 1930er-Jahren. Dabei leitet ihn die Frage nach der Funktion des Antisemitismus. Wenn sich, so die Hoffnung, die Frage schlüssig beantworten lässt, für welches Problem Antisemitismus die Lösung ist, ließen sich auch die Persistenz antisemitischer Codes und ihre Vielgestaltigkeit erklären.
Wie Nassehi zeigt, hat das Antisemitische die Funktion, „die Formen des Selbst adressierbar zu machen und sie dennoch nicht als unmittelbare Selbstkritik zu formulieren“(S. 165). Der Jude werde zur Adresse für das, was das Selbst an sich nicht aushalten könne. Auf diese Weise lassen sich Ambivalenzen beschreiben, ohne die es komplexe Gesellschaften nicht gibt. Dieser Essay rekonstruiert, wie eng Probleme des „westlichen“ oder „modernen“ Selbstverständnisses und antisemitische Codes miteinander verwoben sind. Sie dienen als diskursstrategisches Mittel, um „eine unerreichbare Welt zu erreichen“ (S. 209). Daher seien, so der düstere Schluss, diese menschenfeindlichen Ressentiments immun gegen Aufklärung. Nassehi bietet also keinen Trost, aber Erkenntnis, keine Rezepte, aber entscheidende Fragen. (Jens Bisky)
Aus aktuellem Anlass
Warum werden Kriege begonnen?
Zwischenstaatliche Kriege gehören der Vergangenheit an, hieß es seit den 1990er-Jahren. Bewaffnete Konflikte nähmen heute typischerweise die Form von irregulären Kriegen oder Bürgerkriegen an. Die militärischen Auseinandersetzungen der jüngeren Vergangenheit – Russland/Ukraine, USA/Iran, Israel/Iran, Indien/Pakistan – haben diese Einschätzung klar widerlegt. Dabei ist die Entscheidung, einen Krieg zu beginnen, selten rational, argumentiert Michael Mann in seinem Werk „Über Kriege“. Oft handelt es sich um den Entschluss einer kleinen Gruppe – und mitnichten der Mehrheitsgesellschaft –, die sich durchaus von Emotionen, Ruhmesstreben, Ideologien oder schlichten Fehleinschätzungen leiten lassen kann. In vergleichenden Analysen unterschiedlicher Kriegs(beginns)szenarien von der Römischen Republik über das Lateinamerika des 20. Jahrhunderts bis zum Russland der Gegenwart zeigt Mann zudem, dass militärische Stärke noch lange keinen kriegerischen Erfolg garantiert. Das Buch – das keine Theorie, sondern eine Soziologie des Krieges ist –, regt mitunter zu Widerspruch an. Nichtsdestotrotz vermag die Lektüre auch die Dynamiken der jüngsten Kriege zu erhellen. (Hannah Schmidt-Ott)
Noch nicht erschienen
Essays zur heutigen jüdischen Identität
Überall in Europa gibt es Angriffe auf Synagogen und jüdische Einrichtungen, Jüdinnen und Juden sehen sich mit der Notwendigkeit von bewaffnetem Sicherheitspersonal und Sicherheitsschleusen konfrontiert. Der zunehmende Antisemitismus wirft die Frage auf: Was bedeutet es, jüdisch zu sein in Gesellschaften, in denen sowohl der rechte Nationalismus als auch Teile der progressiven Linken feindselig zu sein scheinen? Nach dem 7. Oktober 2023 ist diese Frage noch drängender geworden. Der Angriff der Hamas auf jüdische Gemeinden hat bei vielen Jüdinnen und Juden Grundannahmen über jüdische Verwundbarkeit und die Notwendigkeit der militärischen Stärke Israels bestätigt, zugleich folgte aus dem fortschreitenden Militäreinsatz und dem permanenten Anstieg der Zahl palästinensischer Opfer eine neue, moralische Krise. Being Jewish Today, herausgegeben von Amir Eshel und Thomas Sparr, betrachtet das Aufeinandertreffen dieser Krisen – wachsender Antisemitismus und der Israel/Gaza-Konflikt – aus US-amerikanischer Perspektive. In den Essays der hier versammelten Intellektuellen geht es unter anderem um Zionismus, israelische Politik und jüdischen Nationalismus, immer nach dem 7. Oktober. Das Buch verspricht eine Auseinandersetzung mit jüdischer Identität, es ist damit interessant für diejenigen, die sich angesichts von hierzulande geführten Debatten über den deutschen Tellerrand hinaus informieren möchten. (Henriette Liebhart)
Kategorien: Affekte / Emotionen Digitalisierung Feminismus Geschichte Gesellschaft Internationale Politik Medien Militär Öffentlichkeit Staat / Nation Systemtheorie / Soziale Systeme Wissenschaft
Zur PDF-Datei dieses Artikels im Social Science Open Access Repository (SSOAR) der GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften gelangen Sie hier.
Empfehlungen
Nachgefragt bei Nina Leonhard
Fünf Fragen zur Studie „Armee in der Demokratie - Ausmaß, Ursachen und Wirkungen von politischem Extremismus in der Bundeswehr“
Die gute Policey des Hauptstadtmilieus
Rezension zu „Bürokratopia. Wie Verwaltung die Demokratie retten kann“ von Julia Borggräfe