Agathe Novak-Lechevalier | Interview |

Nachgefragt bei Agathe Novak-Lechevalier

Fünf Fragen zu Michel Houellebecqs Roman „Vernichten“, falschen Fährten, soziologischen Träumen und der gesellschaftlichen Funktion von Literatur

Sie sind eine intime Kennerin des Gesamtwerks von Houellebecq, Autorin zahlreicher Aufsätze und Kritiken sowie der Monografie Houellebecq, L’art de la consolation (dt.: „Houellebecq und die Ästhetik des Tröstens“). Was hat Sie bei dem neuen Roman, Vernichten, der gewissen Andeutungen des Autors zufolge sein letzter sein könnte, am meisten überrascht?

Ich weiß nicht, woher Sie die Information haben, dass dieser Roman Houellebecqs letzter sein könnte, aber lassen Sie mich zunächst den Wunsch aussprechen, dass das nicht stimmt. Jeder seiner Romane hat eine stark testamentarische Komponente, was Houellebecq über die Jahre nicht davon abgehalten hat, immer wieder neue zu schreiben. Vernichten ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert – was die Länge angeht, die Vielstimmigkeit, die Verwendung für ihn neuer literarischen Verfahren (etwa Abbildungen), die vielen erzählten Traumsequenzen usw. Was mich bei all dem am meisten überrascht hat, ist der veränderte übergreifende Ton. Die Gesamtheit der satirischen Elemente, die in diesem Roman übrigens sehr viel weniger Raum einnehmen als in den Vorgängern, sind auf eine einzige Figur konzentriert: die Journalistin und Schwägerin des Erzählers mit dem Vornamen „Indy“. Alle übrigen Figuren werden als „anständige Bürger“ gezeichnet, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten und mit unterschiedlichen Mitteln versuchen, in einer durch und durch schlechten Welt Gutes zu tun. Das verleitet den Erzähler dazu, mit außergewöhnlich großem Wohlwollen auf sie zu blicken. Und es verleitet die Erzählung dazu, anders als bei Houellebecq üblich, keine Geschichte der „Entbindung“ (déliaison) zu erzählen, sondern eine der Wiederannäherung und Rekonstitution (reliaison). Anstatt Zeugen der fortschreitenden Zerrüttung menschlicher Beziehungen zu werden, erleben wir einen Roman, in dem eine Familie und sogar ein Ehepaar wieder zueinander finden, in dem Liebe kein unerreichbares Ideal, sondern eine reale Möglichkeit ist und in dem selbst eine Wiedergeburt nach dem Tod erwogen wird. Für einen Roman von Houellebecq ist all das in der Tat sehr neu und bemerkenswert.

Was ist Ihrer Meinung nach das zentrale Thema des Romans?

Neben der Liebe, die eine zentrale Stellung einnimmt, geht es meines Erachtens in erster Linie um Fragen des Sinns. Welchen Sinn könnte das Leben haben und welchen eine Welt, die vielleicht noch eine Geschichte hat, vielleicht aber auch nicht? Vernichten ist ein metaphysischer Roman im Gewand eines langen Zwiegesprächs mit dem Tod und dem Nichts. Dementsprechend deutlich und pointiert artikuliert das Buch solche Fragen. In einer Schlüsselpassage fährt der Protagonist Paul durch eine bezaubernde Landschaft, denkt unvermittelt über die Gegenwart Gottes in der Schöpfung nach, hält an und inne, steigt aus dem Auto, versinkt in der Betrachtung seiner Umgebung und muss sich schließlich mit größter Anstrengung selbst davon zurückhalten, der Leere entgegenzubrüllen: „Was bedeutet das alles?“. Es steht zu vermuten, dass einige Romanleser:innen die Lust verspüren, dem Autor die gleiche Frage zu stellen. Das Problem dieser Frage ist aber, dass sie eine bewusste Autorinstanz unterstellen muss, die von klar definierten Absichten angetrieben wird und mit einer eindeutigen und vermittelbaren „Botschaft“ ausgestattet ist. Genau diese Möglichkeit wird aber den ganzen Roman über in Frage gestellt. Besonders effizient sind in dieser Hinsicht die Traumsequenzen und ein gewisser atmosphärischer, trüber Nebel, der den ganzen Romankosmos einhüllt und die Konturen der erzählten Welt verschwimmen lässt.

Mit 734 Seiten im französischen Original handelt es sich bei Vernichten um den eindeutig längsten Roman Houellebecqs. Halten Sie diese Länge für gerechtfertigt?

