Buchforum

Vernichten

Zum jüngsten Roman von Michel Houellebecq

Wer sich mit dem literarischen Werk Michel Houellebecqs und seiner Rezeption beschäftigt, tappt schnell in die Polarisierungsfalle. Handelt es sich bei dem international erfolgreichen Schriftsteller um einen politischen oder unpolitischen, einen reaktionären oder liberalen, einen menschenverachtenden oder systemkritischen Autor? Ist sein Werk ein Seismograph der französischen Gesellschaft oder das Experiment eines Literaten, der die Routinen der schwer beschädigten europäischen Demokratien durch futuristische Verschiebungen und spekulative Arrangements persifliert?

Es gibt gute Gründe, Michel Houellebecq als durch soziologisches Denken geprägten Autor zu lesen. Seine Romanwelten weisen eine Fülle von Parallelen zur jeweiligen französischen Gegenwart auf, sie widmen sich klar umrissenen sozialen Milieus. Seine Protagonisten haben Berufe, die auf soziale Rollen und gesellschaftliche Positionierungen verweisen, über die sie laut nachdenken und die ihren Handlungen Sinn und Kontur verleihen. Houellebecqs Erzähler präsentieren sich auch dort, wo sie „ich“ sagen, als ungerührte Beobachter, die ihre Nüchternheit nicht nur zelebrieren, sondern sich von ihr auch eine gewisse Autorität ihrer Sicht auf die Dinge zu versprechen scheinen. In der Literaturgeschichte gilt das 19. Jahrhundert als Epoche, die den soziologischen Blick institutionalisierte. Ihr Einfluss auf das literarische Schaffen Houellebecqs wurde von der Kritik erforscht und vom Autor bestätigt: Klassiker wie Baudelaire und Balzac, aber auch Romantiker wie Lamartine und Avantgardisten wie Verlaine oder Apollinaire.

Auf der anderen Seite gibt es gute Argumente gegen Houellebecq als soziologisch inspirierten Autor. So haben alle seine Romane eine zwar oft diskrete, aber deutliche futuristische Färbung. Das gilt auch für seinen neuesten Roman Vernichten, der im Jahr 2027 kurz vor den französischen Präsidentschaftswahlen spielt, und lässt sich bis zu Houellebecqs erster Veröffentlichung zurückverfolgen: einem schlanken Buch über den US-amerikanischen Klassiker der Horrorliteratur H. P. Lovecraft von 1991. Aus dem selben Jahr stammt das als Manifest betitelte Buch Lebendig bleiben, das den romantischen Grundton der Houellebecq’schen Ästhetik offenbart und Literatur nicht als Beobachtung oder Kritik der Gegenwart, sondern als Lebensform begreift, die das Lebendige vor seiner Abtötung durch die instrumentelle Vernunft retten soll. Futuristische erzählte Zeit und romantischer Kunstglaube sind die zwei gewichtigsten Einwände gegen die Festlegung Houellebecqs als Zeitdiagnostiker.

Diese prekäre Verortung Houellebecqs zwischen Politik und Persiflage, Belletristik und Gesellschaftsdiagnose sowie die enorme öffentliche Aufmerksamkeit, die jedem seiner Bücher zuteilwird, haben uns bewogen, einen sozialwissenschaftlich informierten Blick auf Autor und Werk zu werfen. Unser Buchforum zu seinem jüngstem Roman Vernichten, der Anfang Januar auf Französisch und eine Woche später auf Deutsch erschienen ist, versammelt Kommentare und Einschätzungen von Autorinnen unterschiedlicher fachlicher Provenienz.

Bénédicte Laumond attestiert Houellebecq zwar ein Gespür für relevante Gegenwartsthemen, kritisiert jedoch, dass er diese sehr selektiv und kaum ausgewogen, dialogisch oder dialektisch darstellt. Obwohl das Thema Europa in Vernichten nur selten explizit Erwähnung findet, was bei einem Roman, der in den höchsten Politkreisen des zweitgrößten europäischen Staates spielt, überraschen mag, sieht Patricia Oster-Stierle in der Erzählung eine deutliche Europaskepsis am Werk. Jule Govrins Beitrag stellt den Roman trotz seines von der Kritik als „besänftigt“ beschriebenen Tonfalls in eine Reihe mit früheren Werken, die allesamt misogyne Narrative bedienen und eine tiefe Nostalgie nach erzpatriarchalischen Gesellschaftsstrukturen offenbaren. Zuletzt haben wir bei der Houellebecq-Expertin Agathe Novak-Lechevalier nachgefragt, inwiefern Vernichten einen neuen Houellebecq zeigt, aus welchen Motiven sich die beträchtliche Länge von über 700 Seiten erklären lässt und ob sich die auffällig langen Traumsequenzen des Protagonisten Paul Raison soziologisch deuten lassen.

Bénédicte Laumond | Rezension

Zerrspiegel

Rezension zu „Vernichten“ von Michel Houellebecq

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Patricia Oster-Stierle | Rezension

Europaskepsis und elementare Humanität

Rezension zu „Vernichten“ von Michel Houellebecq

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Jule Govrin | Rezension

Verwerfen und Vernichten

Rezension zu „Vernichten“ von Michel Houellebecq

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Agathe Novak-Lechevalier | Interview

Nachgefragt bei Agathe Novak-Lechevalier

Fünf Fragen zu Michel Houellebecqs Roman „Vernichten“, falschen Fährten, soziologischen Träumen und der gesellschaftlichen Funktion von Literatur

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