Nicht wenige Kritiker:innen haben dem Roman seine Länge vorgeworfen. Ich teile diesen Eindruck nicht, halte es aber für weitaus bedeutsamer zu betonen, dass es sich hier um eine äußerst subjektive und daher höchstens zweitrangige Frage handelt. Mir persönlich ist es nicht so wichtig, ein bestimmtes ästhetisches Urteil zu verbreiten, sondern zu verstehen, was es mit dieser Länge auf sich hat und inwiefern sie sich innerhalb der Ökonomie des Romans als notwendig erweist. Vernichten ist ein Roman der falschen Fährten, sein Aufbau soll die Leserin verwirren und in die Irre treiben. Viele Figuren, viele Handlungsstränge, viele Deutungsmöglichkeiten: Alles zielt darauf ab, jegliche endgültige und vereinheitlichende Sicht auf den Roman zu sabotieren, um uns stattdessen auf Abwege zu führen, wo unsere Gewissheiten auf den Prüfstand geraten. Ich bin überzeugt, ein solches Ziel lässt sich mit einem kurzen Werk nicht erreichen, vielmehr erfordert es, den Leser in den Rahmen einer dichten Erfahrung und eines verlangsamenden, zerdehnten Tempos einzuspannen. Für mich macht diese Langsamkeit einen gewichtigen Teil der Faszination des Romans aus.

Mit dem von Ihnen 2017 herausgegebenen Cahier de l’Herne ist Michel Houellebecq der Kanonisierung zum französischen Klassiker ein großes Stück nähergekommen, auch wenn etwa die Aufnahme in die Pléiade, die berühmte Weltliteratur-Reihe von Gallimard, noch aussteht. Zugleich attestieren Sie, wie nicht weniger Kritiker:innen, der Houellebecq-Rezeption eine Art polarisierte Ignoranz. Wie schätzen Sie vor diesem Hintergrund die bisherige Resonanz auf Vernichten ein?

Wie bereits erwähnt, sind die Reaktionen der Kritik sehr unterschiedlich und gespalten. Daneben muss man im Auge behalten, dass ein Cahier de l’Herne allein noch nicht heißt, dass es sich bei Houellebecq, wie Sie andeuten, um einen ein für allemal „kanonisierten“ Autor handelte. Im Gegenteil: Sein Werk ist in Frankreich nach wie vor Gegenstand erbitterter Diskussionen, ob nun ästhetische oder ideologische. Aber das ist natürlich eine gute Sache: Seit einem seiner ersten publizierten Texte, dem Manifest Lebendig bleiben von 1991, zielten Houellebecqs Werke immer auch darauf ab, leidenschaftliche Debatten zu entfachen und zu schüren. Vermutlich ist es ja auch das, was uns an der Literatur am meisten interessiert: Je eindringlicher sie unsere Gewissheiten in Frage stellt und unser Denken herausfordert, desto größer erscheint uns ihr Wert.

Sie haben bereits darauf hingewiesen, dass es in Vernichten auffällig viele und lange Traumbeschreibungen gibt, hauptsächlich werden dort Träume des Protagonisten mit dem ebenso auffälligen Namen Paul Raison geschildert. Welche narrative Funktion nehmen diese Traumbeschreibungen ein? Lassen sie sich soziologisch deuten?

Sie soziologisch zu interpretieren, käme mir nicht nur einschränkend, sondern sogar einigermaßen gefährlich vor. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob man sie überhaupt interpretieren kann. Wie Ihre Frage andeutet, ist bemerkenswert, dass es ausgerechnet eine Figur namens „Raison“ ist, die sich hier mit einer derartigen Hingebung ans Träumen macht. Ein gewichtiger Teil des Gesamtwerks von Houellebecq, insbesondere das lyrische, lädt uns nachdrücklich dazu ein, „der Vernunft Adieu zu sagen“… Vielleicht sollen uns die allgegenwärtigen Träume in Vernichten zurufen, die rein rationalistische, logische, technokratische Haltung, die unsere moderne westliche Welt beherrscht, aufzugeben, um uns für eine andere Art von Sinn zu öffnen. Eine weniger transparente Art des Sinns mit mehr Unschärfen, tief verbunden mit einer bestimmten Poesie, die noch einmal lebendig werden muss, bevor sie mit uns und wir mit ihr ein für alle Mal im Abgrund verschwinden.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Samir Sellami, Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Familie / Jugend / Alter Kultur Kunst / Ästhetik

Autorinnenfoto von Agathe Novak-Lechevalier

Agathe Novak-Lechevalier

Agathe Novak-Lechevalier ist Dozentin für Literatur an der Universität Paris-Nanterre und Chefredakteurin der Zeitschrift „Magasin du XIX siècle“. Ihre wichtigsten Forschungsschwerpunkte sind die französische Literatur des 19. bis 21. Jahrhunderts und das Werk Michel Houellebecqs. 2018 erschien bei Stock ihre Monografie „Houellebecq, l'art de la consolation“, 2022 bei Flammarion der zusammen mit Caroline Julliot herausgegebene Band „Misère de l'homme sans Dieu. Houellebecq et la question de la foi“ (Foto: Philippe Matsas, © Flammarion).

